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Georgios Chatzoudis | 20.08.2019 | 310 Aufrufe | Interviews

"Kommunikationskanäle zu einer großen Weltöffentlichkeit"

Interview mit Dr. Maren Hachmeister über das Rote Kreuz in Osteuropa

Internationale Organisationen konnten in den früheren Ostblockstaaten als Selbstorganisationen präsent und aktiv sein. So zum Beispiel die Rotkreuzgesellschaften Polens und der Tschechoslowakei, die die Osteuropahistorikerin Dr. Maren Hachmeister in ihrer Dissertationsarbeit untersucht hat. Als Teil der internationalen Rotkreuzbewegung unterschieden sich das Polnische Rote Kreuz (Polski Czerwony Krzyż, PCK) und das Tschechoslowakische Rote Kreuz (Československý Ċervený kříž, ČSČK) von anderen verstaatlichten Massenorganisationen. Sie verknüpften sozialistische Ideologie und humanitäre Prinzipien zu einem socialist humanitarianism. Was genau bedeutet in ihrer Arbeit socialist humanitarism und wie war zivilgesellschaftliche Selbstorganisationen für beide Organisationen unter den Vorzeichen des Staatssozialismus möglich? Diese und andere Fragen haben wir Maren Hachmeister gestellt.

"Als Geschichte großer Kontinuität erzählt"

L.I.S.A.: Frau Dr. Hachmeister, Ihre Dissertationsarbeit unter dem Titel "Selbstorganisation im Sozialismus. Das Rote Kreuz in Polen und der Tschechoslowakei 1945–1989" liegt nun vor. Bevor wir auf einige konkrete Fragen zu sprechen kommen, was hat Sie zu Ihrem Thema geführt? Welche Überlegungen gingen dem voraus?

Dr. Hachmeister: Seitdem ich in gemeinnützigen Vereinen aktiv bin und einen Verein mitgegründet habe, interessiere ich mich für Themen wie ehrenamtliches Engagement, Zivilgesellschaft und Freiwilligenmanagement. Warum Organisationen in Gesellschaften entstehen und wie sie überleben, waren Fragen, mit denen ich mich deshalb gern wissenschaftlich auseinandersetzen wollte. Zuerst wollte ich Wohlfahrtsorganisationen im Allgemeinen untersuchen. Nach ersten Recherchen habe ich beschlossen, mich auf das Rote Kreuz zu konzentrieren. Die Geschichte des Roten Kreuzes wird heute als Geschichte großer Kontinuität erzählt. Dass es kaum wissenschaftliche Darstellungen über die nationalen Rotkreuzgesellschafen Ostmitteleuropas – insbesondere über ihre Tätigkeit während der Jahrzehnte des Staatssozialismus – gab, machte mich neugierig. So kam ich auf die Idee, über Aktivitäten des Roten Kreuzes im Staatssozialismus zu schreiben.

"Massenmobilisierung im Sinne ihrer Ideologie"

L.I.S.A.: Im Zusammenhang mit der sozialistischen Staatenwelt in Osteuropa und der entsprechenden Verfasstheit dieser Staaten scheint es paradox, dass Selbstorganisation innerhalb straffer bzw. autoritärer Strukturen möglich gewesen sein sollen. Ein falscher Eindruck?

Dr. Hachmeister: Nur teilweise. Die Kommunistischen Parteien in Polen und der Tschechoslowakei schufen sich eigene, verstaatlichte Verbände, die der Massenmobilisierung im Sinne ihrer Ideologie dienten. Theoretisch schloss dies die Existenz zivilgesellschaftlicher Aktivitäten aus. Viele Traditionsvereine verschwanden daher Anfang der 1950er-Jahre aus der Öffentlichkeit. Das Beispiel der nationalen Rotkreuzgesellschaften zeigt jedoch, dass es durchaus auch Aktivitäten gab, die nur teilweise staatlicher Kontrolle unterlagen. Insbesondere Rotkreuzgruppen außerhalb der großen Städte verfolgten ein Tagesgeschäft, das sich an lokalen Bedürfnissen und Netzwerken orientierte und von politischen Veränderungen fast unberührt blieb. In meiner Dissertation biete ich für die Analyse dieser Tätigkeiten den Begriff Selbstorganisation an.

"Top-down-Prinzip sozialistischer Herrschaft"

L.I.S.A.: Wie weit reichte die Toleranz der Politbüros in der VR Polen und in der VR Tschechoslowakei gegenüber einer internationalen Organisation wie dem Roten Kreuz? Und worauf begründete sich diese - Stichwort: socialist humanitarianism?

Dr. Hachmeister: Die nationalen Rotkreuzgesellschaften beider Länder erwiesen sich als außerordentlich anpassungsfähig. Formal wurden beide Organisationen verstaatlicht, blieben gleichzeitig aber Teil der internationalen humanitären Rotkreuzbewegung. Diese Zugehörigkeiten erforderten es, sozialistische Ideologie mit humanitären Prinzipien zu vereinbaren. Dies gelang einerseits, da sich die Organisationen mit dringend benötigten Diensten gegenüber dem Staat legitimierten, beispielsweise der ehrenamtlichen Blutspende, den Suchdiensten und der Jugendarbeit. Die Vorstellung eines idealtypischen Menschen, der gesund und diszipliniert war und sich für das Kollektiv aufopferte, hatten Staat und Rotes Kreuz von Beginn an gemeinsam. Andererseits beruhten Arrangements zwischen Staat und Organisation auf geschickter strategischer Planung. Dank hochqualifizierter Mitglieder erfuhr das Rote Kreuz nicht den für das System üblichen Elitenwandel. Know-how und Strukturen konnten in das sozialistische System überführt werden und machten das Rote Kreuz handlungsfähig. Die hierarchische Gliederung des Roten Kreuzes – mit einer Zentrale in der Hauptstadt, untergeordneten Einheiten in den Städten und darunter Ortsgruppen – ist übrigens keine sozialistische Errungenschaft. Es handelt sich hierbei um die traditionelle Struktur, die bis heute alle nationalen Rotkreuzgesellschaften annehmen. Dass die Struktur gut zu dem top-down-Prinzip sozialistischer Herrschaft passte, erleichterte zweifellos die Integration im sozialistischen Staat.

