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Georgios Chatzoudis | 21.10.2014 | 2806 Aufrufe | 2 | Interviews

"Otto Dann war ein zutiefst politisch denkender Historiker"

Interview mit Peter Alter zum Tod von Otto Dann

Der Kölner Historiker Prof. Dr. Otto Dann ist am 1. Oktober im Alter von 77 Jahren gestorben. Insbesondere auf dem Gebiet der historischen Nations- und Nationalismusforschung gehörte Otto Dann in Deutschland zu den führenden Experten. Wir haben mit dem Historiker und Nationalismusforscher Prof. Dr. Peter Alter über Forschungsarbeit, Werk und Wirken Otto Danns gesprochen.

Otto Dann (*24.08.1937, †01.10.2014)

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"An Anregungen und Ideen für Projekte hat es ihm nie gemangelt"

L.I.S.A.: Herr Professor Alter, am 1. Oktober ist der Historiker Otto Dann im Alter von 77 Jahren gestorben. Sie waren als Kollege und Vertrauter einer seiner langen Weggefährten. Wie erinnern Sie sich an Otto Dann?

Prof. Alter: Otto Dann war ein sehr kontaktfreudiger Wissenschaftler, der während seiner akademischen Laufbahn eigentlich permanent bemüht war, Kollegen zu gemeinsamen Konferenzen und Seminaren zusammenzubringen. Auch als Herausgeber von Sammelbänden und Publikationsreihen versuchte er, die Kooperation zwischen Historikern, Soziologen und Literaturwissenschaftlern voranzubringen. Als Kollege und Freund war er stets interessiert an dem, was andere taten oder planten, welchen Fragen und Problemen sie nachgingen. An Anregungen und Ideen für Projekte hat es ihm nie gemangelt. Davon haben gerade auch seine Studenten in Köln ungemein profitiert.  

"Unbeirrtes Festhalten an einem politischen Ideal"

L.I.S.A.: Was waren Otto Danns thematische Schwerpunkte? Welche historische Epoche und welche historischen Fragen interessierten ihn besonders? Welche Rolle spielten dabei seine persönlichen historischen Erfahrungen?

Prof. Alter: Otto Dann interessierte vor allem die Entwicklung und mühselige Durchsetzung eines liberalen und demokratischen Denkens in Deutschland. Das war, ganz pauschal gesagt, sein großes, lebenslanges Thema. Immer wieder forschte und schrieb er über den schwierigen deutschen Weg hin zu einer Gesellschaft mündiger Bürger, einer Gesellschaft, der es um Chancengleichheit im weitesten Sinne und um politische und soziale Mitbestimmung des einzelnen geht. Alles, was in der deutschen Geschichte das Ziel einer gerechteren, einer liberalen und toleranten Gesellschaft beförderte – seien es nun Personen, Institutionen oder Organisationen – faszinierte ihn und wurde ihm zum Forschungsgegenstand. Am Ideal des liberalen und demokratischen Rechtsstaats hat Otto Dann auch das Handeln und die Entscheidungen der Akteure in der deutschen Politik gemessen. Deshalb konnte er zum Beispiel mit einem Politiker wie Otto von Bismarck wenig anfangen, mehr mit Männern wie August Bebel im Kaiserreich oder Gustav Heinemann in der frühen Bundesrepublik. Das unbeirrte Festhalten an einem politischen Ideal, darauf aufbauend das Entstehen eines demokratischen Gemeinwesens in Deutschland nachzuzeichnen, dem späten Durchbruch einer mündigen Nation nachzuspüren – darin erblickte er seine Aufgabe als Historiker und akademischer Lehrer. Wir dürfen vermuten, dass seine frühen Erfahrungen mit dem Willkürregime der SED-Diktatur während seiner Schulzeit in Halle dabei eine ganz entscheidende Rolle gespielt haben.

"Nationalismus war für ihn die pathologische Variante des Nationalgefühls"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung messen Sie im Werdegang von Otto Dann seinem Lehrer Theodor Schieder bei?

Prof. Alter: Ich glaube, dass Theodor Schieder in Köln bei Otto Dann das Interesse an den Problemen Nation, Nationalismus, nationale Bewegungen und nationale Identität geweckt hat. Aber den Einfluss von Werner Conze, seinem akademischen Lehrer in Heidelberg, würde ich wahrscheinlich höher veranschlagen. Bei Theodor Schieder lernte er jedoch, das ist jedenfalls mein Eindruck, vergleichend zu arbeiten. Schieder regte ihn meines Erachtens an, gerade bei der Nationalismusproblematik über die deutschen Grenzen zu schauen und vergleichbare Entwicklungen in anderen Ländern Europas in den Blick zu nehmen.  

L.I.S.A.: Otto Dann verbindet man heute vor allem mit der historischen Nationalismusforschung. Dabei hat er den Begriff Nationalismus gar nicht so sehr favorisiert. Was war vor allem sein Verständnis von den Konzepten Nation und Nationalismus?

