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Georgios Chatzoudis | 24.04.2018 | 595 Aufrufe | Interviews

"Ein zentraler Akteur der Erinnerungskultur"

Interview mit Michael Grüttner zum Tod von Reinhard Rürup

Der Historiker Reinhard Rürup ist am 6. April im Alter von 83 Jahren gestorben. Er zählte zu den bedeutendsten Geschichtsforschern und Geschichtsvermittlern seiner Generation. Vor allem die Initiativen und das Engagement für heute renommierte Institutionen wie das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, die Gedenkstätte Topographie des Terrors in Berlin sowie die Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft gehören zu den bleibenden, aber nicht alleinigen Verdiensten des Wissenschaftlers. Sein früherer Assistent am Lehrstuhl, der Historiker Prof. Dr. Michael Grüttner, hat uns in einem Nachruf-Interview den Forscher und den Menschen Reinhard Rürup nähergebracht.

Copyright: Heinrich-Böll-Stiftung (Flickr: Reinhard Rürup) [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

"Rürup selbst hat sich gelegentlich als Kulturprotestant beschrieben"

L.I.S.A.: Herr Professor Grüttner, vor wenigen Wochen ist der bedeutende Historiker Reinhard Rürup gestorben. Sie haben lange mit ihm zusammengearbeitet. Wie erinnern Sie sich persönlich an Reinhard Rürup?

Prof. Grüttner: Den Namen Rürup hatte ich schon während meines Studiums in den 1970er Jahren kennengelernt. Damals haben uns vor allem seine Arbeiten zur Revolution von 1918/19 interessiert. Zusammen mit anderen Historikern wie Eberhard Kolb oder Gerald D. Feldman hatte Rürup Ende der 1960er Jahre die im November 1918 entstandenen Arbeiter- und Soldatenräte näher untersucht und im Gegensatz zu älteren Interpretationen das demokratische Potential der Rätebewegung hervorgehoben – eine Sichtweise, die sich in der Forschung rasch durchsetzte und ihm zeitweise den Spitznamen „Räte-Rürup“ eintrug.

Persönlich lernte ich Rürup erst kennen, als ich 1984, aus Hamburg kommend, eine Assistentenstelle bei ihm an der TU Berlin erhielt. Das damalige Institut für Geschichtswissenschaft der TU Berlin, das inzwischen ein Opfer der Sparpolitik geworden ist, war ein kleines, aber ungewöhnlich interessantes und innovatives Institut. Fachlich lagen die Forschungsschwerpunkte der Abteilung Neuere Geschichte im Feld der politischen Gesellschaftsgeschichte. Eine zunehmende Bedeutung hatte die Geschlechtergeschichte, die vor allem von Karin Hausen vorangetrieben wurde. Sie und Rürup waren die prägenden Persönlichkeiten des Instituts im Bereich der Neueren Geschichte. In der Alten Geschichte stießen vor allem die Lehrveranstaltungen von Werner Dahlheim auf große Resonanz bei den Studierenden.

Unter den Lehrenden der Neueren Geschichte herrschte eine angenehme und entspannte Atmosphäre. Das wissenschaftliche Herzstück der Abteilung für Neuere Geschichte war das Forschungskolloquium, das während des Semesters einmal pro Woche tagte und auch viele Doktoranden und Habilitanden aus anderen Berliner Instituten, etwa von der FU, anzog. In den Diskussionen, die manchmal durchaus hitzig sein konnten, beeindruckte Rürup durch seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu entwirren und Forschungsprobleme präzise auf den Punkt zu bringen. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass alle, die in den 1980er und 1990er Jahren zu diesem Kreis von Historikerinnen und Historikern gehörten, die Zeit als einen besonders schönen und produktiven Abschnitt ihres Berufslebens erinnern.

Im persönlichen Umgang war Rürup ein ungewöhnlich liebenswürdiger Mensch, aber gewiss kein Kumpeltyp, sondern jemand, der gegenüber den Kollegen und Mitarbeitern durchaus Distanz wahrte. Er war, wie Götz Aly es formuliert hat, eine Autorität, ohne autoritär zu sein. Rürup selbst hat sich gelegentlich als Kulturprotestant beschrieben. Dazu gehörte ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Cholerische Ausfälle, wie sie von manchen Größen der Zunft überliefert sind, habe ich bei ihm nie erlebt. Die Orientierung an moralischen Maßstäben war ihm wichtiger als den meisten anderen Historikern, die ich näher kennengelernt habe. Fachlich setzte Rürup hohe Standards für sich und seine Mitarbeiter. Er gehörte nicht zu denen, die aus Angst, den Anschluss zu verpassen, jeder intellektuellen Modewelle hinterherlaufen, aber er war ungewöhnlich offen für neue Ideen und Interpretationen.

