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Georgios Chatzoudis | 05/10/2011 | 4552 Views | 1 | Interviews

"Pakistan und die USA bleiben aufeinander angewiesen" – Pakistan nach der Tötung bin Ladens

Interview mit Dr. Thomas K. Gugler

Dr. Thomas K. Gugler ist Islamwissenschaftler und Experte unter anderem für Pakistan, den Islam in Europa und islamische Reformbewegungen in Südasien. Sein aktuelles Forschungsprojekt hat den Titel: Postislamismus aus Pakistan - Modernität islamischer Mission in religionsökonomischer Perspektive.

Das Projekt wird von der Gerda Henkel Stiftung gefördert.

Dr. Thomas K. Gugler, Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung

"Es gab Vermutungen, dass bin Laden beschützt wird"

L.I.S.A.: Die Berichterstattung über die Meldung von bin Ladins Tod wird von Tag zu Tag widersprüchlicher und wirft immer neue Fragen auf. Was ist nach Ihren Informationen beim Sturm auf das Haus, in dem sich Osama bin Ladin inmitten einer Großfamilie versteckt gehalten haben soll, geschehen?

Dr. Gugler: Bereits vor einiger Zeit wurde Osama bin Ladin von amerikanischen Sicherheitsbehörden im pakistanischen Abbottabad lokalisiert, wo er die letzten fünf Jahre in einer abgeschirmten Villa in direkter Nähe zur führenden Militärakademie des Landes lebte. Der britischen General Sir James Abbott (1807-1896) gründete die Garnissonsstadt Abbottabad 1853 und auch heute wählen viele ehemaligen Militärs sie für ihren Wohnsitz im Ruhestand. Tausende von Soldaten leben in der Stadt. In informierten Sicherheitskreisen wurde bereits seit längerer Zeit vermutet, dass Osama bin Ladin von Teilen des Geheimdienstes ISI des pakistanischen Militärs beschützt wird und sich daher in einem militärdominierten Wohnviertel außerhalb des afghanisch-pakistanischen Grenzgebietes aufhalten könnte.

In der Nacht von Sonntag zu Montag, gegen 1:00 h Ortszeit am 02. Mai, stürmten zwei Teams von je 12 Mann aus Jalalabad, Afghanistan, die mit zwei neuartigen Tarnkappenhelikoptern eingeflogen wurden, die Residenz. Während der 38-minütigen Militäroperation mit dem von Indianern kritisierten Decknamen „Geronimo“ durchsuchten die Elitesoldaten der Navy SEALs (SEa Air and Land) systematisch den Gebäudekomplex. Ziel der Mission war offenbar die Meldung „Geronimo E-KIA“ (Geronimo Enemy Killed in Action). Dabei wurden neben der Zielperson Osama bin Ladin drei weitere Männer scheinbar aus nächster Nähe durch Kopfschüsse getötet, u.a. offenbar Osamas Sohn Khalid. Außerdem kam eine Frau ums Leben als sie im Kugelhagel vor ihren Ehemann kam. Im Haus selbst gab es nach den pakistanischen Untersuchungsergebnissen keinen Schusswechsel, d.h. es wurde einseitig geschossen. Nach amerikanischen Angaben wurde aus dem Gästehaus, neben dem Hauptgebäude, durch eine Tür hindurch auf amerikanische Soldaten geschossen.

Die Elitesoldaten sprengten den Teil eines Tarnkappenhubschraubers, der innerhalb der Außenmauern lag (der hintere Teil des Hubschraubers wurde offenbar während der Landung von der Außenmauer abgetrennt) und verließen in dem verbleibenden Stealth-Helikopter mit dem Leichnam Osama bin Ladins Pakistan in Richtung Afghanistan. Bruchstücke der bislang unbekannten Stealthtechnik des Hubschraubers fielen damit in pakistanische Hände. Nach der Identifizierung des Leichnams mittels Gesichtsrekonstruktionstechnik und DNS-Analyse wurde dieser auf den Flugzeugträger USS Carl Vinson gebracht und von dort aus wurden die sterblichen Überreste in einem beschwerten Sack irgendwo im nördlichen Teil des arabischen Meers der See übergeben, nachdem scheinbar kein in Frage kommendes Land bereit war, den Leichnam zu übernehmen. Nach offiziellen Angaben hat dabei ein Militärangestellter englischsprachige islamische Texte verlesen, die von einem Übersetzer auch auf Arabisch widergegeben wurden.

