Register

Login

bookmark
Lea Hagedorn | 01/19/2017 | 1258 Views | Interviews

„Lutherbilder“

Interview mit Hole Rößler über die Ausstellung Luthermania an der Herzog August Bibliothek

Im jüngst begonnenen Lutherjahr erwarten uns deutschlandweit mehr als 70 Ausstellungen über die Reformation und ihren wichtigsten Protagonisten in Deutschland – eine davon hat am 15. Januar in der Augusteerhalle der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel eröffnet. Als erste einer Reihe von insgesamt drei Ausstellungen des gemeinsamen Forschungsverbunds des Deutschen Literaturarchivs Marbach, der Klassik Stiftung Weimar und der Herzog August Bibliothek (MWW) widmet sie sich der Figur Martin Luther als wichtige Gestalt der deutschen Erinnerungskultur. Verantwortlicher Kurator ist der MWW-Mitarbeiter und Historiker Dr. Hole Rößler. Im Rahmen der Ausstellung geht er der Geschichte wirkmächtiger Lutherbilder nach und zeigt ihre Verflechtungen mit der sozialen und politischen Lage, mit kulturellen Entwicklungen und Krisen der jeweiligen Epochen auf.

Google Maps

„Das Spektrum derartiger Ausstellungen reicht nur von Verklärung bis Verkitschung“

Hagedorn: Herr Rößler, was hat man sich unter dem klangvollen Titel Luthermania – Ansichten einer Kultfigur vorzustellen, und worin unterscheidet sich die Wolfenbütteler Ausstellung von ihrer nicht ganz geringen Konkurrenz?

Dr. Rößler: In der Tat, im Zusammenhang mit 2017 an Luther zu denken ist kein Ausweis einer besonderen Originalität. Gerade weil uns aber im kommenden Jahr viele Ausstellungen - aber auch viele Veranstaltungen, Vorträge, Tagungen, Berichterstattungen, Bücher, Artikel usw. - zu Luther ins Haus stehen, sollte man nicht wegsehen. Was ein bisschen zu befürchten ist, und das war sicher eine der wesentlichen Motivationen für unsere Ausstellung, ist, dass vielerorts eine rückhaltlose und unkritische Darstellung vom Typus "Leben und Werk" bevorzugt wird. Das Spektrum derartiger Ausstellungen reicht ja gewöhnlich nur von Verklärung bis Verkitschung. Das kann man dann persönlich ärgerlich oder langweilig finden. Als Historiker findet man es zumeist falsch, bedauerlich, empörend – es kann aber auch dazu anregen, Fragen zu stellen.

„Es geht um den Luther in den Köpfen“

Hagedorn: Ihre Ausstellung soll dem Lutherhype eine alternative Lesart entgegensetzen. Wie sieht diese aus? Richten Sie Ihr Augenmerk verstärkt auf die ‚dunklen Seiten’ Luthers, wie beispielsweise seine antisemitischen Schriften?

Dr. Rößler: Bei aller Feierlichkeit sollten Luthers antisemitische Äußerungen nicht marginalisiert werden. Auch auf diesem Gebiet war Luther ein Modernisierer, leider, indem er den mittelalterlichen Antijudaismus in einen rassisch begründeten Antisemitismus überführte. Aber es wird der Ausstellung nicht darum gehen, in schlichter Opposition eine Geschichte über Luther zu erzählen, die noch "wahrer" ist als die, die in anderen Ausstellungen erzählt werden. Vielmehr geht es um den Luther in den Köpfen und um die Frage, wie er da hineinkam. Was ich damit sagen will: Wer Luther war und wofür er steht, darüber gab es in den letzten 500 Jahren sehr unterschiedliche Ansichten, die für sich genommen natürlich immer "wahr" waren. Diese Geschichte der "Lutherbilder", die eben nicht identisch sind mit der Person Luthers, auch wenn sie bisweilen so erscheinen, wollen wir vorführen.

„Jede Zeit hat für ihre Zwecke funktional spezialisierte Bilder von Luther geschaffen“

Hagedorn: Was genau sind das für Lutherbilder, die Sie in Ihrer Ausstellung behandeln?

