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Georgios Chatzoudis | 13.08.2015 | 826 Aufrufe | Interviews

"Professioneller Journalismus ist mehr denn je gefagt"

Interview mit Michael Jäckel und Uwe Jun über politische Kommunikation

Darstellung, Vermittlung und Wahrnehmung von Politik gehören seit jeher zu den Kernfunktionen politischer Kommunikation. Die entscheidenden Akteure innerhalb dieser Prozesse sind Vertreter aus Politik und Medien sowie die Öffentlichkeit. Kritiker behaupten, dass es im Zuge der voranschreitenden Medialisierung der Gesellschaft den Medien gelungen sei, ihre inneren Logiken und Mechanismen auf das Feld der Politik zu übertragen. Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der Mediokratie, in der die Politik von den Medien kolonialisiert werde. Der Soziologe Prof. Dr. Michael Jäckel und der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Uwe Jun haben aktuelle Studien zum Verhältnis von Politik und Medien in einem neuen Sammelband veröffentlicht. Wir haben sie dazu befragt.

Prof. Dr. Michael Jäckel (li.) und Prof. Dr. Uwe Jun (re.) von der Universität Trier

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"Es gibt eine Multiplikation der Kanäle, über die kommuniziert wird"

L.I.S.A.: Herr Professor Jäckel, Herr Professor Jun, Sie haben einen neuen Sammelband zu Wandel und Kontinuität der politischen Kommunikation herausgegeben. Ein bereits weit erforschtes Feld. Was hat Sie dazu bewogen, das Thema „Politische Kommunikation“ neu aufzumachen?

Prof. Jäckel/Prof. Jun: Es gab zwei Anlässe für die Tagung und das Buch, das dann daraus hervorgegangen ist. Vor etwa 20 Jahren veranstaltete Michael Jäckel mit einem Kollegen der Universität des Saarlandes, Peter Winterhoff-Spurk, eine Tagung zum Thema „Politik und Medien“. Damals hieß der Untertitel des daraus entstandenen Buches „Analysen zur Entwicklung der politischen Kommunikation“. Nach langer Zeit kam die Frage auf, ob die damaligen Fragen – Entpolitisierung, Infotainment, Personalisierung der Politik - um nur wenige Beispiele zu nennen – auch heute noch aktuell sind. Wir kamen schnell zu dem Ergebnis, dass sie es sind. Gleichwohl stand die damalige Tagung noch sehr stark unter dem Eindruck der Erfahrungen mit dem dualen Rundfunk, also dem Nebeneinanderexistieren von öffentlich-rechtlichem und privat-kommerziellem Rundfunk. Das war ein beherrschendes Thema zur damaligen Zeit. Die aktuelle Diskussion aber wird nicht mehr so sehr durch diese Differenz bestimmt. Die Konsequenzen von Vielfalt werden schon seit längerem nicht mehr alleine an dieser Unterscheidung festgemacht, sondern an einer Multiplikation der Kanäle, über die kommuniziert werden kann und an einer Neubestimmung des Verhältnisses von Sender und Empfänger. Der Satz „Voices have multiplied but not ears“, der aus den Frühtagen der Informationsgesellschaft stammt, darf wohl auch heute noch zitiert werden. So gesehen gibt es eine Kontinuität der Beobachtungen, aber auch ein noch Mehr an Stimmen, das in einer sehr dynamisch sich verstärkenden Medienumwelt ein Ringen um gute Entscheidungen erschwert.

"Medienkompetenz gehört zur Grundausrüstung jedes politischen Akteurs"

L.I.S.A.: Wie würden Sie die Funktion von „Politischer Kommunikation“ in einer demokratisch verfassten Gesellschaft beschreiben? Welche Rolle spielt dabei die Politisierung der Bevölkerung? Anders gefragt: Was bedeutet „Politische Kommunikation“ in einer Gesellschaft, in der immer wieder von „Entpolitisierung“, „Politikverdrossenheit“ und einer zunehmenden Fragmentierung der Öffentlichkeit die Rede ist?

Prof. Jäckel/Prof. Jun: Das Verhältnis von Sender und Empfänger ist heute in besonderer Weise durch das Diktum des Mitmachens bestimmt, der Begriff „Mitmach-Medien“ steht also nicht nur für interaktive Formen des Unterhaltungsfernsehens, sondern für den sehr allgemeinen Anspruch, sich in ganz unterschiedlichen Bereichen mehr aufeinander einzulassen. Für die Politik heißt dies: mehr Beteiligungsangebote bereitstellen und noch mehr Verarbeitung von Informationen. Medienkompetenz gehört mehr als zuvor zur Grundausrüstung jedes politischen Akteurs. Zumindest wird erwartet, dass es zu einem integralen Bestandteil der Kommunikation mit Dritten geworden ist. Und auch im Falle dieser kürzeren oder längeren Politikkommentare kommt es häufig auf Originalität an. Man soll gut sein, man soll schnell sein, man erlebt die Politik vermehrt als eine kontinuierliche Kampagne. Hier treffen sozusagen Kontinuität und Wandel sehr dicht aufeinander. Zugleich konkurrieren größere und kleinere Themen um Aufmerksamkeit. Dieser Wettstreit steht in der Tradition des Agenda Setting, gewandelt haben sich die Maßstäbe, an denen die Relevanz von Themen festgemacht wird (z.B. die Häufigkeit von Suchbegriffen in Suchmaschinen).

