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Georgios Chatzoudis | 12.11.2015 | 1293 Aufrufe | 1 | Interviews

Samba, Tango, Bollwerk, Dynamit und gründliche Arbeit

Interview mit Rolf Parr über Nationalstereotype in der Fußballberichterstattung


Im Fußball steht eine Länderspielwoche an - morgen spielt Deutschland gegen Frankreich und am kommenden Dienstag gegen die Niederlande. Vor nicht allzulanger Zeit wäre in der medialen Vorberichterstattung hierzulande davon die Rede gewesen, dass organisierte Fußballarbeiter zuerst auf die Champagnerfußballer und danach auf die Brasilianer Europas treffen. Diese stereotypen Zuschreibungen haben sich inzwischen gewandelt, in einigen Fällen sogar ins Gegenteil verkehrt. So wird heute die Spielweise der deutschen Nationalmannschaft oft mit dem Prädikat "brasilianisch" versehen, wogegen die niederländische Auswahl, die sogenannte Elftal, sich bereits als Ansammlung von Rumpelfußballern bezeichnen lassen musste. Diese und andere Nationalstereotypen in der Fußballberichterstattung hat der Germanist Prof. Dr. Rolf Parr von der Universität Duisburg-Essen auf ihre diskursive Bedeutung hin analysiert und darüber einen Aufsatz veröffentlicht. Wir wollten von ihm wissen, wie solche nationalen Zuschreibungen entstehen und welche Diskurse über den Fußball hinaus dadurch befördert werden.

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"Spieler und Mannschaften erscheinen als temporäre Träger allgemeiner Eigenschaften"

L.I.S.A.: Herr Professor Parr, Sie haben sich im Rahmen von Sport- und Diskursgeschichte mit Nationalstereotypen in der Fußballberichterstattung beschäftigt. Eine typische Floskel in der deutschen Berichterstattung über Fußball ist folgende: „Schön anzusehen, aber brotlose Kunst.“ Könnten Sie diese gern verwendete Wendung für uns dechiffrieren? Haben Sie noch einige weitere Nationalstereotype?  

Prof. Parr: Das ist in der Tat eine der wiederkehrenden Phrasen in der Fußballberichterstattung, und zwar ebenso auf der Ebene des Nationenfußballs (insbesondere Europa- und Weltmeisterschaften) wie auch derjenigen der bundesdeutschen Ligen. Zugrunde liegt dieser Formulierung die Differenz von ‚schön spielen ohne Tore‘ und ‚effektiv spielen, aber nicht schön‘, wobei das eigentliche Ideal unter der Hand gleich mit konnotiert ist, nämlich beides miteinander zu verbinden, also ‚schön‘ und auch noch ‚erfolgreich‘ zu spielen. Auf der Ebene des Nationenfußballs galt in den späten 1990er Jahren und auch noch zu Beginn der 2000er Jahre das Spiel der deutschen Nationalmannschaft als wenig schön, dafür aber – was die Ergebnisse anging – als effektiv. Eine treffende Formulierung, die um 2000 verstärkt aufkam, war die Rede vom deutschen ‚Rumpelfußball‘: harte deutsche Wertarbeit, aber eben nicht schön. Den Gegenpol des ‚Schönspielens‘ verkörperte in den Zuschreibungen der Berichterstattung von Presse, Fernsehen und Radio vor allem die niederländische Nationalmannschaft. Ihr sagte man nach, dass sie – vor die Wahl gestellt – in dieser Zeit lieber schön gespielt als Tore geschossen hätte. Mit dem „Sommermärchen“ von 2006 konnte die deutsche Nationalmannschaft dann für einige Zeit beides zusammenbringen: das ‚schön anzuschauende‘, ‚frische‘ Spiel einer ‚jungen‘ Mannschaft, das auch noch zu effektiven Ergebnissen führte (zumindest bis kurz vor Ende des Turniers).

