Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 28.01.2020 | 334 Aufrufe | Interviews

"Merkel gilt als Erfinder des deutschen Feuilletons"

Interview mit Dirk Sangmeister über den vergessenen Publizisten Garlieb Merkel

Der Publizist Garlieb Merkel (1769-1850) gehörte in seiner Schaffenszeit zu den schillerndsten und provokantesten öffentlichen Stimmen. Entgegen dem damaligen Zeitgeist in deutschen Landen machte er unter anderem gegen den allseits verehrten Goethe Stimmung und trommelte lautstark für die Befreiung der leibeigenen Bauern in Liv-, Est- und Kurland aus deutscher Herrschaft. Heute ist der streitlustige Garlieb Merkel weitgehend vergessen. Für den Literaturwissenschaftler Dr. Dirk Sangmeister von der Universität Erfurt, der sich vor allem der Literatur der Aufklärung widmet, ein Grund mehr, sich mit diesem einst so öffentlichkeitswirkamen Intellektuellen näher zu beschäftigen. Anlässlich seines 250. Geburtstags hat er eine Edition von Merkels unveröffentlichter Korrespondenz mit 140 Literaten, Gelehrten und anderen Zeitgenossen in Mittel- und Osteuropa veröffentlicht. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Wenn man sich mit Johann Gottfried Herder beschäftigt, stößt man schnell auf Merkel"

L.I.S.A.: Herr Dr. Sangmeister, Sie haben sich mit einem heute weitgehend unbekannten deutsch-baltischen Publizisten aus der Zeit der deutschen Spätaufklärung beschäftigt: Garlieb (Helwig) Merkel, geboren 1769 im russischen Livland, das damals von einer deutschsprachigen Oberschicht dominiert wurde. Wie kamen Sie darauf, diese Figur, die sie als Reizfigur bezeichnen, zu erforschen? Was war der Auslöser Ihrer Recherchen?

Dr. Sangmeister: Auf Garlieb Merkel bin ich zuerst im Zuge meiner vieljährigen Forschungen über Leben und Werk des Schriftstellers Johann Gottfried Seume gestoßen. Beide Männer haben sich 1796 in Leipzig kennengelernt und auf der Stelle angefreundet, was dazu führte, dass Merkel seinem ersten und bedeutendsten Werk, nämlich seiner Streitschrift über und für Die Letten vorzüglich in Liefland am Ende des philosophischen Jahrhunderts, abschließend ein Gedicht Seumes hinzufügte. Auch wenn man sich mit Johann Gottfried Herder beschäftigt, der ja von 1764 bis 1769 in Riga gewirkt hatte und der das Buch über Die Letten sehr positiv besprach, stößt man schnell auf Merkel, der später nach dem Willen von Herders Witwe auch dessen Sämtliche Werke mitherausgeben sollte. Der renommierte Germanist Gero von Wilpert hat Merkel als den »wirkungsmächtigsten baltischen Schriftsteller der Aufklärungszeit« gerühmt – deshalb war es mehr als überfällig, Merkels weitgespannten Briefwechsel mit seinen Freunden und Korrespondenten in Deutschland, Livland und Russland zu edieren und jetzt aus Anlass seines 250. Geburtstages zu publizieren.

"Merkel hat keine Revolution angezettelt, aber eine Evolution ausgelöst"

L.I.S.A.: Der Durchbruch zu einem bekannten Publizisten gelang Garlieb Merkel mit der Veröffentlichung eines Buches über die Missstände in Livland. Die einfache Bevölkerung werde von den Herren des Landes geknechtet, so der Tenor der Schrift. Das klingt nach einem sehr politischen Buch. War Merkel vorrangig ein politischer Autor? Und: Zeigte sein Buch Wirkung auf die politischen Verhältnisse in Livland?

