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Georgios Chatzoudis | 09.06.2020 | 650 Aufrufe | 2 | Interviews

"Die Möglichkeit revolutionären Handelns ist heute wahrscheinlicher denn je"

Interview mit Mareike Kajewski über Revolution und Spontaneität

In den Vereinigten Staaten von Amerika haben die Bilder von der brutalen Festnahme eines Mannes, die tödlich endete, spontan zu Aufruhr, Plünderungen und Protesten geführt. In einigen Kommentaren war bereits von revolutionären Verhältnissen die Rede. Ob sich diese Einschätzung bewahrheitet, daran scheiden sich derzeit die Geister. Einen unmittelbaren Zusammenhang scheint es indes zwischen Revolutionen und Spontanität zu geben. Ein Blick in die Geschichte bestätigt diese Annahme insofern, als dass viele Revolutionen weder geschichtlich notwendig noch von langer Hand geplant waren, sondern sich oft spontan entlang kleinerer und auf den ersten Blick relativ unbedeutender Ereignisse entzündeten. Spontanes Handeln und die Spontaneität revolutionären Handelns sind dabei allerdings nicht in eins zu setzen - so jedenfalls die These der Philosophin Dr. Mareike Kajewski von der Universität Hildesheim. Wie das genau zu verstehen ist, dazu haben wir ihr auch mit Blick auf die gegenwärtige Coronakrise unsere Fragen gestellt.

"Die Grundlage der Möglichkeit zur Freiheit untersuchen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Kajewski, Sie haben infolge Ihrer Dissertation ein Buch mit dem Titel "Die Spontaneität revolutionären Handelns" veröffentlicht. Welches Erkenntnisinteresse lag Ihrem Projekt zugrunde? Welche Überlegungen gingen der Forschungsarbeit voraus? 

Dr. Kajewski: Ich habe mich immer dafür interessiert, zu verstehen, wie und ob es möglich ist, anders zu handeln. Anders meine ich hier im Sinne von: anders als eine eingeübte Gewohnheit oder gelernte Verhaltensweisen. Wie ist das möglich? Wann und warum begehren Menschen in despotischen politischen Systemen oder in Verhältnissen, in denen sie unterdrückt sind oder Ungerechtigkeit erfahren, auf? Hier scheint es, so meine Ausgangsannahme, keine objektiven Anzeichen oder Parameter zu geben, an denen sich zeigt, wie und wann es zu einer Revolution kommt.

Von diesen Fragen und Einsichten ausgehend fing ich an, das politische Handeln und seine Grundlagen in den Blick zu nehmen. Wenn es keine objektiven Gesetzmäßigkeiten sind, die zu einem Handeln führen, dann muss es etwas im Handeln sein, das die Menschen über ihre Möglichkeit zur Freiheit informiert. Statt eine Notwendigkeit von Revolutionen an bestimmten Punkten in einer Gesellschaftsentwicklung zu diagnostizieren oder in geschichtlichen Prozessen Notwendigkeiten zu erkennen, schien es mir sinnvoller, die Grundlage der Möglichkeit zur Freiheit zu untersuchen. Hierdurch kam ich von der Frage „Was ist eine Revolution?“ als eine Frage, die eher auf ein strukturelles Großereignis abhebt, zu der Frage: „Was ist revolutionäres Handeln?“ in seiner Eigendynamik und als eine Dimension menschlichen Handelns.

"Die Erfahrungen von Negativität sind die Gründe des revolutionären Handelns"

L.I.S.A.: Was meint in Ihrer Arbeit der Begriff der Spontaneität im Zusammenhang mit revolutionärem Handeln? Ist es für Revolutionen nicht grundsätzlich charakteristisch, dass sie - anders als beispielsweise Umsturzversuche durch einen Putsch, dem immer präzise Planung vorausgeht - von spontanen Aktivitäten bestimmt sind, die weder zu planen noch zu berechnen sind?

