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Judith Wonke | 16.06.2018 | 527 Aufrufe | Interviews

"Kompetenzen bilden den Startpunkt der beruflichen Orientierung"

Interview mit Eva Kanis, Anna Honikel und Evelyn Hochheim zum Workshop "Archäologiestudium - und dann?"

Studierende geisteswissenschaftlicher und vor allem archäologischer Disziplinen kennen die Fragen: Welche berufliche Zukunft wartet nach dem Studium? Welche Berufsfelder gibt es außerhalb von Forschung und Ausgrabungen? Was zeichnet AbsolventInnen der archäologischen Disziplinen aus? Der Workshop "Archäologiestudium - und dann?" der im Mai an der Universität Bonn stattfand, sollte wenigstens einige dieser Unsicherheiten aus dem Weg räumen. Ziel war es, einen Blick auf die Kompetenzen und Fähigkeiten zu werfen, die Studierende im Laufe ihres Studiums erwerben. Im Interview sprechen Evelyn Hochheim, Karriereberaterin und Trainerin des Workshops, sowie zwei Teilnehmerinnen, Eva Kanis und Anna Honikel, über ihre persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen. 

Copyright: Eva Kanis (l.) und Anna Honikel (m.) / Bild: Kathrin Weber; Evelyn Hochheim (r.) / Bild: Jens Hauspurg

"Stärken, Kompetenzen und Erfahrungen klar benennen"

L.I.S.A.: Frau Hochheim, Sie waren als Trainerin an dem Workshop “Archäologiestudium und dann?“ beteiligt, der im Rahmen des 19. Internationalen Archäologenkongresses in Bonn stattfand. Was hat Sie veranlasst, an dieser Veranstaltung mitzuwirken?

Hochheim: Als Coach für Bewerbungsfragen weiß ich, wie herausforderungsreich der Einstieg in das Berufsleben sein kann. Was meiner Erfahrung nach AbsolventInnen dabei häufig am schwersten fällt, ist zu benennen, was sie im Studium eigentlich gelernt haben. Das liegt daran, dass gerade die wichtigen Kompetenzen oft schleichend erworben werden. So lernt man nicht von einem Tag auf den anderen, wie man Wissensbestände recherchiert, verdichtet und aufbereitet, wie man klar strukturierte Texte schreibt oder sich in immer wieder neue Sachverhalte hineindenkt. Oft ist ein Reflexionsprozess notwendig, um diese Kompetenzen benennen zu können.

Diese Selbstanalyse ist so wichtig, weil Kompetenzen den Startpunkt der beruflichen Orientierung bilden. Um zukünftige Tätigkeitsfelder ausloten zu können, muss man letztlich wissen, was man gut kann und welche Fähigkeiten für potenzielle ArbeitgeberInnen interessant sind. Und auch die Bewerbungsphase kann nur dann erfolgreich enden, wenn BewerberInnen in der Lage sind, ihre Stärken, Kompetenzen und Erfahrungen klar zu benennen und mit Beispielen zu belegen.

"Der archäologische Arbeitsmarkt ist durchaus dünn"

L.I.S.A.: Frau Kanis, Frau Honikel, Sie waren Teilnehmerinnen des Workshops. Vorab die Frage: Was studieren Sie und welche Erfahrungen haben Sie bislang mit der Problematik „Archäologiestudium und dann“ gemacht?

Kanis: Ich befinde mich aktuell im 3. Semester meines Promotionsstudiums in Klassischer Archäologie und forsche zu der Ikonographie der sogenannten Vatergottheiten. Zuvor habe ich Archäologie und Geschichte im Bachelor und Master studiert. Die Frage, was man nach dem Studium für berufliche Perspektiven hat, begleitet einen quasi von Anfang an. Man wird von der Familie gefragt, ob man nicht direkt einen Taxischein erwerben möchte oder bekommt zu hören, dass man das ja sehr interessant fände aber selber lieber war „Richtiges“ erlernt hätte. Ich selber habe mir natürlich auch oft Gedanken gemacht, wie es nach dem Studium weitergehen wird und wie meine beruflichen Möglichkeiten aussehen.

