Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 24.03.2020 | 458 Aufrufe | Interviews

"Platon ist mit dem Liberalismus der Moderne inkompatibel"

Interview mit Christoph Quarch über die Folgen der Philosophie Platons

Wie wir heute Platon verstehen, hängt ganz stark von seinem berühmtesten Schüler ab, von  Aristoteles. Anders ausgedrückt: In Platons überlieferter Philosophie steckt vor allem ganz viel Aristoteles, der beispielsweise die Ideenlehre seines Lehrer so ausgelegt hat, wie es am besten zu seinem eigenen philosophischen Ansatz passte. Und das hat nach Ansicht des Philosophen Dr. Christoph Quarch gravierende Folgen für die Platonrezeption der vergangenen Jahrhunderte. Die Philosophie Platons unterhalb der aristotelischen Überlieferungspatina freizulegen, ist der Anspruch Christoph Quarchs in seinem aktuellen Buch. Denn ist Platon erst einmal in seiner Ursprünglichkeit verstanden, kann er uns heute auf viele Fragen neue Antworten gegen. Wie das zu verstehen ist, dazu haben wir Dr. Quarch unsere Fragen gestellt.

"Platon ist so etwas wie die Abendröte der mythischen Welt"

L.I.S.A.: Herr Dr. Quarch, Sie haben zuletzt ein Buch über Platon veröffentlicht – „Platon und die Folgen“, so der genaue Titel. Bevor wir zu den Folgen kommen, warum haben Sie sich mit dem berühmten griechischen Philosophen beschäftigt, über den schon so viel geschrieben wurde?

Dr. Quarch: Wie so oft gibt es dabei persönliche und sachliche Gründe. Ich habe Platon bereits als junger Mann entdeckt, als mir eine Ausgabe von „Platons Meisterdialogen“ im Bücherschrank meines Vaters in die Hand fiel. Ich blätterte darin und fühlte mich sofort angesprochen. Auch wenn ich wenig verstanden. Ich habe dann später Griechisch gelernt und Philosophie studiert und bin immer wieder bei Platon gelandet – zuletzt bei meiner Promotion über „Platons Metaphysik der Lebendigkeit.“ Bei der Arbeit daran wurde mir klar, wie viel Platon der Welt von heute zu sagen hat – und seither werde ich nicht müde, durch die Lande zu ziehen und sein Denken für meine Zeitgenossen in aller Welt zu aktualisieren.

L.I.S.A.: Welche Ausgangsüberlegung ging dem Buch voraus?

Dr. Quarch: Ich finde bei Platon ein Denken, das auf signifikante Weise anders ist als die geistige Matrix der Gegenwart und im Prinzip der ganzen abendländischen Philosophie nach ihm. Das hat damit zu tun, dass seine Schaffenszeit in eine Epochenschwelle fällt: Platon ist so etwas wie die Abendröte der mythischen Welt. Ich verstehe seine Philosophie als das Projekt, die Weisheit des 7., 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr. in die neue Sprache des Logos zu übersetzen. Diese alte, aus der mythischen Religion der alten Griechen herrührende Weisheit deutet das Sein der Welt als ein lebendiges Geschehen nach Maßgabe des Wachsens und Welkens der vegetativen Welt: als physis. Die Neuzeit denkt das Sein der Welt nach Maßgabe dessen, was auf Griechisch téchnē heißt, als ein Her- oder Festgestellt-Sein. Dieser letztgenannten geistigen Matrix verdanken wir unsere neuzeitliche Wissenschaft, Technik und Ökonomie – aber auch den Klimawandel und gravierende soziale Verwerfungen.

"Die aristotelische Philosophie ist die Morgenröte des Logos"

L.I.S.A.: Was hat das alles mit Aristoteles zu tun, dem Sie sich eingangs in Ihrem Buch widmen? Ihm verdanken wir doch Platon, oder nicht?

Dr. Quarch: Das ist nicht ganz korrekt. Zunächst einmal ist es Platon zu danken, dass Aristoteles zu einem bedeutenden Philosophen wurde. Er nahm ihn als Schüler in seine Akademie auf – und da schulte und schärfte Aristoteles seinen Geist. Wie nicht unüblich bei genialen Schülern, scheint er ein starkes Bedürfnis gehabt zu haben, sich von seinem Lehrer abzusetzen oder ihn gar zu übertrumpfen. Das ist wunderbar, denn diesem Impuls verdanken wir die aristotelische Philosophie, die ich gerne als die Morgenröte des Logos bezeichne. Denn mit Aristoteles hebt ein neues, rationaleres und wissenschaftlicheres Denken an. Er ist der eigentliche Urheber der neuzeitlichen geistigen Matrix, denn er war es, der sich in seiner Metaphysik nicht mehr an der Leitmetapher des natürlichen Wachstums der physis orientierte, sondern am Bild der Herstellung bzw. téchnē. Das ist an sich verdienstvoll. Problematisch ist nur, dass er die Werke seines Lehrers aus der Brille seines eigenen, neuen Mind-Sets rezipierte, kommentierte und kritisierte und dadurch für Jahrhunderte die Sicht auf Platon verzerrte.

