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Georgios Chatzoudis | 29.10.2012 | 8747 Aufrufe | 2 | Interviews

"Reaktion auf latenten Antisemitismus"

Interview mit Dietrich Schulze-Marmeling über Juden und Fußball in Deutschland


Dietrich Schulze-Marmeling ist Sachbuchautor und leidenschaftlicher Fußballfan. Als bekennender BVB-Anhänger hat unter anderem das Buch „Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur“ geschrieben, das 2011 von der Deutschen Akademie für Fußballkultur zum „Fußballbuch des Jahres“ gewählt wurde.

In unserer Reihe "Sport und Geschichte" wollten wir unter anderem von ihm wissen, welche Vereine noch historische jüdische Wurzeln haben...

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Dietrich Schulze-Marmeling

"Tottenham Hotspurs, Ajax Amsterdam, Austria Wien, MTK Budapest..."

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Kurt Landauer

L.I.S.A.: Herr Schulze-Marmeling, dass Juden beim FC Bayern München eine entscheidende Rolle spielten, ist bekannt. Zählen Sie doch einmal bitte einige weitere Vereine in Europa auf, bei denen Juden maßgeblich beteiligt waren oder noch sind.

Schulze-Marmeling: Als Post-1945-Beispiele kann man Tottenham Hotspur und Ajax Amsterdam nennen. Tottenham ist im Norden Londons beheimatet, wo auch viele Juden lebten und leben. So befinden sich unter den Anhängern des Klubs traditionell viele Juden. 1935 war das Stadion der Spurs, White Hart Lane, Austragungsort eines freundschaftlichen Länderspieles zwischen England und Deutschland. Im Vorfeld der Begegnung kam es zu massiven Protesten. Dass dieses Spiel ausgerechnet im Spurs-Stadion stattfinden sollte, wurde als Affront gegen die Londoner Juden betrachtet. Viele Fans der Spurs nennen sich „Yids“ – und zwar Juden wie Nicht-Juden. Seit 1982 sind stets jüdische Bürger und Geschäftsleute Präsidenten des Klubs. Aber Tottenham ist kein jüdischer Klub.

Dies gilt auch für Ajax Amsterdam, das seine „jüdische Verbindung“ seiner langjährigen Spielstätte De Meer verdankt, die sich im Osten der Stadt befand  – unweit der Straßen, in denen viele Amsterdamer Juden lebten. Bis zum Einmarsch der Deutschen galt Amsterdam als „judenfreundlichste“ Stadt im Westen Europas. 1964 wurde der Jude Jaap van Prrag Präsident, dessen Vater Mozes schon ein Ajaciede gewesen war. Van Praag versammelte eine Reihe von Holocaust-Überlebenden um sich. Das große Ajax-Team um Johan Cruyff, das in den Jahren 1971 bis 1973 dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann und 1972 als Zugabe auch noch den Weltpokal, war nicht zuletzt ein Werk dieser Männer. Nur ca. fünf Prozent der Mitglieder sind Juden.  Aber Ajax ist ein Thema, das Amsterdams Juden miteinander verbindet.

Was die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anbelangt, so hießen die bedeutendsten Fußballadressen, bei denen Juden eine bedeutende Rolle spielten, Austria und Hakoah Wien sowie MTK Budapest. Alle drei Teams gehörten für einige Jahre zu den besten auf dem Kontinent – mindestens. Hakoah war ein exklusiv jüdischer Verein. In der Saison 1924/25 war Hakoah Österreichs erster Profimeister. Austria und MTK waren keine exklusiv jüdischen Vereine, wohl aber Adressen, bei denen Juden als Mäzene, Funktionäre, Trainer und Spieler eine Rolle spielten – bei MTK mehr als bei Austria.

