Login

Registrieren
merken
Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 12.08.2017 | 267 Aufrufe | Artikel

Monetary Games, Big Data and Mereological Magic Gambling, Speculation and Numerology in an Age of Uncertainty

Bericht zum Workshop von Christoph Lange & Dr. Mario Schmidt

Vor dem Hintergrund unserer Forschungsschwerpunkte und Einzelprojekte in der Nachwuchsforschungsgruppe „Transformations of Life“ im Research Lab der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, die sich mit Praktiken des Umgangs und der ‚Bewältigung’ von Unsicherheit und Risiko beschäftigen, haben wir am 07. und 08. November 2016 führende internationale Wissenschaftlerinnen (1) zu einem Workshop an die Universität zu Köln eingeladen, um mit ihnen gemeinsam analytische und strukturelle Ähnlichkeiten zwischen divinatorischen Praktiken, Finanzspekulation und dem oftmals pathologisiertem Glücksspiel aufzudecken und zu diskutieren.

Programm des Workshops (742.10 KB)
Google Maps

Die Vorträge am Montag leisteten grundlegende und theoretische Beiträge zum Themenfeld, welche dann am Dienstag durch detaillierte Fallstudien ergänzt wurden. Den Auftakt machte Anthony Pickles (University of St. Andrews) mit einem Vortrag zu „What Kind of Transaction is Gambling Anyway?”, in dem er eine Neukonzeptionalisierung von ‚Gambling’ als transfer und transaction vorstellte. Ziel war es dabei, den Fokus weg von den etablierten und weitakzeptierten anthropologischen Konzepts des Mauss’schen Gabentauschs und des Rezeprozitätsparadigmas zu lenken, um alternative Formen des „one-way transfers“ analytisch besser zu verstehen. Der Beitrag unserer Kollegin Adi Efal-Lautschläger aus dem a.r.t.e.s. Research Lab zu „Pascal's Wager and the Art of Reasonable Decision Making“ führte in das philosophische Denken von Blaise Pascal und René Descartes unter dem Aspekt einer niemals vollständig erkennbaren Wirklichkeit ein und exemplifizierte, wie unter dieser notwendigerweise existentiellen Unsicherheit rationale Entscheidungsprozesse die Form ‚irrationaler Wetten‘ – z. B. auf die Existenz Gottes – annehmen können. David Zeitlyn (University of Oxford) eröffnete mit seinem Vortrag „Gambling with Life Choices“ das Feld der Divinationsforschung und berichtete aus seiner langjährigen Feldforschung in Kamerun und wie Mitglieder der ethnischen Gruppe Mambila auf der Grundlage eines komplexen Befragungsverfahrens an ein Spinnen-Orakel versuchen, magischen und anderen existentiellen Bedrohungen Herr zu werden. Im Anschluss daran diskutierte Zeitlyn Ähnlichkeiten zwischen Glücksspiel, Divination und Big Data. In seinem Beitrag „‚The Only Thing I Need is Another System‘ – How to Hit the Weekly Football Jackpot in Western Kenya“ präsentierte Mario Schmidt aktuelle Feldforschungsergebnisse zu neuen Praktiken des Wettens und Glückspiels aus den Kasinos und Wettshops Nairobis. Anhand ethnographischen Materials zeigte Mario Schmidt, dass eine Übertragung des durch westliche Vorstellungen geprägten Konzepts des ‚Gambling‘ auf die Glücksspielpraktiken in Kenia nur bedingt möglich ist. Letztere lassen sich vielmehr nur unter Einbezug genuin kenianischer und Luo-spezifischer Klassifizierungs- und Kategorisierungssysteme des ‚sozialen Körpers‘ und der Verhältnisse dessen Teile zu einander, analysieren und verstehen. Den ersten Tag beschloss Rebecca Cassidy (Goldsmith College London) mit ihrem Vortrag „From Trust to Self-Management: Making Betting Markets“, in der sie uns von ihren intensiven ethnographischen Explorationen in die Wettshops der Buchhalter für Pferdewetten berichtete. Ihr Fokus lag auf der (technologischen) Transformation des traditionellen britischen Milieus der Sportwetten, deren politischer Kontextualisierung und dem ‚Kampf‘ zwischen der klassischen monopolisierten Buchhalterindustrie und den rezent entstandenen Algorithmen-gesteuerten Online-Wettanbietern, die drohen, das System auf den Kopf zu stellen.

