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Georgios Chatzoudis | 18.06.2015 | 2225 Aufrufe | Interviews

Philipp II. von Makedonien - ewig im Schatten Alexanders?

Interview mit Jörg Fündling über den Makedonenkönig

In der deutschsprachigen Forschung steht Philipp II. von Makedonien (382–336 v.Chr.) meist im Schatten seines berühmten Sohnes Alexander des Großen. Hier der verwegene und charismatische Welteroberer, dort der brutale und skupellose Herrscher über Makedonien, so das gängige und oberflächliche Narrativ. Der Althistoriker Dr. Jörg Fündling hat sich in seinem neuen Buch "Philipp II. von Makedonien" nun der Biographie und dem Wirken des Makedonenkönigs gewidmet. Warum sich ein eher negativ konnotiertes Bild Philipps II. in den Köpfen gefestigt hat, dazu haben wir ihn in diesem Interview befragt.

"Hierzulande stehen wir publizistisch noch ganz im Bann der Alexanderverehrung"

L.I.S.A.: Herr Dr. Fündling, Sie haben eine neue Studie zu Philipp II. von Makedonien vorgelegt. Warum haben Sie sich für eine Biographie des Makedonenkönigs entschieden? Was fasziniert Sie an Philipp II.?

Dr. Fündling: Daran war meine vorausgehende Biographie nicht ganz unschuldig. Philipp spielt in den Darstellungen des Übergangs vom klassischen Griechenland zum Hellenismus bis heute oft eine ganz ähnliche Rolle wie Sulla in der späten römischen Republik: Beide werden weithin zum Unruhe stiftenden Prolog für die vermeintlich „wirklich“ interessanten Abschnitte degradiert, eine Entscheidung antiker Historiker, die in der Moderne erstaunlich einflussreich geblieben ist. Nüchtern gesehen ist das ein völliger Anachronismus – zu Philipps besten Zeiten war er ein Akteur, den schlicht niemand übergehen konnte –, doch im Geschichtsbild hellenistischer oder kaiserzeitlicher Autoren kommt an dieser Prioritätensetzung gar kein Zweifel mehr auf. In der deutschsprachigen Forschung übrigens ebenso wenig; während inzwischen alle zwei, drei Jahre eine Philipp-Biographie auf englisch erscheint, stehen wir hierzulande publizistisch noch ganz im Bann der im 19. Jahrhundert geprägten Caesar- und Alexanderverehrung.

"Immer wichtiger wird in der wissenschaftlichen Wertung jetzt auch das Nachleben"

L.I.S.A.: Ihr Buch ist nicht das erste zu Philipp II., wenn man beispielsweise an die Bücher von Johannes Engels oder Gerhard Wirth denkt. Worin unterscheidet sich Ihr Ansatz?

Dr. Fündling: In beiden Fällen haben wir es mit Büchern eines ganz anderen Typs zu tun. Eine Biographie ist ihrer ganzen Anlage nach zwangsläufig kein Studienbuch, wie Johannes Engels es vorgelegt hat, und könnte es nie ersetzen; sie muss einen Weg finden, eine Person und ihren historischen Kontext – sei es in erzählender, sei es in eher essayistischer Weise – zueinander zu bringen. Gerhard Wirth seinerseits – der meine Bonner Studien- und Dozentenzeit mit seinem unverwechselbaren Profil ebenso mitgeprägt hat wie mit seiner Strahlkraft für die internationale Alexanderforschung - hat vor nunmehr dreißig Jahren eine äußerst kompakte, voraussetzungsreiche, beinahe handbuchartige Darstellungsform für sein Philipp-Buch gewählt. Berechnet war sie auf ein studentisches Lesepublikum mit sieben bis neun Jahren Lateinunterricht, überwiegend mit dem Graecum aus Schulzeiten in der Tasche und mit einem beträchtlichen Überblickswissen zum Verlauf der Antike insgesamt. Hier stellen sich heute in der Vermittlung und Darstellung neue Aufgaben; ich wähle – der Reihenkonzeption entsprechend – eine stärker erzählerische Form und lasse, so oft ich nur kann, die Quellen zu Wort kommen, schon weil wir zum Thema Philipp reichlich mit plakativen Formulierungen gesegnet sind. Dass die letzten Jahrzehnte allerhand Akzentverschiebungen, neue Forschungskontroversen und sogar einige Neufunde gebracht haben, versteht sich von selbst; zum Beispiel behaupten wir längst nicht mehr so genau zu wissen, wie sich die verschiedenen Ethnien Makedoniens voneinander abgrenzen lassen. Immer wichtiger wird in der wissenschaftlichen Wertung jetzt auch das Nachleben, die Rezeption des jeweiligen Phänomens, seine Uminterpretation und Indienstnahme; hier musste ich die überaus spannende Abfolge der Philipp-Bilder gerade im Zeichen des Nationalismus und Imperialismus wenigstens kurz andeuten.  

