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Prof. Dr. Christine Moll-Murata | 18.05.2017 | 649 Aufrufe | Interviews

"Mystifizierung der Kulturrevolution"

Experten-Interview mit Dr. habil. Nora Sausmikat über Erinnerungspolitik in China

Nora Sausmikat ist Programmleiterin China der Stiftung Asienhaus in Köln. Sie forscht und publiziert zur chinesischen Frauenforschung, zur Geschichte der Intellektuellen, zur politischen Reform und zur Zivilgesellschaft in China. In ihrer Dissertation Kulturrevolution, Diskurs und Erinnerung: Eine Analyse lebensgeschichtlicher Erzählungen von chinesischen Frauen (Frankfurt: Lang, 2002) analysierte sie den Zusammenhang zwischen biografischer und kollektiver sowie staatlich gelenkter Sinnbildung. Hierfür führte sie umfangreiche Feldforschungsstudien durch, in deren Mittelpunkt junge städtische Frauen (zhiqing 知青 bzw. zhishi qingnian 知识青年, gebildete Jugendliche) standen, die im Rahmen der kulturrevolutionären Massenbewegung ab 1968 im ländlichen China sesshaft gemacht werden sollten.

Nana Sippel studiert Sinologie und Religionswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Sie konzipierte, führte und transkribierte das Interview.

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Sippel: Im Rahmen der Vorbereitung für das Interview habe ich ein Statement von Ihnen anlässlich der Konferenz „China zwischen Vergangenheit und Zukunft“ im Jahr 2006 auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung gefunden. Dort äußern Sie sich zur Monumentalisierung der Geschichte, die in der VR China durch staatliche Förderung von Museen bzw. Musealisierung von nationaler Geschichte stattfindet, sprechen andererseits aber auch von einer „Erinnerungsallergie“ der Generation von Chinesen, die in den 70er Jahren unmittelbar nach der „heißen Phase“ der Kulturrevolution geboren wurden. Wie beeinflusst Ihrer Meinung nach dieser Widerspruch im Umgang mit Geschichte deren Aufarbeitung?

Sausmikat: Für mich ist dies kein Widerspruch, sondern das Eine bedingt das Andere. In den 90er Jahren tauchte in sehr massiver Weise eine Reduzierung von Geschichte auf eine ganz bestimmte Auswahl von Episoden aus der Kulturrevolution in den Museen, in den Fernsehserien und in der Literatur auf. Stereotype und bestimmte Aspekte wurden vergrößert, andere wurden ausgelassen und negiert. Dies provozierte Gegenreaktionen. Eine dieser Gegenreaktionen ist das, was ich „Erinnerungsallergie“ genannt habe, eine Art von Abwehr. Wir kennen das auch aus der deutschen Geschichte: Ende der 70er Jahre, als der Holocaust vor allem in seiner Gewaltdimension intensiv thematisiert wurde, gab es auf der Seite der Heranwachsenden eine Abwehrreaktion. Das führt einerseits dazu, dass man sich der Geschichte verschließt, das würde ich mit „Erinnerungsallergie“ bezeichnen. Andererseits führt es aber auch zu Gegenerzählungen und Ausdifferenzierungen dieser doch sehr monolithisch dastehenden Geschichtsdarstellungen in den Museen oder in den Erinnerungszeugnissen, die publiziert werden.

Sippel: Hier schließt sich die Frage nach Parallelen oder ähnlichen Phänomenen in Deutschland an, die Sie auch gerade schon angesprochen haben, zum Beispiel das Auftreten von Fremdenfeindlichkeit, oder dass man die deutsche Geschichte im Zweiten Weltkrieg relativiert. Würden Sie sagen, dass dies eher als Gegenreaktion oder Abwehrmechanismus zu deuten ist, oder dass da der Wunsch deutlich wird, eine eigene Deutung von Geschichte einzubringen?

