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Georgios Chatzoudis | 20.09.2016 | 601 Aufrufe | 1 | Interviews

Menschenrechte digital und online

Interview mit Daniel Stahl über das Projekt "Quellen zur Geschichte der Menschenrechte"

Der Verweis auf Einhaltung oder Verteidigung der Menschenrechte gehört heute zum Standardrepertoire in der Politik. Wer auf der politischen Bühne seinen Forderungen zusätzliche Legitimation verschaffen möchte, beruft sich im Zweifelsfall auf die Menschenrechte. Seit wann ist das eigentlich so? Worauf beziehen sich Verfechter der Menschenrechte genau? Und welche Rolle spielt dabei die Verankerung von Menschenrechten in völkerrechtlichen Erklärungen und bei internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen? Die Kölner Fritz Thyssen Stiftung hat einen Arbeitskreis zu Menschenrechten im 20. Jahrhundert eingerichtet, in dem unter der Leitung von Prof. Dr. Norbert Frei Historiker, Politikwissenschaftler und Juristen diesen und ähnlichen Fragen nachgehen. Dieser Arbeitskreis hat vor kurzem eine neue Online-Plattform gestartet, die sich den Quellen zur Geschichte der Menschenrechte widmet und die der Historiker Dr. Daniel Stahl redaktionell betreut. Wir haben ihn zur neuen Internetpräsenz befragt.

"Ein neues Angebot, das den aktuellen Forschungsstand widerspiegelt"

L.I.S.A.: Herr Dr. Stahl, Sie beschäftigen sich als Historiker mit der Geschichte der Menschenrechte. Vor kurzem ist eine neue Plattform online gegangen, deren Redaktion Sie inne haben: Quellen zur Geschichte der Menschenrechte. Wie kam es zur Initiative für diese Online-Plattform? Welchen Zweck verfolgt das Portal? An wen richtet es sich?

Dr. Stahl: Die Geschichte der Menschenrechte hat sich in den letzten Jahren zu einem intensiv bearbeiteten Forschungsfeld entwickelt. Unser Verständnis davon, wie man den Aufstieg der Menschenrechte verstehen muss, hat sich dadurch grundlegend gewandelt. Wir können diese Entwicklung nicht verstehen, wenn wir nicht die Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen des Menschenrechts-Konzepts in den Blick nehmen. Die herkömmlichen Quellensammlungen zum Thema Menschenrechte spiegeln den aktuellen Forschungsstand jedoch nicht wider. Dort erscheinen Menschenrechte als ungebrochenes Fortschrittsnarrativ, das von der Antike über die Französische Revolution bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte reicht.

Mit unserem Portal wollen wir ein neues Angebot schaffen, das den aktuellen Forschungsstand widerspiegelt. Das versuchen wir mit zwei Formaten: Auf der einen Seite kommentieren wir Quellen, die für einen bestimmten Aspekt der Menschenrechtsgeschichte paradigmatisch sind. Wie entstanden sie? Welche Konflikte spiegeln sich in der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte? Wie wurden Sie später umgedeutet? Auf der anderen Seite führen wir lebensgeschichtliche Interviews mit Personen der Menschenrechtsgeschichte. Was brachte sie dazu, sich für dieses Thema einzusetzen? Indem wir online publizieren, können wir jederzeit auf neue Forschungsergebnisse und –entwicklungen reagieren.

Dr. Daniel Stahl, Wissenschaftlicher Sekretär des Arbeitskreises Menschenrechte im 20. Jahrhundert und Redaktion der Online-Plattform "Quellen zur Geschichte der Menschenrechte"

"Menschenrechte waren immer ein umstrittenes Konzept"

L.I.S.A.: Welches Verständnis von Menschenrechten liegt dem Projekt zugrunde? Gibt es überhaupt verschiedene Ansichten über Menschenrechte?

Dr. Stahl: Es geht uns gerade darum zu zeigen, dass Menschenrechte immer ein umstrittenes Konzept waren. Deshalb liegt dem Projekt nicht ein analytisches Konzept von Menschenrechten zugrunde. Stattdessen fragen wir danach, was Politiker, Aktivisten oder Juristen meinten, wenn sie von Menschenrechten sprachen. Für den amerikanischen Völkerrechtler Thomas Buergenthal, der als Kind Auschwitz überlebte, waren die am eigenen Leibe erlebten Verbrechen der Nationalsozialisten ein Anknüpfungspunkt, um über den Schutz von Menschenrechten nachzudenken. Das wird in dem Interview, das wir mit ihm geführt haben, deutlich. Auch die deutschen Völkerrechtler der Nachkriegszeit befassten sich mit Menschenrechten. Sie meinten damit allerdings nicht die Verbrechen der Nationalsozialisten, sondern die Vertreibung von Deutschen oder den Umgang mit deutschen Kriegsgefangenen. Warum das so war, versucht einer der Kommentare zu erklären, die auf unserer Seite zu finden sind.

"Für die Schlüsseltexte zur Geschichte der Menschenrechte fragen wir Experten an"

L.I.S.A.: Welche Rolle kommt dem „Arbeitskreis Menschenrechte im 20. Jahrhundert“ bei diesem Online-Projekt zu? 

Dr. Stahl: Im Arbeitskreis, der aus Juristen, Historikern und Politikwissenschaftlern besteht, sondieren wir, welche Personen für unsere Reihe der lebensgeschichtlichen Interviews in Frage kommen. Vor allem fungiert der Arbeitskreis als Herausgeber. Auf unseren halbjährlichen Treffen sichten wir die eingegangenen Kommentare zu Schlüsseltexten, machen Anmerkungen und geben die Texte zur Veröffentlichung frei.

L.I.S.A.: Wie entstehen die Inhalte auf der Plattform? Sind Beiträge von außen erwünscht?

Dr. Stahl: Meistens führen zwei Mitglieder des Arbeitskreises die Interviews. Dieser Teil der Arbeit ist sicherlich der interessanteste: Man trifft Menschen, über die man zuvor nur in Büchern gelesen hat und kann sie direkt zu ihren Erfahrungen befragen. Anschließend werden die Interviews transkribiert und redigiert – schließlich wollen wir gut lesbare Texte veröffentlichen. Dennoch ist es uns wichtig, den Duktus der interviewten Person beizubehalten. Für die Schlüsseltexte fragen wir Experten an, die zu einschlägigen Themen forschen. Aber auch Vorschläge und Angebote von außen sind willkommen.

L.I.S.A.: Was können Sie bislang über die Resonanz und Feedback berichten?

Dr. Stahl: Die Seite ist noch ganz jung. Bisher waren die Reaktionen sehr positiv. Ich hoffe, das Portal mit seinen immer neuen Beiträgen entwickelt sich zu einer von Lehrern, Dozenten, Forschern und historisch interessierten Personen gern genutzten Quellensammlung.

Dr. Daniel Stahl hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr. Jan-Holger Kirsch | 28.09.2016 | 14:06 Uhr
Frei zugängliche Beiträge zum Thema Menschenrechte finden sich auch unter http://www.zeithistorische-forschungen.de/thematische-klassifikation/menschenrechte

Darunter u.a. ein Artikel von Daniel Stahl:
http://www.zeithistorische-forschungen.de/1-2013/id=4714

aktuelles Themenheft "Apartheid und Anti-Apartheid - Südafrika und Westeuropa":
http://www.zeithistorische-forschungen.de/2-2016

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