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Judith Wonke | 04.06.2019 | 275 Aufrufe | Interviews

"Popkultur ernster zu nehmen, erlaubt neue Denkwege einzuschlagen"

Interview mit Martin Böhnert und Paul Reszke zum Verhältnis von Popkultur und Wissenschaft

Ob Harry Potter, Game of Thrones, Herr der Ringe oder The Walking Dead. Popkulturelle Phänomene sind in unserem Alltag präsent und beeinflussen unser Denken und Handeln. Außerdem setzen sich erste wissenschaftliche Studien der letzten Jahre mit den fiktiven Welten auseinander. Wenig beachtet wurden jedoch bislang die Wechselwirkungen: Welche wissenschaftlichen Theorien lassen sich auf diese Welten anwenden? Welche Erkenntnisse können aus einer Betrachtung dieser Welten gezogen werden? Und inwiefern können die Welten zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen beitragen? Ein Sammelband, den Martin Böhnert und Paul Reszke von der Universität Kassel herausgegeben haben, betrachtet eben dieses Phänomen. In einem Interview haben wir gefragt, warum die Thematik gegenwarts- wie zukunftsrelevant ist und wie der Sammelband entstanden ist.

(l.) Martin Böhnert, (r.) Paul Reszke

"Die Grenzen einer wissenschaftlichen Methode ausloten"

L.I.S.A.: Herr Böhnert, Herr Reszke, gemeinsam haben Sie einen Band zu den Wechselwirkungen der Popkultur und Wissenschaft herausgegeben. Wie sind Sie auf das Thema gestoßen? Welche Überlegungen gingen den Untersuchungen voraus?

Böhnert/Reszke: In einem von uns gemeinsam angebotenen, interdisziplinären Seminar haben wir unser Interesse und unsere jeweilige Forschung verbunden: Gemeinsam mit Studierenden wollten wir an populärkulturellen Phänomenen (Serien, Videospiele, Filme) die Methoden unserer Wissenschaften (Philosophie und Linguistik) erproben. Einige der Projektideen unserer Studierenden fanden wir hochinteressant, insbesondere, dass es dabei oftmals nicht nur darum ging, die Popkultur besser zu verstehen, sondern auch, die Grenzen einer wissenschaftlichen Methode auszuloten.

"Fragen nach Identität und Menschlichkeit"

L.I.S.A.: Das Beschäftigungsfeld der Popkultur ist breit und facettenreich: Warum haben Sie sich für eben diese bestimmten Themenfelder entschieden, die in Ihrem Sammelband behandelt werden? Wie erfolgte die Auswahl der Autor/innen?

Böhnert/Reszke: Wenn in den einzelnen Beiträgen beispielsweise Game of Thrones, Harry Potter oder Ghost in the Shell als jeweiliger Gegenstand einer wissenschaftlichen Analyse genutzt werden, dann interessieren uns daran weniger die Figuren oder ihre Handlungen, sondern vielmehr die erzählten Welten, die als Hintergrund für das Geschehen dienen. In der dystopischen Welt von Ghost in the Shell, in der technologische Entwicklungen unserer Gegenwart weitergedacht werden und Mensch-Maschinen-Hybride zum Alltag gehören, interessiert eben nicht, wie eine bestimmte Figur einen Kriminalfall löst, sondern wie vor dem Hintergrund dieser erzählten Welten – wir sprechen von „Sekundärwelten“ – Fragen nach Identität und Menschlichkeit implizit zum Thema werden können. Nicht alle popkulturellen Welten bieten die dafür nötige Komplexität, aber die im Band versammelten tun dies. Die Autor/innen, die sich dieser Sekundärwelten angenommen haben, sind allesamt ehemalige Teilnehmende der Seminare, die zum Teil inzwischen Doktorand/innen sind.

"Theorien und Methoden wissenschaftsreflexiv überdenken und problematisieren"

L.I.S.A.: Sie haben den ersten Aufsatz des Sammelbandes verfasst, der den Titel "Nicht-triviale Trivialitäten" trägt. Können Sie dies erläutern – was verstehen Sie unter diesen "nicht-trivialen Trivialitäten"?