Aber man muss sich klar machen: All das sind Zuschreibungen von außen, die über die gerade spielende Mannschaft hinaus zu Eigenschaften der jeweils ganzen Nation generalisiert werden, sodass jeder einzelne Vertreter einer Nation auch als Vertreter der vermeintlich nationalen Eigenschaften angesehen wird. Die für den zugeschriebenen deutschen Nationalcharakter spezifischen Merkmale ‚Ordentlichkeit’ und ‚arbeitsamer Fleiß’ manifestieren sich dann ebenso in ‚ordentlichen’ Häusern und ‚ordentlich’ gewaschenen Samstagsautos wie eben auch in einem ‚ordentlich’ gespielten Fußball. Spieler und Mannschaften erscheinen – wie mein Wuppertaler Kollege Matías Martínez es einmal formuliert hat – als temporäre Träger allgemeiner Eigenschaften, die eine Nation anscheinend über längere Zeit hinweg ausmachen.

Solche Nationalstereotype gibt es in der Fußballberichterstattung zuhauf. Alle zwei Jahre werden sie bei den Europa- und Weltmeisterschaften neu aufgerufen, aktualisiert und auch durchaus modifiziert. Nehmen wir als Ausgangspunkt die WM 2002 in Korea und Japan (seitdem verfolge ich die Entwicklung), dann sah das System der Nationalstereotype aus deutscher (europäischer) Perspektive so aus, dass die Engländer als ‚eiskalte und knallharte, wenn auch in der Regel faire Direktfußballer’ galten; die Franzosen als eine Mannschaft mit ‚Spielwitz’ bei gleichzeitiger ‚Erfolgsorientiertheit’; die Italiener als so ‚abwehrversessen und taktikorientiert’, dass sie darüber sogar ihre eigentliche Aufgabe, nämlich das Tore schießen, vergaßen; Bulgaren und Rumänen als ‚schlampig’, dafür aber auch ‚hinterlistig’ wie alle Balkanfußballer; die Dänen als so lange völlig ‚relaxed’, bis sie zunächst ‚frech aufspielten’ und dann als ‚danish dynamite’ förmlich explodierten. Da sah es mit dem südamerikanischen Fußball schon anders aus, denn dessen Ball-‚Künstler’ ‚zauberten’ und tanzten ‚Samba’ (wie im Falle Brasiliens) oder ‚Tango’ (wie im Falle Argentiniens); Zentral-Afrikaner ‚tanzten’ zwar auch, aber ohne ‚Zauber’ und im Unterschied zu Südamerikanern eher ohne als mit Ball, sodass einer kollektiven körperlichen Steigerung (‚als Mannschaft mit dem Ball tanzen’) hier eine nur individuelle (‚als Einzelner ohne Ball an der Eckfahne Lambada tanzen’) gegenüberstand. Neu im Turnier waren als Nationen Japan und Südkorea, die als ‚fleißige, aber unkoordinierte Läufer’ und damit ‚leichte Gegner’ wahrgenommen wurden; die Koreaner galten als ‚opferbereit und leidensfähig’. Demgegenüber wiederum waren die biederen deutschen Kicker in der Positiv-Variante eher so etwas wie ‚ordentlich-gründliche Arbeiter am Ball’ (sogar so gründlich, dass sie gelegentlich gar nicht in die nächste Runde gehen wollten), und in der Negativ-Variante eher die schon erwähnten ‚Rumpelfüßler’.    

"Die Berichterstattung über Fußball ist die für eine Diskursanalyse besonders geeignet"

L.I.S.A.: Wenn man an Diskurse und ihre Geschichte denkt, landet man unweigerlich bei Michel Foucault. Was kann die hochtheoretisierte Diskursgeschichte zu einem sehr profanen Bereich wie der Berichterstattung über Fußballspiele beitragen?  

