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Georgios Chatzoudis | 21.04.2020 | 546 Aufrufe | Interviews

"Durchs Erzählen menschliche Eigenarten begreifen"

Interview mit Uwe Steiner über Klassiker der Seuchenliteratur in Zeiten von Corona

Die Kultur- und Geisteswissenschaften haben sich zur Coronakrise inzwischen in vielfacher Hinsicht geäußert. Vertreterinnen und Vertreter aus der Geschichtswissenschaft haben sich zu unterschiedlichen Epochen zu Wort gemeldet, auch Philosophen sowie eine Reihe von Sozialwissenschaftlern und Sozialwissenschaftlerinnen. Was uns bislang fehlte, waren Überlegungen aus den Literaturwissenschaften. Gibt es so etwas wie Klassiker der Seuchenliteratur? Und falls ja, wie wird der Umgang des Menschen mit Seuchen in der klassischen Literatur beschrieben und verarbeitet? Was sagen uns Klassiker wie "Die Pest" von Albert Camus, Thomas Manns "Tod in Venedig" oder "Der Zauberberg" über Seuchen zu ihren Zeiten? Was Boccaccios "Decamerone" oder Daniel Defoes Beschreibung der Pest in London von 1665? Oder Edgar Allan Poes "The Mask of the Red Death"? Diese Fragen haben wir dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Uwe Steiner von der Fernuni Hagen gestellt. 

"Lektürezuträgliche Formen von extensiver Konzentration"

L.I.S.A.: Herr Professor Steiner, Sie sind Literaturwissenschaftler und haben im Blogportal der FernUni Hagen zur aktuellen Coronakrise einen interessanten Beitrag mit dem Titel "Was wir müssen wollen" verfasst. Bevor wir gleich auf ein oder zwei Punkte des Blogeintrags zu sprechen kommen, was kann uns die Literatur in Zeiten von Seuchen bieten? Nur Ablenkung, Flucht in literarische Welten und seelische Erbauung oder ist da noch mehr möglich? 

Prof. Steiner: Ich bin ja nicht der erste, der der verordneten Klausur im heimischen Ambiente eine positive Seite darin abgewinnen kann, dass sie bestimmte und vor allem lektürezuträgliche Formen von extensiver Konzentration ermöglicht. Und das scheint mir unabhängig von der jeweiligen Lektürewahl schon einmal ein Gewinn. Gegen Ablenkung oder auch Flucht in fiktionale Welten, gegen Zerstreuung oder De-Konzentration, ist dabei erst einmal nichts zu sagen, auch das erscheint mir in Maßen förderlich. Wer das will, greift aber wohl eher zu den hier effektiveren audiovisuellen Medien, er oder sie streamt z.B. Serien. Das sollte man nicht vergessen: Unsere Häuser, Wohnungen oder Apartments sind ja – wie Peter Sloterdijk das mal so ähnlich gesagt hat, Ego-Behälter mit Anschlüssen.

"Corona-Parties mögen dem bei Poe zum Ausdruck kommenden Geist bzw. Ungeist ähneln"

L.I.S.A.: Wenn Sie sich die Klassiker der Literaturgeschichte vor Augen führen, die das Erleben und den Umgang mit Seuchen zum Thema haben, gibt es da etwas Gemeinsames? Oder muss man hier stark nach literarischen und historischen Epochen unterscheiden? Lassen sich beispielsweise Daniel Defoes Bericht über die Pest in London 1665 mit dem Roman "Die Pest" von Albert Camus aus dem Jahr 1947 vergleichen? Sind und handeln die Menschen im Angesicht der Seuche immer und zu allen Zeiten gleich oder zumindest ähnlich?

Prof. Steiner: Um bei der letzten Frage zu beginnen: Handeln Menschen immer und zu allen Zeiten gleich oder ähnlich? Zumindest stellen sich in extremen Lagen Muster ein, die sich aus Sachzwängen zu ergeben scheinen. In Ihrer Frage klingt die einschlägige Debatte zwischen Sartre und Camus an. Camus reflektiert in seinem berühmten Roman über die Pest als Ausdruck einer allgemeinen conditio humana und beschreibt verschiedene Weisen, auf die in dieser Extremsituation zum Ausdruck kommenden Absurdität der Existenz zu reagieren. Sartre hat ihn deshalb angegriffen: Camus habe versäumt, den historischen Bedingtheiten Rechnung zu tragen.