Dr. Kajewski: Spontaneität ist für mich eine Erfahrung, die im revolutionären Handeln gemacht wird. Es ist eine Erfahrung von Freiheit und der Möglichkeit, sich befreien zu können. Sie hebt damit den Zustand von Negativität als einer Erfahrung inneren unbestimmten Unmuts auf, stellt dann aber unterschiedliche neue Erfahrungen von Negativität her: nämlich die Unmöglichkeit, Neues einfach so zu gründen. Gerade die Erfahrungen von Negativität sind die Gründe des revolutionären Handelns, die durch die Spontaneität umgearbeitet, also in die gesellschaftlichen Verhältnisse übersetzt werden. Diese Übersetzungen folgen jedoch keinem Plan, der ausgeführt wird. Sie sind selber von der ambivalenten Spannung von schöpferischen sowie destruktiven Erfahrungen durchdrungen. Durch revolutionäres Handeln werden extrem viele neue Situationen und Handlungsfelder aufgemacht, sie dynamisieren das Handlungsfeld auf extreme Weise. Diese Erfahrungen werden dabei vom Subjekt und den Subjekten selber hervorgebracht und auch erlitten. Sie lassen die Subjekte sowohl die Möglichkeiten wie auch die Grenzen des Handelns spüren. Es kann sich über das Handeln neu erfahren, ist aber auch selber der Grund dieses Neuen mit all seinen Unwägbarkeiten. Es ist eine konstruktive Erfahrung, wir können Neues gründen, und eine destruktive, denn ich kann nicht absehen, wie sich mein Handeln fortsetzt oder gar, was mein Handeln für mich bedeutet. Spontaneität ist eine innere, vom Subjekt selbst begründete Quelle in der ungekannte Wünsche und Begehren durch das Handeln in die Wirklichkeit transformiert werden, um die Welt, das Netzwerk menschlichen Handelns mitzugestalten. Aber sie kann in ihren Wirkungen für das Subjekt und das Feld des Handelns nicht kontrolliert werden. Ich bin mir weder stets über meine eigenen Motive im Klaren, noch kann ich absehen, was meine Taten in dem gemeinsamen Handlungsgewebe auslösen. Über die Spontaneität kann ich aber meine eigenen Wirksamkeit für die äußeren Verhältnisse erfahren und in eine für alle sichtbare Form bringen. Spontaneität ist wie ein Sprung des Subjekts, sich plötzlich aus einem schlechten Zustand heraus zu befreien. Sie ist damit eine Dimension menschlicher Handlungsfähigkeit, durch die wir über die gegebenen Verhältnisse hinaus gelangen und damit sagen: ich kann Neues beginnen.

Ob man auf einer Barrikade steht oder gemeinsam einen Text von bell hooks liest: in beiden Momenten kann es dazu kommen, dass das Subjekt oder Subjekte es gemeinsam schaffen, sich zum ersten Mal gegenüber einer Ungerechtigkeit als handlungsfähig zu erfahren. Aber gleichzeitig merkt das Subjekt, dass diese konstruktive Dynamik mitunter von Verlust und Ohnmacht gekennzeichnet ist. Niemand kann alleine bestimmen, wie unsere Verhältnisse sind oder auf Dauer gestaltet werden, auch kann ich merken, dass eine Handlung von mir eine Dynamik annimmt, die ich lieber zurücknehmen würde. Nach meiner Untersuchung würde ich sagen, je mehr Momente des Zögerns, des zaghaften Versuchens es in revolutionären Ereignissen gibt, desto eher können sich daraus fluide und offene neue Verhältnisse bilden.

Noch kurz zu dem Punkt, ob Revolutionen nicht immer spontan sind. Revolutionen sind Großereignisse. Wir sprechen von ihnen meistens im Nachhinein und verwenden den Begriff dann, wenn es zu einem Umsturz ganzer Gesellschaftsformen kommt. Im engeren Sinne wird er für Umstürze benutzt, die politische Ordnungen verändern. Dass es in diesen Revolutionen sehr viele spontane Aktivitäten gibt, ist nicht gleichzusetzen mit der Spontaneität revolutionären Handelns. Mit dieser wollte ich der Möglichkeit der Revolution auf die Spur kommen. Denn ich denke, sie ist nicht oder nicht ohne Verluste an politischer Freiheit von den Erfahrungen der revolutionär Handelnden zu trennen. Den Begriff spontan für das Ereignis Revolution zu verwenden, ist nicht das gleiche, wie die Spontaneität revolutionären Handelns als eine allgemeine Dimension menschlicher Handlungsfähigkeit zu bezeichnen.

"Aus Gewalt folgen keine schöpferischen gemeinsamen Handlungen"

L.I.S.A.: Sie arbeiten heraus, dass der Spontaneität revolutionären Handelns gewisse Paradoxien bzw. Ambivalenzen inne sind, die Revolutionen zu einem fragilen Geschehen machen. Zwei Paradoxien sind dabei besonders hervorzuheben: das der Gewalt und das der Freiheit. Die französische Historikerin Sophie Wahnich diskutiert in ihrer Studie über den Terror der Französischen Revolution, "Freiheit oder Tod?", inwiefern Gewalt als Mittel zur Erlangung von Freiheit legitim ist. Wie lösen Sie das Paradoxon zwischen Gewalt und Freiheit in Ihrer Arbeit? Ist die Spontaneität des revolutionären Handelns das Alibi für die Ausübung revolutionärer Gewalt, das Scharnier für das Aushalten des Doppelcharakters revolutionären Geschehens?