"Wo immer Sie etwas verstanden haben, war schon eine Idee wirksam"

L.I.S.A.: Ihr Buch ist nach zentralen Topoi der Philosophie Platons gegliedert – der Psyché, des Kosmos, des Nous, des Agathon, des Eidos, des Logos, der Polis, der Sophie, der Paideia, des Eros und des Theos. Wenn man sich daraus den Topos Eidos, auf den die sogenannte Ideenlehre Platons fußt, herausgreift, geht es Ihnen darum, ein grundsätzliches Missverständnis auszuräumen.

Dr. Quarch: So ist es. Und dieses Missverständnis verdanken wir Aristoteles. Nun handelt es sich hier um ein schwieriges Thema. Platon vertritt in verschiedenen Dialogen – oft in unterschiedlicher Terminologie – den Standpunkt, die von uns sinnlich wahrnehmbaren Phänomene verdankten ihr Sein ihrer „Teilhabe“ an unsichtbaren, zeitlosen Ideen. Diese und ähnliche Formulierungen haben Aristoteles zu der Annahme veranlasst, Platon behaupte eine Kausalität zwischen Ideen und Phänomenen; und zwar so, dass die Ideen auf irgendeine obskure Weise auf die Phänomene einwirken. Dass diese Deutung der Ideen nicht der Intention Platons entspricht, hat dieser in seinem Dialog „Parmenides“ deutlich zu verstehen gegeben, wo er exakt dieses aristotelische Verständnis der Ideen ad absurdum führt.

L.I.S.A.: Sie vertreten den Standpunkt, Ideen seien nicht einfach nur das Allgemeine oder Höhere, aus dem das Besondere, das Bestimmte hervorgeht, sondern Ideen sind vielmehr Ursachen beziehungsweise eine Grenze, die dem Grenzenlosen Bestimmtheit verleihen. Könnten Sie das bitte kurz erklären?

Dr. Quarch: Ich denke, man kommt der Platonischen Ideenphilosophie am ehesten bei, wenn Ideen als „Sinn“ interpretiert werden. Sinn ist dasjenige, was man an etwas verstehen kann. Ich verstehe eine Tasse, wenn ich den Sinn der Tasse verstanden haben. Sollte ich auf die Idee kommen, meine Tasse zu zerstören, bleibt der Sinn der Tasse davon völlig unbehelligt. Das heißt: Anders als das Phänomen „Tasse“ ist der Sinn „Tasse“ nicht in den Kategorien von Raum und Zeit erfassbar. Aber damit nicht genug: Die Tasse vor mir existiert bei näherer Betrachtung überhaupt nur deshalb, weil es einen Sinn von Tasse gibt, der sich in ihr gleichsam manifestiert. Das heißt: die Keramikmoleküle meiner Tasse haben nur deshalb die Form einer Tasse angenommen, weil auf diese Weise der Sinn von Tasse manifestiert werden kann. In diesem Sinne ist die Idee (=der Sinn) einer Tasse die Ursache des So-Seins der konkreten Tasse vor mir. Und das lässt sich auf alle seienden Phänomene übertragen: Alles was ist, verdankt sein bestimmtes So-Sein dem Sinn, den es manifestiert – wie wir umkehrt auch nur dann etwas als etwas verstehen können, wenn wir seinen Sinn verstanden haben.

L.I.S.A.: Wo liegt der entscheidende Unterschied zwischen dem landläufigen Verständnis von Platons Ideen und Ihrem?

Dr. Quarch: Von Aristoteles über John Locke bis zu Martin Heidegger haben die Interpreten Ideen gleichsam statisch gedeutet: als vorstellbare „geistige Objekte“ oder „Universalien“. So versteht man in Wahrheit gar nichts. Ideen sind nicht statisch, sondern dynamisch, ich nenne sie „Wirk-Quanten“: Sie sind nur durch ihre Wirkung erschließbar – und ihre Wirkung ist die Bestimmtheit und Verstehbarkeit des Seienden bzw. der Phänomene. Will sagen: Wo immer Sie etwas verstanden haben, war schon eine Idee wirksam. Ganz so, wie schon längst das Licht in Ihrem Rücken wirksam war, bevor sie etwas optisch sehen konnten.

