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Judith Wonke | 17.05.2020 | 1000 Aufrufe | Interviews

"Mindestens ebenso spannend wie ein Politthriller"

Interview mit Ole Halding zu Grenzziehungen zwischen historischem und fiktionalem Erzählen

Inwiefern unterscheiden sich Sachbuch und historischer Roman - inwiefern Realität und Fiktion? Und kann nicht auch die wahre Geschichte spannend sein? Diese Frage steht zu Beginn des Buchprojektes von Ole Halding, denn der Hochschullehrer hat kürzlich die literarische Erzählung des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs veröffentlicht – und sich dabei auf historisches Quellenmaterial wie Tagebücher und Dokumente bezogen. Wir haben den Autor um ein Interview gebeten, um ihn zum Thema Public History im Allgemeinen aber vor allem dem Genre des Historischen Romans zu befragen: Wie unterscheidet sich seine Publikation vom historischen Roman? Wie wird mit der Subjektivität der Werke umgegangen? Warum ist es gerade der Erste Weltkrieg, der sich für eine derartige Darstellung eignet? Und welche Rolle spielen populäre Geschichtspräsentationen für die Geschichts- und Erinnerungskultur?

Bild (r.): Ostfront.- Kaiser Wilhelm II. und Generalfeldmarschall August von Mackensen vor Gebäude mit Schild "Kaiserlich Deutsche Feldpostexpedition des Oberkommandos der 11. Armee"; nach dem 22. April 1915, Copyright: Bundesarchiv, Bild 183-R11105 / CC-BY-SA 3.0

"Eine literarische Bearbeitung des Themas wagen"

L.I.S.A.: Herr Halding, Sie haben kürzlich ein Werk mit dem Titel „Die Eigenen täuschen. Szenen eines Kriegsausbruchs nach wahrer Geschichte“ publiziert. Wie kam die Idee, die Geschehnisse rund um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Erzählform zu veröffentlichen?

Halding: Das Interesse wuchs in mir durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Julikrise 1914. Als ich die Fachliteratur und die Quellen zum Thema studierte, habe ich gedacht, dass die Geschichte mindestens ebenso spannend ist wie ein ausgedachter Politthriller. Warum also nicht eine literarische Bearbeitung des Themas wagen?! Die Gründe für die wahrgenommene Spannung liegen meines Erachtens vor allem in den divergierenden politischen und persönlichen Interessen der damaligen Akteure, die selbst innerhalb ihrer Regierungen keinesfalls einheitlich und in sich konsistent agiert haben. Länderregierungen sind keine homogenen Blöcke, auch nicht im monarchisch verfassten Deutschen Kaiserreich. Meines Erachtens greift die Kriegsschulddebatte in den öffentlichen Diskussionen auch deshalb häufig zu kurz, weil die Interessengegensätze und verdeckten Absichten der handelnden Personen nicht genügend berücksichtigt werden.

Einen weiteren Anstoß zum Buchprojekt gaben mir die geschichtstheoretischen Diskussionen über die Grenzziehungen zwischen historischem und fiktionalem Erzählen. Ehrlich gesagt überzeugen mich die Argumente der besonders in Deutschland scharfen ‚Grenzwächter‘ weder in erkenntnis- noch in erzähltheoretischer Hinsicht.

Eine Unterscheidung allein nach dem Kriterium des Realitätsbezuges ist nicht hinreichend"

L.I.S.A.: Heißt das, Sie sehen keinen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Geschichtsschreibung und historischen Romanen?

Halding: Das meine ich nicht. Selbstverständlich gibt es einen systematischen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Geschichtsschreibung und fiktionaler Literatur. Die Frage ist nur, woran man diesen Unterschied festmacht. Eine einfache Unterscheidung allein nach dem Kriterium des Realitätsbezuges ist meines Erachtens nicht hinreichend; denn nicht nur beim historischen Erzählen haben wir es mit (vorgestelltem) Realem zu tun, sondern auch beim literarischen: Egal wie phantasiereich eine Geschichte erzählt wird, es fließen dabei immer auch Bestandteile des Realen mit ein, die aus früheren Erfahrungen mit der Wirklichkeit resultieren. Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Bereichen findet sich eher in der Art und Weise, wie Wirklichkeitsbezüge hergestellt werden: So ist beim literarischen Erzählen das Verhältnis zwischen Realem und Mentalem eher struktureller Natur, d.h. das Vorgestellte trägt zwar strukturelle Kennzeichen des Realen, diese werden jedoch anders konkretisiert als in der Wirklichkeit. Beim historischen Erzählen hingegen besteht der Anspruch, dass nicht nur die allgemeinen Wissensstrukturen, sondern auch sämtliche Konkretisierungen einen Bezug zu einer auch außer-textuell vorhandenen Wirklichkeit aufweisen. Was spricht also dagegen – außer vielleicht der Vorwurf des Realismus‘ –, wenn sich ein Romanautor so gut wie eben möglich an dem Fachwissen über eine außertextuelle Wirklichkeit zu orientieren versucht?

