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Georgios Chatzoudis | 20.03.2018 | 1075 Aufrufe | Interviews

"Eine Verabredung auf Zeit"

Interview mit Klaus Birnstiel zur Geschichte des Poststrukturalismus

Der französische Poststrukturalismus, auch als "French Theory" bekannt, hat das Denken über Geschichte, Kultur und Sprache weit über die Grenzen Frankreichs hinaus beeinflusst und geprägt. Der neue Diskurs setzte nicht nur in der Wissenschaft Debatten frei, sondern auch in Feuilletons und Literatur. Neue Verlage mit dem Schwerpunkt "Theorie" entstanden, etablierte Verlage setzten entsprechende Publikationsreihen auf. Wie erklärt sich dieser Aufstieg? Wie ist das Konzept des Poststrukturalismus mit dem der Postmoderne verbunden? Und was ist heute noch davon geblieben? Der Literaturwissenschaftler Dr. Klaus Birnstiel von der Universität Basel hat ein Buch über die Geschichte des Poststrukturalismus geschrieben. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Entscheidende Rolle der französischen Philosophie des Poststrukturalismus"

L.I.S.A.: Herr Dr. Birnstiel, Sie haben ein Buch über die Geschichte des Poststrukturalismus geschrieben. Was hat Sie dazu veranlasst? Welche Vorüberlegungen gingen diesem Projekt voraus?

Dr. Birnstiel: Es ist nicht besonders einfach zu sagen, welche intellektuellen Strömungen unsere Gegenwart eigentlich prägen – die Angebote sind vielfältig, und klare Richtungen kaum auszumachen. Vor dem Hintergrund meines Studiums der Literaturwissenschaft, der Geschichte und der Philosophie ist mir aber aufgefallen, dass die französische Philosophie des Poststrukturalismus, wie sie sich seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hat, bis heute eine entscheidende Rolle spielt. Eine Darstellung der Geschichte dieses Denkens aber gab es bis dato nicht wirklich. Mir erschien es lohnend, diese Geschichte zu erzählen, und das habe ich versucht.

"Ein Denken, das auch auf die Schattenseiten der Moderne hinweist"

L.I.S.A.: Was ist eigentlich genau unter dem Begriff bzw. unter dem Konzept „Poststrukturalismus“ zu verstehen? In Ihrem Buch grenzen Sie ihn vom landläufig oft synonym verwendeten Begriff „Postmoderne“ ab. Wo liegen die Unterschiede?

Dr. Birnstiel: Der Begriff „Postmoderne“ bezeichnet in meinem Verständnis eine bestimmte, relativ kurze historische Epoche, die ungefähr von den frühen sechziger Jahren bis in die achtziger oder neunziger Jahre reichte und von Phänomenen des Wertewandels, der Pluralisierung, aber auch des ästhetischen und des Lebensstil-Experiments geprägt war. Manche haben den Poststrukturalismus als die Philosophie dieser Epoche der Postmoderne bezeichnet. Den Poststrukturalismus kennzeichnet ein Denken, dass den Menschen nicht mehr als Maß aller Dinge sieht und seinen Platz in der Welt beständig kritisch reflektiert – ein Denken auch, das in der Menschheitsgeschichte keine anonymen Kräfte des Fortschritts am Werke sieht, sondern sich um eine etwas realistischere Beschreibung bemüht, und das auch auf die Schattenseiten der Moderne hinweist. Für eine Epoche, in der alte Gewissheiten beständig erschüttert wurden, ist dieses Denken als intellektuelle Orientierung höchst attraktiv gewesen.  

"Die jüngere Generation bastelte sich ihre eigenen Theorien zusammen"

L.I.S.A.: Sie machen deutlich, dass der Poststrukturalismus das Erbe der Epoche der Theorie angetreten hat. Wenn man sich Vertreter des Poststrukturalismus anschaut und deren Werke liest, ist deren Faszination für Theorie kaum zu übersehen. Im Gegenteil. Wie ist diese Theoriebegeisterung zu erklären und zu verstehen? War das nur ein intellektuelles Vergnügen ohne jeden Anschluss an eine gesellschaftliche Praxis?

