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Georgios Chatzoudis | 29.10.2015 | 1424 Aufrufe | Interviews

"Kirchenbauten sind historische Zeugnisse von Aushandlungsprozessen"

Interview mit Antje Fehrmann über Kirchenbauten im Stadtbild Hamburgs

Kirchenbauten sind seit ehedem fester Bestandteil eines jeden Stadtbildes, daran hat sich bis heute nichts geändert. Was sich aber im Zuge der Jahrhunderte verändert hat, sind die Aushandlungsprozesse, in deren Verlauf Kirchen vereinbart, gebaut und genutzt werden. Die Kunsthistorikerin Dr. Antje Fehrmann forscht derzeit über den modernen Kirchenbau in Hamburg und untersucht dabei die Auseinandersetzungen zwischen Architekten, Ingenieuren und Theologen sowie die Aktivitäten von Gemeindemitgliedern und Bürgern auf der Suche nach dem optimalen Kirchenbau in Hamburg. Wir haben sie dazu interviewt.

Dr. Antje Fehrmann, "Im Straßenbild wirkungsvoll". Kirchenbauten in der Stadt Hamburg vom Mittelalter bis 1965, in: Das Münster, Schwerpunkt "Kirche baut Stadt" 68/1, 2015, S. 12-19, 88. URL: http://edocs.fu-berlin.de/docs/receive/FUDOCS_document_000000022939

Google Maps

"Mich interessieren die Diskurse um diese Bauten"

L.I.S.A.: Frau Dr. Fehrmann, Sie sind Kunsthistorikerin mit dem Schwerpunkt Architekturgeschichte. Zurzeit arbeiten Sie zu einem Projekt, bei dem es um den modernen Kirchenbau in Hamburg geht. Worum geht es dabei genau? Welchen Zeitraum umfasst der Begriff „modern“ in diesem Zusammenhang?  

Dr. Fehrmann: Zugegeben, der Begriff „modern“ ist dehnbar. Von den 1840ern bis in die 1960er Jahre sind die Diskussionen um den optimalen, architektonisch wie atmosphärisch überzeugenden Kirchenbau in Hamburg unter großer Anteilnahme der Bevölkerung geführt worden. In meinem Projekt untersuche ich ausgewählte Kirchenbauten dieser Zeit, mit Schwerpunkt auf den 1950er und 1960er Jahren. Mich interessieren die Diskurse um diese Bauten, genauer: wie Architektur nicht nur als materielles Objekt eigener Ordnung, sondern auch als Ergebnis einer kollektiven Anstrengung innerhalb bestimmter administrativer und institutioneller Grenzen analysiert werden kann. Kirchenbauten eignen sich besonders gut für eine solche Fragestellung, da sie eine liturgische Nutzung möglich machen müssen und ihrerseits Liturgie verändern können.    

"Die Architekten konnten mit neuen Materialien und Formen experimentieren"

L.I.S.A.: Was prägt aus architektonischer Sicht den modernen Kirchenbau in einer hanseatisch und protestantisch geprägten Metropole wie Hamburg? Welche Funktion haben Kirchen bei der Gliederung einer Stadt?  

Dr. Fehrmann: An den Kirchenbauten lässt sich die Entwicklung der Stadt bis heute gut nachvollziehen. Fünf Kirchspiele gliederten bis ins 18. Jahrhundert den in sich geschlossenen städtischen Organismus. Nur wenige Hamburger wissen allerdings, wo die Kathedrale des alten Bistums Hamburg stand, deren gotischer Nachfolgebau im Zuge protestantischen Ordnungswillens Anfang des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde, weil der Sitz des Erzbistums bereits im 9. Jahrhundert nach Bremen verlegt worden war: gegenüber der Petrikirche. Noch im 19. Jahrhunderts hatten die neuen protestantischen Kirchen in den Stadterweiterungsgebieten große Gemeinden zu versorgen und mussten von weither sichtbar sein. Die meisten Kirchen wurden aber nach 1945 errichtet: Jedes Gemeindemitglied sollte damals seine Kirche in unmittelbarer Nachbarschaft erreichen können, Kirchen wurden die Zentren der neuen Siedlungen. Auch in Hamburg konnten die Architekten mit neuen Materialien und Formen experimentieren, mitgetragen durch die Ideen der Gemeinden und der kirchlichen und städtischen Bauämter.

Hamburg, St. Petri (links), St. Jacobi (rechts).