MTK, von 1905 bis 1940 geführt vom Juden Albert Brüll, der später in Auschwitz ermordet wurde, hat den Fußball des FC Bayern maßgeblich beeinflusst. Im Juli 1919 gastierte MTK mit einigen jüdischen Internationalen wie Vilmos Kertész, Jószef Braun, den Kalman-Brüder Jenö und Konrad und dem jüdischen Trainer Dori Kürschner an der Münchener Marbachstraße. MTK schlug die Bayern nach einer wahren Fußballdemonstration mit 7:1. Die Bayern waren begeistert und verpflichteten in den folgenden Jahren eine Reihe von ungarischen bzw. ungarisch-österreichischen Trainer, die alle Juden waren. So auch Richard Dombi, der die Bayern 1932 zum ersten deutschen Meistertitel führte. Präsident des FC Bayern war der Jude Kurt Landauer, einer der großen Fußball-Visionäre in den Jahren der Weimarer Republik und ein Gegenspieler zum DFB-Präsidenten Felix Linnemann.

Landauer war aber mitnichten der einzige jüdische Vereinspräsident im deutschen Fußball vor 1933. So ist der Aufstieg des 1.FC Nürnberg zu einem deutschen Spitzenklub eng mit dem Namen des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Leopold Neuburger verbunden. Der FSV Frankfurt wurde zunächst vom Mediziner Dr. David Rothschild und anschließend von Alfred Meyers, Direktor der IG Farben, geführt. Auch als Mäzene spielten Juden bei einer Reihe von Vereinen eine große Rolle. So z.B. bei Eintracht Frankfurt, dem Endspielgegner von Bayern München 1932. Hauptsponsor war die Schuhfirma J. & C.A. Schneider, deren Besitzer die drei jüdischen Geschäftsleute Lothar Adler, Fritz Adler und Walter Neumann waren. Neumann war der „heimliche Präsident“ der Eintracht. Auf der Lohnliste der Firma standen Leistungsträger wie Nationalspieler und spätere SS-Mann Rudi Gramlich.

Im deutschen Meisterschaftsfinale von 1932, dem letzten vor der nationalsozialistischen Machtübernahme, standen sich mit den Bayern und der Eintracht zwei Klubs gegenüber, die beide auch als „Judenklubs“ firmierten. Dass Spiel endete mit einem 2:0 für den FC Bayern und dem ersten nationalen Titel für den heutigen Rekordmeister. Die Vertreibung der Juden hatte allerdings zu diesem Zeitpunkt schon begonnen. Nach der Halbfinalniederlage des 1.FC Nürnberg gegen den FC Bayern startete Der Stürmer eine widerliche Hetzkampagne gegen den „Club“ und seinen jüdischen Trainer Jenö Konrad. Die Folge war, dass Jenö Konrad umgehend seine Koffer packte und mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter die Stadt verließ.

"Pionieren des deutschen Fußballs"

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L.I.S.A.: Sie haben zwei Bücher über Juden im deutschen Fußball geschrieben bzw. herausgegeben: „Davidstern und Lederball“ sowie „Der FC Bayern und seine Juden“. Welche Rolle messen Sie Juden in der Geschichte des deutschen Fußball bei? Wann fängt diese Geschichte an? Welche waren die herausragenden Persönlichkeiten?

Schulze-Marmeling: Unter den Pionieren des deutschen Fußballs finden wir eine Reihe von Juden. Der berühmteste von ihnen war Walther Bensemann, der aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Berlin stammte. Vater Berthold war Bankier. Bensemann Junior war an der Gründung einer Reihe von Vereinen beteiligt war. So u.a. in Karlsruhe (Karlsruher FV, Deutscher Meister 1910), Freiburg, Baden-Baden, Frankfurt (Kickers, Vorläufer der Eintracht), Straßburg, Mannheim und auch München. Hier gehörte er zu den Gründern einer eigenständigen Fußballabteilung im Männer-Turn-Vereins von 1879, der Keimzelle des späteren FC Bayern. 1899 war Bensemann Organisator der sogenannten „Urländerspiele“ gegen ein englisches Auswahlteam, nachdem er die englische Football Association zur ersten kontinentalen Turnier ihrer Geschichte überreden konnte.

Die Spiele waren von erheblicher Bedeutung für die weitere Entwicklung des Fußballspiels in Deutschland. 1900 gehörte Bensemann zu den Gründern des DFB. 1920 rief er den noch heute existierenden Kicker ins Leben, ein zunächst auf den süddeutschen Raum beschränktes Blatt. Die Zeitschrift diente ihm als Plattform für die Propagierung seines Traumes von der Völkerversöhnung durch den Sport bzw. seines pazifistischen Sportideals.