Sausmikat: Zunächst einmal ist dieser analogische Schwenk zur Fremdenfeindlichkeit in Deutschland schwer nachzuvollziehen. Ich denke, es ist schon möglich, da Parallelen zu ziehen. Fakt ist: wenn die eigene Geschichte nicht aufgearbeitet wird, oder nur ganz bestimmte Teile aufgearbeitet werden, wenn Amnesie befördert wird und ein großer Themenkomplex nicht thematisiert werden kann, bleibt natürlich ein Rest, der sich in den folgenden Generationen fortsetzt und die Integration der nachfolgenden Generation in das „neue“ China erschwert.

Ähnliche Prozesse kann man ja bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte oder dem Übergang vom faschistischen Deutschland in das DDR-Regime und später in das vereinte Deutschland beobachten. Das kennen wir aus der deutschen Geschichte, auch das sind nicht aufgearbeitete Schicksale und sehr viele Ängste, die in der Elterngeneration nicht thematisiert wurden und dadurch die nachfolgende Generation mit der Schuld und der Last in die neue Geschichte katapultieren. Die nachfolgenden Generationen in Deutschland und China sind mit einem sehr reduzierten Geschichtsbild und -wissen in das post-kulturrevolutionäre China oder das Nachkriegsdeutschland hineingewachsen.

Margarete Mitscherlich hat das als die „Unfähigkeit zu trauern“ bezeichnet. Wir finden in China ähnliche Phänomene: durch die Musealisierung der Erinnerung und die Entemotionalisierung kommt es zur Reduktion der Komplexität von Geschichte. Das, was wichtig war für die Kulturrevolution, nämlich die Erziehungsbewegung und zhiqing-Bewegung Anfang der 60er Jahre, darf nicht mehr thematisiert werden. Spezifisch bezüglich der Landverschickungspolitik können die Verschickten noch nicht einmal für sich in Anspruch nehmen, dass das, was sie dort erlebt haben, wie zum Beispiel die Verfolgung auf dem Land, ein genuin kulturrevolutionäres Problem war, sondern diese Bewegung wurde im Nachhinein als ein Produkt der Kulturrevolution herausgeschält. Sie durfte nicht mehr als kulturrevolutionäre Bewegung bezeichnet werden, sondern als eine revolutionäre Bewegung, deren Wurzeln bis in die 1920er Jahre zurückgeführt wurden. Dadurch sind diese Menschen auch sprachlos gemacht worden. Sie sind in den 1990er Jahren instrumentalisiert worden als ein herrschaftsstützendes Kollektiv. Dieses wird von manchen der Protagonisten sehr gern in Anspruch genommen als eine Art schützendes Kollektiv. Aber die furchtbar brutale Verfolgung der Jugendlichen auf dem Land, all die Fraktionskämpfe, die auf dem Land stattgefunden haben, diese Facetten der Geschichte findet man nicht in den Museen und auch nicht in den Memoiren. Das führt natürlich zu einem Konflikt im China der 1990er/2000er Jahre mit diesen Personengruppen.

Sippel: In Ihrem Buch und Ihrem Vortrag plädieren Sie für eine öffentliche Aufarbeitung von Einzelschicksalen nicht als Privatsache, sondern im Sinne eines sozialen Diskurses. Wie schätzen Sie die Bedeutung staatlicher Bemühungen um die Geschichtsdeutung gegenüber einer öffentlicheren Aufarbeitung von Einzelschicksalen ein?

Ein Beispiel wäre der Film „Nicht der Rede wert“ von Hu Jie[1], den wir im Seminar gesehen haben, in dem es um die Geschichte der Ermordung der Lehrerin Bian Zhongyun und ihren hinterbliebenen Ehemann geht, der sich um eine öffentliche Aufarbeitung dieser Geschichte bemüht.