"Ein Hybrid aus Roman und Sachbuch"

L.I.S.A.: Inwiefern unterscheidet sich Ihre Publikation von einem historischen Roman? Auf welches Quellenmaterial stützen Sie Ihr Werk? Und – wie viel schriftstellerische Freiheit steckt in Ihrer Erzählung?

Halding: Ich gebe gern zu, dass das Buch ein Hybrid aus Roman und Sachbuch ist. Prinzipiell zählt der Text aber als Fiktion, da die Erzählweise auf Figurenrede basiert. Die Figuren im Buch treten jedoch als historisch reale Personen auf, wie etwa der damalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Eduard David, der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg, der Generalstabschef von Moltke oder Kaiser Wilhelm II. Das, was die historischen Figuren im Buch tun und sagen, ist wiederum sehr nahe orientiert an dem, was die Quellen überliefern und die Forschung ermittelt hat. Zu den verarbeiteten Quellen gehören neben den Depeschen, Dossiers, Berichten und Reden der damals beteiligten Politiker, Militärs und Diplomaten auch Tagebücher, Memoiren und Presseberichte. Klar ist aber: Selbst die zeitgenössischen Überrestquellen und erst recht nicht die oft bewusst zur Überlieferung eines bestimmten Bildes verfassten Tagebücher und Memoiren können „die eine wahre Geschichte“ vermitteln. Selbst bei ausgiebigster Quellenkritik lässt sich historische Wirklichkeit nicht 1:1 abbilden. Dies gilt für jedwede Interpretation eines historischen Stoffes. Neu ist eine fiktionalisierende Verarbeitung von Historie im Übrigen nicht. Die Literaturgeschichte kennt dafür genügend Beispiele.

"Jeder in der Reichsregierung wollte jeden täuschen"

L.I.S.A.: Warum haben Sie sich für den Ersten Weltkrieg entschieden – persönliches Interesse oder war die Entscheidung eine pragmatische?

Halding: Wie gesagt, bestand eine Anregung vor allem in der Spannung, die ich beim Studium der Darstellungen und Quellen zur Julikrise verspürt habe. Bisweilen hatte ich den Eindruck, als wollte im Sommer 1914 jeder in der Reichsregierung jeden täuschen und keiner traute dem anderen über den Weg. Zum Beispiel wollte die Kriegsmarine unter Tirpitz 1914 noch keinen Krieg, schon gar nicht gegen England, da sich die Admiräle klar darüber waren, dass damit die deutsche Hochseeflotte extrem gefährdet wurde. Auch der deutsche Botschafter in London fürchtete die „Konflagration“ mit England. Der Chef des Großen Generalstabes von Moltke und wichtige Akteure im Berliner Außenamt wollten das Attentat in Sarajewo hingegen sehr wohl zum Anlass nehmen, mit Hilfe interessierter Kreise in Wien einen sog. Präventivkrieg vor allem gegen Russland anzuzetteln. Der Reichskanzler fügte sich ohne eigenen großen Kriegswillen den Einschätzungen der hohen Militärs und des Auswärtigen Amtes, dass ein Krieg auf Dauer so oder so unausweichlich sei, und verwendete seine Energie darauf, die deutsche Bevölkerung und besonders die Sozialdemokraten davon zu überzeugen, dass Deutschland einen gerechten Krieg gegen das ,böse‘ zaristische Russland führt. Man war nämlich damals schon davon überzeugt, dass ein „neuzeitlicher“ Krieg nur zu gewinnen sei, wenn die eigene „Heimatfront“ möglichst geschlossen auftritt. Kaiser Wilhelms II. war nicht einmal in sich widerspruchsfrei: Einerseits wollte er den starken Mann markieren, andererseits hoffte es noch kurz vor Ausbruch des Krieges auf einen Ausgleich mit seinen monarchischen Cousins Zar Nikolaus II. und König Georg V.

"Der gesellschaftliche Umgang mit Geschichte ist ein relevanter Forschungsgegenstand"

L.I.S.A.: Historische Film- und Fernsehproduktionen, aber auch historische Romane stehen einerseits immer wieder in der Diskussion, historische Fakten stark vereinfacht darzustellen. Nicht immer ist das vermittelte Wissen zweifelsfrei überprüfbar. Andererseits lässt sich jedoch nicht bestreiten, dass vor allem Film und Fernsehen wichtige Komponenten der Geschichtskultur sind. Wie stehen Sie zu dieser Beobachtung? Sehen die Medien überwiegend positiv oder negativ?