"Deutscher und Jude zu sein, war eine Selbstverständlichkeit"

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L.I.S.A.: Warum haben sich Juden im Vereinsfußball engagiert – gab es dafür bestimmte Gründe? Gab es auch Bestrebungen jüdische Fußballvereine zu gründen?

Schulze-Marmeling: Fußball begann nicht als Arbeiterkultur, sondern war zunächst beheimatet im Milieu der bürgerlichen Akademiker sowie der neuen – und damit traditionslosen – expandierenden Schicht der Angestellten in den kaufmännischen und technischen Berufen. Anders als in England, wo sich der Fußball bereits in den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts zum proletarischen Massenspektakel entwickelte, behielt das Spiel auf dem Kontinent bis in das 20. Jahrhundert hinein seinen Eliten- und Mittelschichtcharakter. Wie die Historikerin Christiane Eisenberg schreibt, verkörperte das frühe Fußballspiel „das spezifisch moderne Lebensgefühl der Jahrhundertwende, insbesondere der Aufsteiger und Selfmademen, die offen für alles Neue waren und sich um Konventionen wenig scherten.“ Für viele sei der Gebrauch der englischen Sprache und die Imitation eines ‚english way of life’ auch der Versuch gewesen, sich von bestimmten überkommenen Mustern der eigenen Kultur wie z.B. der Turnbewegung zu distanzieren.

Fußball war zunächst ein vorwiegend städtisches Spiel – anders als später Handball, das sich als Sportspiel der Turnbewegung und als deren Antwort auf den Fußball auf dem Land ausbreitete, da der Spielplatz in den urbanen Zentren bereits von den Kickern besetzt war. Viele Juden lebten in Städten wie Berlin, Frankfurt oder München. Und viele von ihnen zählten sich dort zum „modernen Bürgertum“, das liberal ausgerichtet war und sogenannten englischen „Modetorheiten“ – wie „english sports“ – frönte. Wobei „english“ oder „british“ mit „modern“ zu übersetzen war. Detlev Claussen, Autor einer wunderbaren Biographie des ungarisch-jüdischen Trainer-Stars Bela Guttmann, einem ehemaligen Hakoah- und MTK-Spieler, der mit Benfica Lissabon 1961 und 1962 den Europapokal der Landesmeister gewann, weist darauf hin,  dass die idealen Bürger, die das Bürgertum auch mit seinen Idealen ernst genommen haben, die Juden waren. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit  wären für das Ghetto eine konkrete Utopie gewesen. 

Tatsächlich empfanden viele europäische Juden im 19. Jahrhundert anglophil. Und dies drückte sich auch in ihrer Begeisterung für die ‚english sports’ aus. Exemplarisch für diese anglophile Einstellung deutsch-jüdischer Fußballpioniere ist die Biographie des bereits erwähnten Walther Bensemann, der von seinen Eltern im Alter von zehn Jahren auf eine auch von vielen Engländern besuchte Eliteschule in Montreux geschickt  wurde,  wo ihn nun die englischen Mitschüler mit dem englischen Spiel infizierten. Zurück in Deutschland gab sich der angehende Student demonstrativ anglophil. In Karlsruhe, wo er sich nun besonders intensiv für die Verbreitung des Fußballs engagierte, wurde er wegen seines sportlichen Outfits „der Engländer in Narrentracht“ genannt.

Bei vielen europäischen Juden traf man seinerzeit auf einen ausgeprägten Sinn für Neues und Modernes sowie eine größere Bereitschaft zur Anerkennung des Leistungsprinzips und des Wettbewerbs – Dinge, die auch im Sport eine zentrale Rolle spielten. Jüdische  Milieus waren häufig aufgeschlossener gegenüber den Anforderungen und Herausforderungen der modernen kapitalistischen Leistungsgesellschaft. Und anders als das „deutsche Turnen“ war Fußball das Spiel dieser Gesellschaft. Die Idee des englischen Sports und seines offenen Wettbewerbs stand diametral zum Konzept der alten Ständegesellschaft, in der die europäischen Juden ausgeschlossene Unterprivilegierte waren. Der Sport unterspülte feudale Schranken in der Gesellschaft.

