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Georgios Chatzoudis | 09.05.2017 | 798 Aufrufe | Interviews

"Kulturerhalt erfolgt in jeder Gesellschaft"

Interview mit Marie Huber über die Geschichte des Weltkulturerbes in Äthiopien

Infolge der jüngeren Zerstörungen von historischen Stätten im Zusammenhang mit Kriegen ist das Thema Kulturerbeerhalt wieder in den Blick der Öffentlichkeit geraten. Raubgrabungen im Irak und mutwillige Zerstörungen in Afghanistan und Syrien haben dazu geführt, dass in den Überlegungen für eine Nachkriegsordnung der Restaurierung und dem dauerhaften Erhalt von Weltkulturerbe eine inzwischen gewichtige Bedeutung zukommt. Dabei sind der Schutz und die Bewahrung von bedeutenden Überresten aus der Geschichte der Menschheit alles andere als neu. Die Historikerin Marie Huber untersucht derzeit in ihrem von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Dissertationsprojekt die Geschichte des Kulturerhalts in Äthiopien. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

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"Entstehung des UNESCO-Welterbeprogramms steht im Mittelpunkt"

L.I.S.A.: Frau Huber, Sie erforschen zurzeit im Zusammenhang mit Ihrem Dissertationsprojekt die Entstehungsgeschichte des Weltkulturerbe-Programms der UNESCO mit Blick auf die sogenannten Entwicklungsländer, insbesondere in Äthiopien. Wie kamen Sie zu Ihrem Thema? Was interessiert Sie daran vor allem?

Huber: Im Studium habe ich mich schwerpunktmäßig mit Stadtgeschichte und Planungs- und Architektursoziologie auseinandergesetzt, auch während meiner ersten Forschungstätigkeit nach dem Studium habe ich mich mit diesen Themen befasst. Fragen des Denkmalschutzes sind in diesem Bereich der Stadtforschung oft von zentraler Bedeutung. Dabei hat sich herausgestellt, dass ich als Historikerin eine besondere analytische Perspektive einbringen kann, vor allem um die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse im Zusammenhang mit dem Denkmalschutz zu erklären. Da ich von vornherein das Ziel hatte, mich durch meine Dissertation mit einer internationalen Fragestellung weiter zu qualifizieren, habe ich die Frage nach der Entstehung des UNESCO-Welterbeprogramms in den Mittelpunkt meiner Forschungen gestellt.

Das äthiopische Fallbeispiel bringt sehr deutlich die bis jetzt in der Welterbeforschung noch unbeachtete Fragestellung nach der Rolle der sogenannten Entwicklungsländern zum Vorschein. Diese Länder, so stellte sich im Lauf meiner Archivrecherchen heraus, hatten eine zentrale Funktion bei der Genese des Programms, denn in diesen Ländern war die UNESCO durch Entwicklungshilfeprogramme bereits Jahre vor dem offiziellen Beginn im Bereich des Natur- und Kulturgüterschutzes aktiv.

Meine Forschung war von der Frage geleitet, welche Akteure mit welcher Motivation daran mitgewirkt haben, dass es ein äthiopisches Welterbe gibt. An meinen Ergebnissen finde ich besonders spannend, wie vielschichtig und komplex das Thema Welterbe ist – und wie effizient über das Welterbeprogramm als eine Art Plattform eine Vielzahl von teilweise sehr unterschiedlichen Interessen umgesetzt werden können. Das gilt für die Anfangszeit ebenso wie heute noch.

"Monumentale Bauten aus der Antike und dem Mittelalter"

L.I.S.A.: Welches Kulturerbe galt bzw. gilt es in Äthiopien zu schützen? Was wurde in Äthiopien zum Weltkulturerbe erklärt?