Dr. Rößler: Jede Zeit hat für ihre Zwecke ganz eigene und funktional spezialisierte Bilder von Luther geschaffen: Luther der Fürstenknecht, der Kirchenvater, der Kirchenspalter, der Aufklärer, der Ketzer, der Prophet, der Nationalheld und vieles mehr. Wir konzentrieren uns in der Ausstellung auf vier Bild-Felder, die über lange Zeiträume hinweg in der Kultur, d.h. vor allem im deutschsprachigen Raum, große Dominanz besaßen. Das sind im Einzelnen: "Luther, der Heilige", "Luther, der Teufel", "Luther, die Marke" und "Luther der Deutsche". Die Lutherbilder, die diesen Feldern zugeordnet werden können, sind zum Teil noch heute wirksam, haben ihre Wurzeln aber in der Vormoderne.

„Da ging es nicht in erster Linie um religiöse Inhalte“

Hagedorn: Welche dieser Vorstellungen von Luther sind Ihrem Dafürhalten nach gegenwärtig besonders präsent, und wo verortet Ihre Ausstellungen deren vormoderne Wurzeln?

Dr. Rößler: Auf einer eher abstrakten, um nicht zu sagen: diffusen Ebene ist das vor allem die Vorstellung von Luther als einer Ausnahmepersönlichkeit. Das ist selbst einem vormodernen Geschichtsdenken geschuldet, das wir noch nicht abgeschüttelt haben, obwohl wir es besser wissen: Die Vorstellung nämlich, dass es einzelne, große Männer sind, die Geschichte machen. – Wenn Sie heute Geschichte studieren, wird Ihnen das ganz schnell ausgetrieben. Sobald aber Feierlichkeiten anstehen, ist das schnell vergessen. Wie im Boulevardjournalismus fällt man zurück in die Darstellungsform der Heldengeschichte, weil man dem Publikum nicht mehr zutraut und weil man hofft, damit Quote zu machen. Es ist furchtbar einfach und anschaulich, historische Zusammenhänge auf die Taten einer Person zu reduzieren. So kommt es, dass „Luther“ schon lange für erheblich mehr steht, als die persönliche Leistung des Reformators.

Etwas konkreter sind gegenwärtig, so scheint es mir, konsensuelle Lutherbilder präsent. Also „Luther, der Aufklärer“ etwa. Luther wird da zum Ahnherren der Moderne – Stichwort: Abschied vom Mittelalter – gemacht. Manche stellen ihn sogar in eine Linie mit Lessing, wo doch Toleranz gerade keine ausgesprochene Stärke Luthers war. Aber die Vorstellung ist natürlich reizvoll: 500 Jahre Toleranz in Deutschland; demgegenüber erscheinen die zwölf Jahre Naziterror als atypischer „Ausrutscher“. Was ich sagen will: Mit Lutherbildern wurde immer auch Geschichte gemacht. Deswegen muss man sich mit ihnen befassen.

Was die vormodernen Wurzeln angeht, so sind diese sicher im Fall von „Luther, der Deutsche“ am deutlichsten zu erkennen. Luthers Kritik an der römischen Kirche war Wasser auf die Mühlen des patriotischen Humanismus im 16. Jahrhundert. Wenngleich es dem Theologen Luther freilich immer um alle Christen gehen musste, wurde er zu seiner Zeit und bis in die Moderne doch als Vorkämpfer deutscher Einheit und Souveränität installiert. Und das ist auch der Grund, warum wir im 19. Jahrhundert so viele Lutherdenkmäler bekommen haben. Da ging es nicht in erster Linie um religiöse Inhalte.

„Heraus kam dann eine patriotische Mélange“

Hagedorn: Der gerade erschienene Ausstellungskatalog zu Luthermania lässt bereits erahnen, welch große Vielfalt an Exponaten uns erwartet: Von der Playmobilfigur, über von Luther annotierte Texte, Porträtdarstellungen und Stofffetzen sind Kunst- und Alltagsgegenstände aus ganz verschiedenen Epochen zusammengekommen. Welches Objektverständnis begründet diese Auswahl, und was können wir anhand derartiger Exponate über die verschiedenen Lutherbilder lernen?

