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Georgios Chatzoudis | 17.12.2019 | 1658 Aufrufe | Interviews

"Empathische Nähe zur Kunst"

Interview mit Andreas Beyer zum Tod von Martin Warnke

In der vergangenen Woche ist der renommierte Kunsthistoriker und erste Träger des Gerda Henkel Preises, Prof. Dr. Martin Warnke, im Alter von 82 Jahren in Halle gestorben. Martin Warnke gehörte zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen Kunstgeschichte der Gegenwart. Verbunden ist sein Name nicht zuletzt mit dem Werk des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, mit der Forschungsstelle für Politische Ikonographie im Warburg-Haus in Hamburg sowie mit einer Neuausrichtung der Kunstgeschichte seit den 1970er Jahren. Wir haben den Kunsthistoriker Prof. Dr. Andreas Beyer von der Universität Basel um einen Blick zurück auf Leben und Wirken dieses prägenden Wissenschaftlers gebeten.

"Die unverwechselbare Art, in der er sprach, war schönster Ausdruck seines Charakters"

L.I.S.A.: Herr Professor Beyer, in der vergangenen Woche ist der renommierte Kunsthistoriker Martin Warnke gestorben. Bevor wir auf sein Wirken als bedeutender Kulturwissenschaftler zu sprechen kommen – wie erinnern Sie sich persönlich an Martin Warnke?

Prof. Beyer: Ich erinnere mich zunächst und vor allem an seine Stimme. Die war merkwürdig brüchig, zittrig fast. Und das nicht erst, seit ihn seine Krankheit zunehmend hat Kraft verlieren lassen. Ich bin Martin Warnke in den achtziger Jahren erstmals begegnet, und schon damals klang seine Stimme so. Inzwischen bin ich überzeugt, dass diese unverwechselbare Art, in der er sprach, schönster Ausdruck seines Charakters war: unaufdringlich, eher fragend und tastend als behauptend, dabei hoch konzentriert und dialogfreudig zugleich. Und so war auch sein ganzes Auftreten. Einfach ein feiner Mensch.

"Die Forschung zur exilierten Kunstgeschichte hatte mit ihm ihr eigentliches Zentrum"

L.I.S.A.: Martin Warnke ist in seinem Werk vor allem mit dem Namen Aby Warburg verbunden. Neben seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Kulturwissenschaftler Warburg, war er viele Jahre Leiter der „Forschungsstelle Politische Ikonographie“ im Hamburger Warburg-Haus, wo er sich auch dessen Nachlass angenommen hat. Was faszinierte Martin Warnke an Aby Warburg? Inwiefern steht das Werk Warnkes in der Tradition Warburgs?

Prof. Beyer: Martin Warnke hat sich des Vermächtnisses Aby Warburgs schon deshalb angenommen, weil er als Professor in Hamburg die Befassung mit der einstmals dort angesiedelten "Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg" (KBW) und der damit verbundenen Tradition gleichsam als Verpflichtung begriffen hat. Ich kenne nur wenige Kollegen, die ein solch ausgeprägtes berufliches Ethos ausgezeichnet hat. Aber darüber hinaus hat Warnke natürlich Warburgs kulturwissenschaftlicher Ansatz besonders fasziniert, der nicht nur Fachgrenzen unbekümmert überwand, sondern seine Gegenstände auch jenseits der sogenannten Hochkunst fand. Sein an der von ihm wieder zu wissenschaftlichem Leben erweckten KBW in der Hamburger Heilwigstrasse angesiedelter "Bildindex zur Politischen Ikonographie" orientiert sich in seiner expansiven Ausweitung des Bildbegriffs ganz an Warburgs, etwa in dessen "Bilderatlas" verwirklichter unhierarchischer Erkundung des Bildes als Agent und Speicher des sozialen Gedächtnisses. Außerdem verbindet sich mit der KBW in besonderem Maße die unselige Vertreibung der einst avancierten Kunstgeschichte aus Nazi-Deutschland. Warnkes Interesse und Bemühung galt immer auch der Generation der Emigranten; er hat sich, wie nur wenige, um deren Vermächtnis gesorgt - auch und vor allem als Lehrer. Die Forschung zur exilierten Kunstgeschichte hatte mit ihm und seinen zahlreichen Schülerinnen und Schülern in Hamburg ihr eigentliches Zentrum.

"Warnke hat sich zum Partisanen der Kunst gemacht"

L.I.S.A.: Vor seiner intensiven Beschäftigung mit Aby Warburg hat Martin Warnke vor allem in seiner Auseinandersetzung mit seiner Disziplin, der Kunstgeschichte, für ein Aufsehen gesorgt, das ihm innerhalb des Fachs zunächst einen schweren Stand einbrachte. Auf dem Kunsthistorikertag 1970, ein Jahr vor Antritt seiner Professur in Marburg, löste er mit einer damals  umstrittenen Sektion eine lange Kontroverse über die Ausrichtung der Kunstgeschichte aus. Was genau war passiert? Für welche kunsthistorischen Schwerpunkte stand Martin Warnke?

