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Georgios Chatzoudis | 25.04.2020 | 580 Aufrufe | 1 | Interviews

24. April 2020 | Coronakrise: Wo liegt die Verantwortung - Staat oder Bürger und Bürgerinnen?

LogBuch "Corona, geisteswissenschaftlich betrachtet". Eine Gesprächsrunde mit Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis

Maskenpflicht gilt in dem einen Bundesland, aber in dem anderen nicht beziehungsweise noch nicht. Diese Konstellation gab es in den vergangenen Wochen auch schon im Zusammenhang mit anderen Regelungen. Gab es eine klare Regel, trat der Staat in die Verantwortung. Wurden dagegen nur Empfehlungen ausgesprochen, oblag es den Menschen eigenverantwortlich zu entscheiden, wie sie sich verhalten - so wie beispielsweise jetzt in einigen Bundesländern, in denen das Tragen einer Maske (noch) nicht Pflicht ist. Überlässt der Staat hier fahrlässig Bürgerinnen und Bürgern die Entscheidung? Entzieht er sich gar seiner Verantwortung, für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen? Und wenn denn der Staat zum Tragen von Masken verpflichtet, muss er dann nicht auch die Masken zur Verfügung stellen? Oder ist das dann wieder den Bürgerinnen und Bürgern überlassen? Fragen, die Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis in ihrem gemeinsamen Logbuch ihren Gästen Prof. Dr. Manuela Boatcă und Prof. Dr. Paul Nolte gestellt haben. 

"Die Gesellschaft ist im Moment nicht darauf geeicht, uns zu hören"

Zimmerer: Guten Tag zusammen! Da wir heute mit Herrn Nolte einen "Veteranen" des CoronaLogBuchs wieder zu Gast haben, möchte ich vor unserem eigentlichen Thema zunächst folgende Frage an Sie richten: Seit unserem ersten Gespräch, welche Ihrer Einschätzungen bestätigten sich bisher, welche nicht?

Nolte: Na, sagen wir so, ich bin nicht ganz überrascht von dem Gang der Dinge. Für mich bestätigt sich unsere Kompetenz als Kulturwissenschaftler*innen.

Zimmerer: Inwiefern?

Nolte: Wir haben den weiteren Blick. In den letzten Wochen lese ich ständig „News“, die das verkünden (und von „Experten“ verifizieren lassen), was wir schon vorher wussten - angefangen von der Dimension des wirtschaftlichen Einbruchs, bis zu den gesellschaftlichen „strains“: Zunahme sozialer Ungleichheit und alle möglichen sozialen und kulturellen Folgen.

Zimmerer: Hätten die mal auf uns Historiker*innen gehört... :)

Chatzoudis: Ich habe zuletzt ein Interview mit dem Ökonomen Marcel Fratzscher vom DIW geführt. Er meinte, er vermisse Stimmen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften. Sind wir immer noch zu leise?

Zimmerer: Haben Sie ihn gefragt, warum er das Logbuch nicht liest?

Chatzoudis: Leider nein... :(

Boatcă: Ich würde nicht sagen, dass wir zu leise sind, sondern wir haben andere Kanäle. Ich sehe und höre viele Beiträge aus den Sozialwissenschaften, aber vielleicht auch, weil ich gezielt danach suche und in diesen Netzwerken bin, in denen Kolleg*innen ihre Beiträge weiterleiten.

Chatzoudis: Das würde für die ominöse "Blase" sprechen? Sozial- und Geisteswissenschaften arbeiten selbstreferentiell und unterhalb des Radars?

Boatcă: Jede Disziplin hat ihre eigene "Blase". Die Frage ist doch, wer als Experte gilt. Soziolog*innen haben sehr lange von steigender Ungleichheit auf weltweiter Ebene gewarnt, aber zum Thema wurde es erst, als Piketty darüber geschrieben hat. Auch in der jetzigen Krise werden Ökonom*innen eher als Fachleute angesehen. Das kann auch daran liegen, dass die Soziologie zumindest noch nie mit Prognosen geglänzt hat. Für Analysen gilt das aber nicht.

Nolte: Ich habe eher das Gefühl, das Problem liegt beim Empfänger. Die Gesellschaft ist im Moment nicht darauf geeicht, uns zu hören.