Huber: Ähtiopien hat heute neun Welterbestätten - bis auf eine wurden alle bereits in den 1970er Jahren als Welterbe vorgeschlagen und dann auch zu solchen ernannt. Viele weitere nominierte Stätten aus Äthiopien scheiterten, weil sie die formalen Kriterien nicht erfüllen konnten. Grundsätzlich ist Äthiopien reich an Kulturerbe aus über 4000 Jahren, das auch für die europäische Geschichtsschreibung von Bedeutung ist: das Land wird schon in ägyptischen und griechischen Quellen als eine Hochkultur betrachtet und hat eine eigenständige urchristliche Tradition, die bis heute in der äthiopisch-orthodoxen Kirche lebendig ist. Aus diesen Epochen sind heute eindrucksvolle Bauten und Überreste erhalten. Durch die Hochland-Lage ist Äthiopien mit einer geographischen Besonderheit und einem einzigartigen Naturerbe ausgestattet, vor allem aber beheimatet das Land die weltweit wichtigsten paläontologischen Fundstätten, in denen die bis jetzt ältesten bekannten humanoiden Überreste, das Teilskellett von „Lucy“, gefunden wurden.

Die Welterbestätten lassen sich grob unterscheiden in monumentale Bauten aus der Antike und dem Mittelalter: die Palastanlagen und Stelen in Aksum und Gondar, die Felskirchen von Lalibela, die vor- und frühzeitliche Fundstätten in Omo, Awash und Tyia, eine Naturstätte, das Simien-Gebirge, die Stadtanlage des muslimischen Harar und eine Kulturlandschaft, Konso – dort stehen sowohl die terassierte Landschaft als auch die kulturellen Überreste der bis heute lebendigen Tradition unter Denkmalschutz.

Grundsätzlich war und ist der Stand des Denkmalschutzes in Äthiopien der, dass selbst die bestehenden, anerkannten Denkmäler und Naturschutzgebiete nicht ausreichend gut erhalten und geschützt werden können. Es mangelt an Fachkräften, praktischer Handhabe, politischem Willen, finanziellen Mitteln. Zusätzlich zum Bestand, dessen Dokumentation schon nicht ausreichend erfolgen kann, wird eine unglaubliche Anzahl von mehreren tausend noch nicht erschlossenen archäologischen Fundstätten vermutet, die noch nicht konkret bekannt oder erfasst sind.

Welches Erbe schützenswert ist, lag und liegt in Äthiopien ebenso wie in anderen Ländern in den Augen des Betrachters und ist eng mit der gesellschaftlichen und politischen Konstruktion von Identitäten verbunden. So hat die Regierung vor allem ein Interesse, Denkmalstätten zu schützen, die für das von ihr favorisierte nationale Narrativ wichtig sind. Gleichzeitig gibt es andere Stätten, die wichtige sakrale Orte darstellen oder einen spezifischen Erinnnerungswert für eine Bevölkerungsgruppe haben – im Staatsgebiet des heutigen Äthopien leben Menschen aus über 80 verschiedenen ethnischen Gruppen, das monumentale Kulturerbe, auf das sich gegenwärtige Schutzmaßnahmen konzentrieren, repräsentiert nur einen kleinen Teil davon. Einen Denkmalwert aus rein kunsthistorischer oder naturwissenschaftlicher Sicht zu begründen, halte ich generell nicht für verantwortungsvoll, in den sogenannten Entwicklungsländern wird aber besonders deutlich, wie sehr der Anspruch auf Denkmalpflege oft mit der Wirklichkeit der Menschen, den wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen vor Ort auseinanderklafft.

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Schild am Büro des Simien Nationalparks in Debark; alle Besucher des Parks müssen sich hier anmelden, das Betreten des Parks ist nur in Begleitung je eines Führers und eines bewaffneten Wächters erlaubt.

