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Georgios Chatzoudis | 18.10.2011 | 1623 Aufrufe | 2 | Interviews

"Mauern haben ein merkwürdiges Eigenleben"

Interview mit PD Dr. Olaf Briese

Dr. Olaf Briese lehrt als Privatdozent an der Berliner Humboldt-Universität Kulturwissenschaften. In einem von der Gerda Henkel Stiftung Projekt hat er die Berliner Mauer unter ästhetischen Gesichtspunkten untersucht. Zu seinen Forschungsthemen gehören außerdem die Geschichte und Theorie von Dingen, das Mensch-Natur-Verhältnisse im 18. und 19. Jahrhundert sowie Religion, Wissenschaft und Philosophie des 19. Jahrhunderts.

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L.I.S.A.: Ihr Buch „Steinzeit. Mauern in Berlin“ ist kürzlich erschienen, pünktlich zur 50. Wiederkehr des Baus der Berliner Mauer. Wie sind sie auf das Thema gekommen?

Dr. Briese: Das hatte gar nichts mit Berlin zu tun. Der Anlaß war eine Talsperre im Süden Deutschlands und ihre Staumauer. Da entdeckte ich die Potentiale und auch die kulturellen Obsessionen, die sich an so eine Staumauer binden. Der exzellente Mauerstandort Berlin bot sich dann an, mehr über Mauern an sich herauszubekommen.

L.I.S.A.: Was genau stellen Sie in Ihrem Buch dar?

Dr. Briese: Erstens geht es in diesem Buch um eine Geschichte von Mauern in Berlin, von Innen- und Außenmauern. Zweitens entwirft es – mit der gebotenen Zurückhaltung – theoretische Leitlinien, um Mauern in ihrer kulturellen Bedeutung zu verorten. Das weitet sich, zumindest in Ausblicken und Exkursen, zu einer Kulturgeschichte von Mauern überhaupt, beispielsweise in dem Kapitel, das „antike Beutekunst“ behandelt, also die Relikte babylonischer, hethitischer oder hellenistischer Mauern auf der Berliner Museumsinsel. Da stelle ich u.a. auch die für Altertumswissenschaftler relevante Frage nach der urbanen „Intensiv-Sesshaftigkeit“, die diese ersten Stadtmauern besiegeln sollten.

L.I.S.A.: Können Sie Stationen von Außenmauern in Berlin benennen?

Dr. Briese: Germanen umgrenzten ebenso wie Slawen ihre Siedlungsplätze; im Mittelalter umschloß eine geradezu lieblose Rumpel- und Lottermauer die Stadt, gefolgt von einer Festungsmauer, die nur wenige Jahrzehnte bestand. Ab 1705 wurde die Akzisemauer errichtet (eine Steuermauer), die bis 1865 die Stadt einkesselte. Und die Mauer, die ab 1961 errichtet wurde, dürfte Jedem in der Erinnerung sein.

L.I.S.A.: Sie schreiben, dass diese Akzisemauer auch als die erste Weglaufsperre für bzw. gegen die Berliner Bevölkerung anzusehen ist. Wie ist das zu verstehen?

Dr. Briese: Nach der Gründung des Königreichs Preußen 1701, vor allem ab 1713 mit dem neuen „Soldatenkönig“, hatte der absolutistische Staat einen enormen, geradezu kannibalischen Menschenhunger. Es war ein Schurkenstaat, der die eigenen Landeskinder, aber auch durchreisende landesfremde Personen, mittels Menschenraub gnadenlos in sein neues stehendes Heer presste. Diese Akzisemauer diente dann als Weglaufsperre für die in Berlin eingesperrten Soldaten. Das betraf bis 1733 aber sogar die normale Bevölkerung. Als normaler „Zivilist“ und Bürger ohne Genehmigung aus Berlin wegzuziehen, galt als „Desertion“, und darauf stand, zumindest nominell, die Todesstrafe.

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Dr. Olaf Briese

L.I.S.A.: Diese europäischen Akzisemauern sind heute weitgehend verschwunden und vergessen. Gibt es noch Reste dieser Mauer in Berlin?

Dr. Briese: Diese Akzisemauer war eine Steuermauer, die die ganze Stadt erbarmungslos einschnürte, sie bestand bis 1865. Danach verschwand sie so rasant schnell wie später die „Berliner Mauer“ nach 1989. So ist letztlich gar nichts von ihr übrig. Der einzige Rest ist das damals bei diesem Abriss unter Denkmalschutz gestellte „Brandenburger Tor“.


L.I.S.A.: Ihr Buch handelt aber auch ausführlich von Binnenmauern der Stadt?

Dr. Briese: Ja, einzelne Kapitel behandeln auch Friedhofsmauern, Fabrikmauern und Gefängnismauern. Es geht im Buch sogar um Mauern gegen Wasser – um Schleusen nämlich. Am Ende gibt es einen Ausblick auf die mobilen Mauern der Gegenwart, auf die Sicherheitsregimes einer modernen Großstadt, in der sich Macht zunehmend räumlich „entortet“.

L.I.S.A.: Mauern sind also in der Moderne keine Auslauferscheinung?