Das Interesse jüdischer Bürger am Sport war außerdem eine Reaktion auf den latenten Antisemitismus. Im Sport sah man die Möglichkeit, gesellschaftliche Integration und Akzeptanz zu erreichen, denn die von historischem Ballast freie Sportbewegung war anfänglich liberaler und weltoffener als die mit traditionell konservativen Werten überladene Turnbewegung. Bei den Turnern eher unwillkommen, orientierten junge Juden auf die  neuartigen „sports“, deren englische Herkunft ihnen weniger suspekt denn willkommen war. Außerdem fehlte dem Turnen ein modernes Image. Das Bedürfnis nach individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und Eigeninitiative konnte hier kaum befriedigt werden. Turnen war dressierte Bewegung, Fußball war etwas spielerisches.

Zur Frage der jüdischen Vereinsgründungen: Bis zur NS-Machtergreifung waren nur 1 bis 2% der ca. 500.000 deutschen Juden in exklusiv jüdischen Vereinen organisiert. Dies entsprach ihrer politischen Orientierung: nur eine kleine Minderheit war Mitglied der national-jüdischen Bewegung,  die überwiegende Mehrheit war im assimilatorisch orientierten Centralverein organisiert. Für die meisten Juden in Deutschland war die Identität, Deutscher und Jude zu sein, eine Selbstverständlichkeit. Bis zur nationalsozialistischen Machtergreifung betrachteten sich die meisten Juden als deutsche Juden, nicht als Juden in Deutschland. Wo Juden im Fußball Erfolge errangen, taten sie dies – mit wenigen Ausnahmen wie vor allem der Wiener Hakoah - nicht in exklusiv jüdischen Zusammenhängen, sondern in weltanschaulich und religiös neutralen Vereinen.

Dies änderte sich erst mit der von den Nazis betriebenen Segregation von Juden und Nicht-Juden bzw. dem Ausschluss der Juden aus den Vereinen. Juden durften nun nur noch in jüdischen Vereinen Sport treiben, weshalb die bis dahin marginale jüdische Sportbewegung einen enormen Aufschwung erlebt. Insbesondere deren Fußballsparten erfahren Zuwachs. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Der jüdische Textilkaufmann Otto Albert Beer, der in den Weimarer Jahren eine wichtige Rolle beim Aufbau der Jugendabteilung des FC Bayern spielte, es war zeitweise die größte ihrer Art in Deutschland, wird im Juni 1936 Sportwart des Jüdischen Turn- und Sportvereins München – nicht aus freier Entscheidung, sondern weil er beim FC Bayern nicht mehr mitmachen darf. Dem jüdische Nationalspieler Julius Hirsch, der 1910 mit dem Karlsruher FV Deutscher Meister geworden war, erging es ebenso. Hirsch spielte 1934 als 42-Jähriger für den jüdischen Turnklub 03 Karlsruhe.

Dieser Booom der jüdischen Sportbewegung war nur eine Scheinblüte. Die Segregation war nur die Vorstufe zur Vernichtung. Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 ist für die jüdischen Sportler auch in den jüdischen Vereinen Schluss . Die jüdischen Sportverbände werden aufgelöst.

"Entfernung der Juden aus den Sportvereinen"

L.I.S.A.: Wann hört diese Geschichte auf? Was passierte mit Vereinen wie Bayern München während der Zeit des Nationalsozialismus? Welches Schicksal ereilte die beteiligten Juden – Spieler und Funktionäre?

Schulze-Marmeling: Die Geschichte endet schlagartig. Am 1. April 1933 riefen die neuen Machthaber reichsweit einen „Judenboykott“ aus. Dem antisemitischen Aktionstag folgte unmittelbar der Erlass des Gesetzes „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“. Einige der Turn- und Sportverbände reagierten umgehend mit der Übernahme des „Arierparagraphen“ in ihrem Wirkungsbereich und mit dem Ausschluss ihrer jüdischen Mitglieder. Den Anfang machten die Turner. Am 8./9. April 1933 bekannte sich der Hauptausschuss der Deutschen Turnerschaft (DT) einstimmig zum „arischen Grundsatz“ und beschloss die Einführung eines „Arierparagraphen“. Edmund Neuendorff, der neue „Führer“ der DT, verpflichtete die Vereine, bis zum Turnfest im Juli 1933 in Stuttgart „alle jüdischen Mitglieder aus ihren Reihen auszuscheiden“. Als nächster folgte der Süddeutsche Fußball- und Leichtathletikverband (SFLV), in dessen Reihen am 9. April 1933 eine Erklärung verabschiedet wurde, in der die unterzeichnenden Vereine den Regime ihre Dienste anboten, insbesondere bei der Frage der Entfernung der Juden aus den Sportvereinen.