Prof. Parr: Auch bei der Fußballberichterstattung hat man es mit wiederkehrenden Diskurselementen, z.B. wiederkehrenden Zuschreibungen vermeintlich nationaler Eigenschaften zu tun, also mit solchen Formen der Rede, die offensichtlich Regeln folgt, die aber nirgendwo niedergeschrieben sind. Genau das ist aber auch der Punkt, an dem die Foucault’sche Diskurstheorie und ihre Weiterentwicklungen in Literatur-, Kultur-, Sport- und Geschichtswissenschaft ansetzen. Denn mit Foucault und den an ihn anschließenden Arbeiten, lassen sich Diskurse als solche Formen geregelter gesellschaftlicher Praxis verstehen, die sich materiell nachweisen lassen und die soziale Gegenstände als solche allererst mit hervorbringen. Dabei geht die Diskursanalyse vom Konstruktionscharakter soziokultureller Wirklichkeiten (und eben auch solcher Gegenstände wie der Nationalstereotype) aus und fragt, wie bestimmte Formen des Wissens, der Wahrheit und der Wirklichkeit gesellschaftlich hervorgebracht werden. Von daher müsste man Ihre Frage fast umkehren und sagen: Gerade solche ‚profanen‘ Bereiche wie die Berichterstattung über das Sportspiel Fußball sind Gegenstände, die für eine Diskursanalyse besonders geeignet sind. Dabei können solche Diskurse sowohl für bestimmte historische Situationen (zeitliche Schnitte) analysiert werden als auch die Abfolge von Diskursen und diskursiven Formationen in einer diachronen Perspektive in den Blick genommen werden, also die Frage, wie sich welche Diskurse unter welchen Umständen verändern oder modifiziert werden.  

"Brasiliens ‚Sambatänzer auf dem Rasen‘ und mit Frankreichs ‚Champagnerfußball‘"

L.I.S.A.: Woraus speisen sich die Diskurse in der Fußballberichterstattung? Wie viel gesellschaftliche und politische Realität steckt dahinter? Sind sie ein Spiegelbild dieser Realität?  

Prof. Parr: Ich bin immer sehr vorsichtig von ‚Spiegelbildern einer Realität‘ zu sprechen, da es ja keine nicht in irgendeiner Form sprachlich, bildlich oder filmisch vermittelte, also unmittelbare Realität gibt, zu der wir Zugang hätten.

Nichtsdestotrotz sind die Frage nach dem Realitätsgehalt der Diskurse der Fußballberichterstattung und vor allem auch die Frage nach dem Realitätsgehalt der dort auftauchenden Nationalstereotype wichtig. Denn solche Zuschreibungen wie Nationalcharaktere referieren ja nicht auf wirkliche Subjekte und ihre tatsächlichen Eigenschaften. Sie sind vielmehr stets Konstrukte, allerdings solche, die durch tatsächliche Ereignisse, auch historische, durch Gewohnheiten und typische Handlungen motiviert sein können und dies vielfach auch sind. Wir haben es bei den Nationalstereotypen demnach weder ausschließlich mit Referenzen auf eine wie auch immer geartete Realität zu tun, noch ausschließlich mit so etwas wie manipulativ wirkender Ideologie, sondern mit einer sehr viel brisanteren Mischung aus relativ konstanten Positionen, die aus immer und immer wieder aktualisierten Zuschreibungen resultieren (den wiederkehrenden Diskurselementen Foucaults), sowie aktuellen und historischen Ereignissen, Symbolen und wiederkehrenden Erzählungen. Das sind die wichtigsten ‚Ingredienzien‘ für den ‚Cocktail‘ von Zuschreibungen, den Nationalstereotype darstellen und aus denen sie sich speisen.

Wenn etwa die belgische Nationalmannschaft zu einer Gruppe ‚kantiger Fußball-Bürokraten‘ erklärt wird, dann ist das lediglich durch die Präsenz der EU in Brüssel legitimiert, die einen vermeintlichen Realitätsbezug herstellt, der das Stereotyp aber auch hier umso wirksamer macht. Ähnlich sieht es mit Brasiliens ‚Sambatänzern auf dem Rasen‘ und (in den 1980er Jahren) mit Frankreichs ‚Champagnerfußball‘ aus: Champagner ist nun mal eine genuin französische Sache und Sambatanzen eine genuin brasilianische Angelegenheit.  

