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Georgios Chatzoudis | 15.09.2015 | 3044 Aufrufe | 1 | Interviews

"Migrationsbewegungen sind Seismographen gesellschaftlicher Zustände"

Interview mit Manuela Bojadžijev zur aktuellen Flüchtlingsbewegung

Die Debatte um die aktuellen Fluchtbewegungen wird zunehmend unübersichtlich: Tag für Tag verändert sich die Sachlage, eine politische Ad-hoc-Entscheidungen folgt der nächsten, unscharfe Begrifflichkeiten in der medialen Berichterstattung tragen ihren Teil dazu bei. Die sich überschlagende Aktualität ist zur Referenz ihrer selbst geworden. Was zu fehlen scheint, ist ein Moment des Innehaltens, des Nachdenkens, der Einordnung der gegenwärtigen Migration auch in ihrer historischen Dimension. Was sind die Ursachen für Fluchtbewegungen dieses Ausmaßes? Welcher Diskurs bestimmt seit wann die Debatte um Zuwanderung? Welche Begrifflichkeit ist die angemessene? Wir haben der Migrationsforscherin Dr. Manuela Bojadžijev vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität in Berlin und Mitglied des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) unsere Fragen gestellt.

Dr. Manuela Bojadžijev vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin

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"Diskursanalytisch gesprochen handelt es sich um Kollektivsymbole"

L.I.S.A.: Frau Dr. Bojadžijev, Sie forschen zu Migration und Rassismus. Zurzeit erleben wir eine – ja, was eigentlich? Flüchtlingsflut, -welle, -ströme, -problematik, -bewegung? Oder gar eine Völkerwanderung?  

Dr. Bojadžijev: Schön, dass Sie danach fragen. Im Kontext der öffentlichen, manchmal auch akademischen, Diskussionen über Migration fehlt es oft an Sprachsensibilität. Begriffe, die mit Naturgewalt assoziiert werden – Sie nennen „Flut“, „Welle“, „Ströme“ – erfahren da eine besondere Konjunktur. Diskursanalytisch gesprochen handelt es sich um Kollektivsymbole, die sagen möchten, dass hier etwas mit Macht unerwartet und unweigerlich über uns hereinbricht, anlandet und Altes womöglich wegträgt. Begriffe und Bilder wie „Überflutung“ und „das Boot ist voll“ liegen nicht weit. Sie evozieren ein Bedrohungsgefühl und signalisieren, dass gehandelt werden muss. Die einzigen dann schlüssigen Möglichkeiten, die dabei diskursiv aufgerufen werden, bestehen im Bau von Dämmen bzw. in der Kanalisierung dieser „Ströme“. Sie sehen hier wie bereits sprachlich anklingt, was seit Jahren politisch als die einzigen zwei „Lösungen“ gehandelt wird: Die Abschottung gegenüber Migrationsbewegungen über rechtliche Mittel in Kombination mit einer militärischen Grenzabwehrlogistik sowie die – weitaus weniger erfolgreichen – Forderungen nach einem Einwanderungsgesetz. Wir alle kennen die passenden Bilder. Eine Ikonografie der Migration würde das herrlich zeigen können und uns herausfordern, neu über die Begriffe und Bilder nachzudenken.

Wir stehen also, um einen weiteren von ihnen angeregten Begriff aufzunehmen, vor einer Problematik, gar einer Krise, die hausgemacht ist. Ich würde aber sagen, dass es sich nicht um eine Krise der Migration, sondern eine Krise der Migrationspolitik handelt. Die nun auftretenden vielschichtigen infrastrukturellen und logistischen Schwierigkeiten sind Ergebnis einer Vogelstraußpolitik. Als Migrationsforscherin wundert man sich natürlich. Denn nicht nur zeichnete sich die jetzige Situation schon seit Monaten ab. Mehr noch. Würde Migrationspolitik auf internationalem Börsenparkett notiert sein, hätte vermutlich schon seit Jahren nichts mehr für diese Aktie gesprochen. Vielleicht lohnt sich der Vergleich wirklich, insofern als die seit den 1970er Jahren in ganz Nordwesteuropa einsetzende Abschottungspolitik diskursive und materielle Evidenzen und damit eine ihr eigene Plausibilität produziert hat. Die Bewegungen der Migration hat sie nicht aufhalten können. Und Insidern war das durchaus bekannt. Die finanziellen und menschlichen Kosten dafür aber waren und sind enorm.