Zimmerer: Aber spannend, dass mit gewisser Verzögerung "unsere" Themen kommen.

Nolte: Ja, aber es käme doch auch auf den Sprung in die „Mainstream-Medien“ an. Wenn ich mal ganz selbstbewusst sein darf, dann hätte ich mir schon vorstellen können, dass mein FR-Interview oder knackige Begriffe, die ich benutzt habe, mal aufgegriffen werden - wie die Warnung vor einem „solidarischen Konformismus“. Vielleicht fehlt uns doch ein Jürgen Habermas…

"Maskenpflicht wird eingeführt, auch um den Weg aus dem Lockdown zu rechtfertigen"

Chatzoudis: Ok. Dann kommen wir zu unserem eigentlichen heutigen Thema, das sich um das Agieren der Exekutive in Deutschland rund um die Coronakrise dreht. Durch den Föderalismus kommt eine gewisse Polyphonie in Deutschland auf. Die einen verordnen, die anderen empfehlen und stellen frei. Neuestes Beispiel: Maskenpflicht, ja oder nein? Wie aber Maskenpflicht, wenn es keine Masken gibt? Unsere Frage: "Maskenpflicht ohne Masken. Verlagert die Exekutive ihre Verantwortung auf die Bürger?"

Boatcă: Kurz gesagt, ja. Das Ganze erinnert mich stark an die Einführung des Flaschenpfands, ohne dass es flächendeckend Automaten gab, an die man die Flaschen zurückbringen konnte. Irgendwann war das der Fall, lange war das aber chaotisch. Damals war es eher eine Frage der Kosten, auf denen man sitzenblieb, jetzt ist es natürlich viel gravierender, denn damit wird die Verantwortung für Gesundheit inmitten einer Pandemie einzelnen überlassen.

Zimmerer: Ich sehe schon einen Unterschied zum Dosenpfand. Masken, die einen selbst schützen, gibt es viel zu wenige. Dennoch wird Maskenpflicht eingeführt, auch um den Weg aus dem Lockdown zu rechtfertigen.

Boatcă: Eben, es ist ein Riesenunterschied. Das Vorgehen, es einzelnen zu überlassen, ist ähnlich, aber die Konsequenzen viel weitreichender.

Nolte: Aber inzwischen ist das Problem doch gar nicht mehr die Verfügbarkeit der Masken, oder? Vor zehn Tagen waren wir (persönlich) noch nervös, welche abzubekommen. Inzwischen kann man sich vor selbstgeschneiderten nicht mehr retten.

Zimmerer: Haben Sie welche?

Nolte: Ich habe eine vom Schneider meines Vertrauens und führe sie bei mir, wenn ich das Haus verlasse.

Chatzoudis: Masken wird jetzt sogar zu einer Geschäftsidee, und ein Wettbewerb ist auch entstanden: Wer hat die schönste? Der Markt ist offenbar überall...

Boatcă: Ich habe seit März dafür plädiert, dass ehemalige Vielflieger*innen doch ihre Schlafmasken, die man auf langen Flügen bekommt, umfunktionieren sollen. Sie sind sehr gut.

"Ohne Föderalismus wäre das noch viel konformistischer"

Nolte: Das eigentliche Stichwort in unserer Leitfrage für heute ist für mich die „Verantwortung“. Und da ist seit gestern „an elephant in the room“, namens Alexander Gauland mit der Forderung, die Verantwortung jetzt allmählich in die Hände der Bürger*innen zurückzugeben. 

Chatzoudis: Klingt doch sehr liberal, oder?

Nolte: Ja, und ehrlich gesagt, das ist es auch - wenn es nicht populistisch infiziert wäre.

Zimmerer: "Infiziert" ist ein interessanter Begriff in diesem Zusammenhang.

Chatzoudis: Populistisch infiziert, weil es aus Gaulands Mund kommt. Hätten es aber Cem Özdemir oder Christian Lindner gesagt...

Nolte: Die Frage nach Verantwortung des Staates und der Bürger finde ich schon sehr legitim. Andererseits: Natürlich legen wir nicht alle Regeln in die Hände der Bürger oder des Einzelnen. Soll man demnächst selber bestimmen, wie schnell man innerorts fahren darf?!

