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Georgios Chatzoudis | 24.09.2017 | 1011 Aufrufe | Artikel

Peter Trawny zur Debatte um "Deutsche Kultur"

Ein Meinungsbeitrag

Der Philosoph Prof. Dr. Peter Trawny von Bergischen Universität Wuppertal setzt die von Prof. Dr. Jörn Rüsen angestoßene Debatte über "Deutsche Kultur" fort. Wir hatten Peter Trawny bereits anlässlich seine Publikation "Was ist deutsch?" vor gut einem halben Jahr befragt

Wer mag Hund? Eine Überlegung zum Verhältnis von Kultur und Klischee Prof. Dr. Peter Trawny

Schon vor einiger Zeit hat die SPD-Politikerin Aydan Özoguz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, gesagt, dass „eine spezifisch deutsche Kultur, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“ sei. Bald schrie man auf, bald argumentierte man dagegen. Das zweite taten im hiesigen Meinungsportal Jörn Rüsen und Dieter Borchmeyer, der eine einer der wichtigsten deutschen Historiker der letzten Jahrzehnte, der andere ein weit respektierter Literaturwissenschaftler, der vor kurzem ein monumentales Buch über das Deutschsein vorgelegt hat.

Wenn Özoguz darauf verweist, dass das Grundgesetz ausreichen muss, um ein gelingendes Zusammenleben in Deutschland zu gewährleisten, reformuliert sie den alten Habermas’schen „Verfassungspatriotismus“, dem Viele an vielen Orten und zu vielen Gelegenheiten widersprochen haben. Klar, das Grundgesetz ist eine abstrakte Voraussetzung unseres Zusammenlebens. Das bestreitet niemand. „Patriotismus“ lässt sich auf ihm nicht begründen – jedenfalls nicht in Deutschland.

Aber wichtiger scheint mir zu sein, dass Özoguz’ Aussage eine Forderung impliziert: diejenigen, die in Deutschland bleiben und leben wollen, müssen die deutsche Sprache erlernen. Das ist in der Tat der Schlüssel, der eine Tür öffnet. Wozu? Zu einer Welt und einer Geschichte, die sich in dieser Sprache manifestieren. Wer in Frankreich Französisch lernt, kommt nicht daran vorbei, eine Welt kennenzulernen, die sich von der deutschen, türkischen oder brasilianischen unterscheidet. Sprache ist nie nur Kommunikation.

Und hier kommt dann das zu tragen, was Özoguz in ihrer m.E. durchaus berechtigten Abwehr der Instrumentalisierung des Wortes „Leitkultur“ ein „Klischee des Deutschseins“ nennt. Die Zugehörigkeit zu einer Kommunität ist nämlich in ihren ersten Formen tatsächlich „klischeehaft“. Essen, Trinken, Grußformen, Interaktionen im Supermarkt und auf dem Arbeitsamt, das Gespräch mit einem deutschen Vermieter oder dem Postboten. Es ist kaum zu ignorieren, dass diese Interaktionen von spezifischen generationsübergreifenden Gewohnheiten geprägt sind.

Ein Deutscher, der in einem Restaurant in Shanghai Hund serviert bekommt (was nicht häufig vorkommen dürfte), wird wahrscheinlich sehnsüchtig an seinen eigenen „besten Freund“ denken, kein Bissen anrühren und nicht selten über diese herzlosen Chinesen herziehen. Ein Lateinamerikaner, der es mit der pflichtgemäßen Kälte des deutschen Technokraten auf dem Ausländeramt zu tun bekommt (was ist „Integrationsbeauftragte“ überhaupt für ein Wort?), kann Heimweh haben und im Hintergrund die deutsche Geschichte drohen sehen.

Und dabei ist es durchaus so, dass die angestammten Lebensweisen bei aller Gastfreundlichkeit ein Gewohnheitsrecht beanspruchen dürfen, anerkannt zu werden. Gastfreundlichkeit darf erwarten, dass sie nicht missbraucht wird. Der Deutsche, der überall in der Welt das technokratische know-how effizienter Organisation erwartet, ist genauso fehl am Platz, wie der Afrikaner (es gibt viele verschiedene Afrikaner …), der überall in der Welt eine ihm eigentümliche Lebensweise antreffen will. „Fehl am Platz“ bedeutet hier, dass die andere Welt, in der ich mich als Fremde, als Gast und dann vielleicht als Bleibende bewege, aus einem eigenen Gewebe von Lebensweisen besteht, das von mir erwarten darf, beachtet zu werden. Bin ich bereit, dieser Erwartung zu entsprechen, kann ich nicht fehl am Platze sein. Übrigens bedeutet Beachten nicht Übernehmen.

Das aber darf nun wiederum auch nicht so aufgefasst werden, dass die Interaktion mit Anderen aus einem Aufeinanderprallen von in sich geschlossenen Lebensformen besteht. Nein: Ich würde dafür plädieren, dass von Menschen des 21. Jahrhunderts eine Bereitschaft gefordert werden darf, sich der Fremdheit des Anderen (natürlich gibt es sie!) in gewissen Grenzen auszusetzen. In der Mobilität unserer Welt ist die Begegnung mit Anderen und Fremden unvermeidlich. Nicht selten gehört eine Art von Arbeit dazu, sich dem Fremden zu öffnen. Nur so lernt man, in dieser Welt zu leben. Das gehört heute zur Bildung.

Ich möchte abschließend behaupten, dass das Verhältnis von Sprache und der je zu ihr gehörenden Welt wenig mit den Gipfelzügen der jeweiligen Geistesgeschichte zu tun hat. Diese bilden in den verschiedenen Welten selbst Sonderdiskurse aus, von denen die Mehrheit keine Ahnung hat und haben will. Einem syrischen Flüchtling mit Hölderlin zu kommen ist heute genauso absurd, wie es Jahrhunderte lang absurd war, einem Deutschen mit Hölderlin zu kommen. Dem liegt ein Missverständnis von dem zugrunde, was nicht nur im 21. Jahrhundert „Kultur“ genannt werden kann. Doch hier beginnt eine andere Diskussion.

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