Der Simien Nationalpark ist ein besonders eindrückliches Beispiel: die dort einheimische Bevölkerung, immerhin mehrere tausend Menschen, betrachtete das Gebirge als ihren Lebensraum und nutzte es für Ackerbau und Viehzucht - die wichtigste Lebensgrundlage in der Region. Die Naturschützer der UNESCO und anderer Organisationen bestanden von Anfang an auf eine Umsiedelung aller im Bereich des Nationalparks wohnenden Menschen und das Einstellen insbesondere der Weidenutzung, um der Erosion Einhalt zu gebieten und den Lebensraum für die bedrohten Tierarten im Park nicht zu gefährden. Sowohl unter der Monarchie als auch im sozialistischen Staat hatte die jeweilige äthiopische Regierung ein erhöhtes Interesse an der schwer zu kontrollierenden Region rund um Simien, die an der nördlichen Landesgrenze liegt. Die Naturschutzmaßnahmen ermöglichten es, eine militärische Präsenz im Park zu rechtfertigen und direkten staatliche Einfluss auf Landnutzungskonflikte zu nehmen. Ein weiteres Beispiel finden wir in Aksum, wo sich unzählige spektakuläre archäologische Fundstätten im Dornröschenschlaf befinden und völlig unzureichend gegen die wachsende Zahl an Touristen und die moderne Stadtentwicklung abgesichert sind. Die antiken Stätten werden zwar lokal und landesweit als historisch bedeutend erachtet, aber weitaus bedeutender ist der Status der Stadt wegen seiner Rolle als Pilgerstätte der äthiopischen-orthodoxen Christen. In Aksum steht die Kirche, in der streng bewacht und unter Ausschluss der Öffentlichkeit angeblich das Original der Bundeslade aufbewahrt wird - ein zentrales Symbol der Macht der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Gleichzeitig stellen der Tourismus und der Status als Weltkulturerbe eine wichtige Chance für die Stadt und die Region dar, um wichtige Infrastrukturentwicklungen, finanziert mit internationalen Geldern, möglich zu machen.

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Neue Häuser in Debark aus dem Resettlement-Programm der äthiopischen Regierung für die Bewohner aus dem Gebiet des Nationalparks.

"Kulturerbeschutzes von Anfang an weit hinter den Erwartungen"

L.I.S.A.: Wie verträgt sich das UNESCO-Konzept der Weltkulturerbes mit den unterschiedlichen nationalen Kulturerbe-Programmen? Wie hat sich das im konkreten "Fall Äthiopien“ ausgewirkt? Eine Erfolgsgeschichte?

Huber: In vielen der sogenannten Entwicklungsländer gab es aufgrund der kolonialen Vergangenheit bereits eine Behördenstruktur, in die ein nach europäischem Modell gedachtes Instrument der staatlichen Denkmalpflege leicht zu integrieren war. Dort wurden, wie zum Beispiel im Senegal, bereits unter der Kolonialregierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts Denkmalgesetze eingeführt und erste Kulturerbestätten unter Denkmalschutz gestellt. Dennoch gestaltete sich der Kulturerbeschutz, gerade nach der Dekolonialisierung, oft schwierig und wurde zum Opfer von ineffizienten und unterfinanzierten Staatsapparaten sowie latenten und offenen politischen Identitätskonflikten. In einigen Ländern brachte eine instabile, wechselnde Regierung einen fast schon regelmäßigen Ikonoklasmus mit sich – alles in allem schwierige Bedingungen, um ein Instrument wie die Welterbekonvention tatsächlich in die Praxis umzusetzen.

Das Problem lag oft nicht so sehr in konzeptionellen Differenzen – der Kulturerbeschutz war in vielen Ländern nicht annähernd so ausdifferenziert wie in der europäischen Tradition und in diesem Sinne offen für neue, genauere Regulierungen – sondern vielmehr in praktischen Schwierigkeiten, die Vorgaben umzusetzen, die sich an der europäischen, wissenschaftlich geprägten Tradition der Denkmalpflege orientierten.

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Stelae on Campus - Megalith-Stele aus Tyia auf dem Campus der Addis Ababa University, die genaue Datierung ist unklar, als sicher gilt eine Entstehung mindestens vor 1000 v. Chr.