Dr. Kajewski: Die Frage ist sehr interessant, weil sie zeigt, dass die Spontaneität revolutionären Handelns in gewisser Weise auf verschiedenen Ebenen Wirkungen entfaltet. Durch ihre Spontaneität erleben die Handelnden aber vordergründig etwas Konstruktives: sie eröffnen, wie Antigone von Sophokles, neue Handlungsfelder, indem sie erstmals die Wirkungen der alten Ordnungen unterbrechen und dann zaghaft probierend für ihre Vorstellungen neue Handlungsbedingungen und Formen entwerfen. Dabei kommt es hier auch zu dem Gefühl, das sehr wichtig ist, nämlich, dass das Handeln Grenzen hat. Die Grenzen sind die anderen Handelnden, denn die Wirkungen der Spontaneität entstehen und bilden gemeinsam ein neues Netzwerk aus, in dem jede Handlung eine Eigendynamik einwebt. Hier kann es zur Erfahrung von Ohnmacht kommen, weil eben nicht einfach alles willkürlich gegründet werden kann. Es ist unmöglich, alleine zu bestimmen, wie das Zusammenleben aussehen soll. Die Handelnden spüren, welche ungeheure Macht das gemeinsame Handeln begründet, aber sie erleben auch, dass sie dieser Macht Formen geben müssen, sie müssen sich gemeinsam organisieren. Spontaneität bedeutet nicht, dass ich alleine neue politische Ordnungen begründe.

Gewalt ist dagegen eine Möglichkeit in Revolutionen. Nach meinem Verständnis von Spontaneität des revolutionären Handelns ist dieses jedoch nicht eine Legitimation von Gewalt. Spontaneität ist eine kreative, eine im Subjekt sich selbst gründende Eigendynamik, mit der Wünsche, Ideen und Begehren allmählich in die Welt gelangen und hier revolutionäre Wirkungen haben. Gewalt dagegen ist instrumentell. Es kann Situationen geben, in denen ein despotisches Regime nur mit den Mitteln der Gewalt abzuschaffen ist. Aber wie wir an den Arabischen Revolutionen wieder gesehen haben, gründen die neuen Formen des gemeinsamen Handelns eher auf solidarischen Praktiken, die spontan an den verschiedensten Orten, wie auf öffentlichen Plätzen oder in Wohnzimmern stattfinden.

Ich meine, die Gewalt und ihre Rolle in Revolutionen zu untersuchen, würde zu anderen Ergebnissen führen. Gewalt ist eher punktuell, zerstörerisch, vernichtend: an sie kann nicht durch andere Handelnde angeknüpft werden, sie kann nicht weiterentwickelt werden, aus ihr folgen keine schöpferischen gemeinsamen Handlungen.   

"Spontaneität ist die Möglichkeit, aus sich selber heraus Neues zu schöpfen"

L.I.S.A.: Wer ist in Revolutionen der Träger der Spontaneität? Wer bringt die Spontaneität hervor? Ist es das handelnde Subjekt oder ist es eher eine gesichtslose und subjektfreie Eigendynamik, die sich dabei entfaltet?

Dr. Kajewski: Die Spontaneität ist eine Erfahrung des Subjekts im Handeln. Es ist eine selbstgewirkte innere Quelle des Subjekts. Diese ist die Möglichkeit, aus sich selber heraus Neues zu schöpfen. Dies geschieht in Vermittlung mit äußeren Bedingungen und mit anderen Menschen. Das macht die Spontaneität so spannend: sie gründet zwar im Handeln eines Subjekts, aber sie kann auch gemeinsam in einem Handlungsakt erfahren werden, als die gemeinsame Möglichkeit Neues zu gründen, neue Praktiken des Zusammenlebens zu probieren oder gemeinsam ein Regime in die Knie zu zwingen. Aber in einem gemeinsamen Handlungsakt würde wohl jede Person ihre Erfahrung mit dieser Spontaneität etwas anders erzählen, je nachdem, was das revolutionäre Geschehen für die Möglichkeiten der Handelnden je nach ihrer Lebensform und ihren bisherigen Möglichkeiten bedeutet.

Allerdings kann es sicher Momente in Revolutionen geben, die alle gemeinsam als dynamische und schöpferische Momente gemeinsamen Handelns bezeichnen.

