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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 10.06.2017 | 717 Aufrufe | Artikel

Que(e)r durch die Disziplinen. Judith Butlers Graduate Seminar für Promovierende der Philosophischen Fakultät

von Julia Maxelon

Judith Butler, Professorin für Rhetorik und Komparatistik an der University of California, Berkeley, ist in Deutschland besonders als Feministin und ‚Begründerin der Gender Studies‘ bekannt. In den Vorlesungen und Seminaren, die sie im Juni 2016 als Albertus-Magnus-Professorin an der Universität zu Köln hielt, präsentierte sie jedoch vor allem ihre neuere Forschung, die sich im Bereich der Politischen Philosophie und Ethik der Gewaltlosigkeit bewegt. So viele Studierende und Angehörige der Universität wollten ihre beiden Vorlesungen „Die Ethik und Politik der Gewaltlosigkeit“ und „Verletzlichkeit und Widerstand neu denken“ hören, dass die Aula schon eine Stunde vor Beginn geschlossen werden musste und ein Live Stream in zwei benachbarten Hörsälen eingerichtet wurde. Judith Butler polarisiert und inspiriert – und das seit mehr als 25 Jahren. Das Highlight der Veranstaltungen mit ihr war für viele Mitglieder von a.r.t.e.s. das Graduate Seminar, das am letzten Tag ihrer Woche in Köln stattfand.

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Eine Ikone besucht Köln

Die begehrten Plätze im Graduate Seminar wurden vor allem an Promovierende der Philosophischen Fakultät vergeben, die sich in ihren Arbeiten mit den Theorien von Judith Butler beschäftigen. Die Bedeutung Butlers quer durch alle Disziplinen der Philosophischen Fakultät wurde in diesen zwei Stunden besonders deutlich, als Doktorandinnen und Doktoranden aller Fachbereiche – von Philosophie, Geschichtswissenschaften oder Englischer Philologie über Theater-, Musik und Medienwissenschaften bis hin zu Psychologie oder Gender Studies – Fragen stellten. Deutlich wurde auch, welch große persönliche Bedeutung Judith Butler durch die Etablierung der Gender Studies nicht nur im akademischen Diskurs, sondern in der gesamten Gesellschaft für viele Menschen heute hat. Die Begeisterung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ihrer Koryphäe ganz direkt und unkompliziert Fragen zur eigenen Forschung stellen zu können, war in den vielen Wortmeldungen immer wieder zu hören. Und auch Judith Butler war anzumerken, dass sie die Zuwendung und Motivation der Studierenden und Promovierenden im Laufe der Woche deutlich beeindruckt hatte.

Zur Aktualität ihrer ethischen Konzepte

Besonderes Augenmerk galt in vielen Fragen den Inhalten der beiden Vorlesungen von Butler an den vorangegangenen Tagen. Die in ihnen formulierten Konzepte von „grievability“ („Betrauerbarkeit“) und „vulnerability“ („Verletzlichkeit“) wurden in Bezug gesetzt sowohl zu früheren Forschungen Butlers – etwa zu „subversion“ und „revolution“ in den Publikationen der 1990er Jahre – wie auch zu drängenden Ereignissen der Gegenwart: Flucht und Vertreibung im Mittelmeerraum, der Terrorakt von Orlando, Hass gegen Menschen mit vermeintlich anderen Hautfarben und sexuellen Orientierungen. Für Butler sind Solidarität und Anteilnahme am Leben der Anderen Schlüsselaspekte für eine gerechtere Welt. Betrauerbar sind dabei nicht nur Menschen, sondern auch kulturelle Erzeugnisse wie Bau- und Kunstwerke als Zeichen der Geschichte von Menschen – so habe beispielsweise die Zerstörung Aleppos zu wenig Berichterstattung in den Medien erhalten. Betrauerbarkeit und Verletzlichkeit werden nicht nur als ethische, sondern auch als politische Konzepte eingeführt, die Butler dem neoliberalen Dogma vom „Leben als Ware“ entgegen setzt.

Der Kritik, dass die beiden Begriffe persönliche Konzepte seien, die sich nicht politisieren lassen oder politisiert werden sollten, begegnete Butler mit dem Hinweis darauf, dass die Grenzen zwischen persönlichen und öffentlichen Konzepten „shifting boundaries“, also veränderlich seien, und dass die Sphären nur allzu oft ineinander greifen würden, etwa wenn Eltern die Partnerin oder den Partner ihres Kindes aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht oder Religion nicht akzeptieren würden: „Political notions interfere deeply with personal spaces.“ Bei der Erläuterung der Frage, wie die Kluft zwischen „personal mourning“ und „a general, public grievability of people“ ganz praktisch überwunden werden könne, verwies Butler auf die Verantwortung der Politik: „A policy that accepts the loss of lives is a huge failure of political parties. Based on the acknowledgement of the grievability of all lives, enforceable policies need to be implemented“. Doch auch auf das persönliche Leben jedes Einzelnen hätte das Konzept der Betrauerbarkeit Auswirkungen: „In a relationship we are at risk of loss: In loving someone, we accept that we are going to grieve.”

Zum Ende der zwei intensiven, wie im Flug vergangenen Stunden war deutlich: Butler ist eine im besten Sinne inter-disziplinäre Denkerin, die ihre Forschung als Teil einer umfassenden politischen Philosophie sieht und den Feminismus als Folie für fundamentale normative Konzepte. Wir danken Judith Butler sehr herzlich für die eindrückliche Woche und hoffen, sie bald wieder in Köln begrüßen zu dürfen!

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