Wir sind vielleicht erst einmal erstaunt über die Ähnlichkeiten, über die Ähnlichkeiten sowohl zwischen den Werken als auch über manch einen Wiedererkennungseffekt zur heutigen Lage. Und zwar deshalb erstaunt, weil man als kulturwissenschaftlich orientierter Literaturwissenschaftler habituell, methodisch sowieso, dazu neigt, zu historisieren oder kulturell zu relativieren. Liest man nun die Klassiker der Seuchenliteratur wieder, frappiert es, wie wenig sich manchmal geändert zu haben scheint. Um die beiden von Ihnen genannten Autoren, Defoe und Camus, anzusprechen: Gewiss sind die beiden Werke höchst verschieden, mehr als 200 Jahre liegen zwischen ihnen. (Defoe hat die Pest von 1665 ja nicht selbst erlebt, sondern verfasst seinen angeblichen Augenzeugenbericht 1722 unter Rekurs auf historische Dokumente, Statistiken und Aufzeichnungen eines Verwandten). Und doch verzeichnen sie sehr ähnliche Beobachtungen: Die Menschen sind zunächst erstaunt, als sie die ersten Nachrichten von der Seuche vernehmen, sie zeigen anfangs eher geringe Anzeichen der Beunruhigung. (Auf deutlich extremere Weise ignoriert Gustav von Aschenbach in Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ die Signale der um sich greifenden Cholera.) Die Behörden zögern oder wiegeln ab. (Natürlich wird man da nachdenklich, wenn man hört, dass Szenarien eines Pandemie-Ausbruchs und ihrer Bekämpfung seit Jahren bei den verantwortlichen Institutionen vorliegen, aber zunächst nicht gehandelt wurde.) Als sich die ersten Zeichen verdichten, dass die Pest da ist, gibt es Spekulationen über die Herkunft, und damit implizit oder explizit über die Schuldigen. Es werden Sündenböcke haftbar gemacht. Es gibt egoistisches, aber auch selbstloses, karitatives Verhalten.

Man begibt sich, sofern nicht betroffen, in die Isolation. Davon erzählt Defoe, das ist aber auch die Ausgangslage bei Boccaccio („Decamerone“) oder in Edgar Allan Poes Erzählung „The Mask of the Red Death“. Defoe beschreibt u.a. auch das Hamstern und Horten.

Das alles spricht gewiss nicht dafür, dass sich Menschen immer und zu allen Zeiten gleich verhalten, zumal ja Seuchen in bestimmter Weise selbst historisch sind, es gibt sie, seit Menschen sesshaft geworden sind und dicht aufeinander hocken. Aber es spricht doch dafür, dass es Ähnlichkeiten gibt, die sich aus der Natur der Sache ergeben.

Um aber die Antwort auf Ihre Frage abzuschließen: Natürlich darf man sich mit der Diagnose von Ähnlichkeiten nicht zufriedengeben, ohne damit gleich Sartre Recht geben zu wollen. Es gibt ja auch bedeutende Unterschiede in der jeweiligen literarischen Interessenlage. Defoe legt ein erstaunliches Plädoyer für einen vernünftigen, rationalen Umgang mit der Seuche an den Tag, sein Erzähler verhält sich ausgesprochen empirisch. Bei Camus geht es eher um eine existenzielle Reflexion. Die Pest ist bei ihm bisweilen mehr Allegorie als Gegenstand des Erfahrungswissens.

Wenn sich die Protagonisten bei Boccaccio in die ländliche Isolation begeben, dann, um ein ganz bestimmtes Interesse zu pflegen: Es geht darum, sich selbst und einander durchs Erzählen zu kultivieren, und es geht darum, menschliche Eigenarten, Sitten („mores“) in den Erzählungen zu begreifen. Die Isolation bei Poe bedeutet dagegen eher eine sündenstolze Segregation, dort frönt man einem nihilistischem Hedonismus im Angesicht des drohenden Endes.