Prof. Alter: Otto Dann bestand immer auf der Unterscheidung zwischen Nationalismus und Patriotismus. Nationalismus war für ihn die pathologische, weil aggressive Variante des Nationalgefühls. Patriotismus setzte er hingegen gleich mit Vaterlandsliebe. Patriotismus verband sich für ihn mit Begriffen wie Liberalismus, Solidarität und Toleranz. Die liberale und demokratisch verfasste Staatsbürgernation, der Rassismus und Xenophobie fremd sind, begriff er als das anzustrebende Nationskonzept für das 21. Jahrhundert.

"Es hat unser Verständnis von nationalen Ideologien ganz außerordentlich vertieft"

L.I.S.A.: Inwiefern war Otto Dann auch ein politscher Historiker?

Prof. Alter: Ohne Zweifel war Otto Dann ein zutiefst politisch denkender Historiker. Das bezeugt eindrucksvoll die Liste der Themen, die ihn in Forschung und Lehre beschäftigten. Als Verfasser historischer Werke und als akademischer Lehrer machte er nie ein Hehl daraus, dass er sozusagen mit beiden Beinen auf dem Boden des demokratischen, parlamentarischen Rechtsstaates stand. Als er im Juli 2002 seine Abschiedsvorlesung an der Kölner Universität hielt, ging es auch um diese Problematik. Der Titel der Vorlesung lautete: „Deutschland als Begriff in der Epoche seiner Teilung“. Als er damals darüber sprach, war die deutsche Teilung schon seit zwölf Jahren überwunden. Den Fall der Mauer in Berlin und die unerwartete Vereinigung der beiden deutschen Staaten hat er als persönliches Glück empfunden, fast irrational als ein Geschenk der Geschichte an eine Nation, die nach 1933 in einen politischen und moralischen Abgrund gestürzt war. Und tiefe Genugtuung erfüllte ihn, dass das geeinte demokratische Deutschland heute in Europa eine Frieden erhaltene, ja Frieden stiftende Rolle übernommen hat.  

L.I.S.A.: Was bleibt von Otto Danns Werk für nachfolgende Historiker?

Prof. Alter: Derartige Voraussagen sind schwer. Noch lange nachwirken werden meines Erachtens Otto Danns Arbeiten zur deutschen Geschichte im frühen 19. Jahrhundert, seine Aufsätze zum Nationsverständnis und vor allem sein Hauptwerk, das Buch über „Nation und Nationalismus in Deutschland“. Es hat unser Verständnis der nationalen Ideologie, ihrer Ursprünge und ihrer befreienden wie auch ihrer verhängnisvollen Wirkungen in der deutschen Gesellschaft bis in unsere Tage ganz außerordentlich vertieft. Das Buch ist eine gründliche historische Abhandlung, aber gleichzeitig auch eine Warnung vor den latenten Exzessen des Nationalismus, nicht nur in Deutschland. Und darüber hinaus ist es im Grunde ein leidenschaftliches Plädoyer für eine liberale und tolerante deutsche Nation im 21. Jahrhundert.

Prof. Dr. Peter Alter hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr. Klaus Pabst | 31.10.2014 | 23:26 Uhr
Unter den akademischen Schülern Theodor Schieders war Otto Dann neben Peter Alter sicher derjenige, der Schieders Forschungen zum Nationalismus und zu europäischen Nationalbewegungen am intensivsten fortgeführt hat. Dabei galt sein besonderes Interesse den oft zu kurz gekommenen freiheitlichen und demokratischen Zügen in der neuzeitlichen Entwicklung einer deutschen Nation sowie deren Vertretern, also weniger Bismarck als etwa Friedrich Schiller oder Gustav Heinemann. Dessen Biographie, an der Otto Dann seit Jahren arbeitete, wird er nun leider nicht mehr vollenden können.
Das Interview mit Prof. Peter Alter zeichnet ein zutreffendes Bild des verstorbenen Historikers, dessen berufliches Ethos, stärker als bei vielen Generationsgenossen, noch ganz den traditionellen Idealen eines deutschen Universitätsprofessors entsprach.

Kommentar

von Wan Jan | 05.10.2018 | 17:56 Uhr
Heute, vor 100 Jahren, hielt Reichskanzlers Prinzen Max von Baden eine Regierungserklärung im Reichstag.

In den vergangenen Tagen habe ich das oben erwähnte 'Nation und Nationalismus in Deutschland 1770 - 1990' gelesen, nur auf diesem Wege wurde mir bewusst, dass wir heute damit das 100-jährige Jubiläum hierzu begehen...

Gerade eben habe ich das Buch fertig gelesen und wollte jetzt mehr über Otto Dann recherchieren; einer der Treffer, den ich mir näher anschaute, ist dieses Interview anlässlich seines Todes.

Ich kann den von Dr. Klaus Pabst gemachten Aussagen zustimmen, nach meinem (etwas oberflächlichen, weil nicht weiterführenden) Eindruck nach dem Lesen dieses massiven Standardwerks.

+++



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