In Äthiopien gab es schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts Bestrebungen, Kulturgüterschutz zu institutionalisieren, die sich von 1950 an weiter konkretisierten, und zwar in Form eines Denkmalgesetzes, das erstmals gesetzlich den Begriff des historischen Kulturguts, auf Englisch „Antiquities“, einführte und die staatliche Zuständigkeit festlegte. Eine zuständige Behörde wurde schrittweise, in bilateraler Kooperation mit der französischen Regierung aufgebaut. Der Naturerbeschutz begann, wie in vielen anderen Ländern Afrikas auch, zunächst mit der Einführung von Jagdbestimmungen – ein Herrschaftsinstrument, das die imperiale Regulierung und die italienischen Besatzer nach dem Vorbild anderer Kolonialmächte übernahmen. Nach 1950 rückten dann Themen wie die wirtschaftliche Nutzung natürlicher Ressourcen und die Kontrolle von Wilderei und Großwildjagd mehr in den Mittelpunkt. Auch für diese Bereiche wurde eine spezielle Behörde eingerichtet, und eine erste Gesetzgebung erfolgte. In beiden Behörden, der Antiquities Administration und der Wildlife Authority, waren von Anfang an Experten aus England, Frankreich und anderen europäischen Ländern als Berater oder in leitenden Funktionen angestellt, weil es nicht genug entsprechend ausgebildete Fachkräfte im Land selbst gab. Durch die Mitgliedschaft in der UNESCO eröffnete sich für die äthiopische Regierung in vielen Bereichen die Möglichkeit, auf kürzeren diplomatischen Wegen und finanziert durch das UNDP, das Entwicklungshilfeprogramm der UN, auf Experten und deren Wissen zuzugreifen. Auch der Kulturgüterschutz profitierte hiervon enorm, die Aktivitäten stiegen sprunghaft an und nicht nur praktische Maßnahmen an einzelnen Denkmälern konnten ergriffen werden, sondern vor allem die behördliche Infrastruktur konnte ausgebaut werden. So wurden beispielsweise die Grundlagen für eine systematische Inventarisierung von Denkmälern durch UNESCO-Projekte finanziert. Ähnlich wie in Äthiopien mussten die UNESCO-Beamten auch vielen anderen Ländern erst massiv unter die Arme greifen, um sie überhaupt anschlussfähig für Hilfsmaßnahmen und letzten Endes konkurrenzfähig für das Welterbeprogramm zu machen.

Sicherlich kann der Ausbau des Kulturerbeschutzes in Äthopien durch die UNESCO aus heutiger Sicht einige Erfolgsmomente vorweisen, vor allem im Aufbau einer relativ resilienten Verwaltungsstruktur. Die Praxis des Kulturerbeschutzes blieb aber von Anfang an weit hinter den Erwartungen zurück: große Teile des Kulturerbes im Land sind in schlechtem Zustand, nicht ausreichend gesichert oder in vielen Fällen noch nicht einmal ordentlich inventarisiert und dokumentiert. Fördergelder fließen vor allem in die Welterbestätten, wobei dabei bislang vor allem die Kirchen von Lalibela und der Simien Park umfassend gefördert wurden. Es gibt beispielsweise bislang für die meisten der Kulturerbestätten keinen Managementplan - ein wichtiges Instrument zur aktiven Denkmalpflege, welches Kern- und Übergangszonen rund um die Stätte ausweist, alle notwendigen restauratorischen Maßnahmen mittel- und langfristig berücksichtigt und eine Nutzungsstrategie enthält, die Tourismus, Denkmalpflege und Stadtentwicklung integriert.

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Ein Lehrer (Mämhir) in Lalibela zeigt seinen Schülern die Erstellung eines Manuskripts auf Pergament mit der traditionellen Bambusfeder; die Schüler üben gleichzeitig das rezitieren der transkribierten Bibelstelle; Lalibela ist bis heute wichtiger Wallfahrtsort und Ausbildungsstätte für Priester und Schriftgelehrte der äthiopisch orthodoxen Kirche.