"In Hamburg baute man Hochhäuser nahe den älteren Kirchtürmen"

L.I.S.A.: Kirchenbauten überragten in der Vormoderne in der Regel alle anderen Gebäude einer Ortschaft. Was bedeutet es aus städtebaulicher Perspektive, wenn Kirchenbauten im Laufe der Zeit von Profanbauten locker überragt werden? Sagt das auch etwas über Bedeutung und Stellenwert der Kirche bzw. der Religion in einer Gesellschaft aus?          

Dr. Fehrmann: In Hamburg entzündete sich der Streit um die Wichtigkeit der Kirchspiele bereits früh an der Höhe ihrer Türme. Weil man den Turm des Michels in der Neustadt auf einem Berg errichtete, war er höher als die Türme der älteren Hauptkirchen, was deren Gemeinden kritisch zur Kenntnis nahmen. Im 19. Jahrhundert waren Schornsteine die auffälligsten Zeichen für den neuen Stellenwert der Industrie, traten aber kaum in Konkurrenz zu den Kirchtürmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzten kirchliche Neubauten wichtige Orte in der städtischen Topographie, wurden Höhe und Form von Türmen öffentlich diskutiert. Im Berliner Renommierprojekt Hansaviertel plante man 1957 eine evangelische und eine katholische Kirche, beide allerdings eher an der Peripherie des Neubaugebiets und von den gleichzeitig geplanten Punkthochhäusern überragt. Das entspricht durchaus einem Verlust an Bedeutung. In Hamburg baute man Hochhäuser nahe den älteren Kirchtürmen, was damals nicht als Konkurrenz von Baustilen oder gar von Bauaufgaben, sondern im Gegenteil als Dialog der Moderne mit dem Alten begriffen werden sollte; das Alte allerdings verlor auch das städtebauliche Umfeld. Tatsächlich sind Türme keine notwendigen Bauteile von Kirchen, wurden aber von den Gemeinden eingefordert, weil sie genau diesen Stellenwert der Kirche sinnfällig machen. Nicht zuletzt sind sie der Ort der Glocken, die wiederum akustische Signale aussenden.  

Hamburg, Überseebrücke, Verlagshaus Gruner & Jahr, Hauptkirche Sankt Michaelis und der Fernsehturm.

"Umnutzung um jeden Preis kommt fast dem Abriss gleich"

L.I.S.A.: Viele Kirchen stehen heute leer bzw. werden nicht mehr als Gemeindezentrum gebraucht. Es stellt sich die Frage, was mit ihnen geschehen soll – Denkmal, Umwidmung oder gar Abriss? Wie stehen Sie dazu? Welche Lösung bevorzugen sie? Und wo verlaufen die Grenzen des Zulässigen bzw. noch Vertretbaren bei der Umwidmung von Kirchen?  

Dr. Fehrmann: Das ist in der Tat ein Diskussion, die unabhängig von den Schicksalen einzelner Bauten und deren ökonomischer Nutzung in der Öffentlichkeit geführt werden müsste. Die Zahl der Bauten war schon in den 50er und 60er Jahren einer Utopie geschuldet: Schon damals hätte man wissen können, dass die Gemeinden schrumpfen werden. Warum soll man die Räume nicht an Moscheen verkaufen? Hinzu kommt, dass Form und Material der Nachkriegsjahre, etwa die wenig einladenden Fassaden, die niedriger gelegten Eingangsbereiche oder der anfällige und schwer zu dämmende Sichtbeton, nicht mehr geschätzt werden, weil sie der Vorstellung von einer hellen und durchsichtigen, offenen und warmen Kirche widersprechen. Ich verstehe es als meine Aufgabe, dafür zu sensibilisieren, Baugeschichte als solche wahrzunehmen und die Objekte selber im Zentrum von Prozessen zu verstehen, leider auch denen des geplanten Abrisses.

In der langen Geschichte des katholischen Kirchenbaus sind die Kirchenbauten auch als atmosphärische Hüllen der Anwesenheit Gottes verstanden worden. Wenn die katholische Bischofskonferenz aber in ihrem Pressebericht von 2003 Kirchenbauten nur noch als „Glaubenszeugnisse“ oder im Werkstattgespräch von 2013 als „gebaute Theologie“ bezeichnet und ökonomisch beziffert, ist das wenig hilfreich. Denn dann kann man diese Bauten ohne Skrupel abreißen. Auch auf evangelischer Seite trifft man manchmal auf Pastorinnen oder Pastoren, die nichts über die Gebäude wissen, in denen sie predigen. Dann ist es umso leichter, diese aufzugeben.

