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Georgios Chatzoudis | 03.03.2015 | 1503 Aufrufe | Interviews

"Mit einem deutlichen Anflug von Skepsis"

Theodor Wolff im Exil in Nizza

Interview mit Bernd Sösemann über den Journalisten Theodor Wolff

Vor 100 Jahren, genauer am 1. März 1915, widersetzte sich der Chefredakteur des "Berliner Tageblatts" Theodor Wolff der Militärzensur seines Landes. Er gehörte ohnehin nicht zu jenen Journalisten, die ihrer Regierung ergeben und kritiklos zur Seite stehen - nicht einmal als in Europa der bis dahin verheerendste Krieg der Geschichte tobte. Selbst in solchen Krisenzeiten wahrte Theodor Wolff Distanz und misstraute vermeintlichen Wahrheiten. Seine berufliche Auffassung ist heute angesichts eindeutiger journalistischer Parteinahmen zugunsten der jeweils nationalen Regierung nicht mehr selbstverständlich. Der Historiker Prof. Dr. Bernd Sösemann hat für die „Historische Kommission“ bei der „Bayerischen Akademie der Wissenschaften“ bereits 1984 die Tagebücher Theodor Wolffs zum Ersten Weltkrieg und zu den Anfängen der Weimarer Republik in zwei Bänden ediert, Wolffs journalistische und publizistische Werke, Artikel und Briefe in sechs Bänden veröffentlicht und eine Biographie des Chefredakteurs verfasst. Nun liegt auch eine Online-Plattform zu Theodor Wolff vor. Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

"Mit einem deutlichen Anflug von Skepsis, misstraut er ehernen Wahrheiten"

Forschungsgegenstand und Forscher - Theodor Wollf und Prof. Dr. Bernd Sösemann

L.I.S.A.: Herr Professor Sösemann, Sie haben sich in Ihrer Forschungsarbeit intensiv mit dem Journalisten Theodor Wolff beschäftigt und unter anderem eine ausführliche, kommentierte wissenschaftliche Edition der Tagebücher herausgegeben. Können Sie in einigen Worten den Menschen und den Journalisten Theodor Wolff charakterisieren?  

Prof. Sösemann: In Theodor Wolffs Leitartikeln finden sich attackierende Passagen oder den politischen Gegner bloßstellende Darstellung nie in verletzender und gar in ehrabschneidender Form. Er achtet auch darauf, dass ihm keine Anspielung zu langatmig und keine Andeutung zu breit gerät. Sein Witz verzichtet auf den letzten erläuternden Satz, seine Ironie auf das zusätzliche Ausrufezeichen. Neben ihren bitteren Varianten tritt die Ironie mit versöhnendem und entspannendem Gestus auf – leise, lächelnd und etwas versonnen, wie es in den an Anatole France oder Victor Auburtin erinnernden Texten geschieht. Dabei entsteht nicht der Eindruck des Spielerischen und des Unverbindlichen. Vor diesem Missverständnis bewahren den Leser der seriöse publizistische Kontext, der sachliche Untergrund des Artikels und die Ernsthaftigkeit der journalistischen Botschaft.

Gleichgültig in welcher Profession Wolff seinem Leser begegnet, als Journalist dem Aktuellen, den Stürmen der Straße ausgesetzt, oder als Schriftsteller hinter den schützenden Wänden der Bibliothek mit dem Anspruch schreibend, dem Wahren und der Wahrheit nachspüren zu wollen, immer teilt er sich seinem Publikum mit als genauer Beobachter und Aufklärer. Fern jeglicher Ideologie stehend, liberal, offen und mit einem deutlichen Anflug von Skepsis, misstraut er ehernen Wahrheiten und ihren Propheten. Die dabei beachtete Zurückhaltung und Skepsis wendet er auch gegen sich und die Zeitung. Der Advokat dürfe erst plädieren, wenn er seine Studien und Examina bewältigt habe, doch dem Journalisten werde beides nicht abverlangt. Über allen Feststellungen und Urteilen Wolffs schwebt ein selbstkritisches “Vielleicht”.

