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Georgios Chatzoudis | 23.02.2016 | 1440 Aufrufe | Interviews

"Eine Anleitung, wie Geschichte zu schreiben sei"

Interview mit Alexander Free über Lukian und die Historiographie

Die Rezeption der Schriften des griechischen Schriftstellers und Satirikers Lukian von Samosata ist kein einfaches Unterfangen. Meinte er es ernst oder machte er sich einmal mehr über etwas lustig? Diese Frage stellt sich auch mit Blick auf seine Schrift Wie man Geschichte schreiben soll (Quomodo historia conscribenda sit). Handelt es sich dabei um eine seriöse Anleitung oder ist der Traktat eine zeitgenössische Satire, in der Lukian die Bildungskultur des 2. Jahrhunderts n.Chr. verspottet? Der Althistoriker Dr. Alexander Free hat sich in seinem Dissertationsprojekt mit der Rezeptionsgeschichte von Lukians Beitrag zur Historiographie auseinandergesetzt. Wir haben ihn zu seiner Forschung und den Ergebnissen befragt.

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"Lukian verspottet die zeitgenössischen Autoren"

L.I.S.A.: Herr Dr. Free, Sie wurden gerade frisch promoviert über ein Thema aus der Alten Geschichte, genauer zur Römischen Kaiserzeit, noch genauer zu einer der vielen Schriften Lukians. Das Buch trägt den Titel „Geschichtsschreibung als Paideia. Lukians Schrift ‚Wie man Geschichte scheiben soll‘ in der Bildungskultur des 2. Jhs. n. Chr.“ Dabei klingen viele Themen an: Geschichtsschreibung, Erziehung und Bildung, eine ganze Bildungskultur. Worum geht es genau? Was ist Ihre Kernthese?  

Dr. Free: In der Dissertation geht es hauptsächlich um eine Einordnung der geschichtsmethodologischen Schrift Lukians in den kulturellen Kontext des 2. Jhs. n. Chr. Die Forschung interessierte sich bisher überwiegend für die Quellen der Abhandlung, ohne ihrem Autor einen nennenswerten Eigenwert zuzuerkennen. Vernachlässigt wurden die Bezüge zu zeitgenössischen Begebenheiten ebenso wie die Frage nach dem Zweck der Schrift. Im 2. Jh. n. Chr. erlebte die griechische Kultur eine neue Blüte. Wanderredner zogen von Stadt zu Stadt und unterhielten ihre Zuhörer mit Stegreifreden, in denen sie in die Rolle historischer Persönlichkeiten der griechischen Geschichte schlüpften. Bildung, auf Griechisch Paideia, war von großer Bedeutung für die gesellschaftliche Reputation. Insbesondere für die Aristokratie bedeutete sie eine unter mehreren Kategorien zur Selbstdarstellung. Die Methodenschrift Lukians zur Geschichtsschreibung, so die Prämisse der Untersuchung, stellt einen Ausdruck der Bildungskultur des 2. Jhs. dar. Im Zuge eines Feldzuges des römischen Kaisers Lucius Verus gegen die Parther soll es zu einer Flut an Geschichtswerken gekommen sein. Ihre Autoren orientierten sich an den klassischen Vorbildern der Gattung und verstanden sich selbst als Gebildete im Sinne des griechischen Paideia-Ideals. Lukian ist jedoch wenig überzeugt von den Qualitäten dieser Historiographen und setzt ihnen seine Abhandlung entgegen. Nicht nur verspottet er die zeitgenössischen Autoren, sondern er gibt auch eine Anleitung, wie Geschichte idealerweise zu schreiben sei. Die Ambivalenz zwischen Spott und Ernst macht die adäquate Beurteilung der Schrift jedoch nicht einfach. Häufig wird sie als seriöse Anleitung zur Abfassung von Geschichte gelesen. Wieso verknüpft der Autor seine Ratschläge aber mit dem ausführlichen Spott an den Partherkriegshistorikern? Die kritisierten Autoren sind darüber hinaus derart literarisch überzeichnet, dass ihre Existenz zweifelhaft erscheint. Der ironisch-spöttische Charakter der Schrift Lukians führt insgesamt zu einer Unsicherheit, wie sie zu bewerten ist. Durch die Einordnung des Werkes in seinen zeitgenössischen Kontext sollten diese und weitere Probleme aus einer neuen Perspektive betrachtet werden.

