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Georgios Chatzoudis | 11.08.2015 | 618 Aufrufe | Interviews

"Netzwerke boten überlebensnotwendige Hilfe"

Interview mit Marten Düring über verdeckte soziale Netzwerke im Nationalsozialismus

Während des Nationalsozialismus zeigten einige Menschen große Hilfsbereitschaft gegenüber verfolgten Juden. Unter ständigem Risiko, selbst enttarnt und der Mithilfe beschuldigt zu werden, boten sie Verfolgten im Geheimen Unterschlupf, Nahrung und sonstige Hilfe. Wie genau bildeten sich diese verdeckten Netzwerke aus? Wie entstand der Kontakt zwischen Verfolgten und Helfern? Was war der Anreiz, sich für andere selbst in Gefahr zu bingen? Wie bildete sich Vertrauen zwischen den Beteiligten? Diesen Fragen geht Dr. Marten Düring, Mitarbeiter am Centre Virtuel de la Connaissance sur l’Europe (CVCE) in Luxemburg, in seiner Studie nach. Hierin unternimmt er eine historische Netzwerkanalyse an sechs Fallbeispielen verdeckter Helfernetzwerke in Berlin. Die aus Interviews und anderen Quellen gewonnen Daten hat er digital ausgewertet und so auch methodisch neue Ansätze verfolgt. Seine Studie zielt darauf ab, die einzelnen Verbindungen der geheimen Helfernetzwerke sichtbar zu machen.

"Das Buzzword 'Netzwerk' hilft dabei, Interesse zu wecken"

L.I.S.A.: Herr Dr. Düring, Sie beschäftigen sich mit Netzwerken, genauer gesagt mit historischen Netzwerken und deren Analyse. Nun ist der Begriff des Netzwerks heutzutage omnipräsent, vergleichbar mit dem Begriff des Diskurses, wie Wolfgang Reinhardt kritisiert hat. Ist heute alles irgendwie Netzwerk?  

Dr. Düring: Angesichts der zunehmend inflationären Nutzung des Begriffs fehlt mir oft die tiefere Reflektion des Wirkens der beschriebenen sozialen Strukturen, die der Netzwerkbegriff ja beinhaltet. Manuel Castells und andere haben mit Blick auf die Gegenwart den Begriff der Netzwerkgesellschaft geprägt, um veränderte soziale und technische Interaktionsmuster zu beschreiben - in diesem Kontext macht es schon Sinn, überall Netzwerke zu sehen. Die generelle Idee, dass soziale Strukturen menschliches Verhalten beeinflussen ist allerdings absolut nicht neu, alltagssprachliche Metaphern wie „eingebunden sein“ oder „Filz“ deuten das schon an. Von Sebastian Gießmann gibt es übrigens sehr spannende Arbeiten über die Geschichte des Netzwerkbegriffs.

Meine KollegInnen und ich beschäftigen uns mit Sozialer Netzwerkanalyse, die einen reichen Theorie- und Methodenbaukasten für die systematische Analyse von sozialen Beziehungen zur Verfügung stellt. Dieser Ansatz lässt sich leicht mit der geschichtswissenschaftlichen Analyse von sozialen Beziehungen kombinieren, etwa in Form von Gruppenbiographien, Prosopographien oder Verwandtschaftsnetzwerken. Seit einigen Jahren steigt das Interesse in den historischen Wissenschaften stark an: Daten sind heute leichter verfügbar, Software-Programme sind mittlerweile leicht bedienbar und natürlich helfen das Buzzword „Netzwerk“ und ansprechende Visualisierungen dabei, das Interesse zu wecken. Meine KollegInnen und ich versuchen, alle Aktivitäten und Materialien auf http://historicalnetworkresearch.org zu sammeln.

Wege von Verfolgten zu der Fluchthelferin Luise Meier. Akteure, die als „Arier“ galten, sind durch Rautensymbole gekennzeichnet, „Halbjuden/Juden in privilegierter Mischehe“ durch Dreiecke, „Juden“ mit Quadraten und Akteure mit unbekanntem "Rassenstatus" mit einem weißen Kreis.

