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Georgios Chatzoudis | 12.11.2019 | 570 Aufrufe | Interviews

"Malerei als Tätigkeit, denn als Summe von Gemälden"

Interview mit Charlotte Warsen über Malen als Kulturtechnik

Wer an Malerei denkt ist vielleicht mit dem Kopf gleich im Museum und hat prächtige Gemälde in schweren Rahmen vor Augen. Nicht so die Forschergruppe rund um Charlotte Warsen, Ludger Schwarte und Meret Kupczyk, die in einem von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekt sich dem Malen als Kulturtechnik gewidmet hat. Was drücken wir aus, wenn wir zum Pinsel greifen, ihn in Farbe eintauchen, um diese dann auf eine Fläche aufzutragen? Wir haben diese und daran anschließende Frage der Malerin und Philosophin Charlotte Warsen gestellt.

"Was kann das Malen für einen einzelnen Menschen bedeuten?"

L.I.S.A.: Frau Warsen, Sie haben sich in Ihrem Promotionsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Ludger Schwarte mit dem Malen als Kulturtechnik wissenschaftlich beschäftigt. Bevor wir zu einigen Details kommen – was macht Malen zu einer Kulturtechnik bzw. ist Malen nicht per se eine menschliche Praxis, die Kultur und Technik voraussetzt? Was wäre demnach das Neue an Ihrem Zugang zum Thema?

Warsen: Uns hat gewundert, dass die angewandten Anteile dieser Praxis in wissenschaftlichen Untersuchungen oft zu kurz kommen. Kunsthistorische und philosophische Untersuchungen von Malerei gehen überwiegend von Beispielen aus, die überliefert, restauriert und musealisiert sind, weil ihr Kunststatus ab einem bestimmten Punkt gefestigt war oder sie innerhalb eines Kunstbetriebs entstanden sind. Zudem wird sich meist mit fertigen Gemälden beschäftigt: Die Farbe ist getrocknet, die Betrachter*innen stehen mit einem räumlichen und zeitlichen Abstand zum Entstehungszusammenhang vor einzelnen Werken. Unser Projekt fand an der Düsseldorfer Kunstakademie statt, einem Ort also, an dem Malerei eher eine Tätigkeit ist, denn eine Summe von Gemälden. Wir haben uns gefragt, was diese Tätigkeit auch jenseits eines Kunstdiskurses und jenseits einer Infrastruktur aus Ausstellungen, Studios, Museen, Galerien und Messen ausmacht; was kann das Malen für einen einzelnen Menschen bedeuten? Was sind die Funktionen des Malens innerhalb von Kulturen, in denen Malerei stärker mit der konkreten Lebenswelt verwoben und selbstverständlicher Teil des Alltags ist? Was kann durch das Malen fühl- und denkbar werden? Und inwiefern war Malerei für die Entwicklung von Zeichensystemen, Farbsymboliken und Schriften grundlegend? Was kann Malerei, mal abgesehen von Kunst? Es ging uns also – um Claes Oldenburg abzuwandeln – um eine Malerei, die nicht nur nicht „auf ihrem A*sch im Museum sitzt“, sondern eventuell auch nie dort gesessen hat.

"Etwas Sichtbares, mit dem man herumhantiert und das man erforschen und formen kann"

L.I.S.A.: Zentral in dem von Ihnen, Meret Kupczyk und Ludger Schwarte herausgegebenen Band ist Farbe. So lautet auch der Untertitel der Publikation: Die Welt aus Farbe erschaffen. Was genau ist hierbei Ihr Verständnis von Farbe? Unterscheidet Farbe die Kulturtechnik des Malens von der des Zeichnens?

Dr. Warsen: Wir haben unserer Einleitung ein Zitat von Adolf Behne vorangestellt: „Denn Malen heißt mit Farben arbeiten“ und gingen davon aus, dass Malerei sich durch einen bestimmten Umgang mit Farbe von anderen Kulturtechniken unterscheidet. Wenn Menschen malen, nehmen sie Farbe als etwas materialhaftes wahr und fangen an, sie zu modellieren; sie fragen nicht mehr nur: Wie sieht diese Farbe aus? Was macht sie mit mir? Sondern auch: Wie sieht es mit ihren Verarbeitungseigenschaften aus, wie lässt sie sich verdünnen, mischen, auftragen? Was kann ich mit ihr anstellen und was lässt sie mich herstellen? Im Malen sind Farben nicht allein Augenschein, sondern etwas Sichtbares, mit dem man herumhantiert und das man erforschen und formen kann, aus dem man Bilder bauen und mithilfe dessen sich Orte und Körper verwandeln lassen. Sind für andere Kulturtechniken Linien, Schriftzeichen oder Zahlen elementar, dann ist es für das Malen die Farbe als Imaginations- und Verwandlungsmittel.

"Kulturelle Räume, die die Malerei eröffnet hat"

L.I.S.A.: Einer weiteren These Ihrer Studie zufolge ist Malen eine Technik, bei der neue kulturelle Räume erschlossen werden. Könnten Sie das bitte an einem Beispiel verdeutlichen?