Und natürlich darf man die Diagnose von Ähnlichkeiten zur heutigen Lage nicht zu weit treiben, ungeachtet aller Wiedererkennungseffekte. Corona-Parties mögen dem bei Poe zum Ausdruck kommenden Geist bzw. Ungeist ähneln. Wir erleben aber keine Pest. Es wären schlimmere Pandemien, weitaus aggressivere Erreger als das Corona-Virus vorstellbar.

"Noch 'Der Zauberberg' spielt mit der heiklen Ästhetisierung der Krankheit"

L.I.S.A.: Ein zentrales Motiv zurzeit ist das der allgemeinen Unwissenheit bzw. der vielen Ungewissheiten. Was ist in Zeiten von Corona richtig? Wie gefährlich ist das Virus wirklich? Und sind die einschneidenden Maßnahmen, die derzeit getroffen werden, alle gerechtfertigt? Aber vor allem: Wie geht es weiter und was kommt danach? Wenn Sie die sehr drängenden gegenwärtigen Fragen mit den Narrativen in den sogenannten Klassikern vergleichen, bildet sich auch da möglicherweise so etwas wie ein Muster ab? Wäre es zu gewagt und vermessen, daraus eine kleine Prognose für unsere Zeit abzuleiten?

Prof. Steiner: Wie gefährlich das Virus wirklich ist, das kann ich als Literaturwissenschaftler natürlich nicht beantworten, sondern allenfalls feststellen, dass sich da die Experten auch nicht immer einig sind. Für Literatur und damit auch für die Literaturwissenschaft stellt sich die Frage, was in Zeiten von Corona wichtig oder richtig ist, wohl am dringlichsten in Bezug auf die Frage, die in der Seuchenliteratur immer eine Rolle spielt, nämlich auf das moralische Klima. Im Fall einer Seuche ist ja immer nur ein Teil der Bevölkerung vom Erreger infiziert, alle aber von der Erregung, die die Krankheit notwendig mit sich bringt.

Und da hätten wir ein genuines Thema von Literatur, das moralische Klima und seine Schwankungen. Wir müssen uns ja vergegenwärtigen, dass von alters her Krankheiten moralisch aufgeladen wurden. Es ist ein Verdienst der modernen Medizin, ein Verdienst des naturwissenschaftlich vergegenständlichenden Blicks vor allem, die moralische Komponenten von Krankheiten zurückzudrängen. (Defoes Pest-Buch pflegt übrigens ostentativ diesen versachlichenden Blick.) Gleichwohl werden wir den moralisierenden Blick nicht so ganz los. Den „Tod in Venedig“ kann man auch so lesen, dass Gustav von Aschenbach nicht ganz zufällig vom Choleratod ereilt wird, wandelt er doch auf Abwegen. Vom simpel moralisierenden Blick muss man aber die lange literarische Tradition unterscheiden, Krankheiten mit Bedeutung aufzuladen. Es gibt Krankheiten, davon ist Literatur überzeugt, in denen sich das Zeitalter ausdrückt, man könnte sie Epochenkrankheiten oder Symptomkrankheiten nennen. Ob es Burnout wirklich als eigenständige Krankheit gibt oder ob es sich um eine prestigeträchtigere Bezeichnung für eine Depression handelt, das wird in einer sich wandelnden Arbeitskultur zur kultursymptomatischen Frage. „Krankheit als Metapher“, so hat Susan Sontag das genannt. Bekannt ist das Beispiel der Tuberkulose, die im 19. Jahrhundert eine gewisse dekadente Attraktivität als Krankheit der Vergeistigung und Verfeinerung besass. Noch „Der Zauberberg“ spielt mit dieser heiklen Ästhetisierung der Krankheit, ohne einen Zweifel an ihrer trostlosen physischen Realität zu lassen. Ich selber habe einmal zum kulturellen Symptomcharakter des Tinnitus geforscht, der auf eine lange Literatur- und Kulturgeschichte zurückblickt und zu unterschiedlichen Zeiten ganz verschiedene Formen von Aufmerksamkeit und vor allem von Sinnaufladungen erfährt.

