Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 10.07.2018 | 606 Aufrufe | Interviews

"Österreich wird als pars pro toto genommen"

Interview mit Manfried Rauchensteiner zur Geschichte Österreichs seit 1918

Österreich steht seit 1918 unter Beobachtung der Weltgemeinschaft, manchmal war es in den vergangenen hundert Jahren sogar zur Bewährung verurteilt. Das ist die zentrale These des Historikers Prof. Dr. Manfried Rauchensteiner in seinem neuen Buch über die Geschichte Österreichs seit dem Ende des Ersten Weltkriegs. Der österreichische Schriftsteller Karl Kraus hatte in diesem Zusammenhang von der "Versuchsstation des Weltuntergangs" geschrieben. Tatsächlich durchlief Österreich von 1918 bis zur Gegenwart zahlreiche Stadien der eigenen Verfasstheit, die Manfried Rauchensteiner nicht nur Revue passieren lässt, sondern danach abklopft, welche zu den besseren und welche zu den weniger erfolgreichen gehörten und gehören. Wir haben ihm zu dieser wechselvollen Geschichte unsere Fragen gestellt.

"Das Auf und Ab staatlicher Existenzen"

L.I.S.A.: Herr Professor Rauchensteiner, Sie haben einen neuen voluminösen Band vorgelegt. Vier Jahre nach der überarbeiteten Neuauflage „Erster Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914-1918“ haben Sie nun das Buch „Unter Beobachtung. Österreich seit 1918“ veröffentlicht, das die Geschichte Österreichs in den vergangenen 100 Jahren umfasst. Wie kam es zu diesem umfangreichen Werk? Wie hängt es abgesehen vom chronologischen Anschluss mit dem vorherigen zusammen?

Prof. Rauchensteiner: Ich weiß eigentlich nicht, wann genau ich an dem Buch über Österreich seit 1918 zu arbeiten begonnen habe. Die Wurzeln reichen wohl bis 1970 zurück, als ich mich das erste Mal mit dem Kriegsende in Österreich 1945 beschäftigt habe. Im Lauf der Jahre kam Stück für Stück dazu, die Aktenberge und Literaturauszüge wuchsen und wuchsen, immer auch unterbrochen von Publikationen, in denen ich Einzelfragen behandelt habe. Dazu kam, dass ich selbst ein politiknahes Leben geführt habe und mit vielen der handelnden Personen zu tun hatte, gelegentlich mehr als mir lieb war. 2014 habe ich mich dann über Einladung des Böhlau Verlags entschlossen, das gesammelte Wissen durchzuarbeiten. Das lag auch deshalb nahe, da mein Buch über Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg mit 1918 endete. Aber bekanntlich gibt es kein Ende der Geschichte, und es war reizvoll, die Zeit bis zur Gegenwart zu behandeln. Gerade der Blick über einen vergleichsweise langen Zeitraum macht das Auf und Ab staatlicher Existenzen deutlich, und dabei kommt die Zeit als vierte Dimension  voll zur Geltung. Und bekanntlich sind ja achtzig und mehr Jahre im Leben eines Menschen nicht mehr so sehr viel. Im „Leben“ eines Staates sind das mitunter extrem lange Zeiträume. Der österreichische Fall beweist das.

"Dass man sich selbst in den Spiegel schaut, ist auch Aufgabe der Historiker"

L.I.S.A.: Die Umschlagabbildung zeigt einen Ausschnitt aus Otto Dix Gemälde „An die Schönheit“ von 1922. Darauf schaut uns der Maler skeptisch bis misstrauisch an, als seien wir als Leser „Unter Beobachtung“. Warum haben Sie sich für diesen Titel und dieses Bildmotiv entschieden? Fühlen Sie sich als Österreicher unter Beobachtung? Und falls ja, unter wessen Beobachtung steht Österreich seit 100 Jahren?