Dr. Rößler: Zunächst ist festzuhalten, dass die Objekte keine Zeugnisse der Person Luthers sind. Vielmehr verstehe ich die ausgestellten Gegenstände als ehemalige 'Agenten' von Lutherbildern. Das heißt aber auch nicht, dass sie diese Vorstellungen 'abbilden', sondern dass sie diese konkretisiert, in praktischen Kontexten produziert und verbreitet haben. Der heroische Luther des 19. Jahrhunderts, der uns vor allem im Denkmal begegnet, ist - etwas pointiert ausgedrückt - eine preußische Erfindung. Nicht so sehr, dass man ihn sich ad hoc ausgedacht hätte oder absichtsvoll ein falsches Bild erfunden hätte. Um die Einheit der Nation zu bewerben wurde, wie häufig, wenn politischer Wille legitimiert werden soll, die Geschichte bemüht. Auch wenn Luther dergleichen nie im Sinn hatte oder hätte haben können, fand man ausreichend Ansatzpunkte, ihn zum Vordenker der Reichseinheit zu erklären. Die Darstellungen Luthers orientierten sich an Bildern des 16. Jahrhunderts, kombinierten ihn dann aber etwa mit Bismarck - heraus kam dann eine patriotische Mélange, die eigentlich völlig widersprüchlich und unsinnig ist, offenbar aber weite Kreise angesprochen hat.

Mit den Exponate sollen möglichst viele Lutherbilder durch ihre 'Agenten' vertreten sein. Andererseits haben wir versucht, Schwerpunkte zu bilden. Das passiert einerseits in den bereits erwähnten Sektionen, andererseits, durch Zusammenstellungen von Objekten. Dadurch lassen sich Variationen eines Phänomens darstellen - etwa mit verschiedenen 'Lutherreliquien'. Wir zeigen etwa das Tintenfass, das Luther auf der Wartburg nach dem Teufel geworfen haben soll, einen Lutherlöffel, die Trauringe Luthers, ein Stück seines Chorrocks. Protestantische Kontaktreliquien, könnte man sagen, die darüber hinaus aber zu Repräsentanten bestimmter Eigenschaften Luthers erklärt wurden. Anhand anderer Objekte lassen sich Narrative bilden. So kann man etwa das erste Auftauchen und die Verbreitung der sogenannten "Lutherrose" von Luthers Verwendung als "Schutzmarke" gegen Raubdrucker bis zum protestantischen Identifikationssymbol und zur Verwendung auf Souvenirs verfolgen. Gleiches gilt für die Verbreitung seiner Porträts von der Wittenberger Cranach-Werkstatt bis zu drittklassigen Kopien und dem offiziellen Logo des 'Lutherjahrs'.

Was das Lernen angeht, so wäre es ein Ziel der Ausstellung, zu erschüttern. Die Dinge selbst sind natürlich nicht erschütternd. Vielmehr besteht ja die Kraft des Blicks in die Geschichte darin, unsere Selbstverständlichkeiten zu erschüttern. Kultbilder, und dazu gehören Lutherbilder fraglos, behaupten, immer schon da und immer schon so gewesen zu sein. Wenn sie aber in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit vorgestellt werden, dann lässt sich daraus lernen, dass das, was mit "Luther" gemeint wird, mitunter wenig mit dem Wittenberger Theologen aus dem 16. Jahrhundert zu tun hat. Ja, man könnte sogar erkennen, dass "Luther" im Grunde ganz leer ist - ein Vehikel, dass symbolisch hochgradig aufgeladen ist, dessen Inhalte aber zu jeder Zeit neu bestimmt wurden. Deswegen kann man Luther zum Frühaufklärer stilisieren, mit ihm deutschnationale Propaganda betreiben oder Bier bewerben. "Luther" hält das alles aus - wir müssen uns aber fragen, ob wir das aushalten wollen.

Dr. Hole Rößler hat die Fragen von Lea Hagedorn schriftlich beantwortet.

Informationen zu Ausstellung

Luthermania – Ansichten einer Kultfigur | 15. Januar bis 17. April 2017

Augusteerhalle der Bibliotheca Augusta
Lessingplatz 1
38304 Wolfenbüttel

Ausstellungseröffnung am Sonntag, 15. Januar 2017, 14 Uhr mit einer Festrede von Prof. Dr. Lyndal Roper, Regius Professor für Geschichte, Universität Oxford

www.luthermania.de

Kommentar erstellen

TEWQJQ