Jetzt konfrontiert uns die Epidemie aber wieder mit einer Krankheit, die zunächst einmal ein blindes natürliches Geschehen darstellt, dem erst einmal keine Sinngehalte abzugewinnen sind. Sofort aber setzt die Bereitschaft zu moralisieren ein. Weil man sieht, dass sich die Seuche über die globalen Verkehrwege verbreitet, hält man innere Einkehr und kritisiert die Globalisierung oder gleich den Kapitalismus. Dass die jetzt drohende Wirtschaftskrise und der zu erwartende Rückbau globaler Strukturen gerade die ohnehin schon Benachteiligten noch stärker benachteiligen wird, passt da natürlich nicht so gut in die Bereitschaft zur moralisierenden Selbstkritik.

"Die Kafkaschen Behörden sind ja gerade keine totalitären Disziplinierungsagenturen"

L.I.S.A.: In Ihrem Blogbeitrag spielen Sie nicht nur im Titel mit den Modalverben "müssen" und "wollen" und landen dabei bei einem Paradoxon: "Kein Mensch muss müssen. Aber müssen müssen wir trotzdem." Das erinnert ein wenig an Hegels "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit." Ist das Aushalten des Paradoxen eine Herausforderung, der sich der Mensch gerade in solchen Krisenzeiten stellen muss? Ist der freie Wille, das Wollen, der Notwendigkeit, dem Müssen, unterworfen, damit der Mensch überhaupt ein freier Mensch bleiben und sein kann? Bedeutet das auf uns heute übertragen, dass wir beispielsweise eine Einschränkung der Grundrechte hinnehmen müssen, um unsere Freiheit zu bewahren? Was sagen uns da die Klassiker?

Prof. Steiner: Es ist ja, glaube ich, keine große Einsicht, wenn man feststellt, dass Freiheit und Notwendigkeit keine einander aussschließenden Gegensätze darstellen. Hegel war nicht der erste, der das gewusst hat. Es gibt ja Freiheit nur aufgrund von Determination: die Tatsache, dass ich Beine habe, determiniert mich in gewisser Weise, weil ich mit ihnen nicht fliegen oder rollen kann. Aber ich kann dahin oder dorthin gehen. Da wären wir wieder bei der Debatte zwischen Sartre und Camus. Wer alles historisieren und kulturell relativieren will – und mein Fach neigt dazu –, weiß sich mit Sartre insofern einig, als man die Fiktion pflegt, der Mensch könne sich sozusagen ganz aus sich selbst heraus erschaffen. Sartre meinte, es gebe Freiheit nur, wenn es keine Einschränkungen gibt. Camus wusste aber, dass es Voraussetzungen gibt, auf denen unsere Freiheit beruht, und die uns nicht zur Disposition stehen. Man kann das „Natur“ nennen. Die Seuche erinnert uns daran.

Darf man darum Grundrechte einschränken? Wenn das nur zeitweilig geschieht, um möglichst vielen möglichst viel Freiheit zu ermöglichen, vor allem durch die Bewahrung der physischen Existenz, ist das gewiss legitim. Natürlich muss man gleichzeitig die Sorge pflegen, dass sich die gutgemeinte Vorsorge nicht verselbständigt. Institutionen geben ungern Macht ab, sind in aller Regel ja beflissen, ihre Notwendigkeit zu behaupten. Der Klassiker, der hier zu konsultieren wäre, ist natürlich Kafka. Die Kafkaschen Behörden sind ja gerade keine totalitären Disziplinierungsagenturen, sie haben ja eine ungemein attraktive, kuschelige Seite.