Seine gut recherchierten Ausführungen entstehen am Stehpult oder Schreibtisch. Sie verbinden aufs Engste den Bericht mit dem Kommentar, trennen die Darstellung nicht von der Wertung. Dieses Verfahren verwendet Wolff bewusst und politisch engagiert, doch jenseits von hemmender parteipolitischer Nähe und mit klarer Orientierung an liberalen Grundsätzen, die er keiner Fraktions- oder Parteizeitungsdisziplin zu opfern bereit ist. Er ist nie politisch ungebunden gewesen, aber weitgehend unabhängig; er fühlt sich allein der Öffentlichkeit verpflichtet. Die Militärs legten im Ersten Weltkrieg Wolff zwar einen monatelangen Schreibverzicht auf, konnten aber es aber gegen den politischen Protest im In- und Ausland nicht aufrechterhalten. 

"Die Regierung existiere so fernab des Volkes, dass sie dessen Erbitterung nicht spüre"

L.I.S.A.: Als Chefredakteur des „Berliner Tageblatts“ hat er der Zeitung seinen Stempel aufgedrückt, nachdem ihm im Herbst 1906 Rudolf Mosse die Leitung der Zeitung angeboten hatte. Bis 1933 blieb Wolff dessen Chefredakteur und entwickelte das Blatt zur einflussreichsten Hauptstadtzeitung. Kann man sagen, dass er die Zeitung als eine außenpolitisch gegen Großmachtpolitik und die daraus folgende außenpolitische Isolation gerichtete, innenpolitisch freiheitlich-demokratische „Gesinnungszeitung“  etabliert hat? Kurzum: Wo waren B.T. und T.W. politisch zu verorten?  

Prof. Sösemann: Wolff war Frankreich-Korrespondent in Paris, als ihn der Verleger Rudolf Mosse mit dem Angebot überraschte, von 1906 an das BT zu führen. Unter Wolffs Chefredaktion änderte sich der Kurs in mehreren Punkten deutlich: Die Zeitung forderte die außenpolitische Öffnung gegenüber Frankreich und Großbritannien, sozialpolitische Reformen im Innern und die Stärkung des Parlamentarismus. Wolff sah den Wilhelminischen Staat „von Lüge, Heuchelei und Sophismen durchsetzt”; es mangele an der Gleichberechtigung der Bürger; die Regierung führe „ein Kastenregiment” (19.7.1909). Die Ära des von Wolff kritisierten bürgerlichen Verfassungsstaats endete nach den Reichstagswahlen vom 12. Januar 1912. An jenem Tag stieg die SPD trotz ungünstiger äußerer Bedingungen zur stärksten Reichstagsfraktion auf. Doch zu einer entsprechenden politischen Mitverantwortung führte dieser Umstand nicht. Wolff reagierte scharf. Im letzten Friedensjahr, offiziell als „Jubeljahr“ zur Erinnerung an das Vierteljahrhundert der Regierung Wilhelms II. und an die „großartigste Volkserhebung“ von 1813 gefeierte, bilanzierte Wolff: In Deutschland herrsche ein Säbel-Regime, das rechtliebende Geister entmutigen müsse; die Regierung existiere offenbar so fernab des Volkes, dass sie dessen Erbitterung nicht spüre (1. und 4.12.1913).

Die parlamentarische Ermächtigung vom 4. August 1914 und die Ausrufung des „Burgfriedens” verwehrten auch Journalisten und Politikern kritischen Kommentar und kontroverse öffentliche Debatten. Als Walther Rathenau in jenen Tagen dem BT eine zu große Zahmheit, ja Willfährigkeit vorwarf, stöhnte Wolff in seinem Diarium, „als ob das Tageblatt unter der Zensur gegen [hervorgehoben] den Krieg schreiben könnte!“ (17.10.1914). Lediglich in geschlossenen Gesellschaften konnte offen debattiert werden. Mit der Delbrück-Wolff-Dernburg-Denkschrift von 1915 ergriff Wolff die Initiative zum Aufbau einer rechtsliberalen Abwehrfront gegen den grassierenden maßlosen Annexionismus. Dem Tagebuch vom 9. Februar 1915 lässt sich unter anderem entnehmen, dass Wolff selbst in einer Phase imperialistischer Kriegszielvorstellungen weiterhin das Gespräch über Friedensmöglichkeiten suchte.