Sausmikat: Viel mehr solcher Filme wie der von Hu Jie wären nötig, sie sind extrem wertvoll. Es ist aber sehr schwer, solche Filme zu machen und solche Einzelschicksale zu beschreiben. Primo Levi hat anhand von Anne Frank mal sehr schön deutlich gemacht, wie viel diese Schilderung eines Einzelschicksals an Verstehensleistung fördert. Das ist bedeutend effektiver, als wenn man sich über Kollektivgruppen oder Kollektivschicksale unterhält, weil die ganze Diskrepanz und Vielschichtigkeit der Geschichte in solchen Einzelschicksalen deutlich wird. Das ist ja genau das Problem, das, was uns fehlt. Die Aufarbeitung bewegt sich in Monumenten oder Stereotypen, und dadurch geht all diese Widersprüchlichkeit und das, was eigentlich zu den Gewaltexzessen geführt hat, die Unklarheit in den politischen Bewegungen, die Willkür, die unterschiedlichen Schicksale, verloren und hat keinen Platz mehr. Das kann man natürlich in der Schilderung von Einzelschicksalen sehr anschaulich darstellen. Darüber hinaus ist der Film ein sehr bewegender, und all solche Filme, die starke Emotionen hervorrufen, bleiben natürlich im Gedächtnis, und sorgen vielleicht auch dafür, dass größere Gruppen sich aufgefordert fühlen, sich mit dem Thema der Aufarbeitung mehr zu beschäftigen. Ich glaube, für die Zukunft jeder Nation ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit extrem wichtig, um zu lernen, und verantwortungsvoll mit der Zukunft umzugehen.

Sippel: Es gibt ja das Phänomen nach sehr traumatischen Episoden in einer Gesellschaft, dass es nachträglich zu einer Glorifizierung des damaligen Zeitgeistes kommt. Das geht über eine reine Nostalgie hinaus, da es auch auf nachkommende Generationen übergreift, aber eben auch auf Zeitzeugen. Sehen Sie das grundsätzlich, oder unter bestimmten Voraussetzungen, als problematisch an? Stichworte wären beispielsweise Ostalgie oder Rückgriff auf Propaganda-Kunst aus dem maoistischen China, wie zum Beispiel das Gemälde von Andy Warhol.

Sausmikat: Ja, das habe ich ja auch versucht mehrfach deutlich zu machen – ich halte es für sehr problematisch, weil das letztendlich ein Verdrängungsmechnismus ist, und Sinngefäße oder Sinnhülsen darstellt. Andy Warhol lassen wir jetzt mal außen vor, aber diese Prozesse der Glorifizierung oder die Produktion neuer Helden als Träger einer bestimmten Moral oder Einstellung, im Falle einer Parteiloyalität, kann man gut in der Aufarbeitung von landverschickten Jugendlichen oder auch Rotgardisten beobachten. Man kann sehr genau nachzeichnen, welche Bilder welche Funktion bedienen. [Aleida] Assman[2] hat das mal in Rückgriff auf Freud gesagt: Verdrängung ist die beste Art der Konservierung. Bei dieser Glorifizierung oder dem neuen Helden-Mythos finden Verdrängungsmechanismen statt, die mit den Gerichtsurteilen in den 80er Jahren ihren Anfang nahmen. Damals hat man schon versucht, Täter- und Opfergruppen voneinander abzugrenzen, und dann in den 90er Jahren durch dieses Meta-Narrativ festzuschreiben, so dass diese Verdrängungsmechanismen wirklich zementiert worden sind. Je fester diese Bilder sind, desto schwieriger ist es, diese Monumente wieder einzureißen, oder für sich individuell kleine Nischen herauszumeißeln, in denen man das, was tatsächlich die Komplexität der Erinnerung ausmacht, in seinen ganzen Facetten darstellen zu können. Es ist eine große Verdrängungsleistung, die in der DDR-Ostalgie oder der gegenwärtigen Mystifizierung der Kulturrevolution stattfindet. Verantwortung geht verloren, weil man nicht weiß oder sich nicht mehr darüber im Klaren ist, welche verheerenden Folgen damit einhergingen. Ganz abgesehen von den Gewaltexzessen, die nicht thematisiert werden.