Prof. Rauchensteiner: Das Gemälde von Otto Dix war ein Glückstreffer. Ich habe lange gerungen, welches Bild sich für den Umschlag eignen würde, was aussagekräftig genug sein würde, um Verwendung zu finden. Bei der Durchsicht von Katalogen, Bildarchiven und nach ellenlangen Internetrecherchen fehlte immer wieder ein Detail, das sich mit dem Titel in Einklang bringen ließ. Und gerade der Titel wurde schließlich unverrückbar, da Österreich 2016 wieder einmal extrem „unter Beobachtung“ stand. Der ehemalige tschechische Außenminister Karl Schwarzenberg verwendete genau dieselben Worte. Und dann stieß ich plötzlich auf das Bild von Otto Dix. Und es passte wie kein anderes. Da war der strenge Blick eines Beobachters, der einen direkt ansieht, und im Hintergrund ein Paar, das so sehr mit sich beschäftigt ist, so selbstverliebt und alles andere ignorierend, dass es sich um den strengen Blick des Beobachters gar nicht zu scheren scheint. Das traf und trifft wie nichts anderes auf Österreich zu. Man tut doch alles, um die Umwelt auszublenden, fühlt sich selbst als Zentrum und ist immer wieder maßlos irritiert, wenn man daran erinnert wird, dass der Blick von außen alles andere als liebevoll ist. Es darf freilich nicht übersehen werden, dass „Unter Beobachtung“ auch inkludiert, dass man sich selbst in den Spiegel schaut. Das ist letztlich auch Aufgabe der Historiker.

Natürlich sind kleine Länder kritikanfälliger als große. Es gehört aber wohl auch zu den österreichischen Charakteristika, dass man immer dann, wenn etwas nicht gut läuft, die Schuld bei den anderen sucht. In Österreich gilt denn auch seit Kaisers Zeiten, dass man sich als Mittelpunkt sieht und andere ein wenig abtut. Nicht von ungefähr heißt es im Text der österreichischen Bundeshymne: „… liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich. Hast seit frühen Ahnentagen hoher Sendung Last getragen, vielgeprüftes Österreich“.

"Der Staatsname Österreich als Synonym für alles und alle"

L.I.S.A.: Probieren wir das Leitmotiv an ausgewählten Etappen der neueren österreichischen Geschichte aus: Wer unter Beobachtung steht, muss sich bewähren. Haben Sie jeweils ein Beispiel dafür, wann Österreich sich in den 100 vergangenen Jahren bewährt hätte und wann es die Bewährungsauflagen nicht erfüllt hat?

Prof. Rauchensteiner: Letztlich gab es in allen Phasen staatlicher und nicht-staatlicher Existenz (1938 – 1945), Phasen, in denen sich Österreich bewährt hat, und auch solche in denen es sich nicht mit Ruhm bekleckert hat. Da gilt es freilich auch zu fragen, wie sehr der Staatsname Österreich als Synonym für alles und alle eingesetzt werden kann, die ein Geschehen handelnd mitbestimmt, es hingenommen oder es auch abgelehnt haben. Bewährt hat sich Österreich immer dann, wenn es nicht zur Selbstaufgabe geneigt hat. Das war in den Zwanziger Jahren, wenngleich nur kurze Zeit der Fall, dann in den zehn Jahren der alliierten Besetzung des Landes 1945 – 1955, und grosso modo seither. Eingebettet in die lange Erzählung sind freilich auch die Phasen des Scheiterns. Das war vor allem 1938 der Fall. Es ist aber denkbar vordergründig, wenn in unregelmäßigen Abständen seitens der „Beobachter“ so getan wird, als würde Österreich Gefahr laufen, ein vergleichbares Scheitern zu erleben. Da wird dann suggeriert, Österreich wäre der letzte Hort des Nationalsozialismus und Heimat der Ewiggestrigen. In dem Zusammenhang habe ich den Verdacht geäußert, dass Österreich als pars pro toto genommen wird, und auf Land und Leute lustvoll hingedroschen wird, damit aber durchaus auch andere, nicht zuletzt Deutschland gemeint sind.

"Die gewisse Rücksichtslosigkeit verwandelte sich sehr rasch in Hass"

L.I.S.A.: Liest man Ihr Buch, spürt man die Zerrissenheit des Landes und seiner Bewohner zwischen der Trauer über den Verlust einstiger Größe und Bedeutung auf der einen Seite und dem Glauben und der Hoffnung auf etwas Neues auf der anderen. Von wann an gilt dieser Riss als überwunden? Wann setzte sich die Idee von der Republik endgültig durch?