"Es werden unerwartete Querverbindungen und Muster sichtbar"

L.I.S.A.: Mit welchen Netzwerken beschäftigen Sie sich? Könnten Sie uns kurz Ihren Forschungsgegenstand erläutern?

Dr. Düring: In meiner Promotion - die übrigens von der Gerda Henkel Stiftung gefördert wurde - habe ich mich mit Hilfe für jüdische Verfolgte während des Nationalsozialismus beschäftigt. Mich interessierte, warum innerhalb eines totalitären Systems Menschen hohe Risiken eingingen um anderen zu helfen und wie dies konkret funktionierte. Im Geheimen entwickelten sich teils komplexe soziale Strukturen innerhalb derer arbeitsteilig Pässe gefälscht, Fluchthilfe betrieben oder Verstecke vermittelt wurden. Die jahrelange Einbettung in soziale Beziehungsnetzwerke war dabei für die späteren HelferInnen ein wichtiger Faktor: Gemeinschaftsgefühle, Erwartungshaltungen und Lerneffekte haben ganz neue Handlungshorizonte eröffnet. Insgesamt habe ich 5000 Hilfsleistungen zwischen 1400 Personen untersucht. Um nicht den Überblick zu verlieren, habe ich Daten zu jeder einzelnen Hilfsleistung systematisch erhoben. Visualisiert man diese Daten, entsteht ein Netzwerk dass u.a. zeigen kann, wer mit wem verbunden ist, welche Arten von Hilfen geleistet werden, wer besonders stark in ein Netzwerk eingebettet ist und wie sich die Strukturen im Zeitverlauf verändern.        

Diese Arbeit hat generell einen neuen Blick auf das Quellenmaterial eröffnet, unerwartete Querverbindungen und Muster sichtbar gemacht und neue Fragen aufgeworfen. Mittlerweile versuche ich gemeinsam mit meinen Kollegen am CVCE Luxembourg, diesen Mehrwert in histoGraph, einer Software für die Navigation von komplexen Quellenbeständen, zu übertragen. histoGraph nutzt unter anderem Methoden der Netzwerkanalyse, Computerlinguistik und Crowdsourcing, um Verbindungen zwischen Personen, Institutionen und Orten aus digitalisierten Quellenbeständen zu erheben und diese für Nutzer sichtbar zu machen. Einen ersten Eindruck, wie das funktioniert vermitteln diese Blogeinträge.

Screenshot histoGraph. Mehr Infos unter: http://cvcedhlab.hypotheses.org/133

"Weitervemittlungen schufen konspirative Kanäle durch die Berliner Gesellschaft"

L.I.S.A.: Wie geheim war das Berliner Netzwerk der Helfer für verfolgte Juden? Wie funktioniert in so einem Netzwerk die Kommunikation, ohne dass man dabei gleich auffliegt?

Dr. Düring: Geheimhaltung auf der einen und Kommunikationsfähigkeit auf der anderen Seite waren beides essentielle, aber einander widersprechende Voraussetzungen für das Gelingen und den Fortbestand konspirativer Hilfe. Um effektiv helfen zu können, mussten die HelferInnen einerseits für die Verfolgten auffindbar sein, das heißt ein Mindestmaß an Bekanntheit erlangen. Andererseits erreichten vor allem seit dem Kriegsausbruch wichtige Ressourcen, wie beispielsweise farbiges Papier für gefälschte Dokumente, die Helfer nur über 4-5 Ecken. Verfolgte spielten dabei oft wichtige Rollen als Vermittler: Sie wussten, wer vertrauenswürdig war und helfen konnte. Daneben schufen Weitervermittlungen konspirative Kanäle durch die Berliner Gesellschaft. Das Grundprinzip ist einfach: Helfer 1 sucht in seinem Bekanntenkreis einen neuen Helfer 2 für einen Verfolgten. Auf diese Grundlage können der Verfolgte und Helfer 2 einander vertrauen. Bemerkenswert ist allerdings, dass Helfer 2 nun seinerseits aktiv nach Helfer 3 suchte und sich diese Kette an Weitervermittlungen bis zu achtmal nacheinander fortsetzte. Auf diese Weise eröffnete sich ein Pool von vertrauenswürdigen potentiellen HelferInnen über große soziale und geographische Distanzen hinweg. Ganz ähnlich funktionierte auch die Vermittlung von Ressourcen.