Sippel: Das ist sicherlich auch etwas, bei dem verstärkte Präsenz von Einzelschicksalen bei der Aufarbeitung helfen kann. Sehen Sie Unterschiede bei solchen Prozessen bei Zeitzeugen in China oder anderen Gebieten in Asien, von denen wir gestern (in Vorträgen im Rahmen des Workshops, Anm.d.Red.) auch gehört haben, und bei Alt-Maoisten im Westen wie die ebenfalls gestern angesprochenen K-Gruppen, die sich der Ideologie nahe fühlten?

Sausmikat: Unterschiede zwischen den K-Gruppen und Alt-Maoisten?

Sippel: Nein (beide lachen) Unterschiede zwischen den Prozessen der Glorifizierung, die sowohl in China bei Zeitzeugen aufkommen, allerdings aber auch bei früheren Mitgiedern der verschiedenen K-Gruppen in Deutschland oder Europa, die das auch als einen Teil ihrer Jugend betrachten.

Sausmikat: Es fällt mir immer sehr schwer, diese Verbindung mit den K-Gruppen, da sie ja mit der Realität in China nichts zu tun hatten. Sie haben in ihren eigenen Bildern gelebt, das haben wir ja gestern auch gehört. Manche haben Reisen in das revolutionäre China unternommen, auf denen ihnen wirklich nur ein ganz kleinen Teil der Realität gezeigt wurde, und deswegen waren sie schon von Anfang mit einer mystifizierten Version des kulturrevolutionären China und des Maoismus konfrontiert . Die Glorifizierung dann in den 1990er Jahren auf der Seite der Laosanjie[3] ist eine ganz andere Geschichte. Das ist ja eine patriotische, herrschaftsstützende Glorifizierung, die auch dadurch große Unterstützung unter den Protagonisten selbst fand, weil diese in dem Bewusstsein lebten, letztendlich ihren revolutionären Dienst abgeleistet zu haben, in der Hoffnung und dem Glauben, sie stellen die zukünftige Regierungs- und Machtelite, die Avantgarde dar. Und letztendlich ist dieser Mythos, der in den 1990er Jahren entstand, ein kleiner Teil des fatalen Missverständnisses ihres Auftrages 1967/68. Damals haben die Katalysatoren der Bewegung, die Rotgardisten der Beijinger Mittelschulen Nr. 1, Nr. 4 und Nr. 25, die entscheidende Parole zur Landansiedlung geprägt. „Das Land ist ein weiträumiger Ort, dort kann man seine Fähigkeiten unter Beweis stellen“. Die „richtige“ Interpretation dieser Worte Maos, und damit der Landansiedlung per se, begann mit der Propaganda um den Rotgardisten Qu Zhe. Die daraufhin angestoßene „frühe“ Landansiedlungsbewegung ab Oktober 1967 war so konzipiert, dass der Erziehungsauftrag umgekehrt wurde: die Rotgardisten brachten der Landbevölkerung maoistisches Gedankengut. Sie glaubten, die revolutionäre Hauptschlagkraft für das revolutionäre Schicksals Chinas zu sein. Zu dieser Zeit waren die Landansiedlungspolitik und ihre Authentizität als „maoistische Politik“ stark umstritten. Zwar ging das Militär schon Ende 1967 gegen Rotgardisten auf dem Land vor, doch der Mythos, „revolutionäre Erben“ Mao Zedongs zu sein, hat sich in der Generation um Xi Jinping erhalten. Die K-Gruppen aus dem Westen waren in diese Kämpfe keinesfalls verwickelt. Insofern gibt es da wirklich dermaßen unterschiedliche Motivationslagen, dass es mir schwerfällt, das zu vergleichen. Das wäre wirlich nur auf einer ganz abstrakten Ebene möglich.

