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Dr. Klaus Radke | 12.01.2019 | 435 Aufrufe | Interviews

Leben nach dem Überleben

Eine Begegnung mit der Fotografin Helena Schätzle

Helena Schätzle ist eine 35jährige Dokumentarfotografin, deren Arbeiten Menschenrechtsthemen gewidmet sind und international Beachtung und Anerkennung finden. Sie lebt in Indien, wo sie derzeit eine Langzeitdokumentation über Gewalt an indischen Frauen realisiert und sich im Photography Promotion Trust engagiert.

Aus dem Projekt Leben nach dem Überleben - Überlebende des Holocaust und ihre Familien in Israel ist ein Fotobuch hervorgegangen und eine vom Auswärtigen Amt geförderte Wanderausstellung. Dies ist eine Aufnahme daraus, die vom österreichischen Parlament als weltweit bestes Friedensbild 2016 ausgezeichnet wurde:

Diese Aufnahme aus dem Fotobuch der Fotografin Helena Schätzle, das im Zusammenhang mit ihrem Projekt "Leben nach dem Überleben - Überlebende des Holocaust und ihre Familien in Israel" enstanden ist, wurde vom österreichischen Parlament als weltweit bestes Friedensbild 2016 ausgezeichnet.

Dr. Radke: Frau Schätzle, „Leben nach dem Überleben“ ist der Titel eines fotografischen Dokumentationsprojekts, das Sie gemeinsam mit AMCHA Deutschland und mit Überlebenden des Holocaust realisiert haben. Eines der Fotos ist berühmt geworden. Es wurde im Jahr 2016 als „Friedensbild des Jahres“ mit dem Alfred Fried Preis ausgezeichnet. Wie ist Ihnen diese Aufnahme gelungen?

Schätzle: Das Foto zeigt Elias Feinzilberg, einen Überlebenden des Holocaust , der 1917 im polnischen Lodz geboren wurde. Elias ist jetzt 101 Jahre alt. Ihn habe ich bei AMCHA in Jerusalem kennengelernt. Er fährt heute noch jeden Tag dorthin. Das ganze Projekt ist nur mit der Unterstützung von AMCHA realisierbar gewesen.

Dr. Radke: Wie alt war Elias Feinzilberg, als Sie das Foto gemacht haben?

Schätzle: Elias war damals 99 Jahre alt. Er fiel mir bei AMCHA in Jerusalem auf, weil er genau so ist, wie man ihn auf dem Foto sieht: Er strahlt so viel Lebensfreude, so viel Liebe aus. Am liebsten würde er jeden umarmen und küssen. Als ich das erlebte, wollte ich ihn unbedingt für mein Projekt „Leben nach dem Überleben“ fotografieren.

Dr. Radke: Haben Sie ihn zu Hause aufsuchen können?

Schätzle: Ja, ich hatte Glück. Elias´ Familie ist sehr religiös und am Schabbat ist es natürlich untersagt zu fotografieren. Aber ich durfte ihn am Morgen vor dem Beginn des Schabbat in seiner Wohnung besuchen. Und als ich das Zimmer betrat, tanzte er auf mich zu. Es war immer viel Leben bei ihm zu Hause. Er hat drei Kinder, sieben Enkel und zwölf Urenkel. Und als Dana, seine Enkelin, sich zu ihm setzte, da gelang diese Aufnahme. Die Nähe und Liebe, die er zu seiner Familie hat, die berührte mich sehr. Man erkennt das ja recht deutlich, wenn man sich Bild näher anschaut.

Dr. Radke: In der Begründung der Jury des Alfred Fried-Preises heißt es, Sie hätten mit den in Israel entstandenen Fotos „späte Momente von Trost, Zärtlichkeit und Intimität im Leben jener eingefangen, die von einer schrecklichen Geschichte verfolgt worden“ seien, „späte Momente des Glücks in einem traumatisierten Leben nach dem Überleben“. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Menschen wie Elias, dem so Schreckliches widerfahren ist, ein so hohes Alter erreichen und so liebevoll auf andere zugehen können?