Nur wenige Verleger und Journalisten stärkten in den zwanziger Jahren Republik und Demokratie so entschieden wie die Mehrzahl der jüdischen Redakteure bei den Ullsteins, in der „Frankfurter Zeitung“ oder im „Berliner Tageblatt“. Dort verteidigten sie die Prinzipien des Kompromisses und Rechtsstaats gegen eine weitgehend republikferne Rechtsprechung, gegen Monarchisten und Deutschnationale, gegen den wachsenden Links- und Rechtsradikalismus. Sie mussten miterleben, dass die Weimarer Republik auch an der Schwäche ihrer Minister und Parlamentarier scheiterte. Auch die demokratische Fraktion um Theodor Heuss und Reinhold Mayer lehnte das nationalsozialistische Ermächtigungsgesetz nicht ab. Selbst die sozialdemokratische Fraktion, die am 23. März noch entschieden gegen Hitlers Gesetz und gegen die Etablierung des permanenten Ausnahmezustands votiert hatte, stimmte nur wenige Tage später dem außenpolitischem Programm des angehenden Diktators zu.

"Die Niederschriften spiegeln die nüchterne Sicht des erfahrenen Journalisten"

Theodor Wolff mit Elisabeth Bergner und Fred Hildebrand

L.I.S.A.: Theodor Wolff hat den Ersten Weltkrieg intensiv begleitet – sowohl in seinem Beruf des Journalisten als auch als Zeitgenosse in seinen Tagebüchern. Sind die Positionen darin kongruent? Spiegeln die Tagesaufzeichnungen lediglich das wieder, was er auch als Chefredakteur gedacht und geschrieben hat? Oder gibt es Unterschiede?  

Prof. Sösemann: An drei Beispielen möchte ich die Beziehungen zwischen dem Tagebuch und den Leitartikeln von Wolff verdeutlichen. Am 17. Februar 1915 rechtfertigte ein hoher deutscher Diplomat den Beginn des Ersten Weltkriegs mit den Worten: „Wenn der Krieg nicht jetzt gekommen wäre, hätten wir ihn unter schlechteren Bedingungen in zwei Jahren gehabt“. Wolff wandte ein: „Das weiß man doch nie, was in zwei Jahren passirt“. Ein halbes Jahr vor diesem Dialog im Außenministerium, am 30. Juli 1914, hatte der Chefredakteur in einem Leitartikel geschrieben: „Noch niemals ist ein Krieg ausgebrochen, den diejenigen, die ihn auskämpfen sollen, so wenig herbeirufen“. Doch nun könne die unheilvolle Entwicklung nicht mehr erörtert werden: „[…] die öffentliche Meinung Deutschlands ist, wie wir wiederholt gesagt haben, vor fertige Tatsachen gestellt worden, und sie kann bis zuletzt die Bemühungen zur Erhaltung des Friedens nur unterstützen, indem sie eine kaltblütige Ruhe zeigt.“

Die Lektüre des Tagebuchs lässt erkennen, wie geschickt Wolff während des gesamten Weltkriegs seine Nähe zur Staatsführung nutzte, um die politischen und militärischen Entwicklungen besser verstehen zu können, ohne sich von den offiziellen Einschätzungen abhängig zu machen. Doch nach der Verkündung des Kriegszustands behinderte die nunmehr völlig unabhängig vom Reichstag agierende Militärdiktatur massiv die journalistische Arbeit.  