Die Geschichte des FC Bayern in diesen Jahren ist nicht unbedingt typisch. Zwar tritt dort Kurt Landauer am 22. März 1933 vom Amt des Präsidenten zurück und kommt damit seiner Absetzung zuvor. Aber sein erster Nachfolger ist mit Siggi Herrmann ein enger Vertrauter, den die Nazis ablehnen. Und Landauer bleibt zunächst weiter im Hintergrund aktiv. Es spricht einiges dafür, dass man beim FC Bayern hoffte, es würde alles nicht so wild werden und der braune Spuk sich schon bald wieder verziehen. Der FC Bayern gehörte zu den schärfsten Befürwortern der Legalisierung des Berufsfußballs – gegen den erbitterten Widerstand der DFB-Führung. Man hat bei den Bayern sogar darauf spekuliert, dass mit der Neuorganisation des Sports auch die Frage des Berufsfußballs positiv geklärt würde. Aber es geschah genau das Gegenteil – zum Nachteil der Bayern. Die DFB-Führung um Felix Linnemann benutze das „Führerprinzip“, um die Uhr wieder zurückzudrehen:  Das Amateurprinzip wurde zementiert, Verstöße dagegen weiterhin unnachgiebig verfolgt. Auch im Fußball beschritt Deutschland einen Sonderweg, in dem es eine Insel des Amateurfußballs blieb.

Bei den Bayern herrschte die gesamten NS-Jahre über eine gewisse Abneigung gegenüber den Nazis. Jedenfalls bei den Fußballern, die in diesen Jahren vereinsintern und gegenüber den sportlichen Konkurrenten eine Schwächung erfuhren. Das war kein politischer Widerstand. Aber der Zusammenhang zwischen dem Abstieg des Deutschen Meisters von 1932 ins sportliche Mittelmaß, der Titelgewinn der damals unbestreitbar besten deutschen Mannschaft leitete keine Ära ein, und der braunen Herrschaft war unübersehbar.

Der FC Bayern verlor das Personal, das ihn groß gemacht hatte: Den beliebten und energetischen Präsidenten Kurt Landauer, und seinen Meistertrainer Richard Dombi, der als Jude Deutschland verließ. Der junge Torjäger und Nationalspieler Oskar Rohr kehrte München ebenfalls den Rücken, weil er sich als Profi verdingen wollte.  Auch verlor der Klub finanzielle Unterstützung. Unter dem Dach des FC Bayern kickten die Betriebsmannschaften der jüdischen Kaufhäuser Tietz und Uhlfelder und auch einige jüdische Textilkaufleute halfen dem Klub. Und die vorzügliche Jugendarbeit des Klubs wurde dadurch torpediert, dass ab dem 1. Dezember 1936 durch einen Vertrag zwischen dem Reichsbund für Leibesübung und der Hitler-Jugend (HJ) alle Jugendlichen unter 14 Jahren aus den Sportvereinen ausgegliedert wurden.  Die Nazifizierung des FC Bayern verlief sehr zäh. Politische Anweisungen werden nur lustlos und verzögert umgesetzt. Der Klub war ständig auf der Suche nach einem Kandidaten, der für die braunen Herrscher akzeptabel war, aber auch nicht „zu viel“ Nazi. Erst 1943 wird mit dem Bankier Josef Sauter ein überzeugter Nazi „Vereinsführer“, der aber bei den Fußballern auf wenig Akzeptanz trifft. Und auch unter Sauter blieb der Klub den örtlichen Nazi-Fürsten suspekt. Er war in ihren Augen noch immer der „Judenclub“ - auch ohne Juden. 