Sippel: Das ist nachvollziehbar. Da fehlt dann der persönliche Erfahrungsaspekt, um das vergleichen zu können.

Sausmikat: Das weiß ich nicht, ich glaube, man kann nicht einfach Äpfel mit Birnen vergleichen. Es sind ganz andere Inhalte, wenn auch ähnliche Prozesse. Im Buch von Wolfgang Kraushaar, 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, ist das sehr gut beschrieben[4]. Es finden wirklich ähnliche Mystifizierungsprozesse mit 68er-Generation statt. Dieses reduzierte Bild, dass es eine wilde Zeit war, mit Drogen, Antiautoritarismus, freier Liebe und Sex usw. Ähnlich wie bei der Ausblendung der Gewaltexzesse der Kulturrevolution werden die Gewaltexzesse der 68er abgespalten und nicht thematisiert, die politischen Kämpfe und Argumentationen findet man kaum in den Zeitzeugenberichten. Man setzt sich, außer in der Frankfurter Schule vielleicht, gar nicht mehr groß damit auseinander, was für Gedankengebäude die 68-er geprägt haben, die äußerst kompliziert waren und auch teilweise eng mit unserer faschistischen Vergangenheit zu tun haben. Insofern sind die formalen Prozesse schon vergleichbar, eine unvollständige und selektive Vergangenheitsaufarbeitung, aber diese Mystifizierung, die jetzt in China stattgefunden hat mit den Laosanjie, und die 68er-Mystifizierung sind inhaltlich zu unterschiedlich um sie in Beziehung zu setzen.

Sippel: In Ihrem Buch nennen Sie als eine Hauptursache für die aufbrechenden Konflikte zwischen den landverschickten Jugendlichen und den ländlichen Kadern, dieses als Klassenkampf verstandene Aufeinandertreffen, und diesen Konkurrenzkampf um die zukünftige führende Rolle in der Partei, oder die „richtige“ Revolution, die politischen und ideologischen Unklarheiten und das politische Vakuum. Meinen Sie, dass infolge dieser politisch und sozial instabilen Phase der „Lernerfolg“ der chinesischen Politik ist, lieber für zuviel Stabilität und vorgegebene Deutung zu sorgen, als für zuviel Deutungsfreiheit und zuwenig Stabilität?

Sausmikat: Ich habe ein wenig Schwierigkeiten mit dem Wort „Stabilität“. Denn das, was gerade auch in der Zeit der frühen Kulturrevolution passierte, und auch später, nach 1968, der brutale Klassenkampf auch auf dem Land, waren ja deswegen so verheerend, weil es eigentlich eine Herrschaft der Willkür war. Es gab weder für die Ansiedlungsform noch für den Sinn und Zweck dieser ganzen Bewegung klare Anweisungen. Die changierten lokal und veränderten sich über die Jahre hinweg. Es gab diese Bewegung ja auch schon 1956, und auch schon vor der Massenbewegung in der frühen Phase der Kulturrevolution, und immer wieder wechselten sowohl die Subjekte dieser Bewegung als auch ihr Sinn und Zweck. Und die Kämpfe auf dem Land ... man kann das nicht überschreiben mit „es gab zuwenig Stabilität“ – es gab überhaupt keine Stabilität! Es herrschte Chaos. Dies begünstigte letztendlich die Gewaltexzesse. Und Klassenkampf, das war eben das Schlüsselwort dieser Zeit! Da ist dieser Begriff Stabilität ganz weit weg, denn das wollte man ja auch gar nicht. Und das, was heute unter dem Schlagwort wending 稳定 oder soziale Stabilität, ist eher ein Deckmantel für soziale Kontrolle und Überregulierung. Die reale Gefahr von großen sozialen Konflikten kann man nicht durch... wie haben Sie das formuliert?

Sippel: ...zu viel Stabilität als zu wenig...