Schätzle: Nein, nicht wirklich. Elias hatte sechs Geschwister und sie alle und seine Eltern wurden ermordet. Er war der Einzige, der überlebt hat. Er hat alles durchge-macht, was es gab - das Ghetto von Lodz, neun Konzentrations- und Vernichtungslager, Zwangsarbeit und mehrere Todesmärsche. Noch Anfang Mai 1945, wenige Tage vor Kriegsende, versuchte man ihn durch Ertränken umbringen. Es gibt unbegreiflich Schreckliches, was er durchstehen musste und doch strahlt er heute so viel Liebe aus! Das ist für mich kaum zu erklären. Vielleicht trifft auf ihn zu, was eine andere Holocaust-Überlebende einmal gesagt hat: Sie habe so viel Hass erlebt, dass der Rest ihres Lebens nur aus Liebe bestehen könne. Und so lebe sie auch. Elias würde es nicht so ausdrücken - aber wie er ist und die Art, wie er lebt, entspricht genau dieser Haltung. Es ist die Entscheidung, sich dem Leben zuzuwenden, sich nicht abzuwenden.

Dr. Radke: Wie lange haben Sie an diesem Projekt gearbeitet?

Schätzle: Bis das Buch und die Ausstellung standen, waren es drei, vier Jahre.

Dr. Radke: Fotografiert haben Sie nur in Israel?

Schätzle: Ja, nur in Israel. Es war eine besondere Erfahrung, dort diesen Menschen so nahe kommen zu können. Zu den meisten haben sich ganz starke Beziehungen aufgebaut, also wirklich tiefe Verbindungen und Freundschaften - so dass ich heute noch mit vielen Überlebenden in Kontakt bin und auch versuche, mindestens einmal im Jahr in Israel zu sein.

Dr. Radke: Wer außer Elias Feinzilberg hat sie besonders beeindruckt?

Schätzle: Das ist ganz unterschiedlich. Pnina Katsir, eine Überlebende von der ich eben gesprochen habe, ist ebenfalls ein ganz großes Beispiel für mich, weil sie so viel Liebe verströmt. Es ist ihr unmöglich, anderen nicht mit Liebe zu begegnen, selbst wenn ihr jemand unfreundlich begegnet. Zum Beispiel ihre Nachbarn, die sehr religiös sind, und nicht damit umgehen können, dass Pnina den Schabbat nicht so einhält, wie man das eigentlich sollte. Wenn sie sie dann beschimpfen und beleidigen, lässt sie sich davon überhaupt nicht beeindrucken und beschenkt deren Kinder weiterhin mit Süßigkeiten, häkelt ihnen Sachen. Sie lässt sich nicht davon abbringen zu geben. Das ist etwas, das sie von ihrer Mutter übernommen hat. Während des Holocaust hielt die ganze Familie zusammen, sie teilten alles, gaben einander noch das kleinste bischen Brot und schafften es so, dass alle Mitglieder ihrer Familie mütterlicherseits, inklusive der Großmutter, überlebten.

Dr. Radke: Können Sie noch ein solches Beispiel nennen?

Schätzle: Auch Yehuda Bacon, ein israelische Künstler, der für seine Verdienste um die deutsch-israelische Versöhnung ausgezeichnet worden ist. Er überlebte Auschwitz und  weitere Vernichtungslager und Todesmärsche. Und er hatte als Kind Zugang zu Gaskammern und konnte dann als Zeuge in Auschwitzprozessen davon berichten.

Dr. Radke: Was an ihm hat Sie beeindruckt?

Schätzle: Yehuda Bacon hat sich mit der Frage, was es war, das ihn am Leben gehalten hat, auch philosophisch beschäftigt. Warum war er nicht zerbrochen an all dem Schrecklichen, was er erlebt hatte? Er kam zu dem Schluss, dass es die Vorstellung ist: Es kann immer noch schlimmer kommen. Und so lange das denkbar ist, sage ich: Es geht mir gut. Alles können sie mir nehmen - aber es bleibt etwas, was im Menschen nicht vernichtet werden kann, was unauslöschlich ist. Auch dies habe ich von Überlebenden des Holocaust gelernt.

Dr. Radke: … das ist wirklich etwas Wesentliches …

Schätzle: Ja, das Nachdenken darüber, was den Menschen existenziell ausmacht. Was ihn in extremen Situationen am Leben hält. Es ist der Gedanke: Es kann noch schlimmer kommen. Und so habe ich eigentlich von allen etwas gelernt. Sie waren die bisher größten Lehrer in meinem Leben.

Dr. Radke: Ihre größten Lehrer?

Schätzle: … weil ich von jedem etwas ganz Eigenes, ganz Tiefes mitnehmen und lernen durfte. Ganz viel an Menschlichkeit. Beispiele für mich, wie ich als Mensch auch gerne wäre.

Dr. Radke: Kamen alle Holocaustüberlebenden in Ihrem Bildband zu der Erkenntnis Yehuda Bacons?