Dr. Sangmeister: Ja, Merkel war ein dezidiert politischer Autor. Sein Buch über Die Letten war eine Art »J’accuse«, das die Deutschen vermittels drastischer Beispiele gezielt darauf aufmerksam machte, dass in Livland die regierende deutschsprachige Oberschicht die autochthone Bevölkerung als weitgehend rechtlose Leibeigene behandelte und nicht selten auch misshandelte. Das war in den Augen Merkels eine Art weißer Sklaverei. Die baltischen Adligen, Ritter, Gutsbesitzer nebst den unchristlichen Pastoren sahen das erwartungsgemäß ganz anders, denn sie mussten Einbußen ihrer Herrschaft fürchten, stritten deshalb viele Dinge ab, versuchten andere Sachverhalte nach Kräften zu relativieren und publizierten über Jahre und Jahrzehnte wenigstens ein halbes Dutzend wütender Gegendarstellungen, in denen sie den »Nestbeschmutzer« Merkel, der in Deutschland als »Lieflands Wilberforce« gefeiert wurde, als Demagogen oder gar Schuft mit jakobinischen Gesinnungen verleumdeten. Merkels Schriften haben aber nachweislich die überfälligen Agrarreformen und die schrittweise Befreiung der lettischen und estnischen Bauern im frühen 19. Jahrhundert befördert und beschleunigt. Merkel hat keine Revolution angezettelt, aber eine Evolution ausgelöst. Nachdem sukzessive vieles von dem, was Merkel gefordert hatte, Gesetz geworden war, hatte der livländische Landespolitiker Reinhold Johann Ludwig Samson von Himmelstiern dann 1838 die Größe, in seinem Historischen Versuch über die Aufhebung der Leibeigenschaft in den Ostseeprovinzen Merkel im nachhinein »vollkommen zu rechtfertigen« und sich öffentlich für dessen »edle, heilbringende Ansichten für die Zukunft« zu bedanken. Das hat der greise Merkel mit großer Genugtuung registriert.

Eröffnung am 28. November der (noch bis Juni 2020 laufenden) Garlieb-Merkel-Ausstellung in der Lettischen Nationalbibliothek in Riga. In der Bildmitte Dr. Dirk Sangmeister zwischen Prof. Dr. Holger Böning (Universität Bremen), Dr. Aija Taimina und Dr. Venta Kocere (beide Akademische Bibliothek Lettlands).

"Das lesende Publikum war damals bemerkenswert klein"

L.I.S.A.: Garlieb Merkels Kapital als Publizist und Schriftsteller war die Aufmerksamkeit einer Öffentlichkeit. Von welcher Form von Öffentlichkeit muss man für die Zeit seines Schaffens und Wirkens eigentlich ausgehen?

Dr. Sangmeister: Im Baltikum war das lesende Publikum damals bemerkenswert klein. Merkel schätzte, dass man in Livland höchstens 150 Exemplare eines Buches verkaufen konnte. Auch deswegen nahm er das Manuskript seiner Kampfschrift über Die Letten 1796 mit nach Leipzig, um in der damaligen Hauptstadt des deutschen Buchhandels die größtmögliche Aufmerksamkeit und Wirkung zu erzielen. In seiner Zeit als Publizist in Berlin steigerte Merkel die Auflage seiner überaus erfolgreichen Zeitschrift Der Freimüthige auf rund 2.000 Exemplare. Das klingt, aus heutiger Perspektive, nach wenig, war aber damals viel, zumal wenn man berücksichtigt, dass seinerzeit jedes Exemplar eines solchen Blattes, das von vielen Lesezirkeln und Leihbibliotheken bezogen wurde, schätzungsweise von durchschnittlich mindestens zehn, wahrscheinlich eher 20-30 Personen gelesen wurde. Einschränkend muss man aber hinzusetzen, dass die deutsche Kleinstaaterei dem Vertrieb solcher Periodika Grenzen setzte: bis ein Berliner Blatt nach Düsseldorf oder München durchdrang, vergingen meist mehrere Tage; der Absatz in weiter entfernten Territorien des Alten Reiches war deshalb gering. Aber der Freimüthige war so gefragt, dass er zeitweise in Auswahl und mit Verspätung sogar in Amsterdam in holländischer Übersetzung erschien.

"Kleinster gemeinsamer Nenner war die tief wurzelnde Abneigung gegen Goethe"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrem aktuellen Aufsatz über Garlieb Merkel, dass er sich in einer Dauerfehde mit den Ikonen seiner Zeit befand – mit Goethe und Schiller, die ihm den Zutritt zu ihren Kreise verstellten und ihm die Anerkennung verweigerten. Einen Verbündeten fand er dagegen in August von Kotzebue. Was verband die beiden Männer, denen die höheren Weimarer Weihen versagt blieben?