Halding: Als ich das Buch fertiggestellt hatte, dachte ich, dass die szenische Erzählweise eigentlich eine geeignete Vorlage für einen Historienfilm sein könnte. Die Leser bzw. Zuschauer sollten allerdings bereit sein, auf heldische Hauptfiguren, Liebesgeschichten und ein Happy End zu verzichten. Die Diskussionen um die populäre Darstellung von Geschichte sind mir zum Teil bekannt. In der Geschichtswissenschaft wird darüber – wie Sie richtig sagen – unter den Begriffen Public History und Geschichts- und Erinnerungskultur diskutiert. Weitgehende Einigkeit besteht darüber, dass der gesellschaftliche Umgang mit Geschichte in Romanen, Filmen oder anderen populären Medien ein relevanter Forschungsgegenstand ist, gerade weil deren gesellschaftliche Reichweite nicht selten größer ist als bei wissenschaftlicher Fachliteratur. Der fachwissenschaftlichen Forschung kommt hierbei dann die Funktion des Korrektivs zu, da deren Ergebnisse weniger auf Emotionalisierung zielen als vielmehr auf kritischer Rationalität fußen. Andererseits muss man sagen, dass selbst Fachhistoriker/innen nicht außerhalb von Gesellschaft stehen und ihre Standortgebundenheit eigentlich immer auch zu abweichenden Interpretationen führt. Die Geschichte der Kriegsschuldkontroverse führt das deutlich vor Augen.

"Fiktional und faktual orientiertes Schreiben sind nicht das Gleiche"

L.I.S.A.: Für Historische Romane lässt sich festhalten, dass sie in erster Linie als Fiktion gelten, eine Tatsache, der sich die Leserinnen und Leser bestenfalls auch bewusst sind. Ihre Publikation wiederum versucht die Geschehnisse anhand authentischer Zeugnisse nachzuzeichnen – auf den ersten Blick wirkt es authentischer als der klassische historische Roman. Dennoch kann auch in einer derartigen Darstellung lediglich ein subjektives und weitestgehend unreflektiertes und unkritisches Geschichtsbild vermittelt werden. Wie gehen Sie damit um?

Halding: Ja, sie haben recht! Mein Anspruch, möglichst nah an den Quellen zu erzählen, birgt die Gefahr, dass Leser/innen meine fiktionalisierende Interpretation der Ereignisse zu sehr als „wahr“ im Sinne von „genauso ist es passiert“ ansehen. Doch wie gesagt, selbst bei wissenschaftlichen Fachbüchern handelt es sich um Interpretationen. Selbst die Darstellungen bekanntester Koryphäen der Geschichtsschreibung bilden Geschichte nicht einfach nur ab. Vielmehr müssen auch sie Informationen recherchieren, auswählen, gewichten, deuten und zu einer narrativen Darstellung verknüpfen. Auch Historiker gehen interessen- und theoriegeleitet vor, auch sie schreiben standortgebunden aus der Perspektive ihrer jeweiligen Gegenwart. Dennoch sind fiktional und faktual orientiertes Schreiben nicht das Gleiche, beides kann aber in einem Buch aufeinandertreffen. Auf literarischem Gebiet sind sog. Faktualitätsfiktionen wiederum nichts Besonderes, man denke hier etwa an das Genre der Tagebuchromane, oder an solche Romane, deren Rahmenhandlung vom Auffinden eines überlieferten Manuskripts berichten, aus dem dann die Geschichte ‚erzählt‘ wird. Gleichwohl stehe ich dazu, dass ich für meine Interpretation viel historisches Sachwissen recherchiert habe. Den Leser/innen biete ich eine nach meinen Kenntnissen möglichst triftige Interpretation. Inwieweit sie meinen Deutungen folgen mögen, muss am Ende jeder selbst entscheiden. Aber das gilt sowohl für literarische als auch für fachhistorische Erzählungen.

L.I.S.A.: Glauben Sie, die Geschichtswissenschaft würde davon profitieren, wenn zukünftig von mehr Narration und Erzählung Gebrauch gemacht würde? Plakativ gefragt: Braucht die Geschichtswissenschaft mehr Geschichte(n)?

Halding: Die Geschichtswissenschaften kennen m.E. genügend Geschicht(en), zu denen ja auch immer neue Themen, Forschungsansätze und Fragestellungen hinzukommen. Auch denke ich, dass die seit einigen Jahrzehnten intensiv geführten geschichtstheoretischen Diskurse über die erzähl- bzw. erkenntnistheoretischen Grundlagen des Fachs sehr weit gediehen sind. Dazu gehört auch, dass sich beide Sphären, also die historiografische und die belletristische Sphäre, ihrer gemeinsamen geschichtlichen Wurzeln bewusst sind. Insofern würde ich hier nicht defizitorientiert argumentieren wollen. Aber Ihre Frage zielt vermutlich auf etwas anderes, und zwar nach der Berechtigung solcher literarischen Unterfangen, wie ich eines versucht habe. Hier plädiere ich für eine Vielfalt und für ein komplementäres Verständnis bei den Zugängen zu geschichtlichen Themen, Ereignissen und Zusammenhängen. Fiktionalisierende Verarbeitungen realgeschichtlicher Themen können die Vergangenheit zwar ebenso wenig abbilden wie die Historiographie, aber zur Förderung des historischen Denkens und des Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft können sie durchaus beitragen. Ob das meinem Buch gelingt, wird letztlich die Leserschaft entscheiden.

Ole Halding hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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