"Wir müssen das Gewebe politischen Handelns als wirkungsmächtig erfahren"

L.I.S.A.: Wie steht es nach Ihrem Befund um die Legitimität von Revolutionen in Gegenwart und Zukunft? Sind diese angesichts des Wissens um Destruktivität, Negativität und Spontaneität noch eine Option für politisches Handeln? Oder sind Revolutionen nur noch vergangene Ereignisse einer zu historisierenden Epoche?

Dr. Kajewski: Revolutionen sind Ereignisse, in denen neue Bedingungen des Handelns hervorgebracht werden. Revolutionäres Handeln ausgelöst aus der Spontaneität der Handelnden ist dabei die Dynamik, durch die diese Prozesse in Gang kommen und die es den Handelnden ermöglicht, Neues in das Handlungsnetz kreativ einzuweben. Ich denke, die Einsicht in die Ambivalenz dieses revolutionären Handelns ist gerade nötig, um Subjekte mit der politischen Ordnung zu verbinden. Statt diese Dynamik ausschließen zu wollen, müssten wir zusammen herausfinden, wie z.B. die Proteste weltweit gegen die Ausbeutung von Menschen und Natur, wieder Einfluss und Veränderungen auf die gemeinsamen Lebens- und Handlungsbedingungen erreichen. Das bedeutet, die Spontaneität, die eigene und die der anderen, nicht unterdrücken, sondern ihr mehr Orte, Räume zu geben, in denen gemeinsam neue Formen gemeinsamen Handelns ausprobiert werden können. Wir müssen das Gewebe politischen Handelns, in dem Menschen mit den unterschiedlichsten Begehren und Wünschen zusammenkommen, als wirkungsmächtig erfahren. Ich halte die Möglichkeit revolutionären Handelns heute für wahrscheinlicher denn je. Denn die ökonomischen Verhältnisse und Lebensbedingungen für Menschen, Tiere und das Leben auf der Erde sind unter den Bedingungen der kapitalistisch-neoliberalen Produktionsweise unter wahnsinnige Bedrängnis geraten. Es gibt sehr viel Ungerechtigkeit und Elend auf der Welt, auch sehr viel Unzufriedenheit und Unmut. Ich denke, dass die Revolutionen von morgen, die kreativen und schöpferischen Umstürze, die alles auf den Kopf stellen, von denen ausgelöst werden, die heute noch an den Rändern der Ordnung stehen. Es kommt darauf an, dass Gefühle des Unterdrücktseins und der Ungerechtigkeit, von Scham und Deklassierung, sich über das spontane, revolutionäre Handeln einen Ausdruck geben. Dabei kann es individuelles und kollektives schöpferisches Handeln geben, dass an unterschiedlichen Orten entsteht. Wie bei Antigone kann ein solches Handeln eine politische Ordnung und gesellschaftliche Verhältnisse dann wirklich verändern, wenn viele andere sich diesen Handlungen anschließen. Immer wieder wird es aber wichtig sein, sich in den Prozessen des Neugestaltens und Entwerfens von politischen Formen, auf die Dynamik der Spontaneität und das schöpferische Potential des revolutionären Handelns einzulassen.

"Es liegt immer daran, wer sich in das politische Handlungsnetz einschaltet"

L.I.S.A.: Mit Blick auf die gegenwärtige Coronakrise - würden Sie hierbei von einer revolutionären Ausgangslage sprechen? Wird sich durch Corona das Leben grundsätzlich verändern?

Dr. Kajewski: Die Situation, in der wir durch die Corona-Pandemie geraten sind, fühlt sich nicht besonders revolutionär an. Denn statt Handlungsmacht und -möglichkeiten zu spüren, sind wir alle zu Ohnmacht und Abwarten gezwungen. Gerade unsere demokratischen Handlungsnetze, unsere Strukturen und Orte des politischen Handelns, die, die es bereits gibt, sowie auch die, die sich immer wieder neu ausbilden, sind in einem hohen Maß auf Präsenz angewiesen. Dabei kann Präsenz Vieles bedeuten. Wie Judith Butlerin in ihrem Text Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung zeigt, ist auch das Versammeln von Körpern, je nachdem, an welchem Ort und vor welchem Hintergrund sie dies tun, bereits ein politisch-performativer Akt, etwa wenn illegaler Arbeiterinnen und Arbeiter auf der Straße protestieren.