Zum Schicksal der jüdischen Bayern- Mitglieder und – Aktivisten: Kurt Landauer konnte in die Schweiz emigrieren. Richard Dombi ging über die Schweiz und Barcelona in die Niederlande, wo er Feyenoord Rotterdam 1936 und 1938 zum Meistertitel führte. Den deutschen Einmarsch überlebte Dombi wahrscheinlich durch Heirat und Konvertierung zum christlichen Glauben. Otto Albert Beer wurde 1941 nach Kaunas/Litauen deportiert und dort ermordet, wie auch seine Frau und seine beiden Söhne.  Berthold Koppel, ein weitere jüdischer Textilkaufmann beim FC Bayern, erlitt mit seiner Familie das gleiche Schicksal. Eine Reihe von jüdischen  Bayern-Mitgliedern konnte in die USA, nach Kanada oder Südafrika entkommen. Ihre Namen tauchen dann nach dem Krieg  in Clubzeitung auf, in einer Rubrik mit der Überschrift „Wo sind Sie?“

"Nicht wie Ajax oder Tottenham als 'Judenklub' denunziert werden"

L.I.S.A.: Gibt es Beispiele für eine Wiederaufnahme jüdischer Traditionen im Fußball nach 1945? Wie gehen die entsprechenden Vereine heute mit dem jüdischen Teil ihrer Geschichte um? Wie die Fans?

Schulze-Marmeling: Was den FC Bayern anbelangt, so wird diese Tradition noch einmal kurz wieder aufgenommen. Erster Nachkriegspräsident wird Josef Bayer, kein Jude, aber seit den 1920ern im jüdischen Bankhaus Aufhäuser tätig, von den 1920ern bis 2002 Hausbank des FC Bayern. Bayer, seit 1932 Prokurist der Bank, war mit einer Jüdin verheiratet, die zum Katholizismus konvertierte. Als Aufhäuser 1938 arisiert wurde, behielt Bayer seine Position – obwohl eng mit der Familie Aufhäuser befreundet. Aber die Nazis konnte auf seine enorme Kompetenz, insbesondere Auslandsgeschäfte betreffend, nicht verzichten. Die Familie Aufhäuser entkam über die Niederlande in die USA. Bayer wurde im Kontext mit dem 20. Juli 1944 inhaftiert, saß zwei Wochen in Lagerhaft. Im Dezember 1945 wurde Bayer von der US-Militärregierung – auf Empfehlung der Familie Aufhäuser – als Treuhänder für das Bankhaus eingesetzt. Bayer vertrat die Aufhäusers auch in ihren Wiedergutmachungsangelegenheiten 1947 kehrt Kurt Landauer zurück nach München und wird erneut Präsident des Klubs. Der FC Bayern benötigt ihn. Denn die Alliierten betrachten die Sportvereine als Werkzeug des Militarismus und Hort des Nazismus. Aber der von den Nazis verfolgte Jude verleiht der demokratischen Gesinnung des Klubs Glaubwürdigkeit.

Der FC Bayern kann mit Landauer die „Opferkarte“ spielen. Landauer agiert selbstbewusst, wird ungeduldig, wenn Dinge nicht nach seinen Vorstellungen laufen. Man ist versucht zu sagen: Er hatte einiges mit Uli Hoeneß gemeinsam. Dank Landauer muss der FC Bayern nicht den Bittsteller abgeben, sondern kann sich als Partner bei der Etablierung einer demokratische Ordnung präsentieren. Landauer treibt die Stadtverwaltung, hier: das Sportamt – vor sich her und erreicht, dass der heimatlose Klub an der Säbener Straße eine Heimat erhält. Als der FC Bayern in später in finanzielle Schwierigkeiten gerät, stellt er ihm 10.000 Mark von seinem Wiedergutmachungsgeld als Kredit zur Verfügung.

Landauer ist nicht der einzige Jude, der den FC Bayern nach 1945 finanziell unter die Arme greift. So wird in den USA u.a. Dr. Fritz Schülein,  ein Sohn des jüdischen Kommerzienrats und „Bierbarons“ Joseph Schülein, förderndes Mitglied des Klubs. Was auffällt: Das Wort „Jude“ wird nach 1945 immer tunlichst vermieden. Sowohl in der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen, die eine Abrechnung mit dem NS-Regime ist, wie in der bereits erwähnten Clubzeitung-Rubrik „Wo sind Sie?“ Stattdessen ist u.a. von „Nicht-Ariern“ die Rede.