Die militärischen Nachrichtenabteilungen und Zensurbehörden überwachten mit wachsendem personellen und organisatorischem Aufwand den Nachrichtenfluss, steuerten alle Informationen, überprüften die Publizistik flächendeckend und knebelten damit die Presse massiv. Beim Verbot eines Beitrags unterblieb oftmals die inhaltliche Begründung. Die Behörden begnügten sich mit dem pauschalen Hinweis, dass der Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel militärisch bedeutsame Belange berühre. Die Folgen zeigten sich im Alltag einer Zeitung deutlich: „Die Militärzensur wird immer unmöglicher“, notierte Wolff in seinem Tagebuch in der zweiten Kriegswoche. „Nichts [von ihm hervorgehoben] darf gebracht werden, von fünfzig Nachrichten und Ausschnitten aus fremdländisch[en] Zeitungen, die man verlangt, kommen 45 mit dem Stempel: ‚Veröffentlichung nicht gestattet’ zurück“ (13.8.1914).  

Am 18. August erklärte Wolff einem hohen Beamten im Reichmarineamt, wie höchst nachteilig die amtliche Nachrichtenpolitik sei. Denn „das deutsche Volk habe ein Recht, Klarheit zu erhalten, und man müsse es zum mindesten vorbereiten, damit ihm nicht die Steine immer so auf den Kopf fielen“.

Am 27. Februar trafen in Berlin ungünstige Nachrichten über die Kämpfe an den Dardanellen ein. Dort hatten englische und französische Kriegsschiffe die Außenforts bombardiert und schwere Schäden angerichtet. Wolff notiert: „Gehe zu Wedel [Vortragender Rat im Auswärtigen Amt]. Er sagt mir, daß die Beschießung der Dardanellen ihm auch ‚Magendrücken‘ bereite. Das ganze ist eine Munitionsfrage. D. Türken haben noch immer nicht genug Munition, da ein Teil des Hingeschickten andauernd in Rumänien festgehalten wird. Die Schuld liege bei den Oesterreichern, die rechtzeitig Ostserbien hätten besetzen müssen – dann hätte man die Verbindung nach Konstantinopel gehabt. Man befürchtet die Wirkung eines engl. französ. Erfolges auf die Balkanmächte u. Italien. Die Dinge in Italien stehen unbestreitbar ernst. Salandras Sprache werde immer kriegerischer. Erzberger war in Rom, aber nicht mit offiziellem Auftrag. Er hat den Papst gesprochen, der auf Franz Joseph einwirken soll. W[edel] behauptet wieder, Bülow habe Fehler gemacht, indem er zu früh vom Trentino sprach. Ich sage, das sei doch zum Teil durch persönliche Eifersüchteleien aufgebracht, was W[edel] bestreitet. Wir sprechen, wie gewöhnlich, über die Kriegsursachen und können uns nicht einigen. W[edel] meint, Hindenburg brauche noch fünf bis sechs Wochen, um mit den Russen fertig zu werden, die „Umfassung“ lasse sich nicht schneller durchführen. Bei Perthes in der Champagne sind die Franzosen neulich beinahe durchgebrochen. Unsere Linie war zu dünn. Man hat dann die beiden Gardedivisionen herangeholt und die Gefahr ist beseitigt.“

Den Vorfall nutzte Wolff für eine Erklärung in der dreimal wöchentlich im Reichstag stattfindenden „Presse-Sitzung“. Er hält im Tagebuch (1. März) zu den an seine Kollegen und die Regierungsvertreter gerichteten Worten Folgendes fest: „Sage in meiner Rede, die deutsche Presse werde durch solche Verbote vor dem Auslande kompromittirt und lächerlich gemacht. Ein Vertreter des Reichsmarienamtes antwortet sehr schwach, ich entgegne nochmals sehr scharf. Telephonire nach der Sitzung mit Kapiteln Löhlein vom Reichsmarine-Amt, der alle Schuld auf das Ausw. Amt schiebt, und mit Hammann, der empört über die Darstellung des Reichs-Mar.Amts ist, und setze die Freigabe der Depeschen durch.“  