Zimmerer: Aber musste der Staat nicht eingreifen, weil die Bürger*innen ihrer Verantwortung nicht gerecht wurden, vor dem Lockdown?

Chatzoudis: Wie denn?

Boatcă: Das versucht doch gerade der neue Bußgeldkatalog. Ab 21 km/h zu schnell innerorts ist der Führerschein für einen Monat weg.

Nolte: Das klingt dann wieder, so nach „Strafmodell“, Herr Zimmerer, nach staatlichem Paternalismus.

Zimmerer: Das war jetzt als historische Analyse gemeint.

Chatzoudis: Warum ist das im bürgerlichen Alltagsleben "paternalistisch", wenn der Staat eingreift, in der Wirtschaft aber das Gebot der Stunde?

Nolte: Eingriffe in die Wirtschaft: schon richtig. Aber da geht es erstmal ums Geld kriegen. Das empfinden auch die Bürger*innen nicht als paternalistisch ... ;-)

Zimmerer: Es ist aber Geld, das sie vorher als Steuern abgegeben haben.

Boatcă: Zurück zu Ihrer Frage, Herr Zimmerer: Je nachdem, welches Modell verfolgt wird. In Schweden soll der Staat überhaupt nicht eingreifen, in Rumänien greift dafür die Polizei durch, wenn Menschen ihre Häuser verlassen. In Deutschland gilt ein Mittelweg und es stiftet, wie anfangs schon erwähnt, der Föderalismus zusätzlich darin Chaos.

Nolte: Aber der Föderalismus ist für mich ambivalenter. Auch positiver, Frau Boatcă. Klar, manchmal schwer zu sehen, was wo gilt. Aber in der jetzigen Situation hat das den Vorteil, verschiedene Wege ausprobieren zu können. Außerdem ist, verfassungstheoretisch gesprochen, die Opposition gegenwärtig in den Föderalismus verlegt. Wenigstens widerspricht Laschet Söder, oder der Kanzlerin. Ohne Föderalismus wäre das noch viel konformistischer, von oben herab, alternativloser!

Zimmerer: Die Debatte über Föderalismus hatten wir ja schon mal hier. Ich bin da ganz bei Ihnen.

Chatzoudis: Ich glaube, das geht auch nicht anders. Der Staat muss nun ausprobieren dürfen, vor allem angesichts einer noch großen Ungewissheit und bei unklarer Datenlage.

Boatcă: Ich sehe auch die Vorteile. Ob das in der jetzigen Situation aber wirklich funktioniert, ist fraglich. Da müssten schon die Grenzen zwischen Bundesländern geschlossen werden, um beurteilen zu können, wie die verschiedenen Wege miteinander konkurrieren - und wer will das schon?

Zimmerer: Die Konkurrenz ist ja auch ein Wettbewerb der Ideen.

Boatcă: Aber letztlich zirkulieren Ideen auch. Und das Ziel ist ja nicht, dass nur Jena und Rostock keine Neuinfektionen mehr bekommen.

Nolte: Immerhin, und die Kommunen - der Rostocker Däne, dieser Bürgermeister, das ist doch wunderbar! Den Streit um Kompetenzen gibt es ja auch anderswo. Da schlägt sich unser Föderalismus in Deutschland wesentlich besser als der in den USA!

Zimmerer: Und ohne Föderalismus wäre es in New York noch viel schlimmer.

Boatcă: Vielleicht. Aber auch ohne Cuomo wäre es in New York jetzt viel besser, er geht leider als Held in diese Geschichte ein, und dafür hat gerade seine Politik dafür gesorgt, dass die Krankenhäuser kaputtgespart werden.

Nolte: Wenn doch Bloomberg Bürgermeister geblieben wäre ...! ;-)

Boatcă: Nein, natürlich auch nicht. Und apropos staatliches Eingreifen und Konkurrenz: In den USA rühmt sich die Universität Rutgers damit, einen schnelleren COVID-19-Test entwickelt zu haben, obwohl sie eine staatliche Universität ist, und bietet in der eigenen Selbstdarstellung den privaten, wohlhabenden Universitäten die Stirn.