"Mit jeder neu eingeweihten Person stieg das Risiko"

L.I.S.A.: Inwiefern erweitern Netzwerke wie die Berliner Helfernetzwerke Handlungsspielräume? Oder sind die Abhängigkeiten am Ende größer als die Freiheiten, die Netzwerke gewähren?

Dr. Düring: Diese Frage beschreibt genau die schwierige Situation vieler stark involvierter HelferInnen: Mit jeder neu eingeweihten Person stieg das Risiko, einem Spitzel zu begegnen oder sich verdächtig zu machen und denunziert zu werden. Mit der Zahl der Kontakte stieg aber auch die Menge der verfügbaren Ressourcen und damit die Zahl der möglichen HilfsempfängerInnen, die ihrerseits die HelferInnen weiterempfahlen. Die steigende Zahl von Hilfsgesuchen bedeutete wiederum einen größeren Bedarf an Ressourcen. Dieser Kreislauf führte zu teils explosionsartigem Wachstum von Netzwerken und dazu, dass sich HelferInnen auch gegen ihren Willen und wider besseres Wissen verpflichtet fühlten, weiterzumachen und ihre Aktivitäten auszuweiten. Damit stieg auch für Verfolgte, die eng in einem solchen Netzwerk involviert waren, das Risiko entdeckt, deportiert und ermordet zu werden. Netzwerke eröffneten also nicht nur Handlungsspielräume, sondern gefährdeten auch alle direkt oder mittelbar Beteiligten. Alle größeren Netzwerke, wie das um Franz Kaufmann mit 400 Beteiligten, wurden innerhalb einiger Monate systematisch von der Gestapo aufgerollt. 

"Eine einzelne falsche Entscheidung konnte fatal für das gesamte Netzwerk sein"

L.I.S.A.: Heute heißt es, dass man sich möglichst breit und weit vernetzen sollte. War das auch schon das Credo der Netzwerke, die Sie untersuchen? Was ist letztlich der Mehrwert eines Netzwerkes?

Dr. Düring: Nein, die Hilfsnetzwerke stellen einen interessanten Sonderfall dar. Die uns vertrauten Formen von Vertrauen, die im Falle des missbrauchten Vertrauens auf Reputationsverlust oder juristischer Verfolgung des Anderen beruhen können, waren in diesem Fall irrelevant. Es war für nichtverfolgte HelferInnen sehr leicht, das in sie gesetzte Vertrauen zu missbrauchen ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. In dieser extremen Situation konnte eine falsche Entscheidung einer Einzelperson das Ende eines gesamten Netzwerks mit fatalen Konsequenzen für mehrere hundert Beteiligte bedeuten. Dementsprechend mussten alle Beteiligten ständig versuchen, das unvermeidliche Risiko durch Sorgfalt und im Zweifelsfall durch Gegenleistungen möglichst zu reduzieren. Trotz ihrer Zweischneidigkeit eröffneten die Hilfsnetzwerke neue Handlungshorizonte für Einzelpersonen und ermöglichten Zugang zu speziellem Wissen und materiellen Ressourcen. All dies sorgte dafür, dass Verfolgte überlebenswichtige Hilfen erhielten und dass zuvor Unbeteiligte zu aktiven HelferInnen werden konnten. Es macht deshalb Sinn, Hilfsbereitschaft nicht nur als Persönlichkeitsmerkmal, sondern auch als Ergebnis sozialer Einbettung zu verstehen.

Dr. Marten Düring hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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