"Die Begriffe stellen im besten Fall ausländerrechtliche Hilfskonstruktionen dar"

L.I.S.A.: In der Darstellung und Einschätzung der aktuellen Flüchtlingsbewegung werden juristisch folgenreiche Begriffe wie „Flüchtling“, „Politische bzw. Wirtschaftsflüchtlinge“ oder „Asylbewerber“ oft undifferenziert verwendet. Welche Begrifflichkeit taugt hier, um die aktuelle Situation zu bezeichnen?  

Dr. Bojadžijev: Mit Blick auf die jüngste Geschichte können wir zunächst erinnern, dass die diskursive Unterscheidung zwischen der Flucht aus wirtschaftlichen Gründen und der aus politischen Motiven bereits in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik durchgesetzt wurde. Dies fand im Kontext einer migrationsfeindlichen Diskussion statt. Ergebnisse der Erforschung von Migrationsursachen lassen allerdings einen klaren Schnitt zwischen den wirtschaftlichen und politischen Motiven von Migration nicht erkennen, man spricht vielmehr von einem Nexus beider Motive. Verständlich ist das sofort, wenn wir bedenken, dass auch aus politischen Gründen Geflüchtete ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Die Flucht aus kriegerischen Auseinandersetzungen – und die EU ist gegenwärtig davon nahezu vollständig umgeben – ist immer sowohl eine politische wie eine wirtschaftliche.

Die Begriffe, die sie ansprechen, stellen im besten Fall ausländerrechtliche Hilfskonstruktionen dar, die schärfer als die Wirklichkeit sein sollen, in anderen Fällen sind es politisch-ideologische Begriffe. Hätten wir die Möglichkeit einer legalen Einwanderung, dann wären dieselben Menschen „Zuwanderer“ oder „Neuankommende“.

"Ein Umschwenken in der Migrationspolitik ist nun möglich"

L.I.S.A:. Die öffentliche Debatte um Flüchtlinge, die gegenwärtig aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie aus Südosteuropa kommen, erinnert an den Anfang der 1990er Jahre, als Flüchtlinge und Asylbewerber vor allem aus dem Bürgerkriegsgebiet im früheren Jugoslawien nach Deutschland flohen. Das Ergebnis war unter anderem eine Verschärfung der Asylgesetzgebung. Kritiker der aktuellen Debatte um Flüchtlinge werfen der Politik vor, dass es ihr weniger um den Schutz der Flüchtlinge als um den Schutz vor Flüchtlingen gehe. Wie sehen Sie das?  

Dr. Bojadžijev: Die erste öffentliche Diskussion, auf die Sie ansprechen, hatte schon Anfang der 1980er Jahre in der Bundesrepublik eingesetzt, als Helmut Kohl 1982 mit dem Wahlversprechen antrat, die Zahl der Migranten rigoros zu reduzieren. Diese Phase der „rückkehrfreundlichen Ausländerpolitik“ mündete 1993 in eine Verschärfung des Asylgesetz, mit der wir es bis heute und im europäischen Maßstab zu tun haben. Damals war eine Mauer gerade gefallen und neue wurden errichtet.

Das Feld stellt sich heute vielschichtiger dar. Zum einen kommt es tatsächlich seit Jahren zu Verschärfungen und Ausdifferenzierungen von Gesetzeslagen im Bereich der Migrations- und Flüchtlingspolitik. Sachleistungen, starre Verteilungsregelungen und Wohnsitzauflagen für Geflüchtete sind dafür nur einige Kennzeichen. Darüber hinaus kennt etwa das deutsche Ausländerrecht 59 – in Worten: neunundfünfzig – verschiedene befristete Aufenthaltstitel. Sie alle bedeuten administrativen Aufwand und hohe Kosten. Zum anderen hat sich durch den erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt, diskursive Verschiebungen weg von einem rassistischen Common Sense sowie durch ein erhebliches zivilgesellschaftliches Engagement einiges verändert, das nun endlich ein Umschwenken in der Migrationspolitik möglich machen könnte.    