Honikel: Ich studiere Klassische Archäologie im Haupt- und Geschichte im Nebenfach an der Goethe Universität in Frankfurt/Main. Mit oben genannter Problematik sehe ich mich besonders gegen Ende meines Studiums konfrontiert. Am Anfang habe ich mich nicht allzu sehr damit beschäftigt, was danach kommt. Ich wusste zwar, dass der archäologische Arbeitsmarkt durchaus dünn ist, wollte aber trotzdem Archäologie studieren, da es meine Leidenschaft ist. Jetzt steht im Winter mein Bachelor an und langsam beginne ich mir ernsthafte Gedanken zu machen, was ich mit meinem Studium anfangen kann. Da der Master an der Goethe Universität nur zwei Semester dauert, nähere ich mich also der großen Frage. Zwar habe ich schon ein paar Ideen, aber bislang leider noch nichts Konkretes. Vielen Kommilitonen und Kommilitoninnen geht es genauso. Einige wissen nicht, was sie später arbeiten können oder ob sie in Zukunft überhaupt in der Archäologie bleiben wollen.

L.I.S.A.: Was haben Sie sich von dieser Veranstaltung versprochen? Und was hat Sie motiviert teilzunehmen?

Kanis: Ich habe während des Studiums bereits verschiedene berufliche Möglichkeiten für mich ausgeschlossen. Von daher wollte ich wissen, welche Alternativen mir meine im Studium erworbenen Kompetenzen bieten. Noch befinde ich mich in einer Phase, in der ich zum Beispiel ein Praktikum einbauen oder neben der Promotion Workshops besuchen kann, die mir Skills vermitteln, die von Nutzen sein könnten. Ich habe mir quasi einen Anstoß versprochen, um über den Tellerrand und die „typischen“ Berufe für Archäologen, wie zum Beispiel auf Grabungen, im Museum oder an der Universität, zu sehen.

Honikel: Da ich bald mit dem Studium fertig bin und noch keine konkrete Ahnung hatte was mich danach erwartet, habe ich mich bei diesem Workshop angemeldet. Auch wenn mich Familie und Freunde gefragt haben, was ich nach dem Studium arbeiten wollen würde, kam ich des Öfteren ins Stottern. Daraufhin habe ich angefangen, mich etwas mehr zu informieren – der Workshop kam mir also sehr gelegen. Da ich in dem Zeitraum in Köln/Bonn auch auf dem Internationalen Kongress der Klassischen Archäologie war, hat sich das sehr gut ergänzt. Des Weiteren bin ich bei dem Stichwort ‘‘Kompetenzanalyse‘‘ hängen geblieben. Ich habe während meines Studiums unglaublich viel gelernt und dachte ich wisse, wo meine Stärken liegen. Trotzdem war ich mir nicht völlig im Klaren darüber, was ich alles zu meinen Kompetenzen zählen könne und wie ich diese am besten nutze. Darüber hinaus habe ich mir erhofft ein paar Anregungen zu bekommen, die ich nach meinem Studium (oder auch jetzt schon) in Angriff nehmen kann.

L.I.S.A.: Wie sind Sie auf den Workshop aufmerksam geworden?

Kanis: Ich bin Mitglied im dArV und habe über den Newsletter von dem Workshop erfahren. Da ich eh mit einem Poster auf dem AIAC vertreten war und mir dort verschiedene Vorträge angehört habe, konnte ich den Workshop optimal in meinen Tagungsplan integrieren.

Honikel: Auf den Workshop wurde ich zufällig auf der Facebook-Seite des dArV aufmerksam.

"Berufliche Orientierung braucht Zeit"

L.I.S.A.: Frau Hochheim, welche Tipps geben Sie den anwesenden Studierenden der archäologischen Disziplinen?

Hochheim: Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, dass berufliche Orientierung Zeit braucht. Die wenigsten Studiengänge sind mit klaren Berufsfeldern verknüpft, so wie es für Ausbildungsberufe typisch ist. Im Falle der Archäologie kommt hinzu, dass es deutlich weniger einschlägig archäologische Stellen gibt, als BewerberInnen. Viele ArchäologInnen werden in sehr spannenden Arbeitsfeldern tätig, die man zunächst vielleicht gar nicht mit dem Fach verknüpfen würde, zum Beispiel in Werbung und Marketing, im Wissenschaftsmanagement oder im Journalismus.