"Die Idee des Guten ist ein wirkendes Prinzip des kosmischen Lebens"

L.I.S.A.: Ein anderes Leitmotiv in Platons Philosophie ist die Idee des Guten. Das Gute wirkt demnach über allem anderen, es ist Grund und Ursprung allen Seins und Werdens. Ist das Gute also das, was später in monotheistischen Religionen Gott wird?

Dr. Quarch: Für die Idee des Guten gilt – ganz wie Sie sagen – dasselbe wie das, was ich gerade über die Ideen im Allgemeinen sagte: sie wirkt. Sie ist ein wirkendes Prinzip des kosmischen Lebens, dem sich verdankt, dass diese Welt in Ordnung – auf Griechisch: ein kósmos – ist. Deshalb kann Platon sie théos nennen: göttlich. Platon nennt jedoch noch sehr viel anderes théos, zum Beispiel den Anfang. Daran stört sich der christlich geschulte Intellekt, aber für Platon ist das ganz selbstverständlich, weil ihm théos nicht eine allmächtige Person bedeutet, sondern alles, an dem Menschen sich der Sinnhaftigkeit des Seins versichern können. Platon steht mit dieser Denkweise fest auf dem Boden des alten Mythos. Die alten griechischen Götter von Athene bis Zeus waren keine theistisch mächtigen Götter, sondern zu lebendigen Gestalteten verdichtete Aspekte des heiligen Seins dieser Welt in all seiner Schönheit und Lebendigkeit. Das ist eine völlig andere Art von Religiosität als diejenige der abrahamitischen Religionen.

L.I.S.A.: Aber ist Platon nicht zuletzt deshalb eine Art Wegbereiter des späteren Christentums, weil er laut über die Unsterblichkeit der Seele nachdenkt?

Dr. Quarch: Die Unsterblichkeit der Seele ist eine Idee, die in fast allen Religionen dieser Welt auftaucht. Auch das „heidnische“ Griechentum ging damit um, allerdings erst relativ spät. Herodot meinte, Pythagoras habe sie im 7. Jahrhundert aus Ägypten eingeführt. Tatsächlich findet man in den urgriechischen Epen des Homer nichts davon. Die homerische Religion ist komplett diesseitig. Platon, als echtes Kind des alten hellenischen Geistes, steht vor allem in dieser Linie – aber er versucht sie (das entspricht seinem geistigen Profil) mit der pythagoreischen Denkweise zu vermitteln. Dabei kommt heraus: Ja, Seele – griechisch psychē – ist zeitlos, unsterblich. Sie ist aber nichts Privates, sondern sie zieht sich als Lebendigkeit durch den gesamten lebendigen Kosmos, einschließlich meiner Person. Die alles entscheidende Frage ist nun: Was wird während der Spanne des Lebens aus dieser fluiden Lebendigkeit? Fügt sie sich in eine sinnvolle, schöne und stimmige Ordnung? Dann dürfen wir davon ausgehen, dass sie ewig ist. Wenn wir aber nichts Stimmiges, Schönes und Sinnvolles veranstalten, wird unsere Seele in Vergessenheit geraten. Es ist wie in der Musik: Eine Mozartsymphonie ist unsterblich, sie ist schön und sinnvoll; Lärm hingegen vergeht sofort.

"Unverzichtbar ist ein hoher Bildungsstand der Bürger und ein gemeinsames soziales Ethos"

L.I.S.A.: An die Idee des Guten schließt sich die Idee einer guten Regierung, einer guten Polis an. Nach Platon entspricht die Einsicht in die Idee des Guten, die auch mit Verstehen und Erkennen verbunden ist, der Weisheit, die wiederum die Voraussetzung für gute Politik und gute Führung ist. Wer die Weisheit erkennt, ist ein Philosoph. Wer Philosoph ist, eignet sich zu einer guten Führungskraft, oder?

Dr. Quarch: Da muss ich Sie korrigieren: Platon lässt keinen Zweifel daran, dass Philosophie die Liebe zur Weisheit oder das Streben nach Weisheit ist (wie es das Wort philosophía andeutet) und nicht der Besitz der Weisheit. Weisheit, so wie Platon sie in Gestalt und durch den Mund des Sokrates zu erkennen gibt, zeigt sich in dem berühmten Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Das heißt: Weisheit ist etwas ganz anderes als theoretisches Wissen oder die Kenntnis bestimmter Gesetze oder Methoden. Sie ist die Kompetenz, situationsbezogen zu wissen und zu tun, was dazu dient, Harmonie und Gerechtigkeit zu verwirklichen. Immer neu nach dem konkret Guten zu fragen: Das ist die Kompetenz der Philosophen – und deshalb sind sie die perfekten Führungskräfte. Deshalb sagte er: Nur dann besteht Hoffnung für unsere Staaten, wenn entweder die Könige Philosophen oder die Philosophen Könige werden.

