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Georgios Chatzoudis | 05.07.2016 | 773 Aufrufe | Interviews

"Ken Adam schuf eine Ikonographie der Machträume"

Interview mit Petra Kissling-Koch über Kenneth Adam und James Bond

Die Bösewichter in James Bond-Filmen schalten und walten von besonderen Räumen aus. Es sind Machträume, die die Machtträume von Figuren wie Dr. No, Goldfinger, Blofeld oder Stromberg verkörpern sollen, so die These der Kunsthistorikerin Dr. Petra Kissling-Koch. Geschaffen hat diese Arenen der Macht, in denen Techniken aller Art und räumliche Dimensionen zu einem visuellen Gesamtfaszinosum zusammenschmelzen, der im März verstorbene Filmarchitekt Kenneth "Ken" Adam. Petra Kissling-Koch hat in ihrer Dissertation, die mit dem Ulrich-Weidner-Preis für Kunstgeschichte ausgezeichnet wurde, diese von Ken Adam entworfenen Machträume auf ihre filmarchitektonische Ästhetik sowie auf die Zuschauerrezeption hin untersucht. Wir haben sie dazu befragt.

"Auch ohne Dialog erkennen, welche Funktion der Raum hat"

L.I.S.A.: Frau Dr. Kissling-Koch, Sie haben sich in Ihrer Forschung als Kunsthistorikerin mit dem beschäftigt, was früher einmal als Filmarchitektur bezeichnet wurde und heute als Bildbau im Film ein Begriff ist. Ihr Protagonist ist dabei der berühmte Filmarchitekt Ken Adam. Was genau interessiert Sie an Ken Adam? Was ist Ihre Ausgangsfrage?  

Dr. Kissling-Koch: Ken Adam ist bekannt für seine phantasievollen und außergewöhnlichen Filmbauten, in der breiten Bevölkerung insbesondere durch die James-Bond-Filme. Seine ausdrucksvollen und kreativen Ideen haben mich seit jeher fasziniert. Hinzu kommt mein großes Interesse an der Designsprache der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, die in den frühen Bondfilmen besonders effektvoll in Szene gesetzt wurde. Adam schuf eine Ikonographie der Machträume, die den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, aber auch zwischen Gut und Böse visualisiert.

In meiner Dissertation beschäftigte ich mich vor allem mit der Frage, woran lassen sich diese Räume der Macht erkennen? Und welchen Gestaltungskanon zeichnet sie überhaupt aus? Adams Bauten kommunizieren und transportieren Botschaften, was für einen Film nicht unerheblich ist, da der Betrachter auf den ersten Blick auch ohne Dialog erkennen kann, welche Funktion der Raum hat. Adam widmete den gegnerischen Mächten ihre eigene Formensprache, was gleichzeitig eine positive oder negative Architektursicht erzeugte.

"Spiel mit den Grundformen Kreis, Quadrat und Dreieck"

L.I.S.A.: Ken Adam ist vor allem mit dem von ihm entworfenen sogenannten „War Room“ in Stanley Kubricks Film „Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb“ verbunden. Sie haben sich mit Ken Adams Designs in den James Bond-Filmen beschäftigt. In welcher ästhetischen Beziehung stehen die Machtzentralen der Bösewichter im James Bond-Film mit dem berühmten „War Room“?  

Dr. Kissling-Koch: Der War Room aus Dr. Strangelove gilt als Inkunabel der Machträume Adams. Doch er basiert auf den bereits zwei Jahre zuvor entworfenen Machträumen aus Dr. No für James Bond. Hier entstand erstmals die Idee vom Machtraum als zentrales Set im Film. Adam prägte mit Dr. No die außergewöhnliche Optik der Kommandozentralen durch eine raumbeherrschende Deckenstruktur, dem klaustrophobisch-angsteinflößenden Raumgefühl und dem Spiel der Grundformen Kreis, Quadrat und Dreieck. Der Production Designer perfektionierte mit jedem weiteren Film die architektonische Sprache, in dem er die Ausstattung durch weitere Machtsymbole ergänzte, die wie im Fall der Weltkarte auf Anhieb die Herrschaftsambitionen visualisierte.

Stanley Kubrick exhibit at Los Angeles County Museum of Art

"Die fortschrittliche Technik hat in James Bond keine wirkliche Zukunft"

L.I.S.A.: Was ist das durchgängige ästhetische Motiv bei der Gestaltung der Machträume? Wie verhalten sich dabei Mensch, Technik und Raum zueinander? Könnten Sie uns das anhand von ein oder zwei ausgewählten James Bond-Filmen erläutern?  

Dr. Kissling-Koch: Bei näherer Betrachtung der Machträume fällt auf, dass es mehrere Gliederungs- und Gestaltungsmodule gibt, die sich wiederholen. Dazu gehört zunächst ein endloses, verwirrendes Wegesystem, das den Eindringling, in diesem Fall James Bond, einschüchtern und die Orientierung nehmen soll. Ein weiteres Merkmal der Machträume sind die monumentalen Ausmaße, die wir besonders eindrucksvoll im Vulkankrater von You Only Live Twice aus dem Jahre 1967 sehen können. Die gigantische Anlage mit der enormen Spannweite war auch für Adam eine überdimensionierte Herausforderung. Es bewegte sich an der Grenze des architektonisch Machbaren. Zum festen Gestaltungskanon der Machträume gehört aber auch die personifizierte Innenausstattung mit einer festgelegten Möbel- und Sitzordnung, die durch klare Rangunterschiede gekennzeichnet ist. Die Größendifferenz der Sitzplätze fällt sofort ins Auge. Der Bösewicht residiert auf einem Thron, der Unterlegenen muss auf einem kleineren Stuhl Platz nehmen. Das ist gut im Hauptquartier von Nr. 1 aus Thunderball aus dem Jahre 1965 zu sehen.