"Aufklärung ist im Idealfall Aufheiterung"

L.I.S.A.: In Deutschland entbehrt der Umgang mit der Coronakrise nicht einer gewissen Komik - menschliches Verhalten und Sprechen, die Gelächter oder Heiterkeit hervorrufen. Sie greifen in Ihrem Blogeintrag die Toilettenpapier-Posse auf, die anfangs für viele offenbar dramatisch war, sehr bald aber schon zum Gegenstand von Witzen und Spott wurde. Das Wohl des Gesäßes ist den Menschen in Deutschland offenbar ein sehr großes Bedürfnis, größer jedenfalls als den Menschen in anderen Ländern. Angeblich gab es in Frankreich einen Run auf Rotwein und Kondome, in Spanien auf Schokolade und Spirituosen. Welche möglicherweise vergleichbaren komischen Momente können Sie aus der Welt der "klassischen Seuchenliteratur" berichten?

Prof. Steiner: Die klassische Seuchenliteraturist ist natürlich zunächst einmal arm an komischen Momenten. (Es sei denn, man wendet sich hier den komischen Novellen des „Decamerone“ zu, die zwar im Rahmen einer Pestepidemie erzählt werden, aber nicht von ihr erzählen.) Mit meinen Überlegungen zum Toilettenpapier hatte ich zwei Motive verbunden: Zum einen wollte ich mir einen Reim darauf machen, warum gerade dieser Artikel gehortet wird, auch deshalb, weil mich der Umgang mit Dingen literatur- und kulturwissenschaftlich interessiert. Da bin ich dann auf den Symbolwert des Hygieneartikels gestoßen, zumal im Zusammenhang meiner Überlegungen über das Müssen. Nach allem, was man hört, stimmen ja auch die Gerüchte über nationale Verschiedenheiten zumindest teilweise: Mein Schwiegervater ist Franzose und weiß nichts von Toilettenpapierknappheiten zu berichten. Aber Stereotypen gibt es ja auch nur, weil sie manchmal auch zutreffen können…

Vielleicht entspricht das Toilettenpapierproblem ja dem Nationalstereotyp einer kantianisch-protestantischen Tradition: Dass ich Toilettenpapier horte, ist Ausdruck der Freiheit meines Handelns. Dass ich nun um meines Gesässes willen handle, widerspricht dieser Freiheit nicht. Aber zwischen der Freiheit als sittlichem Wesen, um kantianisch zu sprechen, und dem Gesäßbedürfnis stellt sich eine Fallhöhe ein. Und die ist objektiv ebenso komisch wie die Diskrepanz zwischen dem individuellen Willen und dem kollektiven Muster, das sich notwendig einstellt, wenn alle frei handeln.

Zum anderen war es mir wichtig, in meinen Überlegungen die tragische Tonart zu umgehen. Aller drohenden ökonomischen Probleme zum Trotz – und man sollte sie ernst und vor allem zum Anlass nehmen, weniger niedrig von ökonomischen Belangen zu denken! – geht es uns deutlich weniger schlecht als den Zeitgenossen der klassischen Epidemien. Menschen handeln oft objektiv komisch, und das namhaft zu machen, trägt vielleicht ein wenig zur Verbesserung des moralischen Klimas bei. Aufklärung ist ja im Idealfall Aufheiterung, im meteorologischen wie im psychologischen Sinne.

Wenn man nun abschließend die „klassische Seuchenliteratur“ ungeachtet ihrer Unterschiede insgesamt charakterisieren möchte, bietet sich vielleicht der Begriff der Moralistik an. Damit greife ich eine These des Philosophen Odo Marquard auf. Den klassischen Moralisten der philosophischen Tradition (La Rochefoucauld, La Bruyère, Nietzsche…) ging es gerade nicht darum, moralische Lehrsätze zu formulieren. Sie haben vielmehr distanziert und im skeptischen, empirischen und systemfernen Geist menschliches Verhalten und menschliche Sitten, die „mores“, beschrieben. Gute Literatur macht genau das. Mit ihrer Hilfe kann man erkennen: In dem Maße, in dem sich die Mores über bedeutende historische Unterschiede hinweg dann mitunter doch verblüffend ähneln, relativiert sich manches. Man kann dann beispielsweise Distanz zu vorschnellen Sinnzuschreibungen und Bußformeln pflegen.

Damit wollte ich eine Antwort auf Ihre Eingangsfrage, was Literatur in Zeiten der Seuche zu bieten habe, zumindest andeuten.

Prof. Dr. Uwe Steiner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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