Schätzle: Ich hatte natürlich das Glück, dass sich die Personen, mit denen ich arbeiten durfte, nach dem Holocaust dem Leben und der Liebe zugewandt haben, die das vermochten. Nicht wenigen der Holocaustüberlebenden in Israel ist das zeitlebens nicht gelungen. Ich hatte auch das Glück, dass sie bereit waren, sich mit mir als einer Deutschen überhaupt zu treffen, mir ihr Vertrauen schenkten und bei einem solchen Fotoprojekt mitarbeiteten.

Dr. Radke: Hatten Sie von Beginn an eine klare Vorstellung, wie Ihre Portraits aussehen sollten?

Schätzle: Ich habe mir natürlich vorab Gedanken gemacht, habe recherchiert und bin dabei auf viele Portraitaufnahmen in schwarz-weiß und in sehr hartem Licht gestoßen. Bilder, auf denen der Schrecken im Vordergrund steht, aber genau dadurch auch eine starke  Distanzierung vorhanden ist. Meiner Meinung nach ist es schwierig, Schwarz-Weiß-Bilder im Jetzt zu verankern. Es bleibt dann oft dabei, dass der Schrecken dargestellt wird. Ich wollte aber mit meinen Aufnahmen eine menschliche Ebene entstehen lassen. Für mich war ganz wichtig, den Portraitierten das Menschsein, das ihnen abgesprochen worden war, durch meine Bilder wiederzugeben. Ich hoffte, das ganze Spektrum der Gefühle dieser Menschen abbilden zu können. Und so werden im Buch in der Einleitung fröhliche, neugierige Menschen gezeigt und zwischenmenschliche Glücksmomente, mit denen man sich als Betrachter identifizieren kann und die sie nicht allein als Opfer des Holocaust darstellen.

Dr. Radke: Drückt sich das in Farbe besser aus?

Schätzle: Genau, das war ein wichtiger Ansatz.

Dr. Radke: Waren Sie mehr als einmal vor Ort?

Schätzle: Ja, ich bin immer wieder dorthin gereist. Viermal insgesamt. Beim ersten Mal habe ich mit den Personen nur gesprochen und ausführliche Gespräche geführt. Da habe ich die Kamera noch gar nicht eingesetzt. In der Ausstellung gibt es auch Originalaufnahmen von Zeitzeugen. Aber im Ton, nicht im Bild. Gefilmt haben wir bei diesen ersten Gesprächen und auch später nicht. Das hätte die Intimität der Begegnungen zerstört.

Dr. Radke: Welche Bedeutung hatten die Gespräche für die weitere Arbeit an dem Projekt?

Schätzle: An Hand der Lebensgeschichten meiner Gesprächspartner und der Äußerungen dazu, was ihnen wichtig ist, habe ich anschließend versucht, meine Bilder gedanklich zu entwickeln. Es war mir wichtig, mit nicht zu vielen Menschen zu arbeiten um einen persönlichen Bezug aufbauen zu können. So konnte ich ihr tägliches Leben in intimen Bildern festhalten und sie auch an Orten fotografieren, mit denen sie prägende Erinnerungen verbinden.

Dr. Radke: Würden Sie ein Beispiel nennen?

Schätzle: Es war mir zum Beispiel wichtig, Holocaust-Überlebende gemeinsam mit ihrer Familie zu fotografieren. Weil die Familie eine große Bedeutung für die Überlebenden hat. Zumeist hatten sie ihre Ursprungsfamilie ja verloren, umso wichtiger war es für sie, eine neue Familie zu gründen.

Dr. Radke: Haben oder hatten Ihre Gesprächspartner Ehepartner oder Lebensgefährten?

Schätzle: Von denen, die ich getroffen habe, ist niemand allein geblieben. Und alle hatten auch mehrere Kinder. In der Kindergeneration ist es anders. Da gibt es nicht wenige, die tatsächlich allein geblieben sind.

Dr. Radke: Sie wollten also möglichst alle Facetten eines „Lebens nach dem Überleben“ abbilden?

Schätzle: Sämtliche Aspekte des Lebens. Der Holocaust war ja nur ein Abschnitt des Lebens der Überlebenden, davor gab es ein Leben und vor allem nach dem Überleben schlossen sich noch viele Jahre Leben an. So spielen die positiven Seiten des Lebens, die Lebensbejahung natürlich auch eine Rolle, aber keine ausschließliche. Zum Beispiel gibt es von Judith Neumark eine Fotografie, die ihr Gefühl beschreibt, den Holocaust und die Zeit danach wie abgetrennt von sich selbst und von ihren Gefühlen zu erleben, wie durch eine Scheibe. Gleichzeitig war es wichtig, dass ich sie auch im Kibbuz fotografiere, weil sie nach ihrer Flucht nach Israel dort bei der Feldarbeit zum ersten Mal wieder bewusst den Himmel, das Licht und die Natur wahrgenommen hatte. Als wir dann im Kibbuz die Aufnahmen machten, hat sie sich so gefreut. Weil die damaligen Gefühle des Glücks und der Hoffnung in diesem Moment wieder wach wurden. Es war ein Geschenk für sie. Und für uns alle.