Warsen: Die Texte in unserem Sammelband folgen der Malerei in unterschiedliche Zeiten, Weltgegenden und Lebenswelten, entsprechend divers sind die kulturellen Räume, die sie durchwandern und erkunden. Tatsächlich sind ja schon die allerersten kulturellen Räume, die uns überhaupt erhalten sind, Räume, die die Malerei eröffnet hat: Die teils über 40.000 Jahre alten Höhlenmalereien in Asien, Afrika oder Europa sind komplexe – und verstörend schöne – Anordnungen, die mit den räumlichen Gegebenheiten, den Unebenheiten der Wände, den Gängen, Öffnungen und der Lichtsituation der Höhlen spielen. In seinem Beitrag über die Malerei in der Höhle La Pasiega in Kantabrien beschreibt Marc Groenen, wie sich stilistische Merkmale in teils 60 km entfernt befindlichen Höhlen fortsetzen und ein geographisch gestreutes Imaginarium und symbolisches Orientierungssystem nahelegen. In ihrem Beitrag über Malkulturen der Maya (ca. 100-900 n.Chr.) zeigt Claudia Brittenham, wie die Bemalungen einiger Vasen eine Geschichte ergeben, wenn man sie in den Händen dreht – eine Art Bewegtbild, hunderte Jahre vor Erfindung des Films, das neue Erzählweisen in Gang gesetzt haben wird. Im Verlauf unseres Forschungsprojekts haben wir außerdem eine Reihe von Interviews durchgeführt, in denen Maler*innen über ihre Praxis Auskunft geben (und die auf dem Youtube-Kanal Kulturtechnik Malen zu finden sind). Darin bezeichnet etwa Peter Doig das Malen als einen fluid space for a kind of narrative to exist – einen Raum also, der im Vornhin nicht genau begrenzt ist, in dem Neues entstehen kann.    

"Die Gesten verwandeln sich der Farbe an"

L.I.S.A.: Ihr Aufsatz in dem Sammelband stellt die Frage, wie man sich einen Körper aus Farbe erschafft. Sie verwenden dabei auch den Begriff der „Anverwandlung". Was genau meinen Sie damit? Wer adoptiert hier wen? Die Farbe den malenden Körper oder der Malende mit seinem Körper die Farbe?

Warsen: Ein toller Begriff, wie ich finde, weil er in beide Richtungen funktioniert: man verwandelt sich etwas an und macht es sich zu eigen / man verwandelt sich etwas an und wird ihm ähnlich. Diese Wechselseitigkeit beschreibt sehr gut, was im Malen passiert oder passieren kann: man beginnt, entlang der materiellen Eigenschaften und Beschaffenheiten der Farbe zu agieren und zu denken und sie zu nutzen: Ist die Farbe stark verdünnt, muss man schnell sein, ist sie in vielen, langsam trocknenden Schichten aufzutragen, braucht man Geduld; die Gesten verwandeln sich der Farbe an und so lässt sich sichtbar machen und schildern, was man sich ohne Farbmaterial nicht hätte ausdenken können. Ich habe mich in meinem Text mit dem Werk von Charlotte Salomon beschäftigt, in dem die Wirkungsweisen von Malerei, Musik, Film, Comic, Theater und Literatur in der Farbe zusammenfließen und durch die Farbe händelbar werden.

"Kulturelle Funktionen der Malerei wollten wir zeigen und verstehen lernen"

L.I.S.A.: Malen ist wie jede Kulturtechnik eine Auseinandersetzung mit der Welt – der gegebenen und der imaginierten. Was gewinnt der Mensch beim Akt des Malens? Was der Betrachter? In Ihrem Buch ist Malen vor allem mit der Erweiterung von Perspektive verbunden, mit einer Öffnung von Sehgewohnheiten und Horizonten. Kann Malen aber auch nicht genau das Gegenteil zur Absicht haben: Abkehr von der Welt und Verengung der Welt auf eine Fläche innerhalb eines begrenzten Rahmens?

Warsen: Malerei eröffnet nicht per se neue Horizonte, nein. Malerei kann sexistisch sein oder rassistische Stereotype schaffen; es gibt unzählige Beispiele von Malerei, die keine neuen Räume eröffnet, sondern Machtstrukturen stützt oder deren Formen sich verfestigen. Der Abstrakte Expressionismus entwickelte sich in den 60ern zu einer luftleeren Ideologie, der zufolge man nie wieder hätte gegenständlich malen sollen. Die Wandmalereien der Maya (re)produzierten die Macht der königlichen Familie, indem sie sie u.a. größer darstellten als andere Personen. Und insbesondere die europäische Malerei hat eine lange Beamtenlaufbahn und Geschichte der Herrschaftsrepräsentation hinter sich. Aber uns ging es nicht allein um ein Aufbrechen von Sehgewohnheiten; viele Beispiele aus unserem Buch, etwa im Text von Fred Myers und Anna Weinstein über einige Malereien der Pintupi-Aborigines, mögen zwar „unsere“ Perspektive erweitern, aber erfüllen für diejenigen, die in den entsprechenden Kulturen aufgewachsen sind, auch konkrete, zum Beispiel Zeitebenen und Erfahrungswelten verschränkende oder gemeinschaftsstiftende Funktionen. Und diese kulturellen Funktionen der Malerei, die teils über lange Zeiträume stabil bleiben können, wollten wir ebenso zeigen und verstehen lernen, ohne dabei nur durch die exotisierende Brille zu schauen.

Charlotte Warsen hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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