Diese Bestattungsart wurde kritsiert, da der Islam die Erdbestattung mit Gesicht in Richtung Mekka vorschreibt. Das Pentagon stellte die Veröffentlichung des Bestattungsvideos in Aussicht.

In der Neuerscheinung “Mission Medina” (Ergon 2011) analysiert Thomas K. Gugler Phänomene des Postislamismus in Pakistan.

"Ich halte die bisherigen Berichte für glaubwürdig"

L.I.S.A.: Bisher haben wir Informationen über bin Ladins Tod nur aus US-amerikanischen Regierungsquellen? Wie schätzen Sie die Informationspolitik der US-amerikanischen Regierung ein? Wie glaubhaft sind die bisherigen Berichte?

Dr. Gugler: Nachdem erst pakistanische Behörden den Tod Osama bin Ladins bestätigten, tat dies am 06. Mai auch al-Qaida mit einem auf den 03. Mai zurückdatierten post auf ihren diversen offiziellen Internetfora wie al-Fajr Media usw. Damit sind auch letzte Zweifel am Tod Osama bin Ladins ausgeräumt. Aber auch die bisherigen Berichte waren, auch wenn nicht alle Details oder Dokumente wie Bildmaterial etc. der Öffentlichkeit bekanntgegeben wurden, grundsätzlich glaubwürdig. Gleichzeitig gehören kleinere Falschangaben zu Detailfragen zum politischen Tagesgeschäft und bei solch einem bedeutungsvollem Ereignis werden diese von Medienvertretern natürlich ganz genau geprüft. Kleinere Beschönigungen gab es zum Beispiel zur Beteiligung der pakistanischen Sicherheitsbehörden – eine Äußerung, die eine diplomatische Krise zwischen beiden Ländern herunterspielen sollte - zum angeblichen Schusswechsel während der Operation, die eine Liquidierungsaktion war und wohl zu keinem Zeitpunkt wie aufgrund juristischer Bedenken behauptet auf eine mögliche Gefangennahme bin Ladins abzielte sowie vermutlich über die Gewinnung der Informationen, die zur Lokalisierung Osama bin Ladins führten.

Nach indischen Medienangaben hatte der indische Geheimdienst die Amerikaner bereits im Sommer 2007 und nochmal 2008 darauf hingewiesen, dass sich Osama bin Ladin unweit Islamabads in einem militärischen Wohngebiet aufhalte – eine Erkenntnis, die die Inder durch Bewegungsprofile von bin Ladin-Vertrauten gewonnen haben wollen, ganz ohne Guantanamo-Häftlinge verhört zu haben. Solche beschönigenden Sprachregelungen sind für zahlreiche Arten von Verwaltungsvorgängen normal und rechtfertigen eigentlich keine Zweifel am Gesamtbefund. Die Vorgänge haben allerdings sowohl in den USA und mehr noch in Pakistan eine ganze Reihe von Fragen aufgeworfen, zu deren Beantwortung die Ergebnisse weiterer Untersuchungen abgewartet werden müssen.

L.I.S.A.: Welche Absicht verfolgen die USA mit ihrer widersprüchlichen Informationspolitik? Beispiel Seebestattung, Beispiel Beweisfotos, Beispiel „Unbewaffneter bin Laden“?

Dr. Gugler: Eine Liquidierungsmission in Pakistan stellt grundsätzlich sowohl die Souveranität des Staates Pakistans als auch das Kriegs- und Völkerrecht in Frage. Die USA sind folglich einerseits bemüht die diplomatische Krise mit Pakistan zu minimieren, und andererseits muss das amerikanische Militär international die Vorgänge in einer Art präsentieren, die möglichst wenig Ansatzpunkte für Kritik liefert. Besonders bedrohlich entwickelt sich die Diskussion um diesen Einsatz hierbei in Indien, wo Entscheidungsträger in Neu Delhi gegenwärtig argumentieren: Was Amerika in Pakistan machen darf, das muss Indien dort ebenfallls dürfen.