Den Dienstag und zweiten Tag des Workshops eröffnete Emma Casey (Kingston University London) mit dem Vortrag „Temporal Practices of Self-Hood in Mass Observers’ Gambling Narratives“, worin sie ihr soziologisches Forschungsprojekt zu Konsistenz und Wandel von Gambling-Narrativen in britischen Haushalten vorstellte. Caseys Vortrag beruhte dabei vor allem auf der Analyse biografisch-qualitativen Datenmaterials, das sie im Mass Observation Archive der University of Sussex ausfindig gemacht hat. Mit dem Beitrag „Grapping a God's Ponytail - On Kairos Economics and Luck Chasing in Periods of Transition“ erweiterte der Zentralasienwissenschaftler Olaf Günther (Palacky University, Olomouc) die Perspektive des Workshops um eine wirtschaftsethnologische Betrachtung des ‚Glücksrittertums‘ und der ‚Kairos Ökonomie‘. Günther ging der Frage nach, unter welchen Bedingungen bestimmte soziale Gruppen in Phasen gesellschaftlichen Umbruchs in einen Modus hoher geografischer und sozialer Mobilität wechseln, um ihr ‚Glück‘ in besonders risikoreichen und unabwägbaren Unternehmungen zu suchen. Michael Zürn vom Social Cognition Center Cologne führte uns in seinem Vortrag „Experiments on Decision Making under Risk: Betting, Gambling and Financial Decisions“ in die Welt der Wirtschaftspsychologie und der Erforschung von Entscheidungsprozessen in ökonomischen Risikosituationen. Hierbei lag sein Augenmerk auf experimentellen Versuchsanordnungen, in denen die Risikoaversion der Probanden durch klassische Wett- und Glückspiele simuliert wird. Den Abschluss der Workshops bildete Christoph Langes Beitrag „Being a Creator – Breeding Arabian Horses as Gambling with Life“, in dem er anhand seiner ethnologischen Forschung zur globalen Zuchtindustrie arabischer Pferde das Gedankenexperiment unternahm, die Züchtung von Pferden als ‚Gambling‘ und Praxis der Zähmung und Manipulation einer natürlichen Unsicherheit der genetischen Vererbung zu betrachten, die sich in einen globalen, hochspekulativen, investitions- und risikoreichen Handel von arabischen Pferden übersetzt, wo das Zuchtziel des ‚1-Millionen-Dollar-Pferdes‘ als Jackpot lockt.

Nach der Abschlussdiskussion stand für die Veranstalter und Teilnehmerinnen fest, dass der Workshop eine besondere Chance bot, ein Wissensfeld intensiv und facettenreich diskutiert haben zu können. Ob und wie ‚Gambling Practices as Epistomolgical Devices‘ die sozialwissenschaftliche Debatte über den Umgang mit und überhaupt die Konzeption von Unsicherheit – von der anthropologischen Produktion von Wissen über Strategien des ‚Risiko Managements’ bis zu Divinationspraktiken – bereichern kann, wollen die Teilnehmerinnen in einem geplanten Konferenz- und Sonderband weiterführend diskutieren.

(1) Die Verwendung der grammatikalisch femininen Form umschließt alle Personen unabhängig ihres Geschlechts.

Organisation und Bericht: Christoph Lange & Mario Schmidt, a.r.t.e.s. Research Lab

Der Workshop wurde finanziert aus Mitteln der Competence Area IV „Cultures and Societies in Transition“ und der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities.

Veranstaltungen des a.r.t.e.s. Research Lab

Kommentar erstellen

14NBYD