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Judith Wonke | 22.03.2018 | 575 Aufrufe | Interviews

"Rituale vermitteln Sicherheit und Stabilität"

Interview mit Katrin Bauer zu der Entwicklung von Abiritualen

Abistreich, Mottowoche, Autokorso und Abiball - dies sind nur einige der jährlich wiederkehrenden Rituale der AbiturientInnen. Den Start machen dabei meist die Mottowoche und der Abistreich. Auch in NRW verabschieden sich die ältesten Schuljahrgänge in dieser Woche in die Prüfungsvorbereitungen. Wir haben dieses Ereignis zum Anlass genommen, der Entwicklung von Abituritualen näher auf den Grund zu gehen, und mit der Kulturanthropologin Dr. Katrin Bauer ein Interview geführt. Sie setzt sich in Ihren Forschungen intensiv mit dieser Thematik auseinander. Dabei wollten wir wissen, ob sich Zäsuren in der Entwicklung festmachen lassen - etwa eine Politisierung oder Entpolitisierung - und wie sich die Radikalisierung der Rituale der letzten Jahre erklären lässt. 

Copyricht: Johannes Krieg (Own work) [CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

"Am Ende eines wichtigen Lebensabschnittes"

L.I.S.A.: Frau Dr. Bauer, Sie haben sich als Kulturforscherin auf ein ungewöhnliches Fachgebiet spezialisiert: Die Rituale der Abiturientinnen und Abiturienten, umgangssprachlich unter anderem als Abistreich bezeichnet. Was hat Sie veranlasst, sich mit dieser Thematik zu beschäftigen? Und wie erfolgt Ihre Auseinandersetzung mit dem Thema?

Dr. Bauer: Die Rituale der AbiturientInnen sind ein Forschungsgegenstand unter vielen, mit denen wir uns als Kulturwissenschaftler im LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte beschäftigen. Die Rituale sind deshalb so spannend, da sie an eine Überganssituation geknüpft sind, in der sich die AbiturientInnen befinden. Sie stehen am Ende eines wichtigen Lebensabschnittes – der Schulzeit –, der nun zu Ende geht und dieses wird symbolisch mittels der Abifeierlichkeiten bewältigt. Aktuell bestehen diese aus einer Vielzahl an Einzelelementen: Mottowoche, Streich, Show mit spielerischen Wettkämpfen, T-Shirts, Autokorso, Zeitung und Ball sind nahezu überall obligatorisch. Trotzdem wandeln sich die Feierlichkeiten permanent und reagieren auf veränderte Bedürfnislagen. Intensität und Ausgestaltung der letzten Schultage spiegeln gesellschaftliche Wertigkeiten wider und dies macht sie für eine kulturanthropologische Betrachtung so spannend. Um Quellen zu erheben, sind wir nah an den Akteuren, führen Interviews und begleiten sie bei ihren Aktivitäten. Das erhobene Material werten wir dann aus.

"Professionalisierung und Ausdifferenzierung der Abischerze"

L.I.S.A.: Wann und wie entwickelte sich die Tradition der Abistreiche? Gibt es bestimmte Zäsuren in der Entwicklung, zum Beispiel während der 1968er Bewegung?

Dr. Bauer: Wir kennen seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre Karten der scheidenen Abiturientia, teilweise mit humoristischen oder gesellschaftskritischen Anspielungen. Bildlich werden hier gesellschaftliche oder schulintere Ereignisse thematisiert oder persifliert, die Zeichnungen sprechen die Sprache ihrer Zeit. Neben der offiziellen Zeugnisübergabe fanden die Feierlichkeiten wohl überwiegend im privaten Rahmen statt.

Einen Schnitt gab es vor allem in den späten 1960er Jahren, als sich die Gesellschaft und hier vor allem die universitäre und schulinterne Öffentlichkeit politisierte. Die SchülerInnen verweigerten in dieser Zeit häufig offizielle Veranstaltungen wie Zeugnisübergaben und protestierten somit symbolisch gegen ein ihrer Ansicht nach erstarrtes und hierarchisches Schulsystem. Vor allem seit den 1980er Jahren können wir dann vermehrt die Ausprägung von Streichen beobachten. Die AbiturientInnen setzten sich nun aktiv mit ihrer Schulzeit auseinander. Kritische Scherze und Schülerklamauk wechseln sich ab, die Verbarrikadierung des Schulgebäudes am letzten Schultag wird zum wichtigen Element. Eine Professionalisierung und Ausdifferenzierung der Abischerze findet vermehrt seit den 1990er Jahren statt. Aufwändige Bühnenshows, angelehnt an mediale Vorbilder, dominieren den letzten Schultag. Als jüngstes Element etablierte sich seit den 2000er Jahren die Motto-Woche an den Schulen.