"Unser Vorwissen hat oft einen geradezu hypnotischen Effekt"

L.I.S.A.: Philipp II. steht in der Geschichte meist im Schatten seines Sohnes Alexander, der weit über die Antike hinaus als idealer, wenn auch tragischer Herrscher verehrt wird. Ihnen geht es in Ihrem Buch darum, sich Philipp nicht durch die typische „Alexanderbrille“ zu nähern. Ist das überhaupt möglich? Und falls ja, wie gelingt Ihnen das?

Dr. Fündling: Es ist mir wichtig, Geschichte als grundsätzlich „offenen“ Vorgang darzustellen, so gut ich kann. Teilnehmer und Zeitgenossen der Ereignisse wissen nicht und können nur höchst begrenzt voraussehen, wie es enden wird – in diesem Fall, dass Philipp zuletzt tatsächlich die Hegemonie über die griechische Staatenwelt erreichte oder dass Alexander als Herrscher nach Philipp kam (zwischendurch sah es nach beidem nicht aus!). Wir können und sollen nicht ausblenden, wie die Entwicklungen ausgegangen sind, nur hat unser Vorwissen oft einen geradezu hypnotischen Effekt: Unterschwellig schleicht sich die Idee einer schicksalhaften Bestimmung, einer Unvermeidlichkeit ein, die den Blick trübt. Sich aktiv gegen die scheinbare Zwangsläufigkeit zu stellen, an entscheidenden Punkten auf eine Vielzahl möglicher Entwicklungen hinzuweisen, sehe ich als eine biographische Hauptaufgabe an. Neuzeitliche Kritiker und Bewunderer des Makedonen verbindet erstaunlich oft ein und dieselbe perspektivische Verzerrung: die fixe Idee, er habe einen Langzeitplan abgearbeitet und dem Rest der griechischen Welt Schritt für Schritt seinen (je nach Lesart genialen oder diabolischen) Willen aufgezwungen – und schon sind wir im Bereich des Übermenschlichen, der missverstandenen historischen Größe. Paradoxerweise helfen die Quellen zu Philipp beim Versuch, ihn von Alexander zu lösen, stärker, als man auf Anhieb denken sollte. An eigentlicher Geschichtsschreibung ist frustrierend wenig von dem, was es einmal reichhaltig über den König gab, überliefert, und dieser Mangel an Details wie an Gesamtperspektiven lässt sich schwer ausgleichen; es ist immer viel bequemer, eine zweite oder dritte rebellische Meinung gegen die übergreifenden Deutungen antiker Vorläufer zu entwickeln, als mit vielen Einzelfragmenten zu arbeiten. Im Umkreis der Alexanderliteratur ist Philipp, wo er denn auftaucht, natürlich nur die Folie, der vielversprechende Vater eines großen Sohnes (Thomas Mann hat das seinem ehrgeizigen Sohn Klaus einmal als Widmung in ein Buch geschrieben...). Aber für die attischen Redner, voran Demosthenes, gibt es vor 338 v.Chr. fast gar keinen Alexander, dafür wird Makedonien zur langjährigen Streitfrage auch in der „Innenpolitik“ und zwischen den Berufspolitikern Athens. Philipp ist je nachdem Problemquelle Nr. 1 oder gar Staatsfeind Nr. 1; so oder so steht er im Zentrum der Debatten und liefert reichlich Redematerial. Alles reduziert sich hier auf eine Art Duell zwischen Athen und dem Makedonen. Und diese wiederum einseitige Sicht lässt sich verwenden, um die andere, ebenso einseitige in gewissem Maß zu kompensieren. Problematischer ist, dass wir über Philipps persönliches wie „berufliches“ Umfeld, seine Offiziere und Unterhändler, seine Bündnispartner in Griechenland und darüber hinaus deutlich weniger Nachrichten haben als über die Umgebung Alexanders; so erscheint der Aufstieg Philipps quellenbedingt weit stärker wie ein Ein-Personen-Stück, als einem nach den Maßstäben einer am Kontext orientierten, auf mehrere Dimensionen zielenden wissenschaftlichen Untersuchung lieb sein kann. Ähnlich schmerzhaft für einen Biographen, versteht sich, ist schließlich noch, wenn die Stimme der Hauptperson selten zu hören ist... aber das ist in der Antike nur in wenigen Glücksfällen anders.