Kurt Landauer bleibt bis 1951 Präsident des FC Bayern. 1961 stirbt er. Einige Jahre später beginnt die große Ära des heutigen Rekordmeisters, in der nicht nur der erste Meistertitel von 1932, sondern auch Landauer und das „jüdische Erbe“ des Klubs zusehends in Vergessenheit geraten. Als diese Geschichte im Laufe der 1990er Jahre wieder ausgraben wird, herrscht zunächst Desinteresse. Auch hat man Angst vor antisemitischen Reaktionen. Man will nicht wie Ajax oder Tottenham als „Judenklub“ denunziert werden.

Aber das ließ sich nicht durchhalten. Das Interesse an dieser spannenden Geschichte war viel zu groß, sie ließ sich nicht kleinreden und schon gar nicht verschweigen. Irgendwann war der Punkt gekommen, an dem sich der FC Bayern der Geschichte stellen musste, zumal sich längst auch traditions- und geschichtsbewusste  Fans dieser angenommen hatten. Wie sich der Klub seither verhält, verdient Respekt. Insbesondere das Engagement von Karl-Heinz Rummenigge hat mich sehr beeindruckt. Heute wird Kurt Landauer von der Bayern-Führung als „Vater des modernen FC Bayern“ gepriesen. Im neuen Klub-Museum in der Allianz Arena, im Übrigen das Beste seiner Art im deutschen Profifußball,  werden Landauers Verdienste eingehend gewürdigt, wie überhaupt die Geschichte der jüdischen Bürger beim FC Bayern. So sind die Bayern: Wenn sie sich einer Sache annehmen, dann richtig.

"Der Anstoß kam also von außerhalb des Verbands"

L.I.S.A.: Wie verhielt sich der Deutsche Fußballbund, der DFB?

Schulze-Marmeling: Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme waren die Juden und ihre Leistungen aus der Geschichte des deutschen Fußballs hinausgeschrieben worden. Nach 1945 geht der DFB mit einem weitgehend unveränderten Personal ins Rennen. Dies bedeutete,  dass die Geschichte bald wieder von denen geschrieben wird, die sie schon in den NS-Jahren schrieben und sich dem Nationalsozialismus andienten. Aus Tätern, Karrieristen, Opportunisten und Mitläufern werden nun selbsternannte Richter, die sich und ihre Kameraden zu Getriebenen, Opfern und Widerständlern stilisieren und von jeglicher Schuld und Verantwortung freisprechen. Die tatsächlichen Opfer bleiben dabei auf der Strecke.

1954 erscheint in der Schriftenreihe des DFB ein Buch mit dem Titel „Geschichte des deutschen Fußballsports“. Autor des voluminösen Werkes ist Carl Koppehel, von 1937 bis 1945 und 1951 bis 1958 Pressewart des DFB.  Als Koppehel im November 1947 von den amerikanischen Besatzungsbehörden in Berlin vorgeladen wurde, notierten die vernehmenden Beamten anschließend etwas resigniert: „Herr Koppehel sieht bis heute noch nicht ein, dass es ein Fehler war, bei den Nazis mitgemacht zu haben.“ Koppehels Werk wirkt bis tief in die 1970er hinein stilbildend für den Umgang mit der NS-Zeit. Auf den 28 A4-Seiten, die sich den Jahren 1933 bis 1945 widmen, taucht das Wort „Nationalsozialismus“ genau einmal auf. Der Ausschluss der Juden aus dem deutschen Fußball und die Rolle, die der DFB und die Vereine dabei spielten, bleiben unerwähnt.