Dr. Birnstiel: Die jungen französischen Denker der fünfziger und sechziger Jahre waren zunehmend unzufrieden mit zwei großen Erklärungsmustern, die sie an den Universitäten und im intellektuellen Leben kennengelernt hatten: dem Marxismus und der Psychoanalyse. Mit ihren vergleichsweise starren Logiken des Klassenkampfs und der verdrängten Triebnatur des Menschen schienen sie nicht mehr besonders gut zu den ambivalenten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der beiden ersten Nachkriegsjahrzehnte zu passen, die geprägt waren vom Kalten Krieg einerseits und inneren Liberalisierungstendenzen – mitsamt ihren Widersprüchen! – andererseits. Also bastelte sich die jüngere Generation gewissermaßen ihre eigenen Theorien zusammen, um die Welt besser zu verstehen. Zumindest für einen Teil der französischen Denker dieser Zeit – ich denke an Michel Foucault, aber auch an Gilles Deleuze und Félix Guattari – war dieses Theoretisieren keineswegs nur eine Übung im akademischen Elfenbeinturm, sondern zielte direkt auf die Gesellschaft und die Möglichkeit ihrer Veränderung ab: so verband Foucault seine historischen Studien über die Geburt des modernen Gefängnisses mit einem Engagement für die Strafgefangenen der französischen Haftanstalten, während sich der Philosoph Deleuze und der Psychiater Guattari vehement für eine Verbesserung der Zustände in der Psychiatrie einsetzten. Es ging ihnen also durchaus ums Gesellschaftliche. Dass ihre Bücher heute zum vor allem akademischen Kanon gehören, das ist wohl nicht unbedingt in ihrem Sinne.    

"Paris war der intellektuell heißeste Ort des Planeten"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrem Buch, dass nicht nur die Genese des Poststrukturalismus in Frankreich zu verorten ist, sondern auch seine Reifezeit. Warum Frankreich? Welche Umstände haben diese Entwicklung ausgerechnet in Frankreich begünstigt?

Dr. Birmstiel: Keine ganz einfache Frage, aber einige Antworten lassen sich zumindest andeuten. In den fünfziger und sechziger Jahren war der akademische Betrieb Frankreichs extrem zentralisiert. Die wirklich wichtigen Leute saßen in Paris, einer damals wirklich glamourösen und aufregenden Metropole, und sie sind sich nicht nur tagsüber an der Uni über den Weg gelaufen, sondern auch morgens beim Bäcker und abends an der Bar. Diese räumliche Nähe hat einen regen intellektuellen Austausch sicher enorm begünstigt. Hinzu kommt, dass der brutale und schmerzhafte Prozess der Dekolonisierung, wie ihn Frankreich und seine ehemalige Kolonie Algerien durchmachten, beständig zu intellektueller Kommentierung herausforderten. Französische Forscher kehrten aus dem amerikanischen Exil oder von langen Forschungsaufenthalten im globalen Süden zurück und brachten neue Erfahrungen mit, die sicherlich dazu Anlass gaben, die alten Denkgewohnheiten zu überprüfen. Und alle bewegten sich in einem Umfeld, in dem kulturelle Ereignisse wie der film noir, der roman nouveau und die Lebensstilrevolution der beginnenden Studentenproteste das alltägliche Leben durcheinanderbrachten. Diese Mischung ist es, die Paris in den fünfziger und sechziger, aber auch noch in den siebziger Jahren zum intellektuell heißesten Ort des Planeten gemacht hat.  

"Gefahr für die Zukunftsfähigkeit der geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer"

L.I.S.A.: Der Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff und der Kulturhistoriker Philipp Felsch haben in ihren jüngsten Monographien nachgezeichnet, wie die „französische Theorie“ in den 1970er Jahren allmählich nach Deutschland schwappte. Sowohl Eigeninitiative als auch der Verlag Merve spielten dabei wichtige Rollen. In Ihrem Buch fällt die Bilanz dieses Theorieexports bzw. –imports eher negativ aus. Sie schreiben diesbezüglich von der „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. Warum?