"kultivierter Hellene, Eroberer, Beschützer, Vermittler"

L.I.S.A.: Woran liegt es, dass Philipp im Vergleich zu Alexander, dessen Leben idealisiert und romantisiert wurde, eher mit negativen Assoziationen verbunden ist - eben als grausam, herrschsüchtig, barbarisch, skrupellos etc.? Von wann an verfestigt sich in der Historiographie dieses Philipp-Bild? Und wieviel Anteil hat Philipp tatsächlich an diesem Bild?

Dr. Fündling: Alexander selbst hat den Vergleich mit Philipp von Anfang an eingefordert und auf Lob für den Vater äußerst gereizt reagiert. Unabhängig davon setzt sich in der griechischen Literatur sehr schnell die Geschichtserzählung durch, wonach Philipp der mutwillige, endgültige Zerstörer der hellenischen Freiheit war – nach ihm gibt es ja tatsächlich nie wieder die Chance, dass irgendeine Polis Außenpolitik betreiben kann, ohne sich durch übermächtige Monarchen zum Wohlverhalten, wenn nicht zur Unterwerfung genötigt zu sehen. Wohlwollende bis schmeichelnde Stimmen sind fast sofort aus der Konjunktur gekommen. Der Hass auf die Makedonen hat sogar deren Niederlage gegen Rom überlebt – Alexander in seiner erklärten Rolle als Rächer für die Perserkriege kommt hier insgesamt besser weg. Dagegen zeichnet die Überlieferung das Bild des einerseits teuflisch schlauen, andererseits triebgesteuerten und unberechenbaren, physisch überwältigenden Philipp – Philipps des Halbbarbaren, dem ein Monopol auf alle Charakterzüge verliehen wird, die sich in jahrzehntelangen zwischenstaatlichen Konflikten des sonstigen Griechenland ebenso reichlich finden lassen. Die bleibende Schwäche, die nun die Großmachtambitionen Athens und seiner Konkurrenten beendet, wird so gedeutet, dass man für einen solchen Gegner einfach zu anständig gewesen sei, zahlreiche „Verräter“ ausgenommen. Jenseits solcher Stereotype (die zur hochinteressanten Geschichte der verschiedenen Entwürfe einer gesamtgriechischen Identität gehören) hat der historische Philipp zweifellos eine beachtliche Fähigkeit besessen, in ganz verschiedene, am jeweiligen „Publikum“ orientierte Rollen zu schlüpfen. Teils tat er das unter dem Zwang, unterschiedlichsten Erwartungen zu genügen (als vitaler Elitekrieger, als Angehöriger der „internationalen“ Adelskultur, als Mitglied eines dynastischen Netzwerks, als kultivierter Hellene, Eroberer, Beschützer, Vermittler...), teils von sich aus, um nie zu berechenbar für seine Gegenspieler zu werden. Damit bediente er die Feindbilder, die Sie erwähnen, in Wort, Geste und Tat ganz von selbst. Anders als später sein Sohn fand er es auch vorteilhaft, die Ängste, die er auslöste, gezielt und gut sichtbar für sich einzusetzen. Und anders als für Alexander geht die philippfreundliche Überlieferung, die es durchaus gegeben hat, unter in der Lücke zwischen der Trauer um das zum Goldenen Zeitalter stilisierte Griechenland von 490 bis 338 und andererseits der Faszination für das „weltweite“ Ausgreifen griechischer Kultur und griechischsprachiger Machthaber, das nach und – so denkt man – dank Philipps Tod geschieht. Philipp hat das Überlegenheitsgefühl der Hellenen über den Rest der Welt erschüttert, im Alexanderzug und dessen Nachwirkung sehen sie es bestätigt.