"Die wichtigen Übergänge im Leben werden häufig durch Übergangsrituale begleitet"

L.I.S.A.: Warum gibt es Abistreiche? Und können Sie im Verlauf der Entwicklungen eine Politisierung oder Entpolitisierung der Ereignisse feststellen?

Dr. Bauer: Die Schulzeit war und ist wohl schon immer besonders prägend für uns. Sie stellt einen verbindlichen Lebensabschnitt dar, den alle in ähnlicher Art und Weise durchlaufen; auch deshalb gibt es Abschiedsfeierlichkeiten natürlich auch an anderen Schulformen. Die wichtigen Übergänge im Leben werden häufig durch Übergangsrituale begleitet – denken wir an die Hochzeit oder auch an Beerdigungen, die jeweils auf spezifisches symbolisches Repertoire zurückgreifen. Rituale erleichtern uns diese Übergänge, sie vermitteln Sicherheit und Stabilität, denn sie geben uns Handlungsanleitungen in Ausnahmesituationen, in denen wir verhaltensunsicher sind. Man versichert sich zum Beispiel ein letztes Mal der Sicherheit und Geborgenheit der Stufe, indem man uniforme Shirts trägt und gemeinsam feiert. In der Motto-Woche wird durch thematische Verkleidungen der Spagat zwischen kindischem Ausprobieren und Einstieg in den „Ernst des Lebens“ spielerisch geprobt, wenn die Verkleidungen zwischen Schultüte und Business-Outfit changieren. Symbolisch werden in Spielen mit Lehrern die Machtverhältnisse für einen Tag umgekehrt. Die Organisation der Abifeierlichkeiten wird immer aufwändiger – nicht nur finanziell. Sie sind ein gutes „Spielfeld“, um Kompetenzen in Organisation, Planung und Veranstaltungsmanagement zu erlangen, die in der Schule kaum vermittelt, für viele Arbeitsfelder jedoch unabdingbar sind.

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial liegt Ihren Forschungen zu Grunde? Beziehen Sie sich auf schriftliche Quellen oder Beobachtungen?

Dr. Bauer: Wir nutzen heterogenes Quellenmaterial: Teilnehmende Beobachtungen an Schulen, qualitative Interviews mit AbiturientInnen, LehrerInnen und SchülerInnen gehören genauso dazu, wie die Auswertung von Abi-Zeitungen, Fotos oder auch Internetseiten, welche die Stufen anlässlich ihres Abschlusses einrichten. Spannend ist auch, die Kommerzialisierung der Abi-Feierlichkeiten zu beobachten. Event-Agenturen bieten mittlerweile Komplett-Pakete an und versprechen einen unvergesslichen, vollkommen organisierten Abi-Gag. Auch hier lohnt die Analyse von Internetseiten und Publikationen.

"Im Zuge der Verkürzung von Schulzeiten nimmt der Druck auf SchülerInnen zu"

L.I.S.A.: Was war der ungewöhnlichste Streich, mit dem Sie sich im Verlauf Ihrer Forschungen beschäftigten?

Dr. Bauer: Sehr gut in Erinnerung sind mir Erzählungen über den Einsatz eines Hubschraubers bei einem Abi-Streich in Bonn, mit dem die Stufenleiter eingeflogen wurden. Sonst eher die „leisen“ Streiche, wenn sich diese Stufen mit einem großen Spielefest für die unteren Stufen verabschieden oder besonders innovative Ideen bei der Finanzierung der Feierlichkeiten, wie beispielsweise Blutspenden, der gesamten Stufe geboren werden.

L.I.S.A.: Vor allem in den letzten Jahren radikalisierten sich die Rituale der Abiturienten, wie beispielsweise 2015 in Köln. Wie erklären Sie sich diese Entwicklungen?

Dr. Bauer: Köln stellt in der Entwicklung eine gewisse Ausnahmesituation dar: Auf engstem Raum sind hier zahlreiche Gymnasien versammelt. Aus einer wohl spaßigen und eher humorvollen Aktion hat sich – auch zum Leidwesen der Initiatoren – etwas entwickelt, das nicht mehr lustig ist und Grenzen überschritt. Schwierig ist zu beurteilen, wer hier tatsächlich daran beteiligt war. Viele Abiturjahrgänge haben sich von dieser Eskalation distanziert. Dass im Zuge der Verkürzung von Schulzeiten der Druck auf SchülerInnen zunimmt, ist eindeutig, rechtfertigt aber nicht diese Entwicklungen.

Dr. Katrin Bauer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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