Ich denke, was wir in den letzten Monaten und Wochen gesehen und erlebt haben, zeigt Vieles, was vielleicht nicht jetzt gleich, nicht unmittelbar zu revolutionärem Handeln führt. Aber wir machen gerade Erfahrungen, die ein solches Handeln möglichweise provozieren, herausfordern und doch möglicher werden lassen. Dabei meine ich beispielsweise, dass die Menschen, die in systemrelevanten Care-Berufen arbeiten, gerade sehen, wie bedeutsam ihre Arbeit ist. Die Klimaaktivistinnen und -aktivisten sehen, dass plötzlich doch ein sofortiges Anhalten von Wirtschaft und Produktion möglich sind. Die Menschen spüren weltweit, dass sie die Welt gemeinsam bewohnen, und dass wir füreinander da sein können. Viele dieser Erfahrungen könnten Menschen dazu veranlassen, ihren Anteil zu fordern, ein Mitwirken und eine Verbesserung der Lebensbedingungen aller zu erstreiten. Die Corona-Pandemie könnte also eine Erfahrung der Welt als einer Welt, die wir gemeinsam gestalten müssen und wollen, allen klarer machen. Die Erfahrungen während dieser Situation, die von großer Angst und Ohnmacht begleitet ist, könnten später dazu führen, dass daraus Forderungen erwachsen, dass die Menschen auf die Straße gehen, ihren Anteil an den Entscheidungen fordern und dadurch die Spontaneität und die Möglichkeit im Handeln politisch wirksam zu sein, erfahren. Ich sage ‚könnte‘, denn absehen kann ich es nicht. Manche Krisen haben auch zum Gegenteil geführt und autoritäre Regime hervorgebracht. Die Lage ist gerade völlig offen. Es liegt immer daran, wer sich in das politische Handlungsnetz einschaltet, wie es die Gruppen und Proteste schaffen, dass allen die Gestaltung und Erhaltung einer gemeinsam bewohnten Welt wichtig wird, und wer sich und wie viele sich entschließen, in das revolutionäre Handeln einzusteigen.

Dr. Mareike Kajewski hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Ingmar O. | 10.06.2020 | 09:11 Uhr
Revolutionen in Demokratien sind per definitionem unsinnig. Was soll denn in einer Revolution in einer Demokratie bewirkt werden, was nicht auch mit Wahlen erreicht werden kann?

Eine Revolution in einer Demokratie ist ist IMMER Unrecht, da sie lediglich die Ansichten einer Minderheit über die Ansichten der Mehrheit durchsetzen will. Ansonsten würde die "revolutionäre Meinung" ja mehr als 50% in Wahlen gewinnen.

Ich verstehe die auch hier durchschimmernde romantische Verklärung (hier mit dem Subkontext der Spontanität) von Revolutionen in Demokratien nicht. Am Ende ist nämlich eine Meinung, die nicht die Mehrheitsmeinung ist, nur durch Mauern, Stracheldraht und Bajonette durchsetzbar. Und das hatten wir doch alles schon, wenn ich mich recht erinnere.

Kommentar

von Jeannette P. | 18.06.2020 | 08:46 Uhr
Mich fasziniert Ihr Statement, Frau Dr. Kajewski, dass die Folgen von gemeinsam gemachten gesellschaftlichen Erfahrungen: Aktuell das pandemische Erleben mit Covid-19 - zu spontanen Veränderungswünschen führen können. Die sich dann in Pandemie ähnlichen Protestwellen entladen könnten. Das Wirkpotential für daraus resultierende gesellschaftliche Veränderungen schätze ich als gering ein. Dazu müßte unter den Protestierenden Führungspersönlichkeiten erwachsen, die friedlich gehbare Veränderungen durchsetzen wollten und könnten. Bislang zeigt die geschichtliche Erfahrung, dass solche Führungsfiguren anfangs große destruktive Potenzen entwickeln und die Gesellschaft als Ganzes danach eine neue Aufbauleistung über mindestens 2 Generationen zu stemmen hat. Wer will das ???
Sie, Frau Dr. Kajewski, gehen gedanklich den Weg, den ich sehr interessant finde: Dass sich revolutionäre neue Ideen, als wirkmächtig erleben, um danach in Dialog zu treten mit den herrschenden globalen Wirtschafts- und Politik-Systemen. Sollten Letztere zum Dialog bereit sein, was sie grundsätzlich auch sind - denn neoliberale Wirtschaftssysteme brauchen neue Märkte, um ihre Produkte zu verkaufen - dann werden sich die anfangs spontanen Veränderungswünsche vielleicht sehr schnell als "cooler new wave" wieder finden. Wieviel dann an "neuen Ideen" inhaltlich übrig geblieben ist, wird sich zeigen. So funktionieren friedliche System-Veränderungen und eine gelebte Demokratie, wie wir sie in der BRD haben, packt das an.

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