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Georgios Chatzoudis | 24.05.2011 | 3103 Aufrufe | Interviews

"Nur im Schützengraben wäre man näher gewesen"

Interview mit Sebastian Groß

Sebastian Groß ist Historiker und hat sich auf den Nationalsozialismus in der Erinnerung von Zeitzeugen spezialisiert. Seit Oktober 2007 ist er Mitarbeiter in dem von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Projekt „Referenzrahmen des Krieges - Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Wahrnehmungen und Deutungen von Soldaten der Achsenmächte, 1939-1945“.  Neben der Projektkoordination ist Sebastian Groß für die Bearbeitung der Abhörprotokolle der deutschen Kriegsgefangenen unter geschichtswissenschaftlichen Gesichtspunkten zuständig.

L.I.S.A.live - Expertenchat zum Mitmachen!
Am kommenden Donnerstag können Sie zwischen 17.00 und 18.00 Uhr Ihre Fragen direkt an die Autoren Prof. Dr. Sönke Neitzel und Prof. Dr. Harald Welzer richten, bei uns auf L.I.S.A.live. Wir freuen uns über eine rege Teilnahme und eine intensive Diskussion!

Zoom

Sebastian Groß, Johannes Gutenberg Universität Mainz

L.I.S.A.: Das Buch „Soldaten“ ist soeben erschienen. Die Resonanz ist gewaltig. War Ihnen während Ihrer Forschungsarbeit klar, welche Aufmerksamkeit das Buch finden würde? Und warum, glauben Sie, ist das so? Wie erklärt sich das große Interesse?

Groß: Mir war das Potenzial der Quellen und unseres Forschungsprojektes selbstverständlich bewusst. Wenn wir die Quellen und das Forschungsprojekt auf Tagungen oder Ähnlichem vorstellten, dann fanden sich zwar stets begeisterte Kollegen, aber doch auch viele methodische und inhaltliche Vorbehalte, so dass ein Erfolg dieses Ausmaßes keineswegs selbstverständlich ist.

Mich freut es allerdings sehr, dass diese tollen Quellen und die Schlüsse, die sich auf dieser Grundlage aufdrängen, nun ein noch breiteres Publikum erreichen. Unabhängig von der Bewertung der Ergebnisse im Einzelnen kann dies für die wissenschaftliche Diskussion auf dem Gebiet der Mentalitätsgeschichte nur förderlich sein. Das große Interesse erklärt sich natürlich aus der Nähe der Quellen zum Geschehen.

Der Leser der Protokolle hat die Möglichkeit, „live“ bei der Verarbeitung und Sinnstiftung der Soldaten dabei zu sein. Manchmal meint man geradezu, die Soldaten noch sprechen hören zu können. Diese Unmittelbarkeit ist etwas ganz Besonderes. Dies spricht auch einen – ich möchte fast sagen – natürlichen „Voyeurismus“ an.

In anderen Quellengattungen, die für mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen herangezogen worden sind, finden sich gerade drastische Erlebnisse und extreme Einstellungen deutlich weniger explizit. Dies liegt bei zum Beispiel bei Feldpostbriefen vor allem an den Adressaten zu Hause, die  den Schreibern gewisse Zurückhaltung abverlangten.
  
L.I.S.A.: Wie sah Ihre Forschungsarbeit konkret aus? Was war Ihre Aufgabe? Mit welchem Material hatten Sie es zu tun? Wo und wie lange haben Sie daran gearbeitet?
 
Groß: Oh, da muss ich etwas ausholen. Ich habe die Gesprächsprotokolle deutscher Soldaten bearbeitet, die in britischer Gefangenschaft abgehört wurden. Ich war seit dem Beginn des Projektes im Herbst 2007 dabei, direkt im Anschluss an meinen Studienabschluss im August 2007. Herr Neitzel konnte für uns ein Büro an der Uni auftun. Allerdings habe ich den Löwenanteil der Arbeit am heimischen Schreibtisch erledigt. Zum Glück wusste meine Freundin vorher nicht genau, worauf sie sich einlässt…

In den ersten 12 Monaten lag der Schwerpunkt deutlich auf der Beschaffung, Aufbereitung und Organisation des Materials. Dabei erwies sich die Umwandlung der in London abfotografierten Quellen in ein Format, das zur EDV-gestützten Auswertung geeignet ist, als die größte organisatorische Herausforderung. Der nächste Schritt bestand in der Erarbeitung des Codebuches, also der Schlagwortliste, mit der wir das Material strukturieren wollten. Dies geschah alles in enger Teamarbeit, auch in Form gemeinsamer Arbeitsaufenthalten in Essen, Rom und Mainz.

Nun konnte die Codierung vorgenommen werden. Ein echter „Knochen-Job“. Tausende Seiten Material mussten aufmerksam und akribisch durchgearbeitet werden. Mein Kollege Christian Gudehus pflegt zu sagen: „Der Nachteil am Codieren das Codieren selbst.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Allerdings konnten letztlich alle Projektmitarbeiter von dieser Vorarbeit profitieren, weil eben dem Material in strukturierter Form seine Geheimnisse wesentlich leichter zu entlocken waren. Dann stand die eigentliche Arbeit allerdings erst noch bevor, die inhaltliche Analyse der abgehörten Gespräche.

L.I.S.A.: Mit was für Soldaten hatten Sie es zu tun?
 