Hamburg, Umbau Bethlehemkirche 2011, Stölken Schmidt Architekten BDA. Der Altar der Bethlehemkirche, die Joachim Matthaei 1958/59 errichtet hat, wird noch genutzt.

Umnutzung um jeden Preis kann fast dem Abriss gleichkommen, wenn zwar die äußere Hülle gewahrt, aber der Innenraum komplett ausgeräumt wird. Es gibt denkmalgerechte Lösungen von hoher architektonischer Qualität, etwa in den Bau eingestellte Komplexe, die wiederum die Kirchenarchitektur kaum beschädigen und sie neu erfahren lassen; ein gutes Beispiel ist die Hamburger Bethlehemkirche. Es gibt aber auch solche Umbauten, die nicht funktionieren. Eine Nutzung als Supermarkt ist mit dem Raumbild einer Kirche wohl nie kompatibel; Bars oder Bibliotheken halte ich nur dann für problematisch, wenn damit massive Eingriffe in den Bestand verbunden sind. Traurige Zeugnisse kommunikativer Leerstellen sind aus der Umnutzung bekannt, Reliefs in der ehemaligen Hamburger Simeonkirche zum Beispiel, die beim Umbau für die griechisch-orthodoxe Nikolaus-Gemeinde abgeschlagen wurden, weil sie die Ikonenwand störten. Dennoch können wir froh um diesen Verkauf sein, weil die Gemeinde das Gebäude gerettet und liebevoll saniert hat. An vielen Ecken fehlen Konzert- oder Veranstaltungsräume; die Aufgabe der Stadt ist hier, weiterzudenken und mit der Öffentlichkeit neue Konzepte zu entwerfen. Nun gehören die Gebäude der Institution Kirche, nicht den Gemeinden und nicht der Öffentlichkeit. Ihre gesellschaftliche Relevanz aber und die Kriterien zur Erhaltung und zum Abriss können nicht ausschließlich von den Kirchen selber vorgegeben und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sogar der städtischen Baudirektoren und des Denkmalamts, diskutiert werden.

Hamburg, Hg. Nikolaos, ehemalige Simeonkirche, 1965/66, Architekt: Friedhelm Grundmann, Ansicht von Nordosten.

"Auch an Agnostiker oder Menschen anderen Glaubens gerichtet"

L.I.S.A.: In Ihrem Projekt wirken verschiedene Akteure mit ­– Architekten, Ingenieure, Theologen, Gemeindemitglieder und Bürger. Gemeinsam haben alle die Suche nach dem optimalen Kirchenbau in Hamburg. Wo verlaufen dabei die Konfliktlinien? Und wie sieht bisher Ihre Vorstellung vom optimalen Kirchenbau für Hamburg aus?  

Dr. Fehrmann: Für uns Kunsthistoriker und Kunsthistorikerinnen ist Glaube keine Voraussetzung für die Analyse von Kirchen, so wenig, wie ein Ägyptologe zu Isis und Osiris beten muss. Mich überrascht daher die Vorstellung einiger Theologen, nur gläubige Christen könnten über Kirchenbauten reden, zumal sie selbst oft wenig Interesse an der Geschichte ihrer Gebäude und an deren Ausstattung zeigen. Es gibt nur wenige Internetseiten von Gemeinden, die Architektur und Ausstattung ihrer Kirchen überhaupt für erwähnenswert halten. Hier gälte es, bereits im Studium für ästhetische Qualität von Objekten, deren Raum, Akustik, Licht, Ausstattung und nicht zuletzt deren bildlicher Dokumentation zu sensibilisieren und nicht nur Schleiermacher anzuwenden, sondern auch Positionen der Kunst- und Architekturgeschichte zu rezipieren. Architekten hingegen interessieren sich meist für den guten Entwurf und die materielle Qualität der Bauten in der Umgebung Stadt, technisch wie atmosphärisch. Wie Soziologen verstehen sie diese aber selten in ihrer historischen Bedingtheit. Kirchenbauten sind jedoch, genauso wie Rat- oder Opernhäuser, historische Zeugnisse städtischer, gesellschaftlicher und liturgischer Aushandlungsprozesse, um einen Glauben oszillierend, der atmosphärisch überzeugen soll. Sie sollten auch an Agnostiker oder Menschen anderen Glaubens gerichtet sein, als ein kulturelles Angebot theologischer, philosophischer, historischer oder musikalischer Art, das einen atmosphärisch spannenden Raum vorhalten muss, der in seiner Geschichte erfahrbar sein soll. Das ist nicht wenig für den Anfang.

Dr. Antje Fehrmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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