Es gibt also eine Vielzahl an Möglichkeiten, die man aber erst einmal erkennen und dann individuell für sich bewerten muss. Deshalb empfehle ich, sich schon während des Studiums mit diesen Optionen auseinander zu setzen. Das können Studierende beispielsweise tun, indem sie das Studium nutzen, um sich so viel wie möglich auszuprobieren. Das kann in Form von (auch fachfremden) Praktika sein oder durch die Tätigkeit in einem Verein oder auch durch das Schreiben eines Blogs. Hierbei können Sie sich einerseits ausprobieren, aber andererseits auch Erfahrungen sammeln und Schlüsselkompetenzen weiter entwickeln.

Ein Tipp, den ich auch gern gebe ist, mit Personen zu sprechen, die spannende Stellen inne haben. Hier gilt es zu erfragen, wie der Arbeitsalltag konkret abläuft und welche Fähigkeiten und Qualifikationen man haben muss, um diese Stelle kompetent ausfüllen zu können. Je klarer die Vorstellungen sind, die AbsolventInnen hier haben, umso leichter wird ihnen der Einstieg ins Berufsleben gelingen. Hinzu kommt, dass ein erheblicher Anteil an Stellen über Netzwerke erobert wird. Es kann sich also lohnen, hier Kontakte zu Personen zu knüpfen und zu pflegen.

Wichtig ist insgesamt, den Blick zu öffnen für verschiedenste Kompetenzen. Hier dürfen AbsolventInnen nicht vergessen, dass sie in ihrem Studium neben dem archäologischen Fachwissen auch Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen erworben haben. Dazu gehören zum Beispiel analytische Kompetenz, Teamfähigkeit, Kritikfähigkeit und ein gutes Zeitmanagement. Gerade in den vielfältigen beruflichen Einsatzfeldern außerhalb der Archäologie können diese Kompetenzen wichtiger sein, als das archäologische Fachwissen oder einschlägige Fachkompetenzen.

"Man kann viel mehr, als man sich vielleicht zutraut"

L.I.S.A.: Was würden Sie als Teilnehmerinnen als die wichtigste Erkenntnis des Workshops betrachten? Gibt es etwas, das Sie Ihren Kommilitonen und Kommilitoninnen raten?

Kanis: Ich denke, die hauptsächliche Erkenntnis ist, dass man viel mehr kann, als man sich vielleicht zutraut. Meistens schätzt man sich schlechter ein und denkt, wenn man etwas nicht zu 100% beherrscht, zählt es nicht. Frau Hochheim hat uns vermittelt, dass wir während unseres Studiums sehr viele Kompetenzen erwerben/erworben haben, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Der Workshop hat mir auf jeden Fall geholfen, meine Sicht auf mich selbst und meine Fähigkeiten zum Positiven zu korrigieren und diese Erfahrung sollte meiner Meinung nach jeder Student einmal gemacht haben. 

Honikel: Ich habe zwei Haupterkenntnisse mitgenommen. Zum einen, dass der Arbeitsmarkt für Archäologen viel breiter ist als ich dachte. Zum anderen weiß ich jetzt, wo meine Kompetenzen liegen und dass ich mir mehr zutrauen kann, als ich dachte. Meinen Kommilitonen und Kommilitoninnen würde ich raten, sich so früh wie möglich damit zu befassen, was man nach dem Studium machen möchte. Wenn man noch keine Idee hat, würde ich vorschlagen das Gespräch mit Dozenten, Doktoranden oder anderen Studierenden zu suchen. Wenn sich natürlich ein Workshop wie dieser ankündigt, würde ich auf jeden Fall diese Chance nutzen und teilnehmen. Ansonsten ist es definitiv hilfreich sich zu überlegen, welche Stärken und Fähigkeiten man besitzt und wie man sie gut für sich nutzen könnte.

"Die berufliche Orientierung wirf oft sehr spät angegangen"

L.I.S.A.: Frau Hochheim, wie ist die Veranstaltung von den Studierenden aufgenommen worden? Gibt es Fragen, die besonders oft gestellt wurden?