"Während einer WM kann man nachzeichnen, wie neue Zuschreibungen ausprobiert werden"

L.I.S.A.: Wer sind die Träger der einzelnen Diskurse? Wer transportiert sie und zu welchem Zweck?  

Prof. Parr: Auch hier bin ich vorsichtig, direkte Ursache/Wirkungs-Zusammenhänge anzunehmen, die sich nur im Ausnahmefall nachzeichnen lassen. Denken Sie etwa an das Aufkommen der schwarz-rot-goldenen Autofähnchen, Außenspiegelüberzüge etc. bei der WM 2006. Wer wollte da nach einem Ursprung fragen und nach dem Zweck? Der Clou scheint mir eher der zu sein, dass viele verschiedene Fraktionen des Publikums möglicherweise ganz unterschiedliche Dinge mit dem wieder etablierten ‚Flagge zeigen‘ verbinden und sich diese unterschiedlichen Motivationen zu einem Befund ‚auf einmal Deutschlandflaggen überall im Straßenbild‘ kurzschließen. Ganz ähnlich sieht es auch bei den Diskursen rund um die Nationalstereotype aus. Während einer WM kann man punktuell einmal nachzeichnen, wie ein Journalist eine neue Zuschreibung ausprobiert, wie sie aufgenommen wird und dann proliferiert, aber – wie gesagt – das ist eher die Ausnahme. Was man aber sagen ist, dass dieses ‚Verfestigen‘ umso einfacher und schneller geht, je besser das ‚Gesellschaftsspiel‘ der Berichterstattung und das ‚Sportspiel‘ auf dem Platz mit seiner Eigendynamik übereinstimmen. Bei der WM 2014 etwa spielte Brasilien so, wie Deutschland zu früheren Zeiten. Hier musste die Berichterstattung umschwenken und statt von ‚Samba tanzenden Zauberfußballern‘ von ‚Neuer deutscher Sachlichkeit‘ bei den Brasilianern sprechen. Das wiederum ging nur, weil die deutsche Mannschaft wegen ihres ‚schönen‘ (und ‚brotvollen‘) Spiels zugleich auf die alte Position Brasiliens verschoben wurde. Alle, die das dann in irgendeiner Art und Weise aufgriffen, waren auch Träger dieser Diskurse.

"Die Systeme von Nationalstereotypen stellen gesellschaftliche Ordnungen bereit"

L.I.S.A.: Im Diskurs über nationale Eigenheiten Fußball zu spielen, taucht immer wieder der Begriff „Nationalcharakter“ auf. Was ist von so einem Kollektivsingular zu halten? Was macht ihn gerade für den medialen Diskurs über Fußball so attraktiv?  

Prof. Parr: Einer Nation in allen ihren Vertretern und allen ihren Ausprägungen einen mehr oder weniger einheitlichen Nationalcharakter zuzuschreiben, ist nichts anderes als ein letzten Endes ideologisches Konstrukt. Von daher müsste man sagen, dass man davon nichts halten kann. Eine andere Ebene ist diejenige zu sagen, solche Zuschreibungen nationaler Eigenschaften, wie man sie ja auch jenseits des Fußballs im Alltag findet (zum Beispiel in Form der beliebten Drei-Länder-Witze) sind eine Realität, die es kultur- und medienwissenschaftlich zu analysieren gilt. Als solch ein Gegenstand von Wissenschaft bekommt die Bezeichnung dann auch eine andere Qualität, nämlich die eines operationalen wissenschaftlichen Begriffs.