Einfacher zu rechtfertigen wird solch ein Angriff, wenn Soldaten quasi in Notwehr „zurückschießen“ - solche Erklärungsmuster kennen wir z.B. auch von dem Angriff der Israelis auf die Gaza-Hilfsflotte. Die Nichtveröffentlichung von Fotodokumenten eines Leichnams, dem aus nächster Nähe direkt ins Gesicht geschossen wurde, halte ich grundsätzlich für ethisch richtig. Offenbar haben die Amerikaner auch aus früheren Fehlern wie den Veröffentlichungen der Fotos des getöteten Saddam Hussein gelernt. Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI haben ihre Fotoaufnahmen der übrigen Leichen im Gebäude an Reuters verkauft und diese bieten ein Anblick auf den man getrost verzichten kann.

Die im Islam eigentlich unübliche Seebestattung allerdings schien die Amerikaner etwas unvorbereitet getroffen zu haben – nach meinen Informationen planten die Amerikaner ursprünglich den Leichnam Osama bin Ladins der Regierung Saudi Arabiens zu übergeben, die eine mögliche Übernahme aber umgehend ablehnte.

"Barack Obama profitiert nur kurzfristig von bin Ladens Tod"

L.I.S.A.: In einigen kritischen Anmerkungen wird bezweifelt, dass bin Laden erst jetzt tot sei. Die Meldung von bin Ladens Tötung habe vor allem inneramerikanische Motive – Popularitätszuschuss für Obama in den USA und Anlass zum Abzug aus Afghanistan. Was halten Sie von solchen Überlegungen? Ist da was dran oder alles nur krude Verschwörungstheorie?

Dr. Gugler: Es gab bereits früher Falschmeldungen zu Osama bin Ladins Tod und da die Menschen in Pakistan generell mit sehr großer Skepsis auf Regierungsangaben reagieren, gibt es vereinzelt Spekulationen über einen früheren Tod. Diese sind aber allein durch die letzten Tonbandaufnahmen Osama bin Ladins widerlegt – zum Beispiel rief er im Herbst letzten Jahres zur Unterstützung der pakistanischen Flutopfer auf, war also hochlebendig. Die letzte Audioansprache von Osama bin Ladin entstand eine Woche vor seiner Erschießung und wird nach al-Qaida-Angaben in den nächsten Tagen offiziell veröffentlicht werden.

Obwohl es unbestreitbar ist, dass Barack Obamas Popularität aufgrund der jüngsten Ereignisse enorm anstieg – und das ist wichtiger: sein innenpolitischer Knüppel gegen die Republikaner nun deutlich größer geworden ist – bleiben doch erhebliche Zweifel, ob diese an ein einziges Ereignis gebundene Popularität bis zu den nächsten Präsidentschaftswahlen im November 2012 anhalten wird. Würde man den idealen Zeitpunkt für eine solche Militäraktion wählen wollen, hätte man sie vermutlich vor den Wahltermin verlegt.

Die Mutmaßung, dass pakistanische Behörden Osama bin Ladin auslieferten, überzeugt ebenfalls wenig. Allein die Tatsache, dass Helfer im ISI über den Aufenthaltsort Osama bin Ladins informiert waren, bedeutet noch nicht, dass diese ihn verraten haben. Die Faktenlage auf der pakistanischen Straße spricht eine andere Sprache: Das pakistanische Militär hat durch Truppenverlegungen in den letzten Tagen seine Präsenz in der Hauptstadt Islamabad erhöht und das deutet klar darauf hin, dass sich die Konfrontation zwischen politischer Elite und Militär innerhalb Pakistans dramatisch verschärft, also der Operation gegen Osama bin Ladin wohl doch kein „Deal“ vorangegangen ist. Ein Militärputsch von General Ashfaq Kayani steht aber allem Anschein nach nicht bevor.

Lediglich Al-Qaida Äußerungen könnten auf einen möglichen deal zwischen pakistanischen und amerikanischen Geheimdiensten hinweisen, u.a. kritisiert das jüngste Schreiben zur „Ehrenhaftigkeit und Martyrertod Shaikh Osama bin Ladins“ die politische Elite Pakistans übersetzt etwa mit den Worten: „Wir appellieren an die Muslime Pakistans, auf deren Boden Shaikh Osama bin Ladin ermordet wurde, sich zu erheben und zu rebellieren um die Schande wegzuwaschen, die verursacht wurde durch eine Handvoll Verräter und Diebe, die alles an die Feinde ihrer Nation verkauft haben. Diese machen sich lustig über die Gefühle der großherzigen (einfachen) Bevölkerung und deshalb rufen wir zu einem massiven öffentlichen Aufstand auf um Pakistan [wrtl. Land der Reinen] zu reinigen von den verderbenbringenden amerikanischen Parasiten: Siehe! Allah ändert an einem Volke nichts, ehe sie nicht ändern, was in ihren Seelen ist (Koran 13:11).