Am Morgen jenes 1. März hatte Wolff das Thema bereits in einem Leitartikel – trotz der Militärzensur – im „Berliner Tageblatt“ angesprochen. Im Diarium heißt es dazu: „Habe in meinem heutigen Montagsartikel über die Dardanellen und Italien geschrieben, mit deutlichem Hinweis darauf, daß die Trentinofrage möglichst schnell gelöst werden müsse. Infolgedessen eine gewisse Erregung. Verstimmung an der Börse.“ Seinen Zeitungslesern hatte Wolff so klar wie möglich in und nicht zwischen den Zeilen mitgeteilt: „Diejenigen, die genug Phantasie haben, sehen bereits, wie die alliierte Flotte nach Zerreißung aller Dardanellenketten siegreich vor den rumänischen und bulgarischen Häfen im Schwarzen Meer erscheint. […] Italien, das ja seine Interessen in der asiatischen Türkei betont, soll erkennen, was es bei längerem Zaudern zu erwarten hat. […] Sogar die Neutralisten, die Freunde der beiden Kaisermächte, erklären heute, daß ohne die Abtretung von mindestens Trient, ein Zurückhalten der italienischen Lawine schlechterdings unmöglich ist.“  

Etliche Themen und Fragen, die in der Kriegszeit nicht öffentlich diskutiert werden konnten und in den Zeitungen auszusparen waren finden sich in den täglichen Aufzeichnungen Wolffs. Diese Niederschriften spiegeln durchgehend die nüchterne Sicht des erfahrenen Journalisten und die kritischen Orientierungsversuche eines vorurteilslosen Liberalen in einer unübersichtlichen und von propagandistischen Parolen beherrschten Lage. Wolffs souveräne Haltung zeigte sich deutlich bei den Kriegs- und Friedenszielen, den Annexionsplänen oder bei den innenpolitischen Reformen. 

"Die Nationalsozialistischen hielt er für eine größere Gefahr als die Kommunisten"

Theodor Wolff mit Albert Einstein

L.I.S.A.: Theodor Wolff war im November 1918 Mitgründer der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), jedoch nahm er dort keine entscheidende Rolle ein. Warum? Und welche Position nahm er während der Weimarer Republik ein?  

Prof. Sösemann: In der 1915 in Berlin gegründeten, parteiübergreifenden „Deutschen Gesellschaft 1914” zählte Wolff zu denjenigen Journalisten, Abgeordneten der Sozialdemokratie und der Fortschrittlichen Volkspartei, die für eine entschlossene Parlamentarisierung plädierten. Mit den Worten des liberalen Politikers Conrad Haußmann verstanden sie unter „Neuorientierung“ die Etablierung einer „Linke[n], die eine linksgerichtete Regierung stützen kann. (...). Dem muß in der Fraktion, dem müssen Sie [gemeint war Wolff] in der Presse vor Allem dienen, wissend, daß Verfassungsprogrammsätze, die sich wohl oder übel längst bekannter Formen bedienen müssen, den Willen und die Phantasie des Volkes nach dem Weltkrieg we­niger ergreifen, als die Erscheinung einer Fleisch und Blut gewordenen Linken, die Beweise volkstümlicher und staatsmännischer Zusammenarbeit gegeben hat.”

Auf Grund der Gespräche in der „Deutschen Gesellschaft 1914” und persönlicher Beziehungen konnte sich in der revolutionären Situation des Winters 1918/19 eine liberale Gruppierung um Theodor Wolff und Alfred Weber zusammenfinden. Mit Gleichgesinnten bauten sie mit ihrer „Deutschen Demokratischen Partei” eine stabile politische Abwehrfront gegen Rechts auf. Wolff lehnte den Versailler Vertrag so entschieden wie kaum ein zweiter ab, da dessen vom Hass geprägten Bestimmungen eine schwere Hypothek für die junge Republik darstellten. 1926 verdammte er ebenso kompromisslos ein Zensurgesetz, mit dem selbst Liberale wie Theodor Heuss und Wilhelm Külz meinten, die Jugend vor Schundschriften bewahren zu sollen. Deshalb trat er aus der Partei aus, ohne jedoch in den folgenden Jahren der DDP seine publizistische Unterstützung völlig zu entziehen.

