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Georgios Chatzoudis | 17.03.2020 | 333 Aufrufe | Interviews

"Paradox aus Diskurskrise und Dialogsehnsucht"

Interview mit Stefanie Molthagen-Schnöring und Dietmar Molthagen über Kommunikation

Man kann nicht nicht kommunizieren, so das bekannte Diktum des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Gemeint ist damit, dass gelungene Kommunikation nicht auf die Wahl der richtigen Worte reduziert werden kann, sondern dass wir vielfältige Modi einsetzen, wenn wir uns kommunikativ zueinander verhalten. Dazu gehört nicht zuletzt, sich über die eigene Form der Kommunikation bewusst zu sein und sich in die Erwartungen des Empfängers hineinzudenken. Gegenwärtig wird die Art, wie wir über- und miteinander sprechen, als besonders roh empfunden, eine Verrohung der Sprache als aktuelles Übel beklagt. Hassreden, Hetze und Beleidigungen aller Art bestimmten die Kommunikation, insbesondere in den Sozialen Medien. Eine allgemeine Diskurskrise wird demzufolge diagnostiziert. Und hier setzen die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring und der Politkwissenschaftler Dr. Dietmar Molthagen mit ihrem Buch an. Ihre These: Der Diskurskrise kann nur mit mehr Dialog begegnet werden. Wie haben ihnen dazu unsere Fragen gestellt.

"Krisenwahrnehmung in Bezug auf den Dialog in Deutschland"

L.I.S.A.: Frau Prof. Dr. Molthagen-Schnöring, Herr Dr. Molthagen, Sie haben ein gemeinsames Buch veröffentlicht, das den Titel „Lasst uns reden!“ Wie Kommunikation in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gelingt trägt. Bevor wir zu einigen Details kommen, was hat Sie zum Verfassen dieses Buchs bewogen? Welche Beobachtungen gingen dem voraus?

Prof. Dr. Molthagen-Schnöring / Dr. Molthagen: Unser Buch nimmt seinen Ausgangspunkt bei einem Paradox, das wir beobachten: Einerseits gibt es seit einiger Zeit eine Krisenwahrnehmung in Bezug auf den Dialog in Deutschland. Zuletzt hat beispielsweise Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache zum wiederholten Mal dazu aufgerufen, die Deutschen sollten mehr und über Meinungsgrenzen hinweg miteinander reden. Auf der anderen Seite beobachten wir eine starke Bereitschaft zum Dialog – in verschiedenen Veranstaltungsformaten vom großangelegten Projekt „Deutschland spricht“ u.a. von der Süddeutschen Zeitung initiiert bis zu hin zu dem kleinen privaten Salon in unserem Berliner Wohnzimmer. Zudem wird in den sozialen Medien permanent kommuniziert und auch in den redaktionellen Medien so viel wie wohl noch nie über das miteinander Reden nachgedacht. Unser Buch analysiert einerseits dieses Paradox aus Diskurskrise und Dialogsehnsucht und leitet aus den Beobachtungen von stattfindenden Dialogen in Politik, Wirtschaft und Medien Praxistipps für ein gelingendes Gespräch ab.

"Der zentrale Raum der gesellschaftlichen Debatte sind Medien"

L.I.S.A.: Ihr Appell „Lasst uns reden!“ richtet sich weniger an die Kommunikation im Privaten, sondern an das Gespräch im öffentlichen Raum. Wer sind hier eigentlich die Akteure, die Sie im Blick haben? Und welcher Raum beherbergt heute das öffentliche Gespräch vor allem – der physische, der mediale oder der virtuelle? Wie ist in diesem Zusammenhang Ihr Rat gemeint, wichtige Debatten sollten offline geführt werden?

Prof. Dr. Molthagen-Schnöring / Dr. Molthagen: Allen Abgesängen auf „die Medien“ zum Trotz: Der zentrale Raum der gesellschaftlichen Debatte sind Medien. Nur wenn Positionen Verbreitung finden, kann ein breiter Dialog entstehen. Jede und jeder kann sich selbst prüfen: Wie viel von unserer politischen Meinung, unserer Sicht auf die Gegenwart und unseren Zukunftserwartungen basiert auf eigenem Erleben und wie viel auf medialen Informationen? Wir sind überzeugt, in der Regel überwiegt letzteres.

