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Georgios Chatzoudis | 20.04.2020 | 1602 Aufrufe | Interviews

"Arbeiten im Homeoffice - das ist die neue Mittelklasse"

Interview mit Andreas Reckwitz über die Klassen-Matrix der Coronakrise

In Zeiten von Corona zeigt sich besonders deutlich, wer zurzeit einer Arbeit nachgeht, die unverzichtbar und genauso zu leisten ist wie vor der Krise: Arzt- und Pflegepersonal, Kassiererinnen und Kassierer, Post- und Paketaustragende oder auch Handwerker. Besonders betroffen sind auch diejenigen, deren berufliche Existenz zurzeit gefährdet ist - beispielsweise Menschen, die in der Gastronomie und Hotellerie beschäftigt sind, Veranstalter oder auch Ladenbesitzer. Und dann gibt es andererseits die Tätigkeiten, die sich relativ mühelos vom Büro ins Arbeitszimmer oder in die Küche der eigenen vier Wände verlagern lassen und über Laptop, Internet, Telefonschalten und Videokonferenzen fortgesetzt werden können - zu Neudeutsch: Homeoffice. Die Risiken, die für jede und jeden mit der Corona-Epidemie verbunden sind, sind demnach ungleich verteilt. Auch ungerecht verteilt? Bringt die Coronakrise also eine neue Klassen-Matrix hervor? Wir haben dem Soziologen Prof. Dr. Andreas Reckwitz von der Humboldt-Universität zu Berlin, der in seinen Untersuchungen den Begriff der Klasse als analytische Kategorie reaktiviert hat, diese und anschließende Fragen gestellt.

"Betroffenheit der Individuen ist gegenwärtig von ihrer sozialen Lage abhängig"

L.I.S.A.: Herr Professor Reckwitz, in der gegenwärtigen Coronakrise wird aufgrund des allgemeinen Risikos, sich potentiell mit dem Virus zu infizieren, davon gesprochen, dass wir im Angesicht von Corona alle gleich seien. Es spiele keine Rolle, ob man arm oder reich ist - sich anstecken kann jede und jeder. Lediglich beim Mortalitätsrisiko besteht eine eklatante Kluft: Alte Menschen sind ungleich höher gefährdet als jüngere. Aber die soziale Herkunft spiele derzeit keine Rolle. Sehen Sie das auch so?

Prof. Reckwitz: Zunächst einmal bedeutet die Coronakrise tatsächlich die Erfahrung einer kollektiven Betroffenheit aller in der Gesellschaft, ja sogar eine Art universale Betroffenheit in der Weltgesellschaft. Daraus ergibt sich offenbar teilweise so etwas wie ein neues Kollektivbewusstsein, es wird ja von solidarischer Hilfe berichtet. Es kann durchaus sein, dass ein solches Kollektivbewusstsein auch nach der Krise fortdauert, und etwa Regeln gegenseitiger Rücksichtnahme im Alltag sich auf Dauer stellen.

Aber jenseits dessen ist die Betroffenheit der Individuen gegenwärtig selbstverständlich von ihrer sozialen Lage abhängig. Zum einen gibt es ja Berichte etwa in Bezug auf die USA, dass sozial schwächere Teile der Gesellschaft, in denen auch mehr Vorerkrankungen vorliegen, anfälliger für eine schwere Erkrankung oder gar für den Tod am Virus sind. Zum anderen hängt die Betroffenheit der Individuen offensichtlich stark von den Arbeitsverhältnissen und der Branche ab, in denen sie arbeiten: Personen in der Wissensökonomie können anders mit ihr umgehen als die einfachen Service-Berufe. Es spielen aber noch andere soziale Differenzierungen hinein, so die räumliche Situierung - Stadt oder Land? - oder die Familienverhältnisse (mit Kindern oder ohne?). Die Sozialstrukturanalyse spricht von 'horizontalen Disparitäten', die quer zur Oben-Unten-Matrix verlaufen - und diese Disparitäten addieren sich nun auf, so dass ganz individuelle Betroffenheiten entstehen.

"Die 'service class' gerät zu großen Teilen in eine zusätzlich prekäre Situation"

L.I.S.A.: Sie haben mit Ihrer Beschreibung und Analyse der Gesellschaft der Singularitäten einen Begriff reaktiviert, der in Wissenschaft und Medien längst als verstaubt und letztlich unbrauchbar galt: den der Klasse. In Ihren Studien teilen Sie unsere gegenwärtige Gesellschaft der Spätmoderne in folgende Klassen auf - ich rekapituliere ganz grob: in Oberklasse, neue Mittelklasse, alte Mittelklasse und Unterklasse. Mit Blick auf die aktuelle Coronakrise - kann man da davon sprechen, dass ihr eine Klassenspezifik inhärent ist, und zwar nach folgendem zugespitztem Narrativ: Ausgebrochen ist die Epidemie in prekären Verhältnissen, weltweit verbreitet wurde sie von der hochmobilen neuen Mittelklasse, das höchste Infektionsrisiko tragen nun aufgrund ihrer Tätigkeiten vor allem Angehörige der alten Mittelklasse sowie der Unterklasse, während die neue Mittelklasse und die Oberklasse Homeoffice in geschützter Umwelt machen. Ist da was dran?