"Lukian orientiert sich am Methodenkapitel des Thukydides"

L.I.S.A.: Es überrascht, dass Sie in Ihrer Untersuchung behaupten, es habe in der Antike keine Abhandlungen darüber gegeben, wie man Geschichte schreiben soll. Wie passt das zum Titel von Lukians Schrift, die eben genau das vorgibt, tun zu wollen? Und wo bleibt dabei Thukydides, der in seinen Prolegomena zum Peloponnesischen Krieg sich und seiner Leserschaft Rechenschaft darüber ablegt, nach welcher Methode er historisch berichtet?  

Dr. Free: Die Geschichtsschreibung wurde in der Antike dem Kompetenzbereich der Rhetorik zugeschrieben. Wenn daher jenseits der Geschichtswerke selbst über Historiographie nachgedacht wurde, dann im Rahmen von Schriften allgemein rhetorischen Charakters. Fragen der Methode waren von weniger Relevanz. Die literarische Ausarbeitung wurde dagegen ausführlich diskutiert. Ob es Theorieschriften zur Gattung aus der Antike gegeben hat, also im Sinne frühneuzeitlicher artes historicae, ist aufgrund der Überlieferungslage nicht sicher. Lukians Abhandlung stellt indes die erste erhaltene Schrift dar, in der die Historiographie als eigenständige Disziplin besprochen wird. Der Autor orientiert sich dabei an dem Methodenkapitel des Thukydides. Das kaiserzeitliche Ideal der Paideia fand eine wesentliche Verwirklichung in dem Konzept der Mimesis. Hiermit ist die Nachahmung eines kanonischen Vorbildes gemeint. Mimesis bedeutete jedoch keineswegs eine simple Reproduktion der Vorlage. Vielmehr lässt sie sich als intellektuelle Auseinandersetzung charakterisieren, in der der Autor den Versuch unternahm, sich seinem Vorbild möglichst genau anzunähern und um eigene Akzente zu bereichern. Indem Lukian Thukydides als Grundlage für seine Schrift wählt, tritt er in einen Wettstreit mit dem bekannten athenischen Historiographen und kann dadurch seinen Zeitgenossen seine Paideia vor Augen führen. Im Gegensatz zu den einfältigen Partherkriegshistorikern möchte Lukian von sich das Bild eines wahren Gebildeten vermitteln. 

"Lukian fordert von einem Geschichtsschreiber, einem Philosophen zu gleichen"

L.I.S.A.: Lukian fordert in seiner Schrift einen Geschichtsschreiber, der in seinem Charakter einem wahren Philosophen gleichen muss. Warum?  

Dr. Free: Wer sich im 2. Jahrhundert. n.Chr. daran machte, Zeitgeschichte zu schreiben, geriet in eine Zwangslage. Die veränderten Rahmenbedingungen einer Alleinherrschaft gegenüber einer Demokratie machten den Charakter des Historiographen zu einem entscheidenden Faktor für eine adäquate Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen. Maßgebliches Thema jeder Ereignisgeschichte war der Kaiser. Bei einer allzu positiven Darstellung der Geschehnisse geriet der Geschichtsschreiber jedoch in den Verdacht, lediglich dem Herrscher schmeicheln zu wollen. Bei übermäßig negativen Ausführungen konnte er sich den Zorn des Kaisers zuziehen oder ihm wurde reine Missgunst unterstellt. Der zeitgenössische Autor war daher nach der allgemeinen Wahrnehmung stets befangen in seinem Urteil. Indem Lukian von einem Geschichtsschreiber fordert, einem Philosophen zu gleichen, findet er einen Ausweg aus diesem Dilemma. Nach der Auffassung des 2. Jhs. konnte nur der Philosoph wirklich unabhängig sein. Er wählte ein Leben jenseits der Gesellschaft, das ihm nicht nur völlige Freiheit von jeglichem subjektiven Einfluss garantierte, sondern auch mit der Möglichkeit und Berechtigung der freimütigen Meinungsäußerung einherging. Der Philosoph war dazu prädestiniert, auf seine Umwelt eine belehrende, aber auch ausgleichende Wirkung auszuüben. Ebenso soll nach Lukian auch der Geschichtsschreiber als außenstehender Schiedsrichter auftreten. Er ist frei von Affekten und lediglich der Wahrheit verpflichtet. Nur auf diese Weise kann Geschichtsschreibung unter einem Alleinherrscher zu einem gerechten und unabhängigen Urteil gelangen.