Dr. Birnstiel: Das ist ein Missverständnis. Tatsächlich ist der Import der „French Theory“ ein enorm erfolgreiches Unterfangen gewesen, welches die deutschen Geisteswissenschaften in den siebziger und achtziger Jahren vor dem sicheren Tod durch Langeweile bewahrt hat. Ein Rebell wie der 2011 verstorbene Medienwissenschaftler Friedrich Kittler sprach in den achtziger Jahren polemisch von der „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“, um Fächer wie die angestaubte Germanistik, der er mit seinem Interesse für die technischen, medialen Grundlagen der Kultur gerade entsprungen war, einmal gehörig durchzuschütteln. Diese Radikalkur hat unseren Disziplinen sicher gutgetan.

Ich weise aber darauf hin, dass diese „Austreibung“ auch ihre Schattenseiten hatte: an die Stelle der Beschäftigung mit den wirklich wichtigen, großen Texten unserer Kultur ist gerade in den ehemaligen Geisteswissenschaften eine oftmals blutleere, endlose Theorie-Schleife getreten, die immer schon alles verstanden zu haben glaubt, ohne sich um die Gegenstände der Überlieferung überhaupt noch zu kümmern. Darin sehe ich eine Gefahr für die Zukunftsfähigkeit der geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer. Die französischen Poststrukturalisten waren mutige Denker mit klassischer Bildung und Lust an der streitbaren These. Würden sie sich heute im Seminarraum einer deutschen Uni wiederfinden, würden sie sich wohl manches Mal verwundert die Augen reiben. 

"Der Poststrukturalismus ist auch eine feministische Philosophie gewesen"

L.I.S.A.: Was ist heute noch vom Poststrukturalismus geblieben? Wo sehen Sie noch Spuren, die bis in die heutige Zeit hineinreichen? Wer sind die gegenwärtigen Erben?

Dr. Birnstiel: Abgesehen von der akademischen Diskursroutine, die ihre eigenen, eher kleinteiligen Arbeiten bis heute gerne mit einem möglichst knackigen Zitat poststrukturalistischen Denkens garniert, scheint mir der Poststrukturalismus an vielen Stellen Spuren hinterlassen zu haben – und das keineswegs nur an den Universitäten. Ich denke zum Beispiel an die großen Diskussionen um die Präsentation oder Restitution außereuropäischer Kunstwerke, wie sie die Museen dieser Tage führen. Ohne den poststrukturalistischen Angriff auf den Eurozentrismus unseres Denkens und unserer Institutionen wären diese Debatten kaum vorstellbar. Das gilt aber auch für andere Lebensbereiche wie die aktuell unter dem Schlagwort „me too“ gerade wieder einmal besonders heftig geführte Geschlechterkontroverse – der Poststrukturalismus ist unter anderem auch eine feministische Philosophie gewesen, die zur gegenwärtigen Gemengelage einiges zu sagen hat.  

"Wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand"

L.I.S.A.: Zum Schluss noch einmal zurück zum Anfang: Ihrem Buch zugrunde liegt ein sehr interessantes Bild: Am Meeresufer ein Gesicht am Strand. Könnten Sie das bitte kurz auflösen? Was genau ist damit gemeint?

Dr. Birnstiel: Das Bild stammt aus einem der wichtigsten Bücher des Poststrukturalismus, Michel Foucaults 1966 erschienener „Ordnung der Dinge“. Darin untersucht Foucault die Entwicklung aller Wissenschaften, die sich seit dem Beginn der Neuzeit mit dem Menschen beschäftigt haben, und zeigt auf, welches Bild vom Menschen sich dahinter eigentlich verbirgt. Am Ende des Buches wagt Foucault die Prognose, dass diese selbstsichere, erkenntnisgewisse und fortschrittsoptimistische Version des Menschen eines Tages verschwinden wird wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Damit will Foucault darauf hinweisen, dass unsere Vorstellungen von uns selbst sich im Laufe der Jahrhunderte verändern: sie sind nicht ewig gültig, sondern historisch variabel. Denkt man diesen Gedanken weiter, so ist auch eine Philosophie wie der Poststrukturalismus eine Verabredung auf Zeit, und auch sie wird eines Tages verschwinden. Im Laufe meiner Arbeiten zu dem Buch konnte ich beobachten, dass dieser Prozess bereits in vollem Gange ist. Noch aber sind die Spuren ganz gut lesbar – und das Buch, das ich gemacht habe, kann vielleicht, wenn es überhaupt irgendetwas kann, ein bisschen dabei helfen.

Dr. Klaus Birnstiel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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