Das bedeutet aber nicht, dass wir Medienunternehmen, Redaktionen und Journalist/innen als alleinige Akteur/innen der öffentliche Debatte sehen. Das Anliegen unseres Buches ist hingegen, dass alle Akteur/innen sich Gedanken machen, wie sie in ihrem Bereich Dialoge fördern können – als Politiker/in, als politische Institution, als Unternehmen, als Redaktion aber auch als ganz normaler Bürger oder Bürgerin. Daher der titelgebende Appell „Lasst uns reden!“ Wenn man dann miteinander redet, Argumente austauscht, nicht nur sendet, sondern auch empfängt, tut das dem jeweiligen Dialog gut und stärkt das demokratische Miteinander insgesamt.

"Redaktionelle Medien sollten sich unabhängiger von sozialen Medien machen"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt die Kommunikation der sogenannten Mainstream-Medien, also der traditionellen Medien aus Presse, Funk und Fernsehen, für die Art und Weise, wie Debatten heute öffentlich geführt werden? Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen plädiert in seinem vielbesprochenen Buch Die große Gereiztheit für eine öffentliche Kommunikation nach redaktionellem Ethos. Ist das die Lösung, wenn man daran denkt, dass Medienlogiken inzwischen oft Erregungslogiken folgen?

Prof. Dr. Molthagen-Schnöring / Dr. Molthagen: Gerade in den Kapiteln zu privaten Dialogen und zu Mediendialogen loben wir das analoge, direkte Gespräch zwischen Menschen. Das kann kein Social-Media-Post ersetzen. Wir sehen die Kommunikation in sozialen Medien kritisch, da hier eben vor allem gesendet, aber wenig zugehört wird. Und weil mittlerweile gut erforscht ist, dass die Mechanismen sozialer Medien negative Emotionen wie Wut oder Angst fördern.

Auch redaktionelle Medien folgen den von Pörksen beschriebenen Erregungslogiken – wir alle bewegen uns ja sowohl im analogen als auch im digitalen Raum. In dem Kapitel über Dialoge in den Medien plädieren wir dafür, dass redaktionelle Medien sich unabhängiger von sozialen Medien machen sollten. Tweets von Zuschauer/innen bieten beispielsweise keinen informationellen Mehrwert in der Tageschau. Klassische Medien können selbstbewusst auftreten, denn angesichts des Überflusses an Informationen ist eine redaktionelle Einordnung nachgefragter denn je. Insofern würden wir empfehlen: weniger #Umweltsau und mehr Berichterstattung über die Details des politischen Ringens um Klimaschutzgesetze.

"Das geht heutzutage nicht mehr ohne eine klare Haltung"

L.I.S.A.: Interessant ist, dass Sie der Wirtschaft in Form von Unternehmen eine gesellschaftspolitische Rolle beim Austragen von öffentlichen Debatten zusprechen. Die Wirtschaft solle sich in gesellschaftspolitischen Debatten positionieren, so der Titel des entsprechenden Kapitels in Ihrem Buch. Geht man davon aus, dass Unternehmenskommunikation dem Ziel verpflichtet ist, Unternehmens- bzw. Marktinteressen zur Maximierung des Profits zu artikulieren, wie steht es dann um die Glaubwürdigkeit, wenn Unternehmen Positionen beziehen, die vielleicht sogar gegen die eigenen Interessen gerichtet sind? Um es zuzuspitzen: Wie glaubwürdig ist es, wenn sich ein Erdölkonzern öffentlich für den Ausbau des Schienenverkehrs ausspricht oder – um es aktuell zu machen -, wenn sich energieintensive Unternehmen mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg solidarisieren? Ist Unternehmenskommunikation nicht auch immer zugleich Marketing und Public Relations im Dienste des Unternehmens?