"Lukian ist der Meinung, dass niemand aus seiner Anleitung lernen wird"

L.I.S.A.: Welchen Stellenwert hat Lukians Schrift zur Historiographie in seinem Gesamtwerk? Wie fügt es sich darin ein - vor allem wenn man berücksichtigt, dass Lukian in erster Linie Satiriker war?  

Dr. Free: In Lukians Gesamtwerk wird wiederholt die Dichotomie von Wahrheit und Lüge, Schein und Sein, Anspruch und Wirklichkeit thematisiert. Die spöttische Entlarvung von Scharlatanen steht in mehreren Werken im Zentrum der Ausführungen. Ebenso stellt die Frage nach dem Wert und den Inhalten von Bildung ein zentrales Motiv der Schriften Lukians dar. Mit seinem Traktat zur Geschichtsschreibung problematisiert Lukian diese Themen an einem aktuellen Beispiel des Jahres 166 n. Chr. Er übt dabei nicht nur Kritik an den Zeitgenossen, sondern äußert sich auch in selbstironischer Manier über sein eigenes Schaffen. So erkennt der Satiriker die Unzulänglichkeit der zeitgenössischen Geschichtsschreibung, zweifelt jedoch zugleich auch massiv an der tauglichen Umsetzung seiner eigenen Ratschläge. Lukian ist der Meinung, dass niemand aus seiner Anleitung lernen wird. Er relativiert dadurch die Möglichkeiten der Historiographie. Sowohl die Praxis der Geschichtsschreibung als auch der Versuch einer Methodenschrift sind ungenügend. Die Schrift „Wie man Geschichte schreiben soll“ wird von ihrem Autor als Hin- und Herrollen eines leeren Fasses bezeichnet. Der Rezipient mag sich dadurch dazu angeregt fühlen, über den Wert und die Ansprüche von Geschichtsschreibung zu reflektieren.

"Überlegungen über die Dichotomie von Fakt und Fiktion"

L.I.S.A.: Ihr Thema hat einen hohen Spezialisierungsgrad - es geht um die Schrift eines Zeitgenossen des 2. Jhs. n. Chr. Lassen sich daraus dennoch Rückschlüsse für eine breiter angelegte Thematik bzw. Fragestellung ziehen? Wo sehen Sie mögliche Anschlüsse?  

Dr. Free: Neben Altertumswissenschaftlern soll sich die Studie auch an Historiker und Literaturwissenschaftler anderer Epochen richten. Von Interesse ist sie für jene Forscher, die sich mit der Geschichte der Geschichtsschreibung beschäftigen, ebenso wie für diejenigen, die sich mit Fragen zum gesellschaftlichen Wert von Historiographie befassen oder dem ambivalenten Charakter der Gattung zwischen historischer Quelle und literarischem Text. Lukian macht deutlich, dass die antike Geschichtsschreibung in ihrer idealen Form nicht allein belletristische Literatur überwiegend fiktiven Charakters war, wie es gerade postmoderne Ansätze propagieren. Ebenso wenig ist jedoch das allzu starke Beharren auf dem reinen Wahrheitsanspruch der antiken Historiographie in Anbetracht ihrer unverkennbar rhetorischen Ausprägung haltbar. Lukian trägt beidem Rechnung und mag zu Überlegungen über die Dichotomie von Fakt und Fiktion anregen. Gerade für die Frühe Neuzeit hatte seine Abhandlung durch ihren zeitlosen Inhalt über Historiographie im Umfeld eines autokratischen Herrschers zudem kanonische Bedeutung. Obwohl es sich bei der Schrift um einen wichtigen Text zur Geschichte der Historiographie handelt, wird ihr allerdings häufig nur geringe Aufmerksamkeit zuteil. Es ist ein Anliegen der Studie, dieser Vernachlässigung Abhilfe zu verschaffen.

Dr. Alexander Free hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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