"Damit wird Geschichte zur Waffe"

L.I.S.A.: Heute streiten sich Griechenland und Mazedonien um den Anspruch auf das historische Erbe der antiken Makedonen um Philipp II. und Alexander sowie der mit ihnen verbundenen Symbolik, wie beispielsweise den Stern von Vergina. Wie beurteilen Sie diesen Streit als Historiker? Warum können historische Persönlichkeiten, die vor mehr als 2.400 Jahre gelebt haben, heute noch die Gemüter derart erhitzen?

Dr. Fündling: Da muss ich weiter ausholen, um der Komplexität annähernd gerecht zu werden. So fern von unserer eigenen Erfahrungswelt, wie wir uns gern einreden, ist ein solcher Streit beileibe nicht. Noch heute hören wir ab und zu Stimmen, die aus der Varusschlacht 9 n.Chr. die Geburt eines deutschen Nationalgefühls machen wollen. Vielerorts ist antike Geschichte fester Teil heutiger Probleme und Krisen: Im Nahostkonflikt provoziert „Palästina“ als geographische Bezeichnung israelische Ohren, weil es sich dabei ursprünglich um eine Umbenennung der Provinz Judäa durch Kaiser Hadrian nach 135 handelt, als Strafe nach mehreren verlustreichen Aufständen. Womit der Begriff Vernichtungsängste weckt. Die Gedächtnisforschung spricht sehr anschaulich von „heißen“ und „kalten“ Formen, mit historischer Erinnerung generell umzugehen. Geschichte wird mit den Augen, aus dem Blickwinkel und weithin auch zur Selbsterklärung der eigenen Gegenwart geschrieben und gelesen – manche Zeiten und Phänomene lassen einen relativ kalt, auf andere berufen wir uns intensiv und definieren uns über sie, und auch die emotionale Heftigkeit dieses Vorgangs schwankt stark. So gesehen ist Gelassenheit gegenüber weiten Teilen der historischen Erinnerung gar nicht selbstverständlich. In Deutschland, wo die gedächtnisprägende Bezugsepoche schlechthin sich auf gerade zwölf Jahre verdichtet und noch dazu in einem abschreckenden Beispiel besteht, nicht etwa in „großen Momenten“, wo unsere euphemistisch gern „jüngste Vergangenheit“ genannte Schlüsselepoche praktisch als Bruchlinie zu den älteren Vergangenheiten wirkt, liegt der Fall äußerst speziell. Diese Gewichtung kann uns gegenüber Geschichtsmodellen anderer Gesellschaften und Zeiten zur Ratlosigkeit, schlimmstenfalls sogar zur Arroganz verführen: so, als wäre mit der bleibenden, nachdrücklichen Absage an die NS-Zeit (einen Tiefpunkt unter anderem auch des Geschichtsmisssbrauchs) schon jede Möglichkeit überwunden, selektiv oder problematisch mit Geschichte überhaupt umzugehen... und wäre es nur, weil es sich bei der restlichen Vergangenheit um harmlosen „alten Kram“ handelte. Im Streit um den Namen „Makedonien“ wie um das „Urheberrecht“ an dessen antiken Trägern und Symbolen haben wir es mit einem Phänomen der Moderne zu tun: mit den Mechanismen zur Legitimation von Nationalstaaten, mit der Konstruktion eines Staatsvolks als die Zeit überdauernde Einheit, mit dem Einfordern und Verweigern von Minderheitenrechten. Insofern begebe ich mich als Althistoriker da auf ein anderes Fachgebiet. Wie auch sonst in Europa gibt es in der Region keinerlei „natürliche“ Verbindung zwischen den politischen Außengrenzen und den kulturellen, ethnischen und religiösen Gegebenheiten, gibt es keine geschlossenen, homogenen, fraglosen Einheiten der historischen Entwicklung. Das Bedürfnis, mindestens den heutigen Zustand – eingetreten nach mehreren Wellen von Kriegen und Vertreibungen im Lauf weniger Generationen – als innerlich folgerichtig zu erklären und dadurch zu einer festen Größe zu erheben, ist beiderseits unausweichlich; die Angst, zum Opfer künftiger Grenzverschiebungen oder Zerfallsprozesse zu werden, ist es auch. Griechenland hat sein makedonisches Erbe vorwiegend in traumatischen Situationen