Prof. Rauchensteiner: Trauer ist keine politische Dimension. Im Gegensatz zu gut und böse ist es auch keine historische Dimension. Am Anfang der Republik Deutschösterreich war 1918 natürlich der Schock über den verlorenen Krieg und den Verlust der Bedeutung zu spüren, gepaart mit der Trauer um die unendlich vielen Toten. Gleichzeitig herrschte ein Gefühl der Zufriedenheit vor, dass man nunmehr Entscheidungen treffen konnte, ohne auf die anderen Nationalitäten der Habsburgermonarchie Rücksicht nehmen zu müssen. Die gewisse Rücksichtslosigkeit verwandelte sich sehr rasch in Hass, der freilich andere Adressaten hatte und nach innen gerichtet war. Insofern waren die Jahre der Zugehörigkeit Österreichs zum nationalsozialistischen Deutschland dann ein regelrechter Läuterungsprozess. Und es war bezeichnend, dass am Beginn der von Karl Renner so genannten Zweiten Republik eine Unabhängigkeitserklärung stand, mit der sich der Bruch mit der Vergangenheit und der Wille zur Rekonstruktion des Gewesenen ankündigte. Zur Selbstfindung Österreichs haben aber auch in einem nicht zu unterschätzenden Maß die alliierten Besatzungsmächte beigetragen. Die somit insgesamt 17 Jahre, in denen Österreich fremdbestimmt war, machten das Land zukunftsfähig. Vielleicht ist hier auch eine der Wurzeln für eine fallweise deutlich werdende EU-Skepsis zu sehen: Gerade die Älteren wollen nicht wieder fremdbestimmt werden.

"Ich erachte kontrafaktische Fragen für ungemein notwendig"

L.I.S.A.: In Ihrem Buch stellen Sie auch kontrafaktische Fragen. Was wäre, wenn dieses oder jenes geschehen bzw. nicht geschehen wäre? Ab wann gewinnt das kontrafaktische Spiel historisch-analytischen Wert, haftet ihm doch in der Regel ein Geschichtsverständnis an, nach dem einzelne Akteure oder einzelne Entscheidungen bzw. Abläufe – kurz: Ereignisse – „Geschichte machten“? Wäre Österreich nicht Teil des Deutschen Reiches geworden, wenn der Dollfuß-Attentäter danebengeschossen hätte? Wäre das heutige Österreich ein anderes, wenn Jörg Haider nicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen wäre?

Prof. Rauchensteiner: Ich erachte kontrafaktische Fragen nicht nur für ein Gedankenspiel, sondern für ungemein notwendig, um sich über den Verlauf der Geschichte klar zu werden. Da halte ich es mit Alexander Demandt und der „ungeschriebenen Geschichte“. Was ließe sich doch alles fragen: Was wäre gewesen, wenn Kaiser Karl I. 1917 tatsächlich einen Waffenstillstand oder Sonderfrieden mit der Entente zuwege gebracht hätte? Wären dann Generalfeldmarschall Hindenburgs Worte wahr geworden, dass er es sich als Höhepunkt seiner militärischen Laufbahn durchaus vorstellen könnte, seine Truppen zum Einmarsch nach Österreich zu befehligen? Was wäre gewesen, wenn die Mittelmächte gesiegt hätten? Was wäre gewesen, wenn in den Zwanziger Jahren dem Antrag Adolf Hitlers nach Wiedereinbürgerung in Österreich entsprochen worden wäre, wenn 1938 die Volksbefragung über die Unabhängigkeit Österreichs durchgeführt worden wäre, Außenminister Figl 1954 bei der Berliner Konferenz in den Vorschlag der Sowjets eingewilligt hätte, den Staatsvertrag sofort zu finalisieren, allerdings den Besatzungsmächten bis zum Abschluss eines Friedensvertrags mit Deutschland den Unterhalt von Streitkräften in Österreich zu ermöglichen? …… Bei der Frage, was wäre gewesen, wenn Jörg Haider nicht tödlich verunglückt wäre, würde ich eine – natürlich genauso kontrafaktische – Antwort versuchen: Er würde zu einem Zeitpunkt X auf der Anklagebank gelandet sein. Österreich aber wäre gleich geblieben, doch natürlich „unter Beobachtung“.

Prof. Dr. Manfried Rauchensteiner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

O1VBBY