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Judith Wonke | 03.04.2018 | 326 Aufrufe | Interviews

"Lokale Akteure bewegen sich zwischen Grenzen"

Interview mit Martin Heidelberger über lokale Akteure in der globalen Nachrichtenindustrie

In der globalisierten Welt ist der Auslandsjournalismus allgegenwärtig. Was jedoch weniger präsent ist, sind die Akteure hinter der Berichterstattung: Neben den Journalisten an sich, haben auch lokale Akteure, die häufig als "Fixer" oder "Stringer" bezeichnet werden, einen bedeutenden Einfluss. Martin Heidelberger untersucht die Rolle dieser Akteure für die globale Nachrichtenindustrie. Wir haben Ihn daher um ein Interview gebeten und Fragen nach seiner persönlichen Motivation, dem Begriff des "lokalen Akteurs" an sich und gegenwärtigen sowie möglichen zukünftigen Entwicklungen gestellt. 

"Kooperationen mit lokalen Journalistinnen und Journalisten"

L.I.S.A.: Herr Heidelberger, Sie beschäftigen sich in Ihrer aktuellen Publikation mit den lokalen Akteuren einer globalen Nachrichtenindustrie. Woher rührt Ihr Interesse an dieser Thematik? Haben Sie persönliche Erfahrungen mit dem Auslandsjournalismus?

Heidelberger: Für das Phänomen der lokalen Teilhabe am westlichen Auslandsjournalismus interessiere ich mich seit meinen ersten journalistischen Versuchen. In Westafrika und Lateinamerika bin ich Kooperationen mit lokalen Journalistinnen und Journalisten eingegangen, um Zugänge zu finden. Dann habe ich begonnen, mich dem Phänomen aus einer wissenschaftlichen Perspektive zu nähern und habe für ein anderes Buch vor Ort über die Arbeit von lokalen palästinensischen und israelischen Kriegsfotografen geforscht. Bei der Arbeit für die Deutsche Welle bin ich schließlich täglich mit lokalen Redakteuren zusammengetroffen und deren spezifische Situation hat mich immer fasziniert. Als ich dann die vorhandene Literatur recherchierte, hat mich überrascht, wie oberflächlich das Thema dort oft behandelt wird. Da habe ich mich dazu entschlossen selbst tätig zu werden.

"Auslandsjournalismus bedeutet globale journalistische Kooperationen einzugehen"

L.I.S.A.: Der Begriff „lokaler Akteur der globalen Nachrichtenindustrie“ erscheint auf den ersten Blick paradox. Was versteht man darunter?

Heidelberger: Jeder der einmal verreist ist weiß doch, wie wichtig es ist jemanden zu kennen, der sich vor Ort auskennt. Auch Journalistinnen und Journalisten brauchen im Ausland viel Hilfe: Um relevante Gesprächspartner zu finden, um diese zu verstehen oder um zu erfahren was vor Ort tatsächlich geschieht. Insofern sind lokale Helfer nicht paradox, sondern Voraussetzung um relevante lokale Informationen zu recherchieren. Tatsächlich ist die Organisation der journalistischen Arbeit vor Ort durch lokale Partner heute eine hoch spezialisierte Dienstleistung in der globalen Nachrichtenindustrie. Im Jargon der Auslandsjournalisten werden die lokalen Partner dabei oft als „Fixer“ bezeichnet. Einige globale Nachrichtenorganisationen beschäftigen auch einfach direkt lokale Korrespondenten, die manchmal als lokale „Stringer“ bezeichnet werden. Es gibt da verschiedene Begriffe deren Gebrauch und Bewertung ich in meinem Buch auch thematisiere. Andere Nachrichtenorganisationen wiederum beauftragen spezialisierte lokale Agenturen, die fertige Medienprodukte liefern. Auslandsjournalismus bedeutet in jedem Fall globale journalistische Kooperationen einzugehen.

Für meine analytische Betrachtung der Frage einer lokalen Teilhabe am Auslandsjournalismus fasse ich die in dieser Gemengelage handelnden Personen mit lokalem Bezug unter dem Begriff lokaler Akteure globaler Nachrichtenindustrie zusammen. Den Begriff verstehe ich dabei als eine abstrakte Kategorie und nicht als eine natürliche Gruppe. Lokale Akteure sind weder damit beschäftigt, ein lokales Geschehen lokal zu kommunizieren, noch damit, sich als reisende Journalistinnen oder Journalisten von einem Ort der Fremde an ein Heimatpublikum zu wenden, in ihrer Arbeit kommunizieren sie vielmehr lokale Themen nach außen oder unterstützen reisende Journalistinnen und Journalisten mit ihren Kenntnissen. Lokale Akteure bewegen sich bei ihrer Arbeit zwischen Grenzen, zwischen unterschiedlichen Kulturräumen und weltanschaulichen Positionen, zwischen sozialen Schichten, Sprachräumen und zwischen politischen und militärischen Frontlinien.

"Feldforschung mit einem multilokalen ethnologischen Forschungsansatz"

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial liegt Ihren Untersuchungen zu Grunde? Waren Sie für Ihre Recherchen vor Ort?