Sausmikat: …ja, nicht durch Maßnahmen zur Erhöhung der „Stabilität“ bändigen. Auch nicht mit klaren Definitionen! Da geht es nicht darum, irgendetwas klar zu bennenen oder nicht klar zu benennen. Das eine war ein Klassenkampf, und der wurde bewusst geschürt durch unklare Definitionen, wie Sie es hier benannt haben. Das waren willkürliche Klasseneinteilungen, um einen Bürgerkrieg zu entfachen mit all diesen Gewaltexzessen. Was wir dann in den 1990er/2000er Jahren beobachten, das Bemühen um „Stabilität“, in China nennt man das auch „Harmonie“, ist keine Reaktion auf Klassenkämpfe. Es ist der Versuch, diese zu unterbinden, wenn Sie so wollen. Insofern kann man von Lernerfolg sprechen, denn die bürgerkriegsähnlichen Zustände der Kulturrevolution dienen bis heute als Mahnmal.

Sippel: Ich habe noch ein Frage zur Musealisierung, von der Sie ja gesagt hatten, dass der Staat derzeit relativ große Bemühungen hineinsteckt, um mithilfe der Eröffnung von Museen eine nationale Geschichte zu verfestigen. Es gibt allerdings auf der anderen Seite auch Museen, die von Privatleuten eröffnet werden, wie beispielsweise das sehr große Jianchuan Museum[5]. Wir haben dieses Museum im Seminar angesprochen, und es gab sehr kontroverse Stimmen dazu aus der Presse. Auf der einen Seite las man Artikel mit dem Zitat des Betreibers „Meine Zunge ist zu schnell für die Politik“ als Überschrift, mit einer Darstellung, als sei er zu schnell und zu lebhaft für eine Zensur durch den Staat, auf der anderen Seite aber auch Stimmen, dass das ganze Museum relativ linientreu ist. Je nach Informationsquelle wirkte das ganze sehr konform oder eben ein wenig „aufmüpfig“. Wie schätzen Sie den staatlichen Einfluss auf solche Privatmuseen tatsächlich ein, sobald sie eine nennenswerte Bekanntheit erreicht haben?

Sausmikat: Als sehr groß. Ich bin überzeugt, dass kein Privatmuseum ohne staatliche Unterstützung funktionieren könnte. Man kann das sehr gut an diesem Museum in Shantou[6] sehen, wie ich gestern dargestellt habe. Das war eine Bemühung, ein Museum im Sinne von Ba Jin[7] entstehen zu lassen, also ein reflektierendes Museum, ein Museum des Lernens, welches sich eben nicht in Glorifizierung oder Nostalgie erschöpft, sondern viel weiter ging, und bestimmte Fragen an die Geschichte gestellt hat. Und dieses Museum ist heute tot. Es ist geschlossen und im Rahmen dieser großen Korruptionskampagne natürlich der staatlichen Aufräumarbeit zum Opfer gefallen. Andere Museen, wie das, das Sie angesprochen haben, bewegen sich ganz klar im Rahmen, in dem man Museen, gerade zur Kulturrevolution, gerne sehen möchte. Da werden Mao-Devotionalien wie Reliquienschreine ausgestellt, und das in einer Zeit, in der der Maoismus massiv zurückkehrt. Aber es muss gar nicht nur der staatliche Einfluss sein. Das ist ja von Fan Jianchuan aufgebaut worden, jemand, der sich gerne auch mal parteikritisch darstellt, aber er ist überzeugt von dem, was er tut. Und das liegt heute absolut auf Parteilinie.