Ein weiterer wichtiger Blickpunkt im Machtraum ist das berühmte Kunstwerk, das den Besitzer adeln möchte, aber auch seine kriminellen Machenschaften untermauert. Es ist erstmals in Dr. No zu sehen, als dem Geheimagent ein Gemälde auffällt, welches tatsächlich zuvor aus der National Gallery gestohlen wurde und nun im Film als Beute von Dr. No in Szene gesetzt wird. Aber auch in The Spy Who Loved Me von 1977 taucht die berühmte Botticelli-Venus im Speisesaal von Stromberg auf, um auf die fürstlichen Ambitionen aufmerksam zu machen.

Schließlich benötigt der Mächtige in seinen Räumen noch den Weitblick über sein Territorium. Entweder durch einen Ausblick in die Welt, in Dr. No ist es die Unterwasserwelt, oder mithilfe von Weltkarten, was mit einem überdimensionierten Globus im Film The Spy Who Loved Me auf die Spitze getrieben wird. Alle Machträume besitzen darüber hinaus verborgene, aber auch bewusst in Szene gesetzte fortschrittliche Technik wie im Laser-Set aus Goldfinger von 1964, bei dem James Bond durch die neueste Technik den Tod finden soll. Die Technik spielt eine wichtige Rolle in den Machträumen, doch meistens dient sie der Gefahrenabwehr oder ist im Besitz des Bösen. Die fortschrittliche Technik hat in James Bond keine wirkliche Zukunft, da sie am Ende des Films stets mit dem Bösewicht untergeht.

"Oft ist nicht zu erkennen, was echt oder nicht echt ist"

L.I.S.A.: Welchen Einfluss hat die Realität auf die Entstehung solcher oft fantastischen Szenenbilder? Woran orientierte sich Ken Adam bei der Gestaltung seiner Machträume? Und: Wie viel fließt möglicherweise von diesen Fantasiewelten auf die Realität zurück? Können solche Fantasieräume auch zum Modelltyp für die reale Welt werden?  

Dr. Kissling-Koch: Adam ist bekannt für sein Spiel zwischen Wahrheit und Illusion, der stilisierten Realität. Seine Bauten lassen den Betrachter oft nicht erkennen, was echt oder nicht echt ist. Es gibt zahlreiche Anekdoten über die Glaubwürdigkeit der Filmräume Adams und ihren Einfluss auf die Realität. So erwartete Ronald Reagan bei Amtsantritt im Weißen Haus in den War Room geführt zu werden. Auf Nachfrage welcher War Room entgegnete er, „der aus Dr. Strangelove“. Auch Fort Knox aus Goldfinger wirkte auf die Zuschauer so real, dass sich empörte Zuschauer bei EON Productions meldeten und fragten wie es denn möglich gewesen sei, in Fort Knox zu drehen, wenn nicht einmal der amerikanische Präsident Zugang zum größten Golddepot der Welt hätte. Die Verwirrung erreichte Adam durch die Verknüpfung aus Originalaufnahmen der Außenanlage in Verbindung seiner eigenen Idee vom inneren Fort Knox, zu dem er natürlich nie eingelassen wurde.  

Das Phantastische und Theatralische in seinen Werken ist im Deutschen Expressionistischen Film zu finden. Hier beginnt die Filmarchitektur in den Mittelpunkt zu rücken. Gerade in der Zeit des Stummfilms war die Aussagekraft der Kulisse von besonderer Bedeutung, um die Gestik und Mimik der Schauspieler zu untermalen. Adam übernahm diese Tradition. In dieser Zeit sind auch die Wurzeln der Architektur als Stimmungsträger im Film zu finden. Umgekehrt gibt es immer wieder Architekten und Designer, die sich in ihren Entwürfen auf Ken Adams Ideen berufen. Norman Forster soll sich für seine U-Bahn-Station Canary Wharf in London bei Adam inspiriert haben. Da Ken Adam aber auch zahlreiche Gadgets wie den schießenden Kugelschreiber von Q erfunden hat, sind auch hier in der Realität Anregungen für den Geheimdienst entstanden.

"Das Studio und die gebaute Kulisse boten Adam die ideale Arbeitswelt"

L.I.S.A.: Wie hat sich der Bildbau im Film infolge digitaler Techniken verändert? Ist heute alles eine Frage von Programmierung, Prozessorgeschwindigkeiten und Bildauflösung? Hat Ken Adam die digitale Wende mitgemacht?  

Dr. Kissling-Koch: Durch die digitalen Techniken sind dem Setdesign neue Möglichkeiten entstanden. Es eröffnet Darstellungsideen, die dem handwerklichen Bau früher verwehrt waren. Doch obwohl Adam ein Meister der alten Schule war und sein Handwerk mit Perfektion beherrschte, so spielte auch er schon mit den Möglichkeiten der bildlichen Illusion. Matte Paintings gehörten zum festen Repertoire im Production Design, bei dem reale und gemalte Elemente auf Glas zu einem Bild zusammengefügt wurden. Allerdings bot das Studio und die gebaute Kulisse für Adam die ideale Arbeitswelt. Dort konnte er seiner Phantasie tatsächlich freien Lauf lassen. Dem Schauspieler würde die gebaute Welt seiner Ansicht nach helfen, sich besser in seine Rolle und in die entsprechende Szene einzufühlen.

Dr. Petra Kissling-Koch hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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