Groß: Ich habe meinen Schwerpunkt auf die Gespräche der Angehörigen des Heeres gelegt. Es schien mir zum einen naheliegend, das Heer als größte Teilstreitkraft ins Zentrum der Untersuchung zu stellen. Zum anderen waren diese Gespräche auch die inhaltlich vielfältigsten. Daneben war es zudem möglich, zumindest schwerpunktmäßig auch die Gespräche der anderen Teilstreitkräfte – Luftwaffe und Marine – und der Generalität zu untersuchen.

Auch wenn eine Beschränkung des Materialumfangs dringend geboten war, konnte ich dieses Material einfach nicht vollständig außen vor lassen. Betrachtet man die soziobiographischen Daten, die uns vorliegen, so handelt es sich um einen Querschnitt durch die Gesellschaft. Es sind alle Schichten, Berufsgruppen, Regionen oder Altersklassen vertreten.
  
L.I.S.A.: Wie ist das Quellenmaterial „Abhörprotokolle“ gegenüber anderen „Soldatenquellen“ wie Feldpostbriefe oder Verhöre zu verorten?

Groß: Bereits auf den ersten Blick fasziniert die oben erwähnte „Unmittelbarkeit“. Wenn man noch näher an das Geschehen heran will, dann müsste man schon in den Schützengraben. Auf die meisten Quellengattungen der Mentalitätsgeschichte treffen dagegen sowohl das Quellenproblem des großen zeitlichen Abstands zum Geschehen als auch das der Besonderheit der Erhebungs- beziehungsweise Entstehungssituation zu. Im Extremfall konnte z.B. bei Vernehmungen im oder auch nach dem Krieg das Leben oder persönliche Wohlergehen der Soldaten von ihren Aussagen abhängen.

Zudem ist zu bedenken, dass viele Quellengattungen für die Forschung nur aufgrund des Mangels an aussagekräftigem Quellenmaterial über zeitgenössische Wahrnehmungen von Krieg und Politik in der Wehrmacht herangezogen worden sind. Es handelt sich somit diesbezüglich bei genauerem Hinsehen um „Ersatzquellen“, die zudem oft nur eine Seite des Kommunikationsprozesses wiedergeben. In den abgehörten Gesprächen dagegen reproduzieren und verändern die Soldaten auf interaktive und intersubjektive Weise ihre Weltsicht. Die Quellen gewähren Einblick in diesen Vorgang.
  
L.I.S.A.: Welche Rolle spielt das mögliche Motiv von Soldaten, gegenüber Gleichgesinnten mit Taten zu prahlen? Kurzum: Sind die Quellen glaubhaft?

Ich persönlich halte die Quellen für sehr glaubhaft. Der Fall der Prahlerei tritt selbstverständlich auf. Ein großes ABER an dieser Stelle: Erstens sind solche Erzählungen nicht die Regel. Mehrheitlich zeugen die Quellen durch einen sachlichen Umgang mit der Materie vom Krieg als Handwerk, von einer „Versoldatung“ – wie ich es genannt habe – der abgehörten Personen. Zweitens entwickelt man ein Gespür dafür, solche Erzählungen anhand gewisser Indizien zu entlarven. Und drittens ist dieses Prahlen ja auch schon ein Befund für sich, zeugt es schließlich von einer breiten Akzeptanz militärischer, soldatischer Werte.
  
L.I.S.A.: Wie geht man persönlich mit solchen „Dokumenten des Grauens“ um? Verzweifelt man da manchmal an der Welt? Gibt es da auch schon einmal das Bedürfnis nach Abstand zum Material?

Zunächst war ich in meiner Familie das Thema Zweiter Weltkrieg eigentlich stets präsent, hauptsächlich durch Besuche des Grabes meines Großvaters in der Normandie, umliegender Museen sowie Soldatenfriedhöfen diverser Nationen. Des Weiteren kommt man natürlich als Historiker immer wieder mit den Themen Krieg und Tod in Berührung und die Literatur war mir durchaus bekannt. Ich war also auf einiges gefasst. Durch eine gründliche methodische Vorbereitung des Projekts war mir zudem bewusst, dass es nicht gewinnbringend ist, die Soldaten und ihr Handeln nach heutigen moralischen Maßstäben zu bewerten. Harald Welzer zeigt dies ja bereits in seiner Studie „Täter“.

Ich hatte in einem anderen Forschungsprojekt davor viel mit Zeitzeugeninterviews gearbeitet. Ich hoffe, man sieht es mir nach, aber im Vergleich dazu war manchmal gerade die – gemessen an unseren heutigen Moralvorstellungen – weniger angepasste Botschaft dieser Quellen interessant. Allerdings nach einem langen Tag Quellenarbeit, wenn man förmlich die Soldaten glaubt, sprechen zu hören, tut es doch auch gut, wieder „aus der Kriegsgefangenschaft“ befreit zu werden.
  
L.I.S.A.: Ist das gefundene Quellenmaterial nun erschöpfend erforscht oder bieten sich noch ganz andere Fragestellungen an?

Groß: Das Quellenmaterial ist ganz und gar nicht erschöpfend erforscht! Trotz der tollen Studien, die jetzt bereits entstanden sind, ist das Material derart umfassend, dass es noch viele lohnenswerte Fragestellungen gibt. Es sind erste Schlaglichter gesetzt. Ich habe es etwa als meine Aufgabe gesehen, eine Art Bestandsaufnahme der Gesprächsprotokolle vorzulegen. Im Grunde lohnt sich überall aber ein noch tieferer Blick. Zudem stehen momentan zwar selbstverständlich die neuen Erkenntnisse im Vordergrund. Das Material beinhaltet aber auch das Potenzial, verschiedene Annahmen und Tendenzen der Forschung, die bereits länger bestehen, empirisch zu unterfüttern.

Sebastian Groß hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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