Jüdische Fußballpioniere wie Walter Bensemann und Gus Manning werden von Koppehehl zwar kurz genannt, ihre jüdische Identität und ihr hieraus resultierendes Schicksal indes verschwiegen.   Alfred Lesser, der ehemalige Präsident und Mäzen von Tennis Borussia Berlin, bis 1933 eine bedeutende Adresse im deutschen Fußball, bleibt völlig unerwähnt, obwohl er Koppehels Arbeitgeber und Gönner gewesen war. Ebenso wie die Journalisten-Legende Willy Meisl, ein ehemaliger Co-Autor des DFB-„Chefhistorikes“. Stattdessen wird das anrührende Bild einer harmonischen Fußballfamilie gemalt, die sich von den jeweiligen politischen Verhältnissen kaum irritieren lässt und ein Höchstmaß an positiver Kontinuität aufweist. Die Leistungen und Schicksale der deutsch-jüdischen Fußballaktivisten konnten da nur stören, da sie Frage nach der Mittäterschaft aufgeworfen hätte. Was einmal aus der Geschichte herausgeschrieben  wurde, musste deshalb herausgeschrieben  bleiben.

Zu denen, die von den Nazis vertrieben wurden, gehörte auch der ehemalige Nationalspieler Gottfried Fuchs, der vor dem Ersten Weltkrieg mit seinem bereits erwähnten jüdischen Glaubensgenossen Julius Hirsch ein gefürchtetes Sturmduo bildete: beim Klub, dem Karlsruher FV, mit dem Fuchs und Hirsch 1910 Deutscher Meister wurden, wie in der Nationalmannschaft. Fuchs zehn Tore gegen Russland bei der Olympiade 1912 sind noch heute Rekord. Gemeint war das Thema „Berufsfußball“, dass den Verband vor 1933 zu spalten drohte und dass nun von Felix Linnemann mit Hilfe des Führerprinzips in seinem Sinne gelöst wurde. Auch im Fußball beschritt Deutschland einen Sonderweg, in dem es eine Insel des Amateurfußballs blieb. Während Julius Hirsch in Auschwitz ermordet wurde, überlebte Fuchs den Holocaust im kanadischen Exil.

Zu den größten Bewunderern des Torjägers gehörte Sepp Herberger, der Vater des Wunders von Bern, der sich im Übrigen während seiner aktiven Zeit beim VfR Mannheim und Tennis Borussia Berlin jüdischer Förderer und Mäzene erfreute. Als nun im Mai 1972 das Münchner Olympiastadion eingeweiht wurde, bat Herberger den DFB um eine Einladung des Ex-Goalgetters. Für den Ex-Bundestrainer wäre eine solche Einladung ein Versuch der Wiedergutmachung gewesen. Aber die DFB-Führung lehnte ab. Man befürchtete, es würde ein Präzedenzfall geschaffen,  der, wie es wörtlich hieß, „auch noch in Zukunft erhebliche Belastungen mit sich bringen würde.“ Außerdem sei die Haushaltslage sehr angespannt .30 Jahre später, um die Jahrtausendwende, haben dann kritische Wissenschaftler, Journalisten und Fans damit begonnen, die Ausgegrenzten, Verfolgten und Ermordeten wieder in die Geschichte zurückzuschreiben – mit Erfolg. Der Anstoß kam also von außerhalb des Verbands. Was die Verdienste des nun ehemaligen DFB-Präsidenten Dr. Theo Zwanzinger nicht schmälern soll. Zwanzinger war der erste in diesem Amt nach 1945, der sich der Vergangenheit schonungslos stellte und deren Aufarbeitung förderte.

Kommentar

von Marcus Cyron | 30.10.2012 | 23:25 Uhr
Vielen Dank für solche Beiträge. Es ist immer wieder schön, daß zum Einen Fußball auch auf einem höheren Niveau näher gebracht werden kann, andererseits aber immernoch Fußball bleibt und nicht komplett theoretisiert wird. Generell ist es erfreulich, daß in letzter Zeit Sportgeschichte auf ansprechendem Niveau keine Seltenheit mehr ist und vor allem die dunkleren Jahre (und dieser Bezug zu bestimmten Phasen der Geschichte die so genannt werden ist beabsichtigt) der deutschen Sportgeschichte nicht mehr nur mit netten Umschreibungen verfälscht werden.

Kommentar

von Dieter Willen | 02.11.2012 | 23:43 Uhr
Auch von mir herzlichen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag. Das Interview ist sehr lesenswert.

Lg Dieter Willen

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