Für die medialen Diskurse stellen die Systeme von Nationalstereotypen (Nationalstereotype sind immer aufeinander bezogen; Positionen darin können nicht so ohne Weiteres gedoppelt werden) gesellschaftliche Ordnungen bereit, auf die man zurückgreifen kann und die einem als Reporter ein Stück weit der Arbeit abnehmen. Denn man kann sich mit diesen Stereotypen schnell und einfach verständigen. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ brachte vor einigen Jahren eine Seite mit sechs abstrahierten Fußballfeldern, auf denen man beispielsweise als Punkt den schießenden Spieler sah und einen langen Bogen des Balls ins Tor. Die meisten Rezipienten sagten sofort: englisches Direktspiel. Ähnlich bei den anderen Grafiken. Man kann das als eine Art Test auf das ansehen, was ich die Ordnungsfunktion von Nationalstereotypen genannt habe. Sich schnell mit ihnen verständigen zu können, das ist eine Funktion, die die Stereotype für die Medien interessant machen.

Zweites, dies noch einmal untermauerndes Beispiel: Bei der WM 2014 klagte ein brasilianischer Fan, dass sein Weltbild dadurch, dass Deutschland nun wie Brasilien spiele, Brasilien wie das Deutschland der 1990er Jahre, ganz durcheinander geraten sei. 

"Ansammlungen der Positiveigenschaften gleich mehrerer Länder"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrem Beitrag, dass die Zuweisung von nationalen Stereotypen sowohl Kontinuitäten aufweist, aber auch über eine gewisse inhaltliche Flexibilität verfügen kann. War der deutsche Fußballer seit 1954 vor allem ein Arbeiter, ist er seit der Ära Löw ein leichtfüßiger Zauberkicker. Wo bleibt der Arbeiter?  

Prof. Parr: Für die Medienberichterstattung sind die Nationalstereotype in den letzten Jahren zunehmend zu einer Art Baukasten geworden, den sie relativ flexibel und auch durchaus kreativ handhaben kann, indem das vorhandene Set an Eigenschaften zu immer wieder neuen und anderen Gebilden mit ziemlich vielen Kombinationsmöglichkeiten zusammengesetzt wird. Dabei werden die ursprünglichen Zuschreibungen des Nationalen – wie die WM 2014 zeigte – nicht aufgegeben, sie werden aber ein Stück weit von den Nationen unabhängiger und ein wenig stärker als bisher als ein Vorrat allgemeiner Eigenschaften benutzt, die durchaus auf ganz verschiedene Nationen und sehr viel stärker auch auf einzelne Spieler angewendet werden.

Auf diese Weise wurden die alten Stereotype beibehalten, zugleich aber konnte man mit ihnen auch durchaus kreativ umgehen. Einem erfolgreichen Torschützen wie Mario Gomez konnte dann das Prädikat ‚Zauberfußball‘ zugesprochen werden und einem Philipp Lahm zugleich das von ‚guter deutscher Wertarbeit‘. Besonders herausragende Spieler wurden in der Berichterstattung dadurch charakterisiert, dass man sie als Ansammlungen der Positiveigenschaften gleich mehrerer Länder konstituierte, also etwa: XYZ spielt brasilianischen Zauberfußball und ist auch noch ein so ordentlicher Arbeiter, wie ein deutscher Rumpelfußballer, und er köpft auch noch so brillant wie ein Portugiese.

Das System der Stereotype und die mit ihm kulturell parat gehaltenen Vorstellungen werden selbst bei noch so großen Irritationen nicht aufgegeben, sondern es wird versucht, die neuen Positionen im System dadurch zu beschreiben, dass entweder ein Ringtausch zwischen den Nationen stattfindet, also die Nationalstereotype transnational verschoben werden (‚Deutschland spielt brasilianischen Fußball’), oder – wenn das nicht ausreicht – dadurch, dass Kombinationen aus mehreren Nationalstereotypen hergestellt werden (‚die Holländer spielen so genau wie deutsche Fußballarbeiter, haben aber zugleich die Eleganz von Brasilianern’). Es werden also neue Positionen aus der Kombination von Elementen der schon vorhandenen Stereotype generiert. Insofern haben wir es mit ‚Bewegung im System’ und ‚Fortschreibung eines Systems’ von Stereotypen zugleich zu tun.