"Wahrnehmungsspaltung. Ja, das ist ein Problem"

Nolte: Im Grunde haben wir ja eine recht liberale Regelung, deshalb sollten wir uns nicht allzu sehr beschweren. Bloß aufpassen sollten wir, kritisch sein, die Gefahren erkennen. Letztes Wochenende habe ich erlebt, wie zwei nette Männer vom Ordnungsamt an einem sonnigen Nachmittag versucht haben, die Leute freundlich zu mehr Abstand auf der Wiese zu bringen. So einen Staat wünscht man sich doch! Genau der Mittelweg!

Chatzoudis: Heißt das dann, wir sind ganz froh, dass der Staat uns als Bürgerinnen und Bürgern die Entscheidung überlässt? Sind dann andere europäische Staaten, die sich auch als westliche Demokratien verstehen, vergleichsweise autoritär, wenn sie viel mehr verordnen und regeln?

Boatcă: Meinen Sie die Entscheidung über Masken im Speziellen?

Chatzoudis: Nein, eher generell in Sachen Maßnahmen gegen die Corona-Epidemie. Österreich war viel rigoroser als Deutschland, Griechenland ist es, Spanien etc.

Boatcă: Bis zum Autoritarismus ist noch ein langer Weg. Das kann man, finde ich, sowohl von der Größe eines Landes als auch von der Organisation abhängig machen. Einheitliche Regeln in kleineren Ländern lassen sich auch unter Föderalismus leichter durchsetzen.

Zimmerer: Der Staat überlässt nicht allen die Entscheidung! Also ich habe Probleme damit, dass eben nicht alle frei entscheiden können, ob und wie sie sich der Gefahr aussetzen. Nehmen Sie die Schulkinder. Die Schulpflicht zwingt Kinder zur Schule, ohne dass deren Sicherheit gewährleistet wäre.

Chatzoudis: Aber eine Gesellschaft kann doch kein Laden sein, in dem man sich mal hier und mal dort mehr Freiheit wünscht und dann mal mehr Entscheidung und Richtlinie. Und das auch noch für jeden individuell.

Nolte: „Kein Laden“ - naja, kein „Geschäft“, dann wäre das ja neoliberal, igitt. Aber ansonsten gefällt mir der Vergleich ganz gut. Genau das ist doch eine demokratische Gesellschaft und politische Ordnung.

Chatzoudis: Ganz schön neoliberal, Herr Nolte...:)

Nolte: Ich denke, es ist wirklich eine Aushandlung, ein „negotiating Corona“, um es mal in unserem kulturwissenschaftlichen Jargon zu sagen. Und das ist ganz wichtig, dieses Aushandeln. Niemand kennt die perfekte, die richtige Lösung. Also ausprobieren, dieser Weg, jener Weg. Auch öffentlich darüber streiten.

Zimmerer: Wenn der Staat Bürger*innen in Gefahr zwingt, muss er doch auch für die Sicherheit sorgen, oder?

Nolte: Ja, er muss für die Sicherheit sorgen. Aber wir wissen ja, wie abgründig das ist. Den Leviathan hatten wir hier ja schon mal!

Zimmerer: Sie wissen schon, was ich meine. Masken, Seife, Gesundheitsschutz im ÖPNV etc.

Chatzoudis: Ist das denn mit der Gefahr nicht auch eine Frage der Abschätzung?

Zimmerer: Die meisten Virologen warnen vor einer Lockerung.

Nolte: Die Virologen dürfen und müssen das ja auch sagen. Das ist ihre Aufgabe. Und soziologisch ist das doch ganz leicht zu beschreiben: Sie fürchten ihren Einflussverlust in der „Stunde danach“. Ich wünschte mir aber, dass die Politik dann sagt: „Danke, Herr Drosten. Und nun die soziologische Expertenmeinung: Frau Prof. Boatcă, bitte?“

Boatcă: Das hat die Leopoldina-Kommission angeblich gemacht. Selbst wenn es nicht mehr als zwei Frauen in die Runde geschafft haben...

Zimmerer: Vorsicht, Herr Nolte, in vier Wochen frage ich Sie wieder, wo Sie richtig lagen und wo Sie sich irrten. :)

Nolte: Klar, ich kann mich noch mehr irren als Virologen!