Dr. Radke: Wie kommt es zu solchen Momenten stillen Glücks bei einem Menschen, der den Holocaust überlebt und einen Teil seiner Familie verloren hat?

Schätzle: Das Fotobuch ist in enger Zusammenarbeit mit Psychologen entstanden. Die meisten der Gesprächspartner haben irgendwann einmal in ihrem Leben psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Auch deshalb war es ihnen gelungen, dass Leben so stark zu bejahen. Ihnen war geholfen worden zu lernen, mit ihrem schweren Trauma umzugehen. Einige haben mir auch gesagt, in ihren Augen hätten sie großes Glück gehabt, so gute Psychiater und Psychologen an ihrer Seite gehabt zu haben, die ihnen rechtzeitig und mit den richtigen Worten halfen. Sie haben ihnen zum Beispiel erklärt, dass ein Zusammenbruch oder eine Krise eine vollkommen normale menschliche Reaktion auf ein so unnatürliches Ereignis wie den Holocaust ist.

Dr. Radke: Und Sie wollten auch wissen, wie das Leben mit einem solchen Trauma dennoch gelingen konnte und wie sich das äußerte?

Schätzle: Mich hat interessiert, was genau es jeweils gewesen ist, das den Neuanfang und das Weiterleben möglich machte. Ich wollte diesmal nicht in erster Linie eine Portraitarbeit machen wie mit den Zeitzeugen in meinem Fotobuch "9645 Kilometer Erinnerung", die ich ausnahmslos nachdenklich, traurig und in ihren Erinnerungen über den Zweiten Weltkrieg abgebildet habe. Das war hier von Anfang an nicht meine Absicht, obwohl es vielleicht einfacher gewesen wäre. Die Gespräche, die ich zu Beginn des Projekts geführt habe, waren zum Teil sehr, sehr heftig. Auch emotional heftig - für die Überlebenden, aber auch für mich. Mit Albträumen und allem, was dazugehört. Es ging überwiegend um den Holocaust, aber auch darum, wie dieser sich auf das Leben der Überlebenden ausgewirkt hat, und es ging natürlich auch immer wieder um das Leben danach.

Dr. Radke: Ihr Fotoprojekt gliedert sich somit in vier Abschnitte?

Schätzle: Ja, der Holocaust wird im ersten Abschnitt thematisiert. Daran schließt sich die Nachkriegszeit und die Ankunft in Israel an, die erneute Hinwendung zum Leben, der Aufbau einer Familie. Im dritten Teil geht es um das Trauma. Welche Traumata traten unmittelbar nach dem Krieg auf, welche im Laufe des Lebens? Wie äußerten sie sich? Und am Schluss, in Abschnitt Vier, äußern sich die Überlebenden zu ihrer Lebensphilosophie.

Dr. Radke: Konnten Sie denn alles so ins Bild setzen, wie Sie es sich nach den anfänglichen Gesprächen vorgenommen hatten?

Schätzle: Ja. Es ist eine Mischung von allem geworden. Manche Aufnahmen repräsentieren symbolisch die Erscheinungsformen des traumatischen Syndroms oder man merkt den porträtierten Personen an, dass sie sich im Moment des Fotografierens gedanklich in der Zeit des Holocaust befinden. Und dann beschäftige ich mich ja auch mit diesen angesprochenen Momenten des inneren Friedens, den positiven Momenten im Leben der Überlebenden, den guten Erfahrungen und den Schauplätzen, mit denen sie verknüpft sind. Wie zum Beispiel das Ankommen in Israel. Oder das Meer.

Dr. Radke: Wie alt sind Ihre Protagonisten?

Schätzle: Sie waren zwischen 75 und 99. Diejenigen, die während des Holocaust noch Kinder waren, hatten oft die genauesten Erinnerungen und sprachen darüber auch. Andere hätten sich damit nicht wohlgefühlt oder es wäre einfach zu schmerzhaft gewesen. Ich wollte vermeiden, jemanden durch das Projekt zu re-traumatisieren.