L.I.S.A.: Für diese Worte wurde Platon wurde gescholten. Sie wurden als Keimzelle von Totalitarismus und Faschismus ausgelegt. Denn hier wirkt der Staat kollektivierend, greift in die privaten Sphären seiner Bürgerinnen und Bürger ein, verordnet ein festgezurrtes Bildungsprogramm und gibt dem Allgemeinen immer den Vorrang vor dem Individuellen. Haben so gesehen Denker wie Karl Popper nicht recht, wenn sie vor Platons Idealstaat warnen? Ist Platons Philosophie mit dem Liberalismus der Moderne inkompatibel?

Dr. Quarch: Ja, Platons Philosophie ist mit dem Liberalismus der Moderne inkompatibel – und das ist nicht das Schlechteste, was man über sie sagen kann. Denn der politische und ökonomische Liberalismus haben ihren Zenit längst überschritten. Man darf ihnen dankbar sein für die positiven Aspekte, die sie gebracht haben. Aber die ökologischen Krisen und ökonomischen Verwerfungen der Gegenwart zwingen dazu, ein anderes geistige Paradigma für die Zukunft zu entwerfen. Und da könnte Platon hilfreich sein. Aber wir müssen ihn richtig verstehen: Seine Erkenntnis – deren Wahrheit wir in Zeiten von Populismus und Radikalisierung der Gesellschaft täglich bestätigen können – besteht darin, dass es für ein gesundes Gemeinwesen unverzichtbar ist, für einen hohen Bildungsstand der Bürger zu sorgen und ein gemeinsames soziales Ethos zu teilen. Das bedeutet in keiner Weise einen vom Liberalismus so bekämpften Eingriff in die Freiheitsrechte des Individuums, sondern schafft allererst die Voraussetzung für individuelles Handeln und persönliche Urteilskraft. Verzicht auf kollektive Bildung hingegen führt immer zu Konformismus und Anfälligkeit für Totalitarismen. Das hat Karl Popper vollständig übersehen. Platons Wort, wonach ein Übermaß an Freiheit die größte Gefahr aller Gefahren für den Bestand einer Polis ist, ist ungebrochen war.

"Eine neue Rückbindung an die lebendige Natur, an das Sein der Welt wagen"

L.I.S.A.: Sie stellen in Ihrem Buch fest, dass wir gegenwärtig an einer Zeitenschwelle stehen. Eine Beobachtung, die auch vielseits von Soziologen so konstatiert wird. Das Gefühl des Umbruchs beziehungsweise einer Krise des bestehenden politischen Paradigmas des Neoliberalismus scheint allgegenwärtig. Auch die Wissenschaft scheint in Zeichen der Fake News-Polyphonie kein stabiles Orientierungsgefüge mehr zu bieten. Sie plädieren auch aus diesen Beobachtungen heraus, das Verständnis von Platons Philosophie könne einen neuen Zugang zur Welt bieten, der nicht zuletzt die Natur und den sie umgebenden Kosmos stimmig und harmonisch miteinschließt. Heißt das, dass sich der Mensch wieder zurücknehmen, nicht mehr zum Maß aller Dinge machen und den Sophisten in sich verabschieden sollte?

Dr. Quarch: In einem berühmten Interview aus der Jahre 1966 sagte Martin Heidegger vor dem Hintergrund der neuer Informationstechnologie (in seiner Sprache „Kybernetik“), dass weder Philosophie noch Wissenschaft die allfällige Transformation der Weltgesellschaft herbeiführen könnten, sondern: „Nur ein Gott kann uns noch retten.“ In seinen „Nomoi“ sagt Platon: „Gott ist das Maß aller Dinge“, wobei der Gott, von dem er spricht, nichts anderes ist als das lebendige, schöne und stimmige Sein des Kosmos. Das Sein selbst zum Maß aller Dinge zu nehmen und uns dem Anspruch der Welt zuzuwenden, anstatt unserem eigenen Willen mit seinen Interessen und Bedürfnissen zu frönen und selbst fortwährend Ansprüche an die Welt zu erheben: Das dürfte das Programm einer geistigen Transformation sein, die die Menschheit heute braucht. Deshalb: Ja, wir werden den Herausforderungen von Klimawandel und digitaler Transformation nur gewachsen sein, wenn wir nicht länger uns selbst zum Maß aller Dinge machen, sondern eine neue Re-ligio – eine neue Rückbindung – an die lebendige Natur, an das Sein der Welt wagen. Sehr schön hat das der britische Romancier D.H. Lawrence auf die zutiefst platonische Formel gebracht: „Vitally the human race is dying. We are like a uprooted tree with its roots in the air. We must plant ourselves again in the universe.“

Dr. Christoph Quarch hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

SJEXSR