Dr. Briese: Ein kurzer Antwortversuch: Menschen brauchen und wollen Halt, sogar Grenzen. Dafür stehen Mauern. Sie sind stabil inmitten labiler Verhältnisse. Im Gegenzug fallen Mauern und müssen fallen. So verdichten sich in ihnen die Widersprüche von Kultur.



L.I.S.A.: Welche Darstellungsprobleme gab es beim Schreiben des Buchs? Wie kann man spannend über starre Dinge wie Mauern schreiben?

Dr. Briese: Es ging darum, Mauern Leben einzuhauchen, ging darum, in einem erzählenden Duktus – im Sinn einer erzählenden Kulturgeschichteschreibung – ihr Eigenleben zu schildern. Denn sie haben ein Eigenleben, wie andere Kulturprodukte auch. Das ist die kulturwissenschaftliche und kulturtheoretische Leitlinie des Buchs.

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L.I.S.A.: Gibt es Neues zur „Berliner Mauer“?

Dr. Briese: Hier möchte ich eines präzisieren: Die „Berliner Mauer“ war nicht lediglich eine Mauer, es war ein komplexes Sperrsystem mit ca. zehn Elementen: Hinterlandmauer, Grenzsignalzaun, Hundelaufanlagen (meist an Randgebieten Berlins), Beobachtungstürme, Lichttrasse, Kolonnenweg, Kontrollstreifen, Graben gegen Kfz-Durchbrüche usw. Schließlich eben jene heute in der Erinnerung verankerte Mauer an vorderster Linie.


L.I.S.A.: Nochmals zu diesem Gesamtkomplex „Berliner Mauer“: Gibt es dazu neue Forschungsergebnisse in Ihrem Buch?

Dr. Briese: Ja. Meine Archivstudien zur bisher fast gänzlich vernachlässigten Baugeschichte stellen mindestens drei überraschende Aspekte heraus: erstens den permanenten „Pfusch am Bau“ in den ersten Jahren (so daß ganze Maueranschnitte anfangs einstürzten); zweitens den Widerwillen der Militärs in der DDR, sich die Verantwortung für ein bisher technisch so niemals existentes Mauersystem aufzwingen zu lassen; drittens die finanziellen Belastungen und Probleme, die dieser Mauerbau beständig aufwarf.

L.I.S.A.: Welches ist die theoretische Quintessenz des Buchs?

Dr. Briese: Dinge als Dinge – also auch Mauern als Mauern – haben ein merkwürdiges Eigenleben. Sie regieren uns Menschen mehr, als uns lieb ist. Darüber hinaus sind sie unser spezifisches alter ego, denn sie geben ein bestimmtes Versprechen: Mauern versprechen Dauer und Ewigkeit. Deshalb geht von ihnen eine Faszination aus, man kann fast von einem Eros sprechen. Auch die Altertumswissenschaften stehen, so meine These, ungewollt in diesem Bann.

L.I.S.A.: Gibt es einen griffigen Satz aus ihrem Buch, den Sie dem Leser hier mit auf den Weg geben möchten?

Dr. Briese: So fröstelnd das wirkt: Die nächste Eiszeit wird nicht lange mit uns fackeln.

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Dr. Olaf Briese hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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Briese, Olaf, Steinzeit. Mauern in Berlin, Berlin 2011 (Matthes & Seitz Berlin)

Kommentar

von Dr. Alexander Knaak | 24.10.2011 | 10:33 Uhr
Kleine Korrektur:
"Dr. Briese: Diese Akzisemauer war eine Steuermauer, die die ganze Stadt erbarmungslos einschnürte, sie bestand bis 1865. Danach verschwand sie so rasant schnell wie später die „Berliner Mauer“ nach 1989. So ist letztlich gar nichts von ihr übrig. Der einzige Rest ist das damals bei diesem Abriss unter Denkmalschutz gestellte „Brandenburger Tor“."

In der Stresemannstraße südlich des Brandenburger Tors gibt es ein restauriertes Stück Akzisemauer, das - wenn ich mich recht entsinne - zur 750-Jahr-Feier hergerichtet wurde.

http://www.panoramio.com/photo/57188573


Grüße,


A. Knaak

Kommentar

von PD Dr. Olaf Briese | 24.10.2011 | 11:53 Uhr
Herzlichen Dank für die Präzisierung meiner aus pragmatischen Gründen etwas verkürzten Darstellung. In der Tat gibt es seit 1987 in der Stresemannstraße einen anschaulichen Nachbau von einigen Metern Länge (der sich, wie die entsprechende Tafel informiert, aber über originalen Fundamenten erhebt). Einen imposanten Originalrest gibt es in der Hannoverschen Straße. Möglicherweise bestehen weitere Relikte und Reste, ggf. integriert in Nachfolgebauten. Eine systematische Analyse dazu gibt es bisher leider nicht, so wie es bis zum Jahr 2007 nicht einmal einen Einzelaufsatz oder eine Einzelpublikation zu dieser Akzisemauer gab (vgl. Helmut Zschocke: Die Berliner Akzisemauer. Die vorletzte Mauer der Stadt.). OB.

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