"Neue Witze über Pakistans Regierung und das Militär"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielte der pakistanische Geheimdienst ISI bei der Operation?

Dr. Gugler: Entgegen ersten Äußerungen Barack Obamas über eine amerikanisch-pakistanische Zusammenarbeit am Sonntag Abend verfestigen sich nun die Hinweise, dass pakistanische Behörden in die Operation nicht eingeweiht waren. In jedem Fall aber steht fest, dass der ISI sehr wohl über den Aufenthaltsort Osama bin Ladins informiert war, auch wenn man nun versucht zwischen „Einzelwissern“ und „institutionellen Erkenntnissen“ zu unterscheiden. Zahlreiche Analysten kritiseren seit Jahren, dass die Amerikaner den ISI zur Kooperation erwählten – jetzt sind die Amerikaner gezwungen sich nochmal ausführlich mit den unterschiedlichen Interessen ihres Kooperationspartners auseinanderzusetzen. Shuja Pasha, der Direktor des ISI, ist momentan in Washington, wo ihm offenbar gründlich der Kopf gewaschen wird – erste Meldungen seines Rücktritts wurden aber bereits dementiert.

L.I.S.A.: Wie wird sich die Operation, von der die pakistanische Regierung ebenso überrascht gewesen sein soll wie der Rest der Welt, auf das Verhältnis Pakistan-USA auswirken?

Dr. Gugler: Das ist eine hochkomplexe Thematik, die sich momentan auf Messers Schneide bewegt. Die amerikanischen Stimmen, die ein weniger vertrauensvolles Verhältnis insbesondere zum ISI kritisieren, werden immer lauter – ebenso die pakistanischen Stimmen, die nun nach der gelungenen Operation auf ein Verschwinden der Amerikaner in der Region und ein Stopp der Drohnenangriffe beharren. Der amerikanische Versuch den ISI dem pakistanischen Innenministerium zu unterstellen ist aber gescheitert – ebenso scheinen sich die Gerüchte um einen Rücktritt der ISI-Direktors Shuja Pasha als verfrüht herauszustellen: Das Militär fordert als Reaktion des politischen Drucks gegen das Militär und den Geheimdienst ISI gegenwärtig, dass in der Politik die Köpfe rollen um das Osama-Versagen Pakistans zu büßen. Bislang aber hat sich kein Sündenbock herauskristallisiert.

Amerika und Pakistan sind strategisch stark aufeinander angewiesen. Die politische Elite Pakistans ist in maximaler Weise abhängig von amerikanischen Geldern – Washington überweist Islamabad derzeit jährlich drei Milliarden Dollar an Wirtschaftshilfe und an das Militär. Pakistan brach im Januar 2011 mit dem Stabilisierungsprogramm des Internationalen Währungsfond, da es die vereinbarten Wirtschafts- und Steuerreformen nicht umsetzen mochte. Bei einem Wirtschaftswachstum von 2 % und einer Inflation von über 16 % kann man die Situation der Staatsfinanzen ohne Übertreibung dramatisch nennen. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari bat direkt nach der Ermordung Osamas in fast schon verzweifelter Weise in einer Kolumne in der Washington Post um eine Erneuerung und Intensivierung der amerikanisch-pakistanischen Freundschaft um weiterhin bestenfalls noch mehr finanzielle Förderung gegen Terrorbekämfung einzutauschen.

Die USA wiederum sind nicht nur bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus, sondern auch in ihrer Afghanistanpolitik auf die Unterstützung Pakistans angewiesen, nicht zuletzt weil mehr als die Hälfte der Pathanen in Pakistan leben. Obwohl die Freundschaft beiden Ländern nicht so recht schmeckt, ist diese Freundschaft in letzter Konsequenz für beide Parteien alternativlos. Das Überleben Pakistans ist aber nicht nur im westlichen, sondern auch im chinesischen Interesse. Entscheidend ist jetzt, dass sich zwischen den USA und China kein Konkurrenzkampf um die Kontrolle in Pakistan entfaltet.
 
