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Prof. Dr. Manfred Clemenz | 10.12.2015 | 1640 Aufrufe | Artikel

Liebe, Unterwerfung, Zerstörung

Heinrich von Kleists „Penthesilea“ im Schauspiel Frankfurt

Kleists „Penthesilea“ handelt, wie auch „Michael Kohlhaas“, von Unterwerfung und Zerstörung in einem sozialen und kulturellen Kontext - und von Liebe in ihrer extremsten Form. Kleist hielt seine „Tragödie“ für unspielbar, sie wurde erst 65 Jahre nach seinem Tod erstmals aufgeführt. Umso größer sind die Schwierigkeiten, dieses Stück aufgrund der notwendigen Kürzungen und der Komplexität des Textes kongenial aufzuführen.

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"Männer haben keinen Platz im Reich der Amazonen"

Vordergründig ist „Penthesilea“ „nur“ eine Liebesgeschichte mit katastrophalem Ausgang, mit einem Blick in die Abgründe erotischen Begehrens. Auch die Frankfurter Inszenierung Michael Thalheimers, ein großartiger Interpret klassischer Dramen, ist diesem Vorurteil – so jedenfalls der Eindruck des Berichterstatters - nicht ganz entgangen. Zu verstehen ist die „Liebesgeschichte“ von Penthesilea und Achill nur vor dem Hintergrund eines Zusammenpralls zweier unterschiedlicher Kulturen: der matriarchalischen Kultur der Amazonenkönigin Penthesilea und der patriarchalischen Kultur des Griechenfürsten Achill. Für beide ist klar und eindeutig: eine Liebesbeziehung kann es nur bei Unterwerfung unter die jeweiligen Normen der eigenen Kultur geben. Achill geht ganz selbstverständlich davon aus, dass die von ihm im Kampf besiegte Penthesilea ihm nach Griechenland folgt, dort zwar als Königin auf den Thron kommt, zugleich aber den Begrenzungen einer patriarchalischen Kultur unterworfen ist. Für Penthesilea ist gleichermaßen klar, dass Achill ihm ins Reich der Amazonen folgt, dort der Zeugung des Nachwuchses dient und - dem Amazonengesetz zufolge – nach einiger Zeit wieder entlassen wird, nicht getötet, wie gelegentlich unterstellt wird. Männer haben keinen Platz im Reich der Amazonen. Es geht um das Problem, wer sich wem unterwirft. Kleist hat dies im 16. Auftritt seines Stückes unmissverständlich klar gemacht:  

Achill: Nicht nach Themiscyra folg ich dir, Vielmehr du, nach der blühenden Phtia, mir, Denn dort, wenn meines Volkes Krieg beschlossen, Führ ich dich jauchzend hin, und setze dich, Ich Seliger, auf meiner Väter Thron. Penthesilea: Wie? Was? Kein Wort verstehe ich.  

Tertium non datur. Der Dissens zwischen Achill und Penthesilea ist unauflösbar, lediglich suspendiert durch neue kriegerische Auseinandersetzung zwischen Amazonen und Griechen vor den Toren Trojas. Achill unternimmt einen weiteren Versuch, Penthesilea zu gewinnen, indem er sie zu einem Scheinkampf herausfordert, in welchem er, kaum bewaffnet, sich Penthesilea – zumindest äußerlich - unterwerfen will beziehungsweise muss: Für Achill lediglich eine „Grille“ Penthesileas, die sie jedoch für „heilig“ erachtet. Penthesilea, die davon ausgeht, dass Achill sie erneut im Kampf demütigen will, ist in ihrer Liebe zu Achill gleichsam zu Tode gekränkt, verkennt die Geste Achills und tötet ihn mit einem Pfeil in den Hals.   

"Sie meistern den schwierigen, betörend schönen Text Kleists bravourös"

Nun beginnt die finale Runde im Liebeskampf, zwischen einem Toten und einer Lebenden, fälschlicherweise als Kannibalismus verstanden „In des Verstandes Finsternis“ zerreißt sie Achill mit ihren Hunden und schlägt ihre Zähne „in seine weiße Brust“. Kleist selbst hat es drastischer noch formuliert: „Sie hat ihn wirklich aufgegessen, den Achill, vor Liebe“ schreibt er an Maria von Kleist. Entscheidend ist dabei, dass Penthesilea, noch immer in Trance, unterscheidet, dass der Tod Achills im Kampf zwar rechtens gewesen sei, nicht aber die Schändung seines Leichnams. Erst als sie erkennt, dass sie selbst die Tat begangenen hat, rechtfertigt sie diese: „Küsse und Bisse, Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andere greifen“. Ein „Versehen“ fügt sie scheinbar ungerührt hinzu (24. Auftritt). Es ist natürlich kein Versehen, sondern die ultimative Zuspitzung einer Liebe, die auf Unterwerfung und Besitz zielt. Erst indem sie sich Achill gleichsam einverleibt, besitzt sie ihn ganz. Nach dem Tod des Geliebten muss sie sich geradezu zwangsläufig selbst töten, aus Reue, aber auch weil es kein „weiter“ gibt. Es gibt wohl kein Stück, in welchen die Beziehungsstruktur der „jouissance“ (Lacan), des absoluten Besitzes des Anderen anstelle des symbolvermittelten „Begehrens“, so eindrucksvoll beschrieben wurde wie Kleist.  

Aber auch damit ist die Bedeutungsdichte des Stückes keineswegs ausgeschöpft. So lässt sich etwa die Figur der Penthesilea (mit der Kleist sich vermutlich identifizierte) auch ein Stück weit gegenläufig interpretieren. Zumindest in einem Punkt nämlich verstößt Penthesilea gegen die Normen ihrer Kultur: Sie hat sich das Objekt ihrer Liebe eigenmächtig auserwählt. Damit verkörpert sie das neuzeitliche, romantische Ideal der individuierten Liebe, gegen den Zwang kultureller Konformität.  

Das Bühnenbild (Olaf Altmann) mit einer steil ansteigenden Pyramide, auf deren Spitze Penthesilea zunächst wie eine mater dolorosa mit einem toten Achill/Christus thront, ist – ähnlich wie in Thalheimers legendärer „Medea“ – überzeugend. Ebenso die Leistungen der Schauspieler (Constanze Becker als Penthesilea, Felix Rech als Achill und Josefin Platt, die die Kommentare der Nebenfiguren spricht). Sie meistern den schwierigen, betörend schönen Text Kleists bravourös. Ein Regieproblem bleibt freilich (der teilweise verhaltene Beifall mag darauf zurückzuführen sein): da die beiden Protagonisten auch kommentierende Textstellen sprechen müssen, wirkt der dann wieder einsetzende Dialog gelegentlich künstlich. Aber dies ist eher ein Randproblem einer rundum gelungenen Aufführung.         

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