"Schon Max Weber hielt 'Ethnie' für keine plausible Kategorie"

L.I.S.A.: Die Bundesregierung befürchtet einen vermeintlichen „Kampf der Kulturen“ in Deutschland. Die ethnische und religiöse Zusammensetzung der Flüchtlingsgruppen sei zu heterogen, um friedlich zusammenleben zu können. Malt man hier den Teufel an die Wand und ist das nur realistisch gedacht?  

Dr. Bojadžijev: Die Rede vom „Kampf der Kulturen“ ist doch arg verstaubt und zielte lange vor allem darauf, so genannte zivilisatorische Unterschiede zwischen Muslimen und Christen zu behaupten. Als self-fulfilling prophecy ist sie aber überholt. Ich denke, dass der Arabische Frühling sowie die Fluchtbewegungen aufgrund des Krieges des Islamischen Staates oder auch die Auseinandersetzungen innerhalb der Türkei und was hier die Kurdenfrage genannt wird, insgesamt eine andere Wahrnehmung erlaubt haben. Auch das wiederholte Betonen, der Islam gehöre zu Deutschland und das Bestehen der muslimischen Bevölkerung darauf, sich zu Deutschland zuzuordnen, misst diese Änderung. Was als „zu heterogen“ gilt, ist nie stichhaltig und unterliegt ja immer wieder neuen konjunkturellen Behauptungen. Gerade die medial übermittelte Euphorie der Flüchtlinge darüber, sicher in Deutschland zu sein, spricht dafür, dass sie hier ankommen wollen. Dazu gehört auch, dass wir den rassistischen Übergriffen und Anschlägen, die gerade täglich auf Unterkünfte verzeichnet werden, klar Einhalt gebieten.

Es trägt vor allem aber dazu bei, dass es weniger friedlich zugeht. Schon Max Weber hielt "Ethnie" für keine plausible Kategorie zum Verständnis von Gesellschaften. Auch die Etikettierung von Menschen als Flüchtlinge etc. und die daraus folgenden institutionellen und administrativen Behandlungen dieser Gruppen trägt zu ihrer Stigmatisierung bei. Sie zu einem Teil dieses Landes zu machen, und zwar so schnell es eben geht, ist darum die vorrangige Aufgabe einer achtsamen Migrationspolitik.

"Migration hat bislang historisch unter allen Umständen, Grenzen überwunden"

L.I.S.A.: Ursächlich für die aktuelle Flüchtlingsbewegung gilt vor allem der Krieg in Syrien. Erklärt das tatsächlich die Hintergründe für eine Migration dieses Ausmaßes, zumal der Krieg bereits seit mehreren Jahren tobt? Inwiefern handelt es sich möglicherweise auch um eine soziale Bewegung, bei der Menschen mit schlechten Lebensbedingungen in Regionen ziehen, die Wohlstand versprechen?

Dr. Bojadžijev: Sie sprechen hier den Begriff der Bewegung aus der ersten Frage an. Ich würde dieser Bezeichnung durchaus zustimmen. Was die aktuelle Bewegung und ihr Ausmaß betrifft, müssen wir festhalten, dass sich die Flüchtlinge zunächst vor allem in der Region niederlassen. In der Türkei leben etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien; im Libanon sind es mehr als eine Million. Inzwischen kommt es aus diesen Ländern zu einer „zweiten Flucht“ nach Europa. In der Türkei herrschen kriegerische Zustände, die Haltung der Erdogan-Regierung zum Islamischen Staat ist nicht eindeutig. Das Ende des Sommers und damit die verschlechterten Witterungsbedingungen auf dem Mittelmeer sowie die Ankündigung der ungarischen Regierung, die Grenze zu schließen, haben sicher ihres getan, dass nun so viele Menschen sich in Sicherheit zu bringen versuchen.

Wir sollten uns aber nichts vormachen, Migration hat bislang historisch unter allen Umständen, Grenzen überwunden und wird es auch weiterhin tun, weil eine Freisetzung von Bevölkerung die logische Konsequenz von Kriegsentscheidungen, Klimaverschlechterungen oder etwa land grabbing ist. Migrationsbewegungen sind produziert und stellen insofern Seismographen gesellschaftlicher Zustände dar.

Dr. Manuela Bojadžijev hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftich beantwortet.