Wir Assistenten waren ihm dankbar, dass er uns weitgehend freie Hand gelassen hat. Er hatte nie den Ehrgeiz, seine Assistenten für die Bildung einer Rürup-Schule einzusetzen. Auch Anwesenheitspflicht und ähnliche Einschränkungen gab es bei ihm nicht. Bemerkenswerterweise haben sich dennoch alle, die als Assistentinnen und Assistenten bei Rürup gearbeitet haben, habilitiert.

"Rürup war auch ein bedeutender Geschichtsvermittler, ein public historian"

L.I.S.A.: Mit welchen historischen Epochen, Themen und Persönlichkeiten hat Reinhard Rürup sich wissenschaftlich auseinandergesetzt?

Prof. Grüttner: Reinhard Rürup war kein Vielschreiber, aber ein sehr vielseitig interessierter Historiker. Seine Dissertation, die 1965 erschien, beschäftigte sich mit Johann Jakob Moser, einem württembergischen Pietisten und Juristen, der im 18. Jahrhundert lebte. Bekannt wurde Rürup aber zunächst durch seine bereits erwähnten Arbeiten zur Geschichte der deutschen Revolution von 1918/19, die in der politisch aufgewühlten Atmosphäre Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre an den Hochschulen breit rezipiert worden sind. Parallel dazu wurde er seit den 1960er Jahren mit seinen Arbeiten zur Geschichte der Juden und des Antisemitismus in Deutschland zum Wegbereiter eines neuen Forschungsgebiets, das seit mehr als zwei Jahrzehnten auf wachsendes Interesse stößt. In diesen Arbeiten analysierte er die Geschichte der deutschen Juden im 19. Jahrhundert als eine Zeit der Emanzipation und des sozialen Aufstiegs, die keinesfalls in erster Linie als Vorgeschichte des Holocaust gesehen werden sollte. Einflussreich waren ferner Rürups Arbeiten zur Technikgeschichte. Ein 1975 gemeinsam mit Karin Hausen publizierter Sammelband gab wesentliche Anstöße für die Entwicklung einer modernen Technikgeschichte, die den technischen Wandel stärker als zuvor in den Kontext einer allgemeinen Gesellschaftsgeschichte stellte. Erwähnt werden müssen weiter Rürups Beiträge zur Geschichte von Hochschule und Wissenschaft. Eine von ihm 1979 herausgegebene Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum der TU befasste sich schon sehr ausführlich mit der Geschichte dieser Hochschule im Nationalsozialismus. Das war zum damaligen Zeitpunkt in einer universitären Festschrift noch ganz ungewöhnlich. An diese Festschrift konnte das 1997 gegründete, von Rürup und Wolfgang Schieder geleitete, Forschungsprogramm zur Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft während der NS-Diktatur in mancher Hinsicht anknüpfen.

Weitere Themenfelder werden erkennbar, wenn man sich vor Augen hält, dass Rürup auch ein bedeutender Geschichtsvermittler war, ein public historian. Im Gegensatz zu jenen Historikern, die hauptsächlich für Ihresgleichen schreiben, war es ihm wichtig, auch diejenigen zu erreichen, die sich zwar für Geschichte interessieren, aber in der Regel keine dickleibigen wissenschaftlichen Bücher lesen. Davon zeugen u.a. die großen historischen Ausstellungen (und Ausstellungskataloge), an denen Rürup maßgeblich beteiligt war: darunter die Preußen-Ausstellung von 1981, die Ausstellung zur 750-Jahr-Feier Berlins (1987) und schließlich die Ausstellung zum Krieg gegen die Sowjetunion 1941–1945, die zunächst in Berlin (1991), danach auch in Hamburg, Moskau und St. Petersburg zu sehen war.

"Nicht moralisieren, sondern informieren"

L.I.S.A.: Reinhard Rürup ist der Öffentlichkeit vor allem als Historiker des Nationalsozialismus ein Begriff. Auf welche Fragen hat er sich dabei besonders konzentriert?

Prof. Grüttner: Selbstverständlich hat Rürup wie jeder andere Historiker, der sich mit der neueren deutschen Geschichte beschäftigt, den Nationalsozialismus als Grundproblem unserer Geschichte immer im Hinterkopf gehabt. Zu einem Historiker des Nationalsozialismus im engeren Sinne des Wortes ist er aber erst relativ spät geworden, eigentlich erst gegen Ende der 1980er Jahre, nachdem er zum Gründungsdirektor der „Topographie des Terrors“ ernannt worden war. Wenn aus der „Topographie“, einem langjährigen Provisorium, heute ein Dokumentationszentrum geworden ist, das jährlich mehr als eine Million Besucher aus aller Welt zählt, ist das in erheblichem Maße ein Verdienst von Reinhard Rürup. Mitverantwortlich für diesen Erfolg war ein Konzept, das nicht moralisieren, sondern informieren wollte und auf den „erhobenen pädagogischen Zeigefinger ebenso wie auf ein allzu selbstgerechtes antifaschistisches Pathos“ (R. Rürup) bewusst verzichtete.