Böhnert/Reszke: Der Aufsatz stellt eine Art programmatische Einleitung in ein Forschungsfeld dar, das Popkultur und Wissenschaften verknüpft – also genau das, was in den Einzelbeiträgen konkret umgesetzt wird. Der Begriff „Trivialitäten“ verweist dabei zunächst auf die popkulturellen Erzählungen, die üblicherweise zur trivialen Unterhaltung konsumiert werden. Die Erzählungen lassen sich aber auch mit erkenntnisorientiertem Interesse rezipieren, das zwei Perspektiven ermöglicht, die den wissenschaftlichen Reiz dieser Erzählungen ausmachen. Einerseits lassen sich diese Welten wissenschaftsgeleitet, also mit Hilfe bewährter Theorien und Methoden, tiefer durchdringen und besser verstehen. Blickt man etwa mit dem Konzept des „männlichen Blicks“ der Filmtheoretikerin Laura Mulvey auf die Serie Game of Thrones, lässt sich bemerken, dass die in Feuilletons häufig als stark beschriebenen Frauenfiguren im Kontrast zur Buchvorlage durch bestimmte Kameraperspektiven zum passiven Anschauungsobjekt gemacht und damit ihrer Stärke beraubt werden; oder dass die Figuren in J. R. R. Tolkiens Herrn der Ringe nicht schlicht in Gut und Böse aufgeteilt werden können, sondern sich anhand ihrer Handlungen differenzierte Moralkonzeptionen nachweisen lassen. Andererseits können die Welten genutzt werden, um Theorien und Methoden wissenschaftsreflexiv zu überdenken und zu problematisieren. So lässt sich anhand der bereits erwähnten Zukunftsvision von Ghost in the Shell überlegen, welche Technikethik in einer Welt angemessen ist, in der die Grenzen zwischen Menschen und Technik zunehmend verschwimmen, oder wie vor dieser Mensch-Maschinen-Verschmelzung gängige Vorstellungen von Identität überdacht werden können. Durch diese Zugänge lassen sich nicht-triviale Erkenntnisse aus (oberflächlich betrachtet) trivialen Erzählungen gewinnen, auf die wir mit der Formulierung „nicht-triviale Trivialitäten“ anspielen.

"Die wechselseitige Beeinflussung findet dann schon auf Ebene einzelner Personen statt"

L.I.S.A.: Der Sammelband untersucht das Wechselspiel von Popkultur und Wissenschaft. Wie sieht dieser Austausch in der Praxis aus? Inwiefern beeinflussen sich die beiden Sphären?

Böhnert/Reszke: Die fiktiven Welten der Popkultur ähneln einem genuin philosophischen Denkinstrument, dem Gedankenexperiment. Darin werden beispielsweise (noch) nicht mögliche Szenarien entworfen, vor deren Hintergrund dann bestimmte theoretische Ansätze prospektiv erprobt werden können. Jedoch haben Gedankenexperimente oft den Nachteil, sehr stark formalisiert zu sein und nur wenige (erwartbare) Antworten zuzulassen. Populärkultur entwirft komplexere Welten, an denen Theorien oftmals in inspirierender Weise konsequenter weitergedacht werden können, als es unsere Wirklichkeit zulässt. Die Welt einer Zombieapokalypse, wie sie etwa in The Walking Dead geschildert wird, erlaubt es so, etwa über Erinnerungskultur nachzudenken – und zwar nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion, wie mit Erinnerungen umgegangen wird, wenn die Generation der Zeitzeug/innen ausstirbt, sondern zudem, wie ein kollektives Gedächtnis überhaupt erhaltbar bleibt, wenn auch seine Institutionen (Museen, Bibliotheken, Feiertage, etc.) verschwinden. Dadurch entsteht nicht nur ein tieferes Verständnis dieser fiktiven Welten, es werden vor allem auch die wissenschaftlichen Zugänge zu relevanten Themen hinterfragt und geschärft. Zudem sind die beiden Bereiche vielleicht auch nur insofern getrennte Sphären, als man zwischen Wissenschaft und Alltagswelt trennt, was in der Wirklichkeit jedoch nicht unbedingt der Fall ist: Viele Forschende sind auch Rezipierende von Popkultur und die wechselseitige Beeinflussung findet dann schon auf Ebene einzelner Personen oder Personenkreise statt.

"Tiefgehende Interpretationen und Überlegungen zu eigentlich als trivial geltenden Phänomenen"

L.I.S.A.: Mit Blick auf gegenwärtige wie zukünftige Entwicklungen: Welche Chancen bietet die Beschäftigung mit der Thematik? Welche Rückschlüsse auf unsere Lebenswirklichkeit lassen die Untersuchungen zu? Und wo fehlen noch immer wissenschaftliche Auseinandersetzungen?

Böhnert/Reszke: Eine der bisher noch unerwähnten Chancen ist schlicht auch das Engagement angehender Wissenschaftler/innen, die oftmals ein hohes Interesse an diesen Themen mitbringen sowie auch das Bedürfnis, das Potenzial der von ihnen erlernten Methoden an gegenwärtigen (und damit besonders herausfordernden) Themen aufzuzeigen. Zugleich erlaubt die enge Verbindung von Popkultur und Wissenschaften, Theorien und Methoden an einem Gegenstand zu illustrieren, der vielen Studierenden bereits bekannt ist. Ein eng hiermit verknüpftes Bedürfnis, dass sich beispielsweise vor allem in Internetforen zeigt, sind die tiefgehenden Interpretationen und Überlegungen zu eigentlich als trivial geltenden Phänomenen, die oftmals wissenschaftlich inspiriert, aber noch längst nicht geschärft sind. Neben diesen eher am Wissenstransfer orientierten Möglichkeiten, sehen wir in der wissenschaftsgeleiteten Beschäftigung mit Popkultur auch die Chance, das öffentliche Interesse an unseren Disziplinen zu erhöhen, denn sie können vor Augen führen, wie eine Kultur sich gerade durch ihre populärsten Erzeugnisse auch selbst reflektiert und immer wieder neu entwirft. Popkultur ernster zu nehmen, erlaubt dann neue Denkwege einzuschlagen, um das Gewohnte neu zu entdecken oder anders zu denken.

Martin Böhnert und Paul Reszke haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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