wiederentdeckt, zuletzt besonders intensiv nach dem Ende der nationalistischen Militärdiktatur, als die Königsgräber von Vergina sehr gezielt zum Garanten einer im Wesentlichen unversehrten, nicht korrumpierten Identität überhöht wurden. Nur lagen diese Gräber bis 1912 noch auf türkischem Gebiet, waren im Jahr zwischen den beiden Balkankriegen bulgarisch und die griechische Region Makedonien ist stark durch Nachkommen der 1922 aus Kleinasien vertriebenen Pontos-Griechen geprägt! Vergina und die makedonische Tradition jetzt ideell „teilen“ zu sollen lässt griechischerseits alte Ohnmachtserfahrungen und Gefühle der Demütigung aufbrechen. Mazedonien, ein Staat, der sozusagen gerade erst geboren ist, wird umgekehrt schon durch seinen Namen auf ein Mittel verwiesen, seine Existenz als zwangsläufig und historisch gerechtfertigt hinzustellen, weil es sonst fürchten muss, zu einem Zufallsprodukt des jugoslawischen Zerfalls erklärt zu werden und schlimmstenfalls in einer „Heimholung“ seiner starken ethnischen Minderheiten durch Nachbarstaaten unterzugehen, die teilweise lautstark an seinem Existenzrecht zweifeln. Sogar über den Anspruch der Mazedonier, als eigenständige ethnische Gruppe zu gelten, wird regelmäßig gestritten; die Angst, zwischen Albanien, Griechenland, Bulgarien und Serbien zerrieben zu werden, ist offensichtlich. Daraus ergeben sich in beiden Ländern konkurrierende Ansprüche, die makedonische Identität fortzuführen, die nur eins verbindet: die Überzeugung, dass diese Identität kein gemeinsamer Besitz beiderseits der Grenze sein könne, und eine Angst für den Fall, dass sie einem abgesprochen wird. Wer Makedonien für sich reklamiert, scheint es dem anderen wegzunehmen, zumindest ideell und vielleicht auch in Form von Geistesansprüchen, und damit wird Geschichte zur Waffe. Das Bedürfnis nach Kontinuität hat – hier wie anderswo – zunächst einmal nichts mit den Gegebenheiten zu tun, es schafft bei Bedarf eigene Realitäten, was wir übrigens schon in antiken Abstammungslegenden sehen. Makedonien als antikes Königreich war zu keinem Zeitpunkt eine territorial oder ethnisch klar umrissene Größe, sondern wuchs oder schrumpfte mit den Möglichkeiten des jeweiligen Königs. Philipp selbst und seine unmittelbaren Vorfahren formulierten dann „uralte“ Gebietsansprüche und stellten sich als Nachkommen einer Adelsfamilie aus Argos hin, damit als zweifelsfreie Griechen; Philipp-Gegner wie Demosthenes erklärten „die“ Makedonen umgekehrt samt und sonders zu zweifelsfreien Barbaren. Schon das zeigt, wie mehrdeutig auch damals die Frage war, was einen „echten“ Griechen oder auch Makedonen ausmachte. Obendrein galten ganz andere Kriterien, worin „Abstammung“ bestand, als die Volks- und Kulturdefinitionen der Romantik und des Nationalismus – alle Beteiligten von damals hätten dementsprechend die Kontroverse in der Gegenwart schlicht nicht verstanden, geschweige denn Partei nehmen können. Nüchtern betrachtet haben heutige Einwohner der einstigen makedonischen Kronländer etwa soviel oder so wenig mit den „Ur“-Makedonen zu tun, wie ein Rheinländer „echter“ Germane, Kelte oder Gallorömer ist. In beiden Fällen gibt es weder eine direkte noch eine exklusive Fortsetzung der Politik, Gesellschaft und Kultur von damals in der Gegenwart. Der Schritt, den man sich wünscht, wäre natürlich die Einsicht, dass ein Bekenntnis zum gemeinsamen Kulturerbe spannungsabbauend wirkt, dass Teilen dieses Erbes verbindet und bereichert; wie wenig selbstverständlich eine solche Position ist und wie mühsam der Weg dahin, das vergessen wir zu oft. 

Dr. Fündling hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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