"Parteien reagieren nicht nur auf die Veränderungen, sondern versuchen sie mitzubestimmen"

L.I.S.A.: Als das Grundgesetz nach dem Krieg formuliert wurde, hatte man in erster Linie den Parteien eine entscheidende Rolle in der politischen Kommunikation zugewiesen. Sie sollten meinungsbildend wirken. Was ist davon noch übrig geblieben – Stichwort: Kontinuität? Welche Akteure geben heute den Ton an – Stichwort: Wandel?

Prof. Jäckel/Prof. Jun: Zunächst müsste man sagen, dass die Zahl der politischen Kolumnen deutlich zugenommen hat. Wer eine Kolumne erhält, erfüllt die Chancen von Meinungsführerschaft oder hat sie bereits erworben. Diese Ausweitung des politischen Kommentars entbindet nicht von der Last der Entscheidungsfindung. So spielen Parteien in der Demokratie nach wie vor eine zentrale Rolle. Die große Aufgabe, die ihnen vermehrt zukommt, ist die Bündelung gesellschaftlicher Vielfalt unter Wahrung eines gemeinsamen Grundverständnisses von Regelungsbedarfen und Gestaltungsfreiheiten.

Parteien erleben als Organisationen, deren Handlungsspielraum auf Zustimmung beruht, wohl am deutlichsten den Wandel einer Gesellschaft. Zugleich müssen sie kontinuierlich daran erinnern, dass es keine überzeugende Alternative zur Organisation von Interessen gibt. Die Experimente der jüngeren Vergangenheit bestätigen das. Als sich wandelnde Organisationen haben sich Parteien den veränderten Medienbedingungen angepasst und gleichzeitig mit innovativen Strategien auf den Medienoutput nicht nur reagiert, sondern ihn versucht mitzubestimmen. Dieser Wandel lässt Kontinuität in der zentralen Rolle von Parteien erkennen. Innerhalb von Parteien sind ressourcenstarke Akteure wie Parteiführungen oder jener Teil, der öffentliche Ämter inne hat, klar im Vorteil.

"Schweigende Teile der Bevölkerung lassen sich von lautstarken Akteuren dominieren"

L.I.S.A.: Inwiefern tragen die neuen interaktiven Kommunikationsformen, die Soziale Medien wie beispielsweise Facebook oder Twitter zur Verfügung stellen, zu mehr politischer Kommunikation bei? Wie verhalten sich diese neuen partizipativen Kanäle zu den traditionellen Medien? Wie erklären Sie sich dabei die Diskrepanz in der Wahrnehmung und Einschätzung von aktuellen Konfliktlagen? 

Prof. Jäckel/Prof. Jun: In quantitativer Hinsicht ist die Antwort wohl eindeutig. Aber das Fernsehen, dem man immer wieder gerne seinen Leitmediumcharakter abzusprechen versucht, hat doch zumindest einem allgemeinen Trend zur vermehrten Visualisierung fast gattungsübergreifend Pate gestanden. Eine Welt, die sich mehr und mehr der Faszination von Algorithmen hingibt und zugleich glaubt, dass Algorithmen am ehesten in der Lage sind, aus einem vielstimmigen Konzert von Meinungen das Grundmuster für eine gute Lösung identifizieren zu können, muss erkennen, wie es einem besseren Argument ergehen kann. Die Kontinuität des Stereotyps ist kein Opfer des technologischen Wandels geworden. Es ist nach wie vor ein starres Verkehrsmittel der öffentlichen Meinung. Die partizipativen Formen von Twitter und Facebook sind als sehr begrenzt zu charakterisieren und beschränken sich in vielen Fällen auf Meinungsbekundungen politikinteressierter Akteure. Was wohl zugenommen hat ist ein Kampagnenstil der Kommunikation, mit der Folge, dass schweigende Teile der Bevölkerung sich von lautstarken Akteuren dominieren lassen. Rationales Argumentieren gerät in sozialen Medien schnell in den Hintergrund.

"Auf kurzfristige Effekte setzende Kommunikation wird begünstigt"

L.I.S.A.: Welche Folgen sind für die politische Kommunikation zu erwarten, wenn betriebswirtschaftliche Kategorien wie Einschaltquoten, Auflage und Anzahl der Klicks über gute oder schlechte Kommunikation entscheiden? Wo sehen Sie darin Kontinuität, wo sehen Sie Chancen eines Wandels? 

Prof. Jäckel/Prof. Jun: Fragen dieser Art werden seit der Deregulierung des Rundfunkwesens nicht kontinuierlich, aber regelmäßig reaktualisiert. Der Sinn für gute Recherche, für gute Analyse und abgewogenes Urteil ist nicht verlorengegangen. Professioneller Journalismus ist mehr denn je gefragt. Dieser kann eben auch für hohe Auflagen stehen. Aber diese Überzeugungsarbeit ist ein genauso dickes Brett wie die Politik selbst. Tiefgründige Analysen und weniger eingängige Ideen haben es schwerer sich durchzusetzen. Auf kurzfristige Effekte setzende Kommunikation wird begünstigt.

Prof. Jäckel und Prof. Jun haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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