Als wissenschaftlicher Leiter der „Topographie“ entwickelte Rürup sich seit den 1990er Jahren zu einem zentralen Akteur der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur. In diesem Zusammenhang gehörte er ehrenamtlich zahlreichen erinnerungspolitisch bedeutsamen Gremien an. In Berlin war er lange Jahre unter anderem Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ und des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst.

Die „Topographie des Terrors“ ist, wie Rürup wiederholt hervorgehoben hat, keine Gedenkstätte, sondern ein Ort der Täter. Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachzuhalten, war ihm aber gleichermaßen wichtig. Davon zeugt beispielsweise sein Gedenkbuch „Schicksale und Karrieren“, das 2008 zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten vertriebenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft publiziert wurde. Das Buch skizziert insgesamt 104 Biografien und ordnet ihre Vertreibung in den historischen Kontext ein.

Seit den 1990er Jahren hat Rürup sich auch an den öffentlichen Kontroversen um den Nationalsozialismus beteiligt, so insbesondere an der Diskussion über Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“. Dessen weitreichende Thesen über den „eliminatorischen Antisemitismus“ der Deutschen seit dem 18. Jahrhundert ärgerten den profunden Kenner dieses Zeitabschnitts auch deshalb, weil Goldhagen einen Großteil der relevanten Literatur zum Thema vollständig ignoriert hatte.

"Die Erinnerung an die Schrecken des nationalsozialistischen Terrors wachhalten"

L.I.S.A.: Welche Aufgabe maß Reinhard Rürup der Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus für Gegenwart und Gesellschaft bei?

Prof. Grüttner: Es ging Rürup nicht darum, dass die heute lebenden Generationen sich schuldig fühlen sollten für Verbrechen, die vor ihrer Zeit begangen wurden. Vielmehr war es ihm wichtig, die Erinnerung an die Schrecken des nationalsozialistischen Terrors wachzuhalten, damit den Menschen immer wieder ins Bewusstsein gerufen wird, wie wichtig es ist, die Grundprinzipien einer freiheitlichen Demokratie zu verteidigen. In einem seiner Vorträge sagte er: „Wer einmal den Nationalsozialismus und seine Verbrechen, wer die Leiden der unzähligen Opfer wirklich zur Kenntnis genommen hat, wird niemals mehr leichtfertig auf die Sicherungen des Rechtsstaates, auf die Kontrolle der Macht durch freie Wahlen und das Prinzip der Gewaltenteilung, auf eine pluralistische Gesellschaft statt einer erzwungenen ethnischen, sozialen oder kulturellen Homogenität verzichten wollen.“

Rürup vertrat aber auch die Meinung, dass eine demokratische Ordnung sich in ihrem historischen Bewusstsein nicht auf die negativen Aspekte ihrer Geschichte beschränken darf. Deshalb war es aus seiner Sicht notwendig, auch die Erinnerung an jene Traditionen wachzuhalten, die eine positive Identifikation mit der eigenen Geschichte ermöglichen. Dabei dachte er beispielsweise an die Revolutionen von 1848 und 1918, aber auch an die friedliche Revolution von 1989, die das Ende der SED-Diktatur herbeigeführt hat.

"Eine ebenso gewinnende wie unprätentiöse Persönlichkeit"

L.I.S.A.: Was bleibt von dem Historiker Reinhard Rürup?

Prof. Grüttner: Bleiben werden die Institutionen, zu deren Gründung Rürup mit beträchtlichem Engagement und großer Zielstrebigkeit wesentlich beigetragen hat – Institutionen wie die „Topographie des Terrors“ oder auch das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Bleiben werden außerdem seine Arbeiten zur Geschichte der Revolution von 1918/19 und zur deutsch-jüdischen Geschichte, mit denen er zahlreiche Anstöße für weitere Forschungen auf diesen Feldern gegeben hat.

Schließlich: Auch wenn Rürup keine Schule im eigentlichen Sinne des Wortes begründet hat, bleiben doch viele, die von ihm auf die eine oder andere Art beeinflusst worden sind – durch fachlich-intellektuelle Anregungen, durch seinen nüchternen, rationalen Argumentationsstil und seine ebenso gewinnende wie unprätentiöse Persönlichkeit.

Prof. Michael Grüttner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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