L.I.S.A.: Wie wird die Meldung vom Tod bin Ladens in Pakistan aufgenommen?

Dr. Gugler: Vor allem mit Humor! In Pakistan zirkulieren SMS wie „Was für ein Land! Nicht mal Osama bin Ladin ist hier sicher“ Oder „Nicht hupen: Armee schläft!“, „Öffentllichkeitsdienst der Armee: Bleiben Sie wachsam! Verlassen Sie sich nicht auf uns“, „Radaranlagen des pakistanischen Militärs günstig abzugeben: Erkennen keine US-Hubschrauber aber empfangen den Sportkanal.“ uvm.

Die vereinzelten Aktionen, die Osama bin Ladin als Held feiern sollten, waren bislang bescheiden besucht. Die Demonstration der Lashkar-e Taiba in Karatschi wurde von Polizeikräften sogar diskret beendet. Da weniger als ein Viertel der pakistanischen Bevölkerung glaubt, dass Osama bin Ladin etwas mit dem 11. September 2001 zu tun hat, ist die „muslimische Straße“ Pakistans weder pro noch contra Osama bin Ladin, dafür umso entschiedener anti-amerikanisch. In einem Satz: „Obama hat Osama– jetzt haut endlich ab!“ bzw. „Warum nervt Amerika denn noch?“. Pakistan hat als wichtigster Nicht-NATO-Bündispartner im Kampf gegen den Terror sehr große Opfer gebracht.

Wir erinnern uns: Die Jagd auf Osama bin Ladin dauerte zehn Jahre, verursachte zwei Kriege, knapp eine Million Menschen ließen ihr Leben und der Krieg gegen den Terror kostete die USA etwa 1,2 Billionen Dollar. Die Menschen in Pakistan erwarten, dass dieser Terrorkrieg inklusive der Drohnenangriffe der Amerikaner auf pakistanischem Territorium jetzt aufhört.

L.I.S.A.: Was bedeutet der Tod bin Ladens für al-Qaida? Wird das Netzwerk dadurch geschwächt oder möglicherweise um einen Märtyrer reicher? Ist die Terrorgefahr nun kleiner oder eher größer geworden?

Dr. Gugler: Osama bin Ladin war bereits vor einigen Jahren schon zu einer nur symbolischen Figur geschrumpft. Obwohl der Tod Osama bin Ladins keinen erwähnenswerten personellen, finanziellen oder organisatorischen Verlust für die diversen al-Qaida-Netzwerke bedeutet, ist er doch eine entscheidende psychologische Niederlage. Vielen Unentschiedenen wird es nun sehr viel leichter fallen mit einer früheren biografischen Phase der Faszination für abenteuerliche Weltverbesserungsmissionen abzuschließen.

Man kann al-Qaida also durchaus als ein langsam aussterbendes Phänomen betrachten. Die Ermordung Osama bin Ladins spielt unmittelbar daher keine Rolle für die Terrorgefahr – bereits im Stadium der Planung befindliche Anschläge werden nun möglicherweise anders gerechtfertigt: Kurzfristig bleibt die Terrorgefahr unverändert; langfristig wird die Terrorgefahr durch al-Qaida definitv drastisch abnehmen.

Gleichzeitig bleiben eine ganze Reihe von terroristischen Bewegungen, die gar nicht bzw. nur im weiteren Sinne mit den al-Qaida-Netzwerken zu assoziieren sind wie beispielsweise die Lashkar-e Taiba, die nun im post-bin-Ladin-Zeitalter zu einer der weltweit gefährlichsten Terrororganisationen gezählt werden muss.

Dr. Thomas K. Gugler hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Comment

by Dr. Bernd Schaldach | 10.05.2011 | 19:22
Dank und Kompliment an lisa und Dr. Gugler für kompetente und ausführliche Informationen. Erleichtert bin ich natürlich nicht über die ausgeleuchtete Situation, aber darüber, dass es offenbar doch Fachleute und Medien wie die lisa gibt, die schnell und sachlich zu wichtigen aktuellen Fragen Antworten geben können. Ich werde es weitersagen.
b.s.

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