Prof. Reckwitz: Zunächst: die Klassen-Matrix, die ich vorgeschlagen habe, bezieht sich nicht nur auf Einkommen und Vermögen, sondern auf die Differenz zwischen ganzen Lebensformen und kulturellen Lebensführungsmustern, wobei die Lebensformen immer in bestimmten Arbeitsverhältnissen verankert sind. Wie sind nun die einzelnen soziokulturellen Klassen von der Coronakrise betroffen? Zum einen kann man sagen, dass auch hier horizontale Disparitäten wirken, das heißt, dass die Klassen nicht einheitlich betroffen sind, sondern es je nach Beschäftigungsfeld unterschiedliche Situationen gibt. Vereinfacht gesagt: Wer in der neuen Mittelklasse, das heißt der Akademikerklasse, in der Wissensökonomie i.e.S. im Angestelltenverhältnis arbeitet, kann via Homeoffice seine Betroffenheit verringern, Soloselbständige im Kulturbereich, denen die kurzfristige Nachfrage wegbricht, kämpfen hingegen um ihre Existenz. Ähnlich in der service class: Die vielzitierten Lieferboten und Supermarktkassiererinnen haben nun 'krisenfeste' Jobs (aber auch gesundheitliche Gefährdung), die Beschäftigten in Gastronomie oder Hotellerie drohen arbeitslos zu werden. In der traditionellen Mittelklasse ist es ähnlich: Bürotätigkeiten im öffentlichen Dienst laufen weiten, im Einzelhandel sieht es viel schwieriger aus.

Trotz dieser Differenzierungen kann man aber grundsätzlich feststellen: die neue Mittelklasse ist in ihren Kernbereichen recht krisenfest, die service class gerät zu großen Teilen in eine zusätzlich prekäre Situation. Untersuchungen in Bezug auf die USA zeigen das ziemlich gut. Der Grund dafür ist ein 'digital divide' spezifischer Art. Die Arbeit der neuen Mittelklasse lässt sich häufig gut mit Hilfe digitaler Instrumente von der Kommunikation unter körperlich Anwesenden auf die Kommunikation unter körperlich Abwesenden umstellen. Homeoffice und Videokonferenz breiten sich aus. Selbst Bereiche, die hier bisher wenig digitalisiert waren, werden nun digitalisierbar, siehe das digital learning an Schulen oder Hochschulen. Nach US-Statistiken werden nun 30% der Arbeiten ins Homeoffice verlagert - das ist die neue Mittelklasse! Auch hier tauchen sicherlich teilweise Folgeprobleme auf - Selbstorganisation, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, aber das Erwerbsleben läuft weiter. In der service class sieht es anders aus: Die Arbeit der service class beruht in der Regel auf körperlichem Einsatz. Sie lässt sich meist nicht über digitale Instrumente nach Hause verlagern. Das bedeutet nun entweder, dass die Arbeit kurzfristig wegzufallen droht oder aber dass man gesundheitlich sehr vulnerabel wird. Die Lage ist hier ohnehin häufig prekär und droht noch prekärer zu werden.

"Nun kommt ein Kriterium wie 'gesellschaftliche Nützlichkeit im Krisenfall' dazu"

L.I.S.A.: Halten Sie es für denkbar, dass sich die Klassenstruktur nach der Coronakrise verschiebt, insbesondere mit Blick auf die Frage, welche Aufgaben und welche damit verbundene Tätigkeiten zurzeit besonders gefragt und notwendig sind? Anders gefragt: Welche Arbeit ist gerade systemrelevant und mit welchen denkbaren Folgen für die Nach-Corona-Zeit?