Chatzoudis: Ich möchte in diesem Zusammenhang etwas zu Protokoll geben: Ich habe folgendes Problem - zwei Wahrnehmungen. Einmal das, was Virologen und Medien mir über die Gefahren und Risiken sagen, und zum anderen mein tagtägliches persönliches Erleben. Überall begegnen sich Menschen, in den Parks, auf den Gehwegen, in den Geschäften. Dann Berichte über die extrem hohe Ansteckungsgefahr des Virus. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kenne nach wie vor nicht eine Person, die sich infiziert hat. Die zwei Wahrnehmungen kollidieren ständig bei mir.

Nolte: Wahrnehmungsspaltung. Ja, das ist ein Problem. Es liegt ja auch an den, mit Verlaub, niedrigen Zahlen. Was sind 147.000 auf 82.000.000? Aber mit diesen Spaltungen muss man in einer „Großgesellschaft“ immer leben. Man bekommt nicht alles mit, was passiert, oder eben nur durch die Medien vermittelt. Sagte ja schon Niklas Luhmann.

Boatcă: Das ist aber erst recht eine "Blase", diesmal eine soziale. Sie kennen wahrscheinlich eher Personen aus dem Mittelstand, gut oder sehr gut ausgebildet, die es sich leisten können, die unsäglich benannte "soziale Distanzierung" zu praktizieren. Keine Obdachlosen, keine Menschen, die in beengten Verhältnissen leben, und vermutlich keine Busfahrer*innen.

Nolte: Da sollten wir übrigens auch in historischer Perspektive vorsichtig sein. „Mir ging es in den Jahren des Dritten Reiches gut“, „für mich fing das Elend erst am 8. Mai 1945 an“, usw.

Chatzoudis: Was ich damit auch sagen wollte, ist, dass wir sehr voraussetzungsvoll an diese Corona-Debatten herangehen. Ist man gleich Verharmloser oder Verschwörungstheoretiker, wenn man diese Voraussetzungen bzw. Vorannahmen hinterfragt? Wäre das nicht gerade die Aufgabe von Geistes- und Sozialwissenschaften, Vorannahmen zu hinterfragen?

Nolte: Ja, das ist unsere Aufgabe. Auch eine schwierige Balance, bisweilen. Aber das kennen wir ja aus der Geschichte, gerade was die Experten angeht. Natürlich „haben“ sie Expertise, so kulturalistisch bin ich ja jedenfalls nicht, das zu bestreiten.

Boatcă: Das Hinterfragen, immer. Es ist aber eine relativ neue Situation, in diesem Ausmaß zumindest.

Chatzoudis: Ich sehe, die Zeit ist rum. Wir (hinter)fragen das nächste Mal weiter - dann am kommenden Montag. Ihnen vielen Dank und ein schönes Wochenende!

Nolte: Tschüss, und ein schönes Wochenende schon mal! Stay safe, stay at home, aber nicht zu viel!

Zimmerer: Schönen Tag und schönes Wochenende!

Boatcă: Schönes Wochenende allen!

Zum Projekt

Entstanden ist das Projekt "LogBuch Corona, geisteswissenschaftlich betrachtet" auf Twitter. Prof. Dr. Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg hatte die Frage gestellt, warum sich aus den Geisteswissenschaften kaum Stimmen zur Coronakrise und ihren Folgen Gehör verschaffen. Es müsste ein Forum geben, in dem sich eine geisteswissenschaftliche Debatte entzünden kann. Georgios Chatzoudis hat das interaktive Wissenschaftsportal L.I.S.A. als mögliche Plattform angeboten, auf dem der Chat nun regelmäßig veröffentlicht wird. Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sind eingeladen sich am Chat zu beteiligen. Zum Auftakt haben uns der Historiker Prof. Dr. Paul Nolte sowie die Kunsthistorikerin Dr. Mahret Ifeoma Kupka für einige Ausgaben zugesagt. In einer zweiten Runde waren wir mit der Archäologin Dr. Natascha Bagherpour Kashani und dem Historiker Prof. Dr. Andreas Rödder im Gespräch. Unsere Gäste der dritten Auflage sind die Soziologin Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky sowie der Historiker Dr. Patrice G. Poutrus. In Runde vier diskutierten wir mit der Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Guérot und dem Historiker Matthias Krämer. Mit Prof. Dr. Manuela Boatcă und Prof. Dr. Michael Wildt sind in der fünften Runde wieder eine Soziologin und ein Historiker zu Gast. Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis agieren dabei als mitdebattierende Moderatoren.