"Brücke der internationalen Rotkreuzfamilie"

L.I.S.A.: Sie haben die Nachbarstaaten Polen und die Tschechoslowakei untersucht. Man würde in der klassisch westlichen Perspektive auf das damalige Osteuropa als das eines monolithischen sozialistischen Blocks vermuten, dass in dem Verhältnis der jeweiligen Staaten zum Roten Kreuz kein Unterschied bestand. Bestätigt sich das in Ihrer Untersuchung oder gibt es Unterschiede im Umgang mit dem Roten Kreuz zwischen Polen und der CSSR?

Dr. Hachmeister: In den unmittelbaren Nachkriegsjahren nahmen die Rotkreuzgesellschaften ihre Arbeit in Polen und in der Tschechoslowakei unter sehr ähnlichen Bedingungen wieder auf. Beide Organisationen durchliefen mit der Machtübernahme der Kommunistischen Parteien einen sehr ähnlichen strukturellen Wandel. Unterschiede zeigen sich bei konkreten Aktivitäten. Beide Organisationen schickten Delegationen nach Deutschland, um bei internationalen Suchoperationen zu helfen. Mitglieder des Polnischen Roten Kreuzes arbeiteten dort auf Kosten des polnischen Staates, Mitglieder des Tschechoslowakischen Roten Kreuzes hingegen auf Kosten ihrer Organisation. Bei der Jugendarbeit an Schulen gab es ebenfalls Unterschiede. Während beim Polnischen Roten Kreuz staatlich ausgebildete Pädagog*innen die Jugendgruppen betreuten, setzte das Tschechoslowakische Rote Kreuz eigene Jugendleiter*innen ein. Beide Beispiele verdeutlichen, dass Organisation und Staat ihre Handlungsspielräume immer wieder neu definierten. Noch ein paar Bemerkungen zum Bild des Westens: Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), das seinen Sitz in Genf hat, entsendete mehrfach seine Präsidenten mit Delegationen in beide Länder. Entweder gab es dafür konkrete Anlässe, z.B. die Arbeit der Suchdienste, ein starkes Hochwasser oder ähnliches. Meistens dienten die Besuche jedoch diplomatischen Zwecken, die das Anliegen der Rotkreuzbewegung stärken sollten. Das IKRK nahm dafür direkt Kontakt mit der jeweiligen nationalen Rotkreuzgesellschaft auf – nicht etwa mit der Kommunistischen Partei oder mit „Moskau“. Daraus ergaben sich gelegentlich unterschiedlich intensive Beziehungen. Während das IKRK nach den Ereignissen des Jahres 1968 keine Reisen mehr in die Tschechoslowakei unternahm, organisierte sich das Polnische Rote Kreuz Anfang der 1980er-Jahre zahlreiche Hilfslieferungen über die westliche Rotkreuzgemeinschaft. Es gibt viele Beispiele für systemüberschreitende bilaterale Zusammenarbeit, die über die Brücke der internationalen Rotkreuzfamilie entstand. Unterschiede im Umgang von Rotkreuzgesellschaften untereinander hätten in gewisser Weise den Rotkreuzprinzipien Neutralität und Unabhängigkeit widersprochen. 

"Eine starke Verhandlungsposition gegenüber dem Staat"

L.I.S.A.: Haben Sie Evidenzen für die Vermutung ausmachen können, dass auch eine humanitäre internationale Organisation wie das Rote Kreuz gewollt oder ungewollt ein subversives Potential innerhalb der sozialistischen Gesellschaften entfalten konnte? Anders gefragt: War die Arbeit des Roten Kreuzes ein Risiko für die Macht? Oder ist es eher umgekehrt: Bot das Rote Kreuz den Regierungen die Möglichkeit, sich national wie international als Menschenfreund zu beweisen bzw. zu inszenieren?

Dr. Hachmeister: Beides. Dass sich die sozialistischen Staaten ihre eigenen Rotkreuzgesellschaften leisteten, weckte sowohl nach innen als auch nach außen Assoziationen mit Fortschritt und Modernität. Das Rote Kreuz hatte somit einen wichtigen Prestigefaktor für die Kommunistischen Parteien. Natürlich gehörten dem Roten Kreuz im sozialistischen Staat nicht nur Altruisten an, sondern auch Systemverweigerer, die einer Mitgliedschaft in der Partei entgingen, indem sie Mitglied des formal apolitischen Roten Kreuzes wurden. Ein Risiko für die Macht ergab sich aber – wenn überhaupt –  daraus, dass das Rote Kreuz enge Kontakte ins nicht-sozialistische, westliche Ausland pflegte. Auf diese Weise standen Kommunikationskanäle zu einer großen Weltöffentlichkeit offen. Das Rote Kreuz hatte dementsprechend eine starke Verhandlungsposition gegenüber dem Staat, die es nutzte, um sozialistischer Herrschaft wo möglich mit selbstorganisiertem Handeln zu begegnen. 

Dr. Maren Hachmeister hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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