Sippel: Abschließend habe ich noch eine Frage zu dem, was Hannah Arendt in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ schreibt: Es sei ein Element des Totalitarismus, dass individuelles und moralisches Handeln durch staatlichen Terror unmöglich gemacht wird, wobei gerade auch der Aspekt vor der Willkür ein ganz wichtiger Aspekt ist. Und zwar insofern, dass moralisches Handeln schon allein durch diese Willkür und Unlogik unmöglich gemacht wird, weil es völlig unvorhersehbare Folgen zeitigen kann, im schlimmsten Fall den eigenen Tod. Kann die schon angesprochene Unklarheit Maos gegenüber den Massenbewegungen möglicherweise psychologisch einen ähnlichen, terrorisierenden Effekt auf die Protagonisten der Kulturrevolution gehabt haben? Hat es ihnen moralisches Handeln auf ähnliche Art unmöglich gemacht?

Sausmikat: Ja, auf jeden Fall. Das ist sicher vergleichbar, wobei Hannah Arendt vom „totalitären Charakter“ spricht, und das bezieht sich auch auf die Hörigkeit der Massen. Das sind zwei Dinge, die man auseinanderhalten muss. Aber auf jeden Fall stellen die Atmosphäre der Angst und Verunsicherung, der Effekt dieser ständig wechselnden Täter-Opfer-Kategorien, diese, wie Prof. Roetz es nannte, „launenhafte Politik“ eine eigene Art des Terrors dar. Feinde, Freunde, neue Kategorien der Klassen und Möglichkeiten, diese Klassenzugehörigkeit durch das eigene Verhalten „aufzubessern“ oder eben negativ zu beeinflussen, Klassenschuld einzugestehen, Buße zu tun. In den Interviews zu meinem Buch habe ich auch sehr intensiv gespürt, wie der Terror psychologisch nachhaltig das ganze Leben dieser Menschen belastet. Diese Internalisierung von Schuld, gesetzt den Fall man ist als Feind gebrandmarkt worden; dass man, wenn man den Terror überlebt hat, trotzdem auch sein ganzes weiteres Leben mit diesem Terror, der subkutan gesät wurde, weiterlebt. Es gibt eine große Diskussion darum, ob man überhaupt eine Parallele zwischen der Shoah und Holocaust und Kulturrevolution ziehen darf. Viele chinesische Wissenschaftler sagen, das dürfe man nicht tun, damit nehme man den Opfern in China die Stimme. Es gibt auch eine Erinnerungskonkurrenz zwischen dem Nanjing-Massaker und der Kulturrevolution. Auch hier argumentieren chinesische Wissenschaftler, wenn wir zu sehr darauf drängen, dass die Kulturrevolution gründlicher aufgearbeitet werden müsste, würde man den Japanern das Argument an die Hand geben, das Nanjing-Massaker nicht weiter aufarbeiten zu müssen, da dies innerhalb Chinas ja noch nicht einmal mit der eigenen Geschichte, sprich mit der Kulturrevolution passiere. Abgesehen davon ist es auch absurd, den industriellen Mord des Holocaust mit der Kulturrevolution zu vergleichen. Aber ich denke schon, dass man Teile von dem, was Hannah Arendt über den totalitären Charakter geschrieben hat, auf die Kulturrevolution Ende der 60er, Anfang der 70er anwenden kann.

Sippel: Das war ein Punkt, der uns im Seminar ganz besonders beschäftigt hat, auch die Frage nach dem totalitären Charakter ist heiß diskutiert worden.

Sausmikat: Letztendlich ist es ja eine Frage, die von den Betroffenen selbst aufgeworfen worden ist. In der allerersten frühen Phase der Reflektionsliteratur haben einige Rotgardisten selber diesen Vergleich gezogen und eine Opferkategorie für sich aufgemacht, die „den Juden gleich“ war, und da gab es auch innerhalb der chinesischen Gemeinschaft sehr heftige Diskussionen, dass das nicht gehe. Damit war der Stein ins Rollen gebracht. Dann kam bei uns der Historikerstreit noch dazu, und dann war es plötzlich eine Diskussion, die sowohl hier im Westen als auch in China stattgefand. Das war sehr spannend.

Sippel: Gerade dass es von den Rotgardisten selbst aufgebracht wurde, spricht für diesen psychologischen Impact im totalitär-terroristischen Sinne, der auf die Protagonisten selbst eingewirkt hat. Sie scheinen ja schon einen Vergleich zu suchen.

