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Georgios Chatzoudis | 19.10.2017 | 721 Aufrufe | Interviews

"Realer Lohnunterschied zu Lasten der Frauen"

Interview mit Thomas Hinz über Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau

Frauen verdienen nach wie vor und in den meisten Fällen für dieselbe Arbeitsleistung weniger als Männer. Dass das so ist, hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass diese Ungleichbehandlung gesellschaftlich nicht als solche wahrgenommen oder sogar als "normal" empfunden wird. So die Ausgangshypothese einer Studie zur Lohnungleichheit der Universität Konstanz. Tatsächlich stellte sich heraus, dass eine Lohnlücke von bis zu neun Prozent als fair betrachtet wird. Wie sich dieses Ergebnis erklären lässt, das haben wir den Sozialforscher Prof. Dr. Thomas Hinz gefragt, der die Studie durchgeführt hat.

Prof. Dr. Thomas Hinz - Professur für Empirische Sozialforschung mit Schwerpunkt Surveyforschung, Universität Konstanz

"Befragte gaben ein Urteil zur Fairness der Lohnzahlung ab"

L.I.S.A.: Herr Professor Hinz, Sie haben gemeinsam mit Prof. Dr. Katrin Auspurg und Dr. Carsten Sauer eine Umfrage zu geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden durchgeführt und die Ergebnisse zuletzt in einer Studie veröffentlicht. Sie kommen dabei zu dem Schluss, dass eine Lohnlücke von sieben bis neun Prozent gesellschaftlich als fair angesehen wird. Bevor wir darauf konkret zu sprechen kommen, vorab die Frage, was Sie zu dieser Studie veranlasst hat? Welche Beobachtung bzw. Hypothese ging der Umfrage voraus?

Prof. Hinz: Unsere Studie steht in der Tradition einer ganzen Reihe von Untersuchungen zur empirischen Gerechtigkeitsforschung. Dabei geht es um die Frage, nach welchen Kriterien, etwa Leistung oder Bedarfsgerechtigkeit, Belohnungen oder Einkommen als fair angesehen werden. Unsere Fragestellung lautete, ob Menschen die Entlohnung von Arbeitsleistung bei Männern und Frauen unterschiedlich bewerten.

L.I.S.A.: Wie genau sahen Methodik, Operationalisierung und Sample der Umfrage aus? Worauf mussten die Teilnehmer Antworten geben?

Prof. Hinz: Die Untersuchung basiert auf einer repräsentativen Stichprobe der Wohnbevölkerung in Deutschland über 18 Jahre. Die etwa 1.600 Befragten haben insgesamt über 26.000 Beschreibungen fiktiver Beschäftigter bewertet, gleichsam in einer Art Experiment. Die Beschreibungen enthalten Angaben etwa zu Lohn, Beruf, Alter, Erfahrung, Arbeitsleistung, und eben auch Geschlecht. Die Befragten gaben pro Beschreibung ein Urteil zur Fairness der Lohnzahlung ab. Aus diesen Urteilen lässt sich dann ein als fair empfundener Unterschied nach Geschlecht berechnen, übrigens in der Größenordnung des realen Lohnunterschieds zu Lasten der Frauen.

"Erwartungen über gerechte Belohnungen werden in sozialen Kontexten geprägt"

L.I.S.A.: In der gesellschaftlichen Debatte um Gleichstellung der Geschlechter in zahlreichen Lebensbereichen scheint breiter Konsens zu herrschen. Nicht zuletzt in der Frage nach Entlohnung – ganz nach dem Motto: gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Wie kann dann trotzdem ein Ergebnis zustande kommen, das Lohnunterschiede eher stützt als ablehnt? Hat das Ergebnis, dass Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau als fair angesehen werden, Sie und Ihre Kollegen überrascht?

Prof. Hinz: Das Ergebnis ist gewiss vor dem Hintergrund dieser Debatte überraschend. Wenn man sich aber vergegenwärtigt, wie Urteile und Einschätzungen gebildet werden, dann erscheint das Resultat eher verständlich. Erwartungen über gerechte Belohnungen werden in sozialen Kontexten geprägt, in denen Geschlecht als Statusvariable interpretiert wird. Anders ausgedrückt: Frauen und Männer erfahren bei vielen Gelegenheiten größere und kleinere systematische Unterschiede zu Lasten der Frauen, was wiederum ihre Urteile über Fairness von Löhnen prägt.

"Man erwartet etwa in vielen Situationen Männer als kompetenter"

L.I.S.A.: In Ihrer Studie schreiben Sie, „dass diese Resultate auf eine normative Kraft der bestehenden Verhältnisse zurückzuführen seien“. Weiter heißt es, dass die „Befragten es schlicht gewöhnt seien, dass verschiedene Geschlechter ungleich bezahlt werden.“ Was genau heißt das? Worauf ist diese Voreingenommenheit zurückzuführen? Handelt es sich hierbei um eingeübte Denkfiguren?

Prof. Hinz: Ja, wie eben gesagt: es geht um sozialpsychologische Prozesse der Statusbildung. In Vergleichsprozessen erleben Menschen zugeschriebene Kompetenz und Leistung im Zusammenhang mit oft diffusen Kategorien wie Geschlecht. Man erwartet etwa in vielen Situationen Männer als kompetenter oder eher mit Aufgaben betraut, die als höherwertig angesehen sind.

L.I.S.A.: Inwiefern sind Ihre Ergebnisse anwendbar auf andere Lohnungleichheiten, beispielsweise auf das Lohngefälle zwischen West- und Ostdeutschland? Sind solche Analogien erlaubt?

Prof. Hinz: Da wäre ich vorsichtig. Geschlecht ist eine meist sichtbare kategoriale Statusvariable. Ob jemand aus West- und Ostdeutschland kommt, ist heute weder mit systematischen und zugeschriebenen Kompetenzunterschieden verbunden, noch kann man die Zuordnung in die Kategorien so einfach vornehmen. Aber nicht auszuschließen ist, dass bei Vorliegen der Information des Wohnorts Erwartungen über die Höhe von Lebenshaltungskosten bestehen.

Prof. Dr. Thomas Hinz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

PM Faire Ungleichheit? (162.75 KB)

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