Prof. Reckwitz: Generell ist die spätmoderne Sozialstruktur mehr und mehr durch die Polarität zwischen sog. Hochqualifizierten und sog. Niedrigqualifizierten geprägt, während die 'mittleren' Tätigkeiten schrumpfen. Wird sich der Status nun ändern? Ich wäre vorsichtig. Richtig ist, dass gegenwärtig die öffentliche Anerkennung für ein bestimmten Segment der Niedrigqualifizierten, genauer: das sichtbare Segment, wächst. Man erkennt schlagartig, dass diese Tätigkeiten gesellschaftlich notwendig sind: der Applaus für das Krankenhauspersonal. Bemerkenswert ist, dass die gesellschaftlichen Bewertungskriterien nun im Krisenfall andere sind. Im Normalfall bewertet man in der Spätmoderne Berufe nach Kriterien wie 'hohe' oder 'niedrige' Qualifikation, nach Attraktivität und Unattraktivität, auch nach der Ersetzbarkeit des Einzelnen (der Starfußballer ist nicht so leicht zu ersetzen wie die Kassiererin). Nun kommt aber ein Kriterium wie 'gesellschaftliche Nützlichkeit im Krisenfall' dazu. Das ist eine ganz andere Bewertungsperspektive. Wird das langfristig anhalten, und Anerkennung oder auch Einkommen in diesen Bereichen steigen? Wird die prekäre Klasse künftig entprekarisiert? Wenn das politisch forciert wird, ist das nicht ausgeschlossen (und sicher auch wünschenswert).

Interessant ist dabei jedoch, dass es gegenwärtig innerhalb der service class in der öffentlichen Wahrnehmung eine Art Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt, die genau den für die spätmoderne Kultur typischen Kriterien von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit folgt: Tätigkeiten, auf die sich nun der Kegel der Aufmerksamkeit richten (Supermarktkassiererin, Pflegepersonal), werden auf einmal wertgeschätzt, den vielen anderen Unsichtbaren (die Erntehelfer, die eingeflogen werden; die Reinigungskräfte; die Hotelzimmermädchen, denen die Arbeit ausgeht) wird diese Wertschätzung nicht zuteil. Ob wir also in Zukunft eine generelle Aufwertung oder Besserstellung der service class erleben - da wäre ich skeptisch. Aber dass zu der Frage, welche Anerkennung welche Arbeiten verdienen, welcher Wert welche Arbeit hat, in Ansätzen ein gesellschaftlicher Diskurs einsetzt, ist sicherlich ein wichtiges Zeichen.

"Man vertraut der Führung und der Wissenschaft"

L.I.S.A.: Auffällig an den bisher vorliegenden Daten zu Infektionen und Todesfällen im Zusammenhang mit Corona ist die teilweise sehr unterschiedliche Verteilung nach Ländern. Das Gefälle in Europa zwischen den einzelnen Staaten scheint noch größer zu sein, als man ohnehin schon dachte. In Italien und Spanien und selbst in Frankreich erreichen die Todeszahlen ein Ausmaß, demgegenüber die Todesfälle in Deutschland deutlich zurückfallen. Ist die Bekämpfung der Folgen des Coronavirus eine Sache des Geldes, sprich: der Ressourcen? Macht Corona noch sichtbarer als bisher, welche Gesellschaften reich und welche arm sind? 

Prof. Reckwitz: Das wäre sicherlich zu simpel. Länder wie Portugal oder Griechenland, die eher ärmer sind als Italien oder Spanien, könne die Corona-Krise ja gut bewältigen. Tatsächlich ist es aber interessant und auffällig, dass sich die Nationalstaaten im Krisen- und Risikomanagement voneinander unterschieden, und man kann gegenwärtig nur Hypothesen sammeln, was die Ursachen dafür sind. Ein paar Vorschläge: Die Güte eines öffentlichen Gesundheitssystems spielt sicherlich eine Rolle, aber auch die vorherige Erfahrung mit Epidemien (wie in Südkorea) oder die Bereitschaft der Bevölkerung, ihr Alltagsverhalten schnell ihn Richtung social distancing umzustellen. Der Faktor Zeit scheint hier generell eine große Rolle zu spielen und dabei eben auch der Faktor Zufall: In Italien verliefen die ersten Ansteckungen offenbar noch unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle - danach ließ es sich kaum mehr eindämmen; in Deutschland hingegen hatte man den Katastrophenfall Italien schon vor Augen und hat dann schneller reagiert. Die Corona-Krise scheint extrem pfadabhängig zu sein. Ein weiterer, soziologisch interessanter Faktor ist das Vertrauen in das politische System. In den skandinavischen Ländern ist dieses sehr hoch, so auch die Bereitschaft politischen Direktiven zu folgen: man vertraut der Führung und der Wissenschaft - man kommt dann offenbar leichter durch die Krisenphase. Das andere Extrem sind die USA mit ihrer extrem polarisierten politischen Landschaft und dem eher geringen Vertrauen in den Staat im Allgemeinen, die Regierung Trump im Besonderen. Das wirkt wenig förderlich für die Krisenbewältigung.