Sausmikat: Das Schwierigste ist, die Reflektionsprozesse zu verstehen: Wie konnte ich damals? Was habe ich alles getan? Wie konnte es so weit kommen, dass ich mich so habe vereinnahmen lassen? Das ist auch das, was die meisten umtreibt, wenn sie überlegen: Was soll ich meinen Kindern mitgeben? Durch die oben diskutierte patriotische Glorifizierung stellen sich aber viele diese Fragen nicht mehr. Es wird gar nicht in Frage gestellt, denn das kann man ja erst, wenn man sich bewusst macht, zu was man fähig war in diesem Zustand. Und dadurch, dass Gewaltexzesse abgetrennt werden, das ist das Gefährliche, sehen viele das nicht mehr. Aber die, die sich diese Fragen stellen, sind ganz schnell bei Hannah Arendt oder der deutschen totalitären Vergangenheit. Zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland gibt es einfach so viel Literatur, die ja auch teilweise ins Chinesische übersetzt worden ist. Letztendlich hat auch dieser Frankfurter-Schule-Hype in China mit Vergangenheitsaufarbeitung zu tun. Da war der Schritt nicht mehr so weit zu sagen, es ist eine totalitäre Gesinnung in der deutschen Gesellschaft entstanden, und das können wir übertragen auf die chinesische Situation. Das ist einfach dieser ganz starke Reflexionsprozess, wenn wir zurückblicken und uns klarmachen: Was haben wir getan und wie war das möglich? Also zurück- und dabei nach vorn zu schauen.

Redaktion: Christopher Kerscht, Christine Moll-Murata

Nachweise

[1] Hu Jie, Wolfgang Schwiedrzik, Susanne Weigelin-Schwiedrzik, „... nicht der Rede wert?: Der Tod der Lehrerin Bian Zhongyun am Beginn der Kulturrevolution“, Heidelberg: Edition Mnemosyne, Oktober 2009.
[2] Aleida Assmann, „Stabilisatoren der Erinnerung – Affekt, Symbol, Trauma“, in: Jörn Rüsen; Jürgen Straub (Hrsg.), Die dunkle Spur der Vergangenheit. Psychoanalytische Zugänge zum Geschichtsbewußtsein (Frankfurt a. M: Suhrkamp 1998), S. 131-152.
[3] 老三届 „die älteren drei Absolventenjahrgänge“ der chinesischen Mittel- und Oberschulen der Jahre 1966,67 und 68, aus denen sich die größte Gruppe der Rotgardisten und landverschickten Jugendlichen zusammensetzte.
[4] 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur (Hamburg: Hamburger Edition 2000).
[5] 建川博物馆 bzw. Jianchuan Museum Cluster建川博物馆聚落, Gruppe von 15 Museen in der Nähe der Provinzhauptstadt von Sichuan, Chengdu, vom Unternehmer Fan Jianchuan gestiftet. http://www.jc-museum.cn/en/. Die „Museen der Roten Jahre“ 红色年代博物馆 sind den Jahren 1966-76 gewidmet; eines darunter ist das Museum zum Leben der landverschickten Jugendlichen 知青生活馆.
[6] Shantou wen’ge bowuguan 汕頭文革博物館, Provinz Guangdong. Eröffnet im Jahr 2005.
[7] Ba Jin 巴金, 1904-2005, Schriftsteller und Publizist, forderte bereits 1981 die Eröffnung eines Museums der Kulturrevolution, siehe „‘Wenge‘ bowuguan“ 文革”博物馆 (Museum zur ‚Kulturrevolution‘“), in seiner Werksammlung Suixianglu 随想录 (Gedanken unter der Zeit), Band 5, Wuti ji无题集 „Stücke ohne Titel“, Beijing; Renmin wenxue chubanshe 1986, S. 121-124.

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