Prof. Beyer: Der Kölner Kunsthistoriker-Kongress von 1970 bedeutete eine wirkliche Zäsur. Es war namentlich Martin Warnke, der dort die deutsche Kunstgeschichte nach ihren Verfahrensweisen befragte, nach ihren Mustererzählungen, nicht nur jenen der Nazizeit. Die von ihm organisierte Sektion (und der Buchtitel der anschließend publizierten Beiträge) lautete: "Das Kunstwerk zwischen Wissenschaft und Weltanschauung". Es ging dabei um die ideologische Aufladung der Kunst, deren "wesenhafte" Bestimmung und auch um die Sprache, die Warnke als eine "Metaphorik der Macht" analysiert hat, mit welcher das Kunstwerk gleichsam domestiziert werde. Warnke und seine damaligen Mitstreiter haben die Kunst aus solcher Fremdbestimmung zu befreien versucht. Und damit die Kunstgeschichte recht eigentlich erst anschlussfähig gemacht an andere Geisteswissenschaften. Später, in seinem kapitalen Buch über den "Hofkünstler", hat Warnke sich wiederum zum Partisanen der Kunst gemacht. Entgegen gängiger sozialgeschichtlicher Deutungspraktiken, hat er die Freiheit der Künstler der Vormoderne nicht in den bürgerlichen, republikanisch verfassten Gemeinwesen sich entfalten sehen, sondern bei Hofe. Erst der Status des Hofkünstlers habe diese zu Formen finden lassen, welche unter den Zwängen einer zünftisch organisierten Kunstproduktion undenkbar gewesen wären. Es ist dieses Buch, das eindrucksvoll belegt, wie unkonventionell Warnke dachte, wie wenig er ideologischen Stereotypen nachhing und wie nahe er bei der Kunst war.

"Er hat diesem Land gegenüber stets eine gewisse Distanz gewahrt, eine sachliche"

L.I.S.A.: Martin Warnke hat nicht nur als Kunsthistoriker bleibende Spuren hinterlassen, sondern auch als Berichterstatter vom Auschwitz-Prozess 1964 in Frankfurt am Main. Warnke war damals noch keine 27 Jahre alt. Ist sein Engagement hier im Zusammenhang mit der damals aufkommenden kritischen Jugendbewegung zu sehen oder spielten bei ihm ganz andere Motive eine Rolle?

Prof. Beyer: Dass Martin Warnke als Journalist von den Auschwitz-Prozessen berichtet hat, erscheint mir heute auf eine merkwürdige Art schlüssig. Gewiss war auch er Teil der kritisch wachsamen und bald revoltierenden Jugend. Mir scheint aber die Tatsache, dass er nicht in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, sondern, als Sohn eines protestantischen Pastors, im brasilianischen Urwald, maßgeblicher zu sein. Erst als Jugendlicher nach Deutschland gekommen, hat er diesem Land gegenüber stets eine gewisse Distanz gewahrt, eine sachliche. Seine Auschwitz-Prozessprotokolle kommen ohne alles Psychologisieren aus, ohne Pathos und selbst ohne persönliches Urteil. Es sind äußerst nüchterne Beobachtungen von Denk- und Sprachmustern, die das Grauen, von dem sie handeln, nur umso unerbittlicher hervortreten lassen. Dass Warnke das Land seiner Vorväter solcherart erkunden hat müssen, wird nicht spurlos an ihm vorbei gegangen sein. Ob die Brüchigkeit seiner Stimme hier ihren Ursprung hat? Sein lebenslanges Interesse an den politischen Bildwelten hat ihn hier jedenfalls zweifellos.

"Ein Kunsthistoriker, der in der Kunst eine Möglichkeitsform des Daseins erkannt hat"

L.I.S.A.: Was ist das wissenschaftliche Vermächtnis, das Martin Warnke hinterlässt? Welche seiner Werke sind dabei besonders hervorzuheben?

Prof. Beyer: Warnkes wissenschaftliches Vermächtnis ist die empathische Nähe zur Kunst. Wie kein Zweiter hat er sich souverän zwischen dem Kunstwerk und allen an dieses herangetragenen Interessen bewegt. Und er hat dabei die Eigenkraft des Bildlichen, dessen Gegenweltlichkeit und Freiheit stets verteidigt. Er war deswegen kein Formalist. Sondern ein Kunsthistoriker, der in der Kunst (und im Künstlertum) eine Möglichkeitsform des Daseins erkannt hat, in welcher Unabhängigkeit und Zugewandtheit einander nicht ausschließen. Sein Buch "Velázquez. Form & Reform" (Köln 2005) ist ein beredtes Beispiel dafür, nicht weniger auch jenes über Leben und Werk des Peter Paul Rubens (Köln 1977).

Der "Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers" (Köln 1985) wird noch Generationen von Kunsthistorikern ein unverzichtbares Handbuch bleiben; sein "Bildindex zur Politischen Ikonographie", dessen Digitalisierung die DFG soeben mit der Bereitstellung von mehr als einer halben Million Euro ermöglicht hat, verspricht, die aktuell wieder lebhaft geführte Debatte um die Macht des Bildes auf solide Grundlagen zu stellen.

Prof. Dr. Andreas Beyer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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