Prof. Dr. Molthagen-Schnöring / Dr. Molthagen: Natürlich agiert und reagiert kein Unternehmen uneigennützig: In erster Linie geht es darum, die eigenen Produkte und Dienstleistungen an den Mann oder die Frau zu bringen. Aber das geht unseres Erachtens heutzutage nicht mehr ohne eine klare Haltung, die dann natürlich glaubwürdig sein muss, d.h. Worten und Taten müssen übereinstimmen. Konsument/innen erkennen sehr schnell, was „nur“ Marketing ist und wo Unternehmen neben ihren Interessen auch die der Gesellschaft im Blick haben. Sich mit kurzfristigen Trends gemein zu machen, wird einem Unternehmen mittel- und langfristig eher schaden. Davon abgesehen muss ein Unternehmen ja nicht nur senden, sondern sollte auch empfangen: Was sind die Bedürfnisse meiner Stakeholder, und damit meinen wir ganz explizit auch die eigenen und potentielle Mitarbeiter/innen, denn die möchten auch in Unternehmen arbeiten, auf deren Position sie stolz sind und mit der sie sich identifizieren können.

"Dialoge sind kein geeignetes Mittel gegen Extremismus"

L.I.S.A.: Zum Schluss Ihres Bandes gehen Sie auf die Kommunikation mit Anhängern extremer politischer Positionen ein. Bereits vor einigen Jahren hatte das Buch „Mit Rechten reden“ eine kontroverse Debatte ausgelöst. Sie halten Sprachlosigkeit für keine Lösung und treten für den Dialog mit allen ein. Wie aber kann der aussehen, wenn Wahrnehmung und Verständnis von Gegenwart und Geschichte sich nicht nur diametral entgegen stehen, sondern nicht mal mehr auf einer Ebene angesiedelt sind? Was sind Ihre Vorschläge, um das Gespräch aufrecht zu erhalten? Und wo verläuft bei Ihnen die Grenze?

Prof. Dr. Molthagen-Schnöring / Dr. Molthagen: Um diese komplexe Frage zu beantworten, benötigen wir im Buch über zwanzig Seiten. Aber wir versuchen es hier knapp zusammengefasst. Die Verweigerung von Dialog ist keine Lösung, wenn man das Miteinander in einer heterogenen Gesellschaft fördern will. Das bedeutet aber nicht, immer mit allen sprechen zu müssen. Gerade in Dialogen mit Funktionären oder Sympathisanten der rechtspopulistischen Bewegung ist der Kontext eines Gesprächs wichtig. Wir zeigen im Buch auf, anhand welcher Kriterien sich die Entscheidung für oder gegen einen Dialog begründen lässt. Verlässt mein Gesprächspartner den Boden des Grundgesetzes, wertet Menschengruppen pauschal ab oder verharmlost den Holocaust, ist kein Dialog sinnvoll.

Dialoge sind aber ohnehin kein geeignetes Mittel gegen Extremismus. Der Gedanke, dass extremistisch orientierte Menschen durch eine Diskussion von demokratischen Werten überzeugt werden können, ist naiv. Wir wissen aus der Deradikalisierungsarbeit mit rechtsextremen Straftätern, dass ein solcher Prozess multidimensional und über einen längeren Zeitraum verläuft.

Statt einer Fokussierung auf Dialoge mit Extremist/innen geben wir in dem Schlusskapitel unseres Buches Tipps, wie man sich auf schwierige Gespräche vorbereiten kann – etwa zu den Aufreger-Themen Flucht und Migration, Parteien, Meinungsfreiheit oder Klimaschutz. Die Umgebung, in der ein solches Gespräch stattfindet, spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Frage nach einer Moderation, das Formulieren von Ich-Botschaften und das Unterbinden von Themenhopping. Nicht zu empfehlen ist hingegen die Überzeugung, allein im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein.

Prof. Dr. Stefanie Molthagen-Schnöring und Dr. Dietmar Molthagen haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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