Kommentar

von PD Dr. Oliver Hülden | 16.09.2015 | 10:28 Uhr
Sehr geehrte Frau Bojadžijev, vielen Dank für das Interview, dessen ersten Teil ich sehr aufschlussreich fand. Gestutzt habe ich allerdings bei Ihrer Antwort auf die Frage bezüglich der Befürchtung eines „Kampfes der Kulturen“ in Deutschland. Dazu möchte ich Ihnen gerne selbst einige Fragen stellen und Sie um Antwort bitten:

Können Sie begründen, warum Sie die unter dem sicherlich provokativen Begriff eines „Clash of Civilizations“ (was im Übrigen im Deutschen mit „Kampf der Kulturen“ nur unzureichend übersetzt ist) gebündelten Phänomene für „arg verstaubt“ halten und warum Sie den globalen Ansatz von S. Huntington auf „zivilisatorische Unterschiede zwischen Christen und Muslimen“ einengen? Außerdem interessiert mich, warum Sie das Modell des „Clash of Civilizations“ als „self-fulfilling prophecy“ charakterisieren, wo es doch tatsächlich niemals so angelegt gewesen ist?

Da Sie das Modell offensichtlich ablehnen, würde ich zudem gerne wissen, welche andere und vor allem auf Präzision bedachte Kategorisierung der globalen Konflikte Sie alternativ vorschlagen und zu welchem Ergebnis bzw. anderen Erkenntnissen diese Kategorisierung führt? Ich frage das unter anderem deshalb, weil jüngst ein anderer mit dem Konzept von Huntington untrennbar verbundener Begriff, nämlich derjenige der Bruchlinie bzw. des Bruchlinienkonflikts, von Seiten der historischen Wissenschaften aufgegriffen worden ist, um Forderungen nach einer deutsch-ukrainischen Historikerkommission Nachdruck zu verleihen (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/deutsch-ukrainische-historikerkommission-13611147.html).

Eine aus meiner Sicht etwas unbefriedigende Begründung für Ihre Ablehnung eines „Clash of Civilizations“ haben Sie damit gegeben, dass Sie von einer „anderen Wahrnehmung“ sprechen, die einerseits der so genannte Arabische Frühling, die Fluchtbewegungen durch den IS und der Türkei-Kurden-Konflikt erlaubt haben, andererseits aber die Feststellung, der Islam gehöre zu Deutschland, und das Bekenntnis deutscher Muslime zu Deutschland. Können Sie das einmal präzisieren und zwar vor dem Hintergrund, wo sie genau die Veränderungen messen können, die ein Austragen von kulturellen, religiösen, ethnischen und ideologischen Fremd-Konflikten in Deutschland unwahrscheinlich machen? Um einen aktuellen Aufhänger dafür zu nehmen: Wie ordnen Sie die derzeitig eskalierenden Konflikte zwischen türkisch- und kurdischstämmigen Deutschen, etwa in Berlin, Essen, Hannover, Kornwestheim (PKK-Brandanschlag auf eine ATIB-Moschee) oder Hamburg, ein, die ja nun auch in einem engen Zusammenhang mit der Syrien-Problematik stehen und an denen (noch) keine Flüchtlinge beteiligt sind?

Zum selben Zusammenhang noch: Wenn ich Sie richtig verstehe, dann stellen Sie folgende Sachverhalte in den Vordergrund, die dazu beitragen werden, dass es keinen „Clash of Civilizations“ auf deutschen Straßen gibt: Einerseits sei die Heterogenität der zu uns kommenden Menschen gewissermaßen ein Konstrukt, und Sie setzen voraus, das die derzeitige Euphorie dieser neu ankommenden Menschen für ein friedliches Zusammenleben ausreiche. Dem stellen Sie auf der anderen Seite als weitere positiv beeinflussende Faktoren das aufgeschlossene Verhalten der schon in Deutschland länger ansässigen Bevölkerung gegenüber. Das ist sicherlich vom Grundsatz her richtig, aber: Glauben Sie, dass Euphorie und gute Behandlung ausreichen, damit jahrzehntelange, teils blutige Konflikte zwischen Bevölkerungs- bzw. Religionsgruppen wie etwa Türken, Kurden, Yeziden, Armeniern, Sunniten, Schiiten und Aleviten usw. von genau diesen Gruppen nach ihrer Ankunft in Deutschland nur wegen neuer Rahmenbedingungen einfach so beigelegt werden?

Vielen Dank schon einmal für Ihre Antworten und beste Grüße!

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