Dr. Sangmeister: In der Literaturgeschichte werden Kotzebue und Merkel traditionell in einem Atemzug genannt, dabei verband sie nur sehr wenig. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner war die tief wurzelnde Abneigung gegen Goethe und die Frühromantiker, die man an fast jeder Nummer ihrer Zeitschrift Der Freimüthige ablesen kann. Das Blatt wurde anfänglich von Kotzebue allein, ab Herbst 1803 aber federführend von Merkel herausgegeben, also eher abwechselnd als gemeinsam betreut. Eine biographisch-geographische Komponente, die beide verklammert, ist das Baltikum. Merkel kam aus Riga und kehrte 1806, als er vor den Schergen Napoleons flüchten musste, wieder dorthin zurück. Kotzebue, der ja aus Weimar gebürtig war, aber an der Ilm nicht im Schlagschatten Goethes stehen wollte, siedelte sich 1783 in Estland an, wo er in der Folge zwar nicht durchgängig, aber doch überwiegend lebte. Im Baltikum sind sich beide Männer aber nie begegnet, sie haben dort auch keine gemeinsame Sache gemacht, sondern sich im Gegenteil über die Frage, wer von ihnen die größeren Rechte am Freimüthigen besaß, böse entzweit. Kotzebue hat 1809 sogar eine Burleske mit dem Titel Herr Gottlieb Merks, der Egoist und Criticus veröffentlicht, mit der er seinen vormaligen Mitherausgeber lächerlich zu machen suchte.

"Wohlkalkulierte Verrisse, die vor allem Aufmerksamkeit erregen sollten"

L.I.S.A.: Garlieb Merkel nahm kein Blatt vor den Mund und ging keinem verbalen Scharmützel aus dem Weg. So gesehen wirkt er auf uns heute sehr modern, wenn man seine Zeit mit aktuellen Aufmerksamkeitslogiken und -praktiken vergleicht. War er so gesehen ein typisch moderner Journalist?

Dr. Sangmeister: Merkel gilt als »Erfinder des deutschen Feuilletons«. Dieses Etikett gründet sich auf sein journalistisch-publizistisches Wirken in Berlin zwischen 1799 und 1806. Zuerst machte er sich dort einen Namen durch Theaterkritiken für die Haude und Spenersche Zeitung, die Merkel so schnell als irgend möglich veröffentlichte, weil er als Erster begriffen hatte, dass in dieser Sattelzeit der Vormoderne Aktualität zunehmend ein wichtiger Faktor, ein Kriterium für Kauf und Lektüre wurde. Mit seinen dann folgenden wöchentlichen Briefen an ein Frauenzimmer über die neuesten Produkte der schönen Literatur adressierte sich Merkel erfolgreich an die Frauen aus Bürgertum und Adel, die damals zunehmend Literatur zu konsumieren begannen. Schon in diesen literaturkritischen Briefen hat er mitunter wohlkalkulierte Verrisse veröffentlicht, etwa von Jean Pauls Titan, die primär nicht auf Belehrung von Autor oder Publikum zielten, sondern vor allem Aufmerksamkeit erregen sollten. Die meiste Aufmerksamkeit aber bekam Merkel mit seinem Freimüthigen, dessen Titel bereits programmatisch verkündete, dass hier kein Blatt vor den Mund genommen wurde. Hier hat er immer wieder nicht bloß Diskussionen angeregt, sondern vermittels Satiren, Polemiken oder eben Totalverrissen gezielt Streitigkeiten und Fehden angezettelt, die seinem Rufe als Literaturkritiker abträglich, dem Absatz des Freimüthigen aber sehr zuträglich waren. Das war modern – und zugleich lebensnotwendig, denn Merkel hat in seinem ganzen langen Leben kein Amt gehabt und war deshalb immer darauf angewiesen, dass alles, was er publizierte, auch gekauft wurde und sich derart bezahlt machte für ihn.

Dr. Dirk Sangmeister hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

V23LZ