Kommentar

von Matthias Krämer | 25.04.2020 | 14:55 Uhr
Georgios Chatzoudis weist auf seine gegensätzlichen Wahrnehmungen hin: "Einmal das, was Virologen und Medien mir über die Gefahren und Risiken sagen, und zum anderen mein tagtägliches persönliches Erleben. Überall begegnen sich Menschen, in den Parks, auf den Gehwegen, in den Geschäften. Dann Berichte über die extrem hohe Ansteckungsgefahr des Virus. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kenne nach wie vor nicht eine Person, die sich infiziert hat. Die zwei Wahrnehmungen kollidieren ständig bei mir."

Das erinnert mich an die Überlegungen über "Öffentlichkeit und Erfahrung" (Oskar Negt/Alexander Kluge, 1972), wonach Massenmedien eine Art "mittelbare Erfahrung" aggregieren, während wir im Alltag direkt "unmittelbare Erfahrungen" machen. Die Kollision beider Wahrnehmungsarten erleben viele Menschen häufig, aber nun fällt sie auf, weil beide Handlungsrelevanz beanspruchen. Maske oder nicht? Die erste Orientierung ist, ob auf der Straße oder im Supermarkt alle eine tragen oder niemand. Dringliche Empfehlungen der Bundesregierung werden nicht massenhaft handlungsleitend, wenn im Alltag überall nur Menschen ohne Masken zu sehen sind.

Ich habe das Problem des Widerspruchs von mittelbarer und unmittelbarer Erfahrung anders erlebt: Als Wissenschaftler bin ich es gewohnt, "mittelbare Erfahrung" auszuwerten und kritisch zu bewerten, für mich als Historiker ist Quellenkritik gewissermaßen Alltag. Als ich Anfang März, in der Woche nach Karneval, nach NRW gereist bin, musste ich beurteilen, wie riskant das ist. Mir war klar: Es besteht ein Risiko, mich zu infizieren und daraufhin andere Leute anzustecken. Ich kenne mehrere Menschen, die Pflege unterrichten. Wenn ich die anstecken würde, könnten sie PflegeschülerInnen anstecken, die dann Pflegeheime infizieren würden. Ich wusste, dass ich das nicht mehr kontrollieren könnte, wenn ich einmal infiziert wäre.

Heute bin ich froh, damals nicht mit dem Zug gefahren zu sein, sondern mit dem Auto. Ebenso habe ich Kontakt zu Menschen eher vermieden. Manche Menschen in meiner Umgebung konnten das nicht so konsequent tun wie ich, weil ich ohnehin meist in der Einsamkeit meiner Studierstube arbeite. Ich kenne mehrere Menschen, die sich fragen, ob ihre langwierige Atemwegserkrankung bis hin zur Lungenentzündung nun Covid-19 ist oder nicht.

Wer aber alltäglich praktisch und unmittelbar erfährt, dass sich überall Menschen begegnen, der erhält davon ein starkes Signal, das Normalität suggeriert und die massenmedial präsentierten Risiken dementiert. Seit Karneval wussten alle in einem abstrakten Sinn, dass das Virus in Deutschland ist. In dem konkreten Sinn, wie der Alltag sich dadurch verändern muss, ist die Information aber bei vielen Menschen nur langsam angekommen.

Die Alltagserfahrung von "Normalität" gewinnt im Alltagsbewusstsein gegen die mittelbare Erfahrung von VirologInnen, die im Rundfunk die Gefährlichkeit von Covid-19 erläutern.

Das Bemühen der Politik, soweit wie möglich Normalität zu inszenieren, ist daher fatal. Ins Alltagsbewusstsein dringt die Unnormalität der Situation nämlich erst, wenn gezielt Unnormalität inszeniert und dann unmittelbar erlebt wird. Das könnte der Hauptnutzen einer Maskenpflicht sein: Man sieht in den Gesichtern um sich herum, dass etwas nicht normal ist.

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