Dr. Radke: Was haben Sie persönlich durch diese Arbeit gelernt?

Schätzle: Zum einen habe ich seither den Wunsch, wie Richard Hirschhorn, Pnina Katsir oder Elias Feinzilberg, selbst im Alter auch noch die gleiche Lebensfreude und diesen Entdeckerdrang in mir zu tragen, den Erkundungswillen, die Lust, etwas zu unternehmen, den Wunsch, das Leben auszukosten in der ganzen Intensität, die es zu bieten hat. Genauso ist es mir wichtiger geworden, stark im Moment zu leben und vor allem die scheinbar „kleinen Dinge“ wertschätzen. Diese Menschen, denen so vieles in jungen Jahren verweigert wurde, haben gezeigt, dass man oft im späteren Leben noch nachholen kann, was zuvor nicht möglich war. Elias macht jetzt Tai-Chi bei AMCHA. Pnina hat dort zum allerersten Mal in ihrem Leben gemalt. Gisselle Cycowicz, auch eine ganz beeindruckende Persönlichkeit, hat im Alter von 40 Jahren begonnen Psychologie zu studieren, und dabei zum ersten Mal über ihre Erfahrungen während der Shoah gesprochen. Sie betreut heute noch, mit 92 Jahren, Holocaust-Überlebende psychologisch, hält Vorträge in Deutschland und begleitet Schulgruppen nach Auschwitz. Auch Giselles Energie, Neugierde und Lebensfreude sind beeindruckend.

Dr. Radke: Lässt sich das alles so leicht übertragen?

Schätzle: Manchmal  kann man sich entscheiden, welchen seiner Gefühle man sich zuwendet. Auch das ist mir sehr deutlich geworden. Wenn ich merke, ich bin in einer Situation, in der ich eine Nicht-Toleranz oder Wut spüre - dann spüre ich diesen Gefühlen nach und sage mir, dass mich diese Gefühle eigentlich gar nicht ausmachen, dass ich das nicht bin.

Dr. Radke: Denken Sie mit Dankbarkeit an das Projekt zurück?

Schätzle: Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Arbeit machen durfte und so viele Erlebnisse mit den Überlebenden teilen durfte, und ich freue mich, dass die fotografische Arbeit so viel Zustimmung gefunden hat.

Dr. Radke: Was haben Sie während der Projektarbeit für sich selbst getan, damit es ihn gut ging?

Schätzle: Ich hatte unglaublich tolle Unterstützung. Vor Ort sind sehr wichtige Freundschaften entstanden, gerade auch mit Angehörigen der Kinder-Generation, der zweiten Generation. Da konnte ich mich mitteilen, wurde manchmal in den Arm genommen. Pnina hat mir einmal eine Tafel Schokolade geschenkt, an der ein Zettel befestigt war. Darauf stand: „Auch für dich etwas Süßes, weil ich weiß, wie schwer es für dich ist, mit unserem Geschichten umzugehen.“ Man begegnete mir in Israel mit sehr viel Liebe. Aber auf der anderen Seite war es so, dass ich auch selbst lernen musste, mit der Traurigkeit und dem Schrecken, den man aufnimmt, irgendwie umzugehen. Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, die Traurigkeit und Wut über das Erfahrene herauszulassen.

Dr. Radke: Warum haben Sie sich als Fotografin einem solchen Projekt überhaupt zugewandt?

Schätzle: Das habe ich mich auch immer wieder gefragt. Auf der einen Seite spielte anfangs eine Rolle, dass mich immer schon interessierte, wie meine eigene Familie - auch der weitere Familienkreis - das Dritte Reich erlebt hat, wo sie sich aufgehalten haben, ob und inwiefern sie am Holocaust in irgendeiner Weise mitgewirkt haben. Es kommt häufig vor, dass es in Familien eine Person gibt, die irgendwann beginnt, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten, oft in der dritten Generation. Aber bei allen Themen, die ich angehe, gibt es nicht nur einen persönlichen Bezug, sondern ich spüre immer auch den inneren Drang, meine Arbeit nach außen zu tragen und letztendlich andere Menschen zu berühren. Hier also: Einen Beitrag zu leisten, dass sich solche Schrecken nicht wiederholen. Es ist ja ein so großes Projekt, ein solcher Kraftakt gewesen. Man kann eine solche Arbeit im Leben nicht oft wiederholen. Ja, ich glaube, vor allem diese Hoffnung hat mich getragen: Die Menschen zu berühren und zu einer Veränderung ins Positive beizutragen.

Frau Schätzle, vielen Dank für das Gespräch.

KR, 18.10.2018

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