"Der konzeptionelle Unterbau des Welterbediskurs ist genuin westlich"

L.I.S.A.: Die Absicht, Weltkulturerbe als solches zu definieren und ebendieses dann zu erhalten, ist im Westen sehr anerkannt. Aus welchem Diskurs ist das entsprechende UNESCO-Programm in der Nachkriegszeit entstanden? Warum schien es plötzlich geboten, sich um besondere kulturelle Hinterlassenschaften dauerhaft zu kümmern? Inwiefern ist der Weltkulturerbe-Diskurs genuin westlich? Gibt es einen Zusammenhang zum Dekolonialisierungsprozess nach 1945?

Huber: Der Diskurs des internationalen Kulturerbeschutzes reicht zurück bis in die Zeit des Völkerbundes. Schon dort gab es eine Kommission, die ein entsprechendes Instrument ausarbeiten sollte. Von plötzlich zu sprechen, wäre in diesem Zusammenhang nicht richtig, denn auch die Arbeit dieser Kommission fußt auf der Tradition der europäischen Denkmalpflege, die sich seit dem 18. Jahrhundert gemeinsam mit Kunstgeschichte und Archäologie zur anerkannten wissenschaftlichen Disziplin entwickelt hatte, eng verbunden mit dem Aufstieg der europäischen Nationalstaaten und Kolonialreiche. Der konzeptionelle Unterbau des Welterbediskurs ist schon deshalb nur aus der europäischen Geschichte heraus zu verstehen und ist in diesem Sinne genuin westlich.

Der Zweite Weltkrieg war zugleich Zäsur für bestehende Aktivitäten und mahnendes Beispiel für die dringende Notwendigkeit eines internationalen Abkommens. Im Krieg war nicht nur sehr viel gebautes Kulturerbe in Europa zwischen die Fronten geraten und dabei zerstört worden, auch Raub und Schmuggel von Kunstwerken hatten in großem Umfang stattgefunden. Das sollte in Zukunft verhindert werden oder zumindest strafbar sein. Man könnte daher sagen, dass der Welterbediskurs auch insofern genuin westlich ist, als dass er von dem Schutzedürfnis befeuert wurde, das sich gezielt auf Kulturerbe bezog, das von großer Bedeutung für die westliche Kulturhemisphäre war.

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Der Dekolonialisierungsprozess spielt für meine Arbeit nur am Rande eine Rolle, da Äthiopien gerade dadurch interessant ist, dass es nie Kolonie eines europäischen Landes war, sondern sich abgesehen von einer kurzen italienischen Besatzungszeit die Unabhängigkeit bewahren konnte. Tatsächlich sind dadurch andere Voraussetzungen gegeben, die es besser ermöglichen, die konkrete Umsetzung eines internationalen Abkommens zu untersuchen. Es lässt sich aber sagen, dass von Seiten der UNESCO-Beamten das explizit proklamierte Anliegen bestand, die im Zuge der Dekolonialisierung entstehenden neuen Nationalstaaten bei der Ausbildung einer nationalen Identität zu unterstützen – getragen von der internationalistischen Idee des Weltfriedens und der Völkerverständigung. Das Ausweisen und Erhalten von Kulturerbe war ein Bestandteil dieser Agenda.

"Äthiopien ist bis heute auf Forschung und Expertise aus dem Ausland angewiesen"

L.I.S.A.: Wie viel Wissenstransfer vom Westen bzw. Norden in den Süden war geboten, wenn man berücksichtigt, dass viele Stätten von weltkulturellem Rang viele Jahrhunderte überdauert haben? Sind die Gesellschaften, in denen Weltkulturerbe deklariert wird, auf Hilfe von außen angewiesen oder verfügen sie auch über eigene Techniken und Prozesse des Kulturerhalts?

Huber: Gerade das christliche Äthiopien kann auf eine erstaunliche Tradition des Kulturerhalts zurückblicken: in den Kirchen und Klöstern werden seit hunderten von Jahren Handschriften des alten und neuen Testaments aufbewahrt. Auch alle Kirchen und religiös genutzten Gebäude fallen unter die Schirmherrschaft der Kirche und werden erhalten. Allerdings ist das Wissen um traditionelle Handwerkstechniken teilweise verloren gegangen – eine der ersten größeren Aktionen in Lalibela, die durch UNESCO-Gelder finanziert wurde, war die Erforschung der traditionellen Kalkproduktion, um die Wandgemälde in den Kirchen fachgerecht zu restaurieren.