Hochheim: Was ich in solchen Workshops immer merke ist, wieviel Respekt Studierende und auch Promovierende vor dem Einstieg ins außerakademische Berufsleben haben. Das ist zunächst natürlich verständlich. Die Frage, in welchem Berufsfeld man tätig wird, ist alles andere als trivial und zugleich biografisch sehr bedeutsam. Häufig führt die Sorge, dass es ohnehin für ArchäologInnen nicht genügend Stellen gibt, dazu, dass die berufliche Orientierung sehr spät angegangen wird, oft erst im Zuge des Studien- oder Promotionsabschlusses. Das macht es dann schwerer, die Potenziale, die ein solcher Studienabschluss birgt, wirklich zu nutzen.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Sorge, die eigenen Kompetenzen seien doch eigentlich nichts Besonderes. Hier will ich AbsolventInnen archäologischer Fächer ausdrücklich ermutigen, ihre Kompetenzen zunächst selbst wert zu schätzen. Gerade in Tätigkeitsfeldern jenseits der Archäologie werden sie mit einer Reihe an BewerberInnen konkurrieren, die aus ganz anderen Studiengängen kommen und wieder über andere Kompetenzen verfügen. Hinzu kommt, dass in Bewerbungen um Stellen häufig viel eher die konkreten Geschichten hinter den Kompetenzen, also die spezifischen Erfahrungen, die BewerberInnen mitbringen den Ausschlag geben. Es ist also besonders wichtig, diese Erfahrungen im Bewerbungsprozess zu kommunizieren.

Mein persönlicher Eindruck war, dass die WorkshopteilnehmerInnen hier auch von dem Austausch untereinander profitiert haben. Wir haben verschiedene Übungen zur individuellen Kompetenzanalyse durchgeführt und anschließend die Ergebnisse in Kleingruppen ausgewertet. Hierbei haben die Teilnehmenden sich gegenseitig gezeigt, welche Potenziale ihr Studium ihnen geboten hat und welche Schätze tatsächlich in ihnen schlummern.

L.I.S.A.: Wie haben Sie Ihren Eintritt in die Berufswelt erlebt? Gibt es etwas, das Sie gern vorher gewusst hätten?

Hochheim: Als Erziehungswissenschaftlerin habe auch ich ein Studium absolviert, das für eine Vielzahl beruflicher Möglichkeiten qualifiziert. Ich weiß gar nicht, wie oft ich während meines Studiums gefragt wurde, was man denn mit diesem Abschluss dann macht. Das teile ich mit den Archäolog*innen. Die Frage konnte ich damals noch nicht konkret beantworten. Auch ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch kein klares Ziel vor Augen. Mein Ziel wurde aber klarer dadurch, dass ich sehr viele verschiedene Dinge ausprobiert habe. Meine erste Stelle außerhalb der Wissenschaft habe ich bekommen, weil ich mehrere Jahre im Vorstand eines Alumnivereins tätig war und hier Veranstaltungen zur beruflichen Orientierung organisiert habe. Erst da habe ich verstanden, dass es vielleicht gar nicht die Noten oder die Studiendauer sind, die uns berufliche Optionen eröffnen, sondern die Tätigkeiten, die wir übernehmen und all die spannenden Erfahrungen, die wir damit erwerben.

Wenn ich heute selbst Personal einstelle, dann merke ich aus dieser Perspektive, dass die konkreten Erfahrungen es sind, die Bewerber*innen voneinander unterscheiden. Und dazu gehört wiederum auch die Fähigkeit, diese Erfahrungen zu berichten. Auch dies muss man üben. Aber es lohnt sich!

Evelyn Hochheim, Eva Kanis und Anna Honikel haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Archäologiestudium - und dann?

Ein zweiter Workshop für BA-, MA- und Promotionsstudierende archäologischer Fächer findet am 21. Juni 2018 in Kassel statt. Die Veranstaltung wird organisiert von der Arbeitsgruppe Wissen schafft Karriere des Deutschen Archäologenverbandes. 

Flyer zum Download (453.57 KB)

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