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Georgios Chatzoudis | 29.06.2012 | 4202 Aufrufe | 4 | Interviews

"Keine Verdrängung aufgrund von Schenkungen"

Interview mit Prof. Dr. Hermann Parzinger

Die Alten Meister in der Berliner Gemäldegalerie sollen für eine Übergangsphase ins Bode-Museum umziehen. Kritiker dieses Plans befürchten, dass es sich dabei nicht nur um ein Provisorium handelt, sondern um eine klammheimliche Abwicklung der Gemäldegalerie, die letztlich ins Depot und somit ins dauerhafte Vergessen führe. Bei L.I.S.A. hat in der vergangenen Woche der Kunsthistoriker Joris Corin Heyder diese Befürchtung geäußert und eine rege Debatte angestoßen - nachzulesen im Beitrag Ab ins Depot!.

Wir haben mit Prof. Dr. Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gesprochen und wollten unter anderem von ihm wissen, was mit der Gemäldegalerie in Zukunft geschehen wird.

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Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Parzinger, Präsident die Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz

"Das Bode-Museum ist nicht gerade klein"

L.I.S.A.: Herr Professor Parzinger, Kunsthistoriker und Freunde der Berliner Gemäldegalerie machen sich Sorgen um die Dauerausstellung von Werken der sogenannten Altmeister. Hintergrund ist eine private Schenkung mit etwa 150 Werken, für die Platz gesucht wird. Es wird befürchtet, dass dafür nun reihenweise van Eycks, Rembrandts, Tizians, Mantegnas und Dürers im Depot verschwinden und dort vergessen würden. Stimmt das? Wie stellt sich der Sachverhalt aus Ihrer Perspektive dar?

Prof. Parzinger: Die Angst, dass die Meisterwerke der Gemäldegalerie (die von Ihnen genannten van Eycks, Rembrandts, Tizians, Mantegnas und Dürers) verschwinden werden, ist unbegründet. Bei der Interimpräsentation der Werke der Gemäldegalerie im Bode-Museum – bis der Neubau steht – haben wir vor, ca. 500 Werke zu zeigen (im Vergleich zu den ca. 1.000 Werken die jetzt im Hauptgeschoss der Gemäldegalerie gezeigt werden). Das Bode-Museum ist mit ca. 6.700 qm sogar etwas größer als die jetzige Gemäldegalerie mit 5.700 qm reiner Ausstellungsfläche (ohne die Wandelhalle, die aber nicht zur Präsentation von Kunstwerken benutzt wird). Vor dem Krieg waren ja sogar noch über 400 Werke der Gemäldegalerie, darunter zahlreiche Großformate, die dann 1945 im Flakbunker Friedrichshain verloren gingen (darunter Gemälde von Rubens, Signorelli, Van Dyck, Caravaggio, Tintoretto und Veronese), Teil der Sammlung im Bode-Museum, ferner war die gesamte Skulpturensammlung ebenfalls noch dort, und fast ein Drittel des Hauptgeschosses des Bode-Museums wurde vom Museum für Islamische Kunst benutzt. Das Bode-Museum ist also nicht gerade klein.

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Bode-Museum, Berlin

"In verdichteter Form für das Publikum zugänglich machen"

Prof. Parzinger: Natürlich wollen wir die sehr volle Präsentation von Bode nicht reproduzieren, aber wir werden die Meisterwerke der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung in verdichteter Form für das Publikum zugänglich machen. Der Reiz der Gemäldegalerie ist jetzt, dass man Rembrandt und seine Schule in allen Facetten zeigen kann. Das wird erst im Neubau wieder der Fall sein. In der Interimspräsentation im Bode-Museum wird man das zwar reduzieren müssen, aber alle Rembrandts und die wichtigsten Werke seiner Schüler werden ausgestellt bleiben. Es kann sein, dass man von den fünf Werken Govert Flincks nur eins zeigt; selbstverständlich aber bleiben der Anslo, die Susanna, und der Simson von Rembrandt sichtbar.

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Susanna und die beiden Alten, Rembrandt van Rijn

"Wir planen eine 'Galerie des 20. Jahrhunderts'"

L.I.S.A.: Ist eine Lösung vorstellbar, die sowohl den Werken der Altmeister als auch der Schenkung Pietzsch gerecht wird?
 
Prof. Parzinger: Das genau haben wir ja vor. Übrigens geht es hier gar nicht in erster Linie um die Sammlung Pietzsch, sondern es geht um einen dauerhaften Ort für die Kunst des 20. Jahrhunderts insgesamt, die in Berlin in der Sammlung der Nationalgalerie hochkarätig vertreten ist, aber derzeit nur in Ausschnitten gezeigt werden kann. Die klassische Moderne hat gerade in Berlin durch den barbarischen Bildersturm der Nazis zur so genannten entarteten Kunst ungeheuere Verluste erlitten, die nach dem Krieg erst allmählich und nur teilweise wieder ausgeglichen werden konnten. Das Gebäude der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe ist schon seit Jahrzehnten zu klein für unseren eigenen Bestand, und Berlin hat kein angemessenes Haus für die Moderne. In einer „Galerie des 20. Jahrhunderts“ ließe sich endlich die Sammlung unserer Neuen Nationalgalerie umfassend zeigen, ergänzt durch die Werke der Sammlung Pietzsch und auch durch die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Sammlung Marx), die sich derzeit noch im Hamburger Bahnhof – Museum der Gegenwart befindet, aber längst nicht mehr zeitgenössisch ist. Eine solche „Galerie des 20. Jahrhunderts“, wie wir sie planen, wird mit herausragenden Beständen die Kunstentwicklung des 20. Jahrhunderts aufzeigen, vom Expressionismus bis Beuys, mit all ihren Brüchen einschließlich der getrennten Kunstentwicklungen in West- und Ostdeutschland nach 1945, das wird auch im weltweiten Vergleich etwas ganz Besonderes. Dieses Haus wird herausragende Bedeutung erhalten und das Kulturforum als „Forum der Moderne“ profilieren.