Heidelberger: Entsprechend der ethnologischen Methode der teilnehmenden Beobachtung zielt meine Forschung nicht auf statistische Erkenntnisse. Meine Forschung basiert vielmehr auf Feldforschung mit einem multilokalen ethnologischen Forschungsansatz. Dabei untersuche ich Phänomene in der globalen Nachrichtenindustrie und diese lassen sich nur schwer an einem bestimmten Ort finden. Ich folge in meinem Buch deshalb den unterschiedlichen Standpunkten bei globalen journalistischen Kooperationen. Für den „westlichen“ Standpunkt habe ich reisende Journalistinnen und Journalisten aus Europa wie Charlotte Wiedemann oder Philip Cox getroffen, um mit ihnen über ihre spezifischen Erfahrungen mit lokalen Kooperationspartnern weltweit zu sprechen. Außerdem habe ich in den Redaktionen von Nachrichtenorganisationen wie Reuters oder der ARD geforscht, wo über die Distanz mit lokalen Korrespondenten an verschiedenen Lokalitäten kooperiert wird.

Den Standpunkt der lokalen Akteure wiederum habe ich Indien erforscht. Dort besteht in der lokalen Nachrichtenindustrie eine lange Tradition der professionellen journalistischen Kooperation mit den internationalen Nachrichtenorganisationen. Ich habe für meine Forschung mit lokalen „Fixern“ im Konfliktgebiet Kaschmir gesprochen, mit den lokalen indischen Korrespondenten der internationalen TV-Sender in Neu Delhi und Mumbai, aber auch mit den Slumkorrespondenten von Video Volunteers, die mit YouTube-Videos internationale Aufmerksamkeit auf das übersehene Leben der Armen richten wollen. Außerdem habe ich in Mumbai selbst eine journalistische Recherche mit einem „Fixer“ durchgeführt, um die journalistische Kooperation auch aus einer Innenperspektive zu untersuchen.

"Eine Form von Emanzipation"

L.I.S.A.: Handelt es sich bei dem Einsatz lokaler Akteure für die globale Nachrichtenindustrie um ein aktuelles Phänomen? Sofern es nicht als neuartig bezeichnet werden kann: Wie entwickelte sich die Rolle dieser lokalen Akteure im Verlauf der Zeit? Und welche Bedeutung haben sie heute?

Heidelberger: Die Formen und die Intensität einer lokalen Teilhabe an der globalen Nachrichtenindustrie haben sich verändert. Heute übernehmen lokale Akteure in der westlich dominierten globalen Nachrichtenindustrie nach meinen Erkenntnissen viel mehr redaktionelle Verantwortung als früher. Das ist auch eine Form von Emanzipation, heute arbeiten lokale Akteure selbst als Fotografen, während sie früher eher als Taschenträger dem westlichen Journalisten dienten. Es zeigen sich auch ganz neue Phänomene, so ist eine professionelle Tätigkeit als unabhängiger „Fixer“ vor allem über Social-Media-Plattformen möglich geworden. Heute gibt es hochspezialisierte Angebote im Internet, über die Journalistinnen und Journalisten vor Ort einen „Fixer“ engagieren können.

Aber auch wenn die Terminologie sich geändert hat bestehen journalistische Kooperationen von „westlichen“ reisenden Journalisten mit lokalen Akteuren schon seit dem 19. Jahrhundert. Ich beschreibe in meinem Buch das Beispiel des US-amerikanischen Auslandskorrespondenten Januarius Aloysius MacGahan, der bereits 1847 von einer Kooperation mit seinem lokalen Helfer in Zentralasien berichtet, der ihn vor Ort unterstützte. Der TV-Journalist Christoph Maria Fröhder berichtete mir im Forschungsinterview über journalistische Kooperation mit lokalen Partnern seit den 1960er Jahren während seiner Berichterstattung über Biafra, Vietnam oder Kambodscha.

"Wichtige Quelle für das Weltwissen der Menschen"

L.I.S.A.: Was glauben Sie, wie wird sich die Rolle lokaler Akteure in Zukunft verändern?

Heidelberger: Ich bin leider kein Hellseher und weiß nicht was in Zukunft zu erwarten ist. Aber in Anbetracht der gesellschaftlichen Bedeutung von Auslandsjournalismus als wichtige Quelle für das Weltwissen der Menschen in einer zunehmend global verwobenen und interdependenten Welt, die gerade mit so viel Wandel konfrontiert ist und auch in Anbetracht der technologischen Sprüngen, der blutigen Konflikte sowie einer wachsenden materiellen Ungleichheit, in Anbetracht auch der schwindenden Ressourcen und der ökologischen Zerstörung, ist eine umfassende lokale Teilhabe an der globalen Nachrichtenindustrie meiner Auffassung nach unbedingt geboten. Von meinem europäischen Standpunkt aus betrachtet ist eine enge globale journalistische Kooperation auf Augenhöhe die beste Methode, um Verzerrungen entgegenzuwirken und um zukünftig die Legitimität eines Auslandsjournalismus nach westlichem Modell überhaupt noch zu gewährleisten. Ich bin auch zuversichtlich, dass lokale Akteure als Korrespondenten des Wandels zukünftig nicht nur verstärkt an der globalen Nachrichtenindustrie partizipieren werden, sondern auch deren Transformation gestalten werden.

Martin Heidelberger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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