"Das wäre die Agenda eines neuen, stärker regulativen oder einbettenden Liberalismus"

L.I.S.A.: Zum Schluss noch eine Frage zum Liberalismus, den Sie in Ihren Büchern in seiner bestehenden neoliberalen Form kritisieren, aber nach erforderlichen Korrekturen - Stichwort: einbettender Liberalismus - für zukunftsfähig halten. Wie steht es um den Liberalismus als Leitidee demokratischer Gesellschaften, wenn zum einen das Krisenmanagement als zu zaghaft und zögerlich kritisiert wird und zum anderen liberale Freiheiten - Stichwort: singularistische Lebensführung - massiv eingeschränkt werden, unter breiter Akzeptanz der Bevölkerung? Ist der Liberalismus möglicherweise doch ein zu historisierendes Auslaufmodell angesichts von globalen Herausforderungen wie Seuchen und Klimawandel? Heißt das Abschlusskapitel Ihres nächsten Buchs vielleicht sogar: Die Krise des Singulären?

Prof. Reckwitz: Schon vor der Corona-Krise haben wir uns in der Phase eines politischen Paradigmenwechsels befunden, und diese Krise wird ihm sicherlich noch Vorschub leisten - ich denke, diese Prognose kann man riskieren. Generell ist die westliche Politik seit den 1980er Jahren von einem Dynamisierungsliberalismus geprägt - nicht zuletzt neoliberaler Provenienz -, der auf Entgrenzung und Entstaatlichung gesetzt hat. Schon seit der Finanzkrise gibt es jedoch deutliche Kritik, vor allem an der Vernachlässigung der öffentlichen Infrastruktur und der staatlichen Regulierungen - ob es nun um die Finanzmärkte, aber auch etwa die Gesundheit oder das Wohnen geht. Die Corona-Krise demonstriert nun ziemlich hautnah, dass die Gesellschaften darauf angewiesen sind, dass staatliches Regieren 'funktioniert', das etwa eine ausreichende öffentliche Gesundheitsversorgung oder ein Krisenmanagement im Notfall zur Verfügung stehen. Es ist sehr zu vermuten, dass nach der Corona-Krise diese Frage einer öffentlichen Infrastruktur - im Gesundheitswesen und darüber hinaus - noch mehr als dringliche politische Aufgaben verstanden wird. Das wäre genau Teil der Agenda eines neuen, stärker regulativen oder einbettenden Liberalismus. Und dabei ist gar nicht unbedingt 'big government', sondern eher 'smart governement' gefragt. Die eigentliche Alternative zu ihm wäre die autoritäre Staatlichkeit, wie wir sie in China erleben, oder auch von Seiten des rechten Populismus. Der Unterschied zwischen beiden ist in der Tat, wie man mit Bürgerrechten, aber auch wie man mit der globalen Dynamik und der kulturellen Pluralität umgeht.

Abstrakter gesprochen: Was gegenwärtig ansteht, ist die Neukonfiguration zwischen der sozialen 'Logik des Allgemeinen' und der 'Logik des Besonderen' - ich hatte das ja in meinem Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten" erläutert. Beide werden in der modernen Gesellschaft seit 1800 in radikaler Weise entfaltet, häufig miteinander konkurrierend. In der Spätmoderne ergibt sich jedoch eine spezifische Komplementarität zwischen beiden: Die soziale Logik der Singularisierung erlangt in der postindustriellen Ökonomie, im Zuge der Digitalisierung und dem Aufstieg der neuen Mittelklasse eine strukturbildende Kraft auf breiter Front, während die Logik des Allgemeinen dafür eine Art notwendige Hintergrundstruktur oder Infrastruktur bildet, die selbst aber tendenziell unsichtbar wird. Was sich nun aber in den letzten Jahrzehnten ergeben hat, ist, dass diese notwendige gesellschaftliche Infrastruktur häufig vernachlässigt wurde - Stichwort: 'Krise des Allgemeinen' - und sie nun einer entsprechenden Revitalisierung bedarf. 'Infrastruktur' im weitesten Sinne ist hier ein zentraler Begriff, und hier ist die Politik, aber auch die Zivilgesellschaft gefragt. Wichtig ist zu sehen: Das Verhältnis zwischen der Logik des Allgemeinen und der des Besonderen ist in der Spätmoderne kein Nullsummenspiel, im Gegenteil es ist ein Steigerungszusammenhang. Nur wenn die Logik des Allgemeinen, nur wenn die gesellschaftliche Infrastruktur für alle effizient funktioniert, können die Logik des Besonderen und die individuelle Selbstentfaltung florieren. Wenn erstere ausfällt, wird auch letztere außer Kraft gesetzt. Ich denke, dass wir uns dessen in der Corona-Krise schmerzlich bewusst werden.

Prof. Dr. Andreas Reckwitz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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