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Biete Medhane Alem (Erlöserkirche) in Lalibela; die Kirchen wurden als monolithische Strukturen vermutlich im 12. Jahrhundert aus dem Fels geschlagen, um die Kirchen vor der wetterbedingten Erosion zu schützen wurden in 2006 unter Leitung der UNESCO und finanziert von der EU temporäre Schutzdächer über den Kirchen errichtet.

Kulturerhalt erfolgt sicher in jeder Gesellschaft, nur teilweise mit anderen Voraussetzungen und Konzepten. Das Welterbeprogramm hat sich in den letzten dreißig Jahren weiterentwickelt, die heutige Welterbepraxis ist in vielen Punkten davon gekennzeichnet, den Kulturerbebegriff so zu öffnen, dass er möglichst umfassend repräsentativ ist. Dennoch: Eine der großen Schwierigkeiten des Welterbesprogrammes liegt immer noch darin, unterschiedliche Konzepte in gleichwertige technische Normen umzuformulieren – was nie gelungen ist.

Durch das Welterbeprogramm wurde an vielen Orten punktuell ein Wissenstransfer von Nord nach Süd eingeleitet, der von großer Bedeutung für den Erhalt der einzelnen Stätten ist und auch von den Menschen vor Ort als sehr relevant eingeschätzt wird. Jedoch ist es fast nirgends gelungen, nachhaltig eine Ausbildung und Finanzierung von Fachkräften auf nationaler Ebene zu installieren, weshalb Länder wie Äthiopien bis heute auf Forschung und Expertise aus dem Ausland angewiesen sind. Neben Europa und den USA sind dabei auch Japan und China wichtige Geberländer. Ursprünglich hatte ich gehofft, einen Wissenstransfer auch von Äthiopien nach Europa zurück verfolgen zu können – allerdings konnte ich dazu nur wenig in meinen Quellen nachvollziehen. Das erweiterte Wissen über Äthopien, das angestoßen durch die Welterbeaktivitäten in internationalen Publikationen zirkulierte, wurde in erster Linie von westlichen Experten produziert. Immerhin hat sich durch das UNESCO-Programm und die ausländischen Experten für einige wenige Experten im Land die Chance ergeben, sich durch Fellowships und Studien im Ausland weiterzubilden und so mit ihrer Arbeit Anschluss an die internationale Wissenschaftslandschaft zu finden.

Aus diesen Gründen sind viele der sogenannten Entwicklungsländer für einen Kulturerbeerhalt im Sinne der Welterbekonvention auf Hilfe von Außen angewiesen. Diese Unterstützung ist aber noch aus einem anderen Grund wichtig: Denkmalschutz kann ein wirksames Mittel sein, wenn es darum geht, eine Entwicklung nach rein ökonomischen Profitinteressen zu verhindern, die oft auf Kosten der bestehenden Substanz und der Mehrheit der Bevölkerung geht. Im besten Fall könnte internationale Unterstützung beim Kulturerbeerhalt und ein Instrument wie die Welterbekonvention bestehende Techniken und Prozesse wirkungsvoll ergänzen und bereichern und die Interessen der Menschen vor Ort mit einem weitergesteckten Interesse der ganzen Menschheit am Erhalt von bedeutenden Zeugnissen aus der Vergangenheit verbinden. Dass es realistischer ist, den Erhalt von Kulturerbe als fortwährenden Prozess zu betrachten, in dem immer internationale Kooperation und Umverteilung von Mitteln und Wissen nötig sein wird, zeigt aktuell sehr eindrücklich der erneute Verlust des syrischen Kulturerbes, das in den 1960er Jahren schon einmal mit Hilfe von UNESCO-Programmen aufgebaut wurde.

Marie Huber hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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