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Kulturforum Berlin

"Kein Auszug der Alten Meister ohne Architekturwettbewerb für Neubau"

Prof. Parzinger: Gleichzeitig wollen wir auf der Museumsinsel in Bode-Museum und einem zu errichtenden Erweiterungsbau Malerei und Skulptur zusammenführen, ergänzt durch temporäre Kabinettausstellungen des Kupferstichkabinetts, um so die Kunstgattungen auch in einen Dialog zu bringen, wie es kürzlich die so erfolgreiche Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ vorgemacht hat. Erst wenn wir Malerei und Bildhauerkunst – jetzt kilometerweit voneinander getrennt – zusammenführen, wird die Museumsinsel als Ort der Kunstentwicklung von der Antike bis ins 19. Jahrhundert (Alte Nationalgalerie) vollendet und zu einem wahrhaftigen Berliner Louvre. Das ist deshalb die ideale Lösung sowohl für die Alten Meister wie auch für die Moderne. Natürlich wird sich nicht alles sofort und auf einmal realisieren lassen, sondern nur Schritt für Schritt. Wichtig ist, dass der erste Schritt, die Realisierung der „Galerie des 20. Jahrhunderts“ in der umgerüsteten jetzigen Gemäldegalerie nicht vorgenommen wird, ohne die entscheidenden Weichen für den zweiten Schritt, die Präsentation der Alten Meister auf der Museumsinsel, gestellt zu haben. Und dazu gehört ein Architekturwettbewerb zur zukünftigen Gestalt des Erweiterungsbaus des Bode-Museums. Die Alten Meister werden aus ihrem jetzigen Ort nicht ausziehen ohne Architekturwettbewerb für den Neubau. Ich bin optimistisch, dass uns dies gelingen wird.

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Alte Nationalgalerie, 1951

"Profilierung der Museumsinsel und des Kulturforums"

L.I.S.A.: Die Schenkung Pietzsch wird sicherlich nicht die letzte private Übereignung dieser Art sein. Was muss in Zukunft passieren, damit auch neuere Kunst einen angemessenen und dauerhaften Ausstellungsplatz findet, ohne andere Dauerschauen zu verdrängen?

Prof. Parzinger: Es ist mir wichtig, sehr deutlich klarzustellen, dass es hier nicht um die Bevorzugung oder Verdrängung von Sammlungen aufgrund von Schenkungen geht, sondern um eine wohldurchdachte und zukunftsfähige Profilierung unserer Museumsstandorte: die Museumsinsel als Ort der Kunst und Kultur Europas und des Nahen Osten von der Antike bis ins 19. Jahrhundert und das Kulturforum als Forum der Moderne.

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Tastmodell der Berliner Museumsinsel für Blinde und Sehende, aufgestellt am 16. Dezember 2011 zwischen Altem Museum und Spreearm: Links Bode-Museum (mit Kuppel), rechts der Stadtbahn das Pergamon-Museum (in U-Form), rechts daneben James-Simon-Galerie (im Bau), dahinter das Neue Museum (mit Nofretete), direkt dahinter die Alte Nationalgalerie, rechts der Bodestraße das Alte Museum mit dem vorgelagerten Lustgarten und dem Berliner Dom.

Prof. Dr. Hermann Parzinger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von JCH | 29.06.2012 | 01:27 Uhr
Ich möchte der L.I.S.A-Redaktion herzlich danken, dass Sie das Thema wichtig genug findet, um den Präsidenten der Staatlichen Museen Prof. Dr. Hermann Parzinger dazu zu befragen. Dadurch entsteht vor allem ein notwendig differenziertes Bild der derzeitigen Situation.

Übrigens ist sich wohl die große Mehrheit der Kritiker einig, dass eine gemeinsame Präsentation der Skulpturen- und Gemäldesammlung eine tolle Sache wäre. Auch hätte sicherlich niemand etwas gegen eine reduzierte Schau der Sammlung für einen absehbaren(!) Zeitraum. Das Unbehagen stellt sich wohl eher dadurch ein, dass ein Architekturwettbewerb nicht zwangsläufig die Garantie für einen zeitnah ausgeführten Neubau darstellt. Und auf nicht absehbare Zeit fehlen 500 Bilder (die Studiengalerie nicht eingerechnet) - immerhin die Hälfte der derzeit ausgestellten Sammlung - dann eben doch! Noch wenig konnte man bisher über die Verdichtung der Skulpturensammlung erfahren. Wir werden uns von der Neueinrichtung überraschen lassen müssen