Es scheint aber auch so zu sein, dass die durchaus divergierenden Entwürfe am Ende doch wieder in ein gemeinsames System einmünden, wobei sich selbst innerhalb der für Stereotype kurzen Dauer einer Fußball-WM oder -EM die Tendenz zeigt, sich der Ausgangssituation und mit ihr den ‚alten’ Stereotypen über den Verlauf eines Turniers hinweg wieder anzunähern.

Man kann dieses Spiel temporärer Abweichungen bei am Ende zugleich festzustellender Tendenz zur Bestätigung des ursprünglichen Stereotypensystems vielleicht ganz gut als ‚kreativen Automatismus’ im Rahmen der Systemgrenzen der europäischen Nationalstereotype beschreiben.

Einzelne Diskurselemente wie die Rede von den ‚deutschen Arbeitern am Ball‘ können dabei zeitweise ausgeblendet, aber auch ebenso schnell reaktiviert werden. Zurzeit sieht es so aus, als wäre die Kategorie ‚Arbeit‘ eher in der Bundesliga-Berichterstattung präsent, als auf der Ebene des Nationenfußballs. So ließ der Trainer des Hamburger SV unlängst verlauten, dass er ‚gern zur Arbeit‘ gehe. Und wenn der FC Schalke 04 auf Bayern München trifft, dann ist mit vorhersagbarer Wahrscheinlichkeit für Schalke von ‚ehrlichen Arbeitern am Ball‘ die Rede, was dann auch gern in Gegensatz zu den Münchener ‚Millionärsspielern‘ gesetzt wird.

"Wünschen würde ich mir eine Rezeption auf Ebene des DFB, der UEFA oder FIFA"

L.I.S.A.: Stichwort Rezeption: Welches Feedback erhalten Sie auf solche Untersuchungen von Vertretern der Medien? Ist man sich dort über die Verwendung von nationalen Stereotypen und über Stimmungen, die damit befördert werden, bewusst?

Prof. Parr: Ich analysiere die Nationalstereotype seit der WM 2002, bei der ich während der laufenden Spiele zu einer Tagung im Goethe-Institut in Seoul war. Seitdem werde ich von Zeitungen, Zeitschriften und Radiosendern bei jeder EM und WM angefragt. Es erscheinen dann auch immer wieder Interviews und Artikel, die mir aber bei den Sportjournalisten selbst nicht ‚anzukommen‘ scheinen. Das mag mit der Arbeitsteilung der einzelnen Redaktionen zu tun haben, denn meine Beiträge sind dann meist im Kulturteil platziert, was den Sportteil nicht unbedingt tangiert. Ärgerlich sind solche Radiointerviews, bei denen die Kollegen von der ‚Stimme der Wissenschaft‘ die Richtigkeit der Stereotype bestätigt haben wollen. Wünschen würde ich mir eine Rezeption auf Ebene des DFB, der UEFA oder FIFA. Unsern Antrag auf eine kleine Förderung, um bei der WM 2014 über das Pressematerial hinaus auch die Fernsehberichterstattung zu analysieren, hat der DFB abgelehnt. Schade.

Prof. Dr. Rolf Parr hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich benatwortet.

Kommentar

von Jens-Holger Jensen | 13.11.2015 | 13:04 Uhr
Ein interessanter und bewusstseinsbildender Beitrag, der sich aber vermutlich nicht jedem Freund des Fußballs erschließt.

Bilden die Begriffe Fußball-Anhänger und Fußball-Fan ein semantisches Wortpaar?

"Fan" ist ja wohl die Kurzform von Fanatiker. Ob sich alle sogenannten Fans gerne in der Presseberichterstattung als Fanatiker eines Vereins oder einer Fußball-Nation beschrieben sehen würden, möchte ich sehr bezweifeln.

Interessanterweise war bisher noch nie die Rede oder Sprache von Fans oder Anhängern der nationalen oder internationalen Fußballverbände (DFB, UEFA, FIFA). Die Identifikation bezog sich immer auf eine Mannschaft.

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