In der Endphase der Weimarer Republik bekämpfte Wolff die Nationalsozialisten und die Kommunisten gleichermaßen. Er wollte weder den rechten noch den linken Fuß eines Diktators auf seinem Nacken spüren. In den Präsidialkabinetten Brüning, Papen und Schleicher erkannte er ein “legal maskiertes Diktaturregime”. Die Nationalsozialistischen hielt er für eine größere Gefahr als die Kommunisten. Zu Recht werden seine entschieden formulierten Leitartikel als Belege dafür zitiert, dass es öffentliche Warnungen vor einer nationalsozialistischen Diktatur gegeben habe, dass die bürgerlich Presse und das liberale Lager nicht völlig verblendet gewesen seien.  

Nachdem im Januar 1933 Hitler die Regierung übergeben worden war, musste er am Tag nach dem Reichstagsbrand über München, Österreich und die Schweiz nach Frankreich emigrieren. Als Emigrant beteiligte er sich prinzipiell nicht an den Kämpfen gegen die nationalsozialistische Diktatur. Er fühlte sich durch Erich Kästner bestätigt, der gemeint hat, einen Schnellball könne man noch aufhalten, eine Lawine nicht mehr.

"Der Online-Text bietet eine leicht gekürzte Version der wissenschaftlichen Ausgabe"

Theodor Wolff online

L.I.S.A.: Seit kurzem sind seine Tagebücher nun auch online verfügbar. Warum haben Sie diesen digitalen Weg gewählt? Und was genau findet man nun im Netz?  

Prof. Sösemann: Die zweibändige wissenschaftliche Ausgabe ist seit knapp drei Jahrzehnten zwar in mittleren Bibliotheken vorhanden, doch das Tagebuch dürfte auch für jede historisch interessierte Person eine Fülle von aufschlussreichen Informationen bieten. Damit ist das Hauptmotiv benannt, das mich vor zwei Jahren bewog, neben den laufenden Forschungsprojekten diese Alternative zum Buch zu wählen, sie mit Hilfe einer finanziellen Zuwendung der Pressestiftung NRZ zu gestalten und mit dem IT-Service der Freien Universität Berlin nutzerfreundlich anzubieten. Der Online-Text bietet eine leicht gekürzte Version der wissenschaftlichen Ausgabe.

Die Online-Präsentation verzichtet zu Gunsten von sorgfältig gestalteten Lese- und Verständnishelfen auf ausführliche editions- und fachwissenschaftliche Anmerkungsapparate. Sie bietet Materialien zum Alltag in Krieg und Revolution, zu den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen sowie ergänzende historische Texte und Fotografien. Die ausführliche Berichte über Wolffs Gespräche mit allen vier Reichskanzlern werden ergänzt durch ebenso präzise Darlegungen über seine Unterhaltungen mit Staatssekretären, Botschaftern, Parteipolitikern, Wirtschaftsführer und Künstlern. Dazu kommen Notizen über den Alltag, die öffentliche Stimmung und den Journalismus in der militärischen Ausnahmesituation. Besonders die Frage nach der deutschen Mitverantwortung am Kriegsausbruch beschäftigte Wolff nicht nur während der Kriegszeit und bei der Niederschrift seines Tagebuchs, sondern auch in den folgenden knapp zweieinhalb Jahrzehnten bis zu seinem Tod. Drei Bücher hat er zu dieser Thematik verfasst: „Das Vorspiel“ (1917), „Der Krieg des Pontius Pilatus“ (1934) und „Der Marsch durch zwei Jahrzehnte“ (1936). Das gesamte Tagebuch-Material ergänzt sowohl Wolffs Bücher als auch die entsprechenden Kapitel in meiner Biographie „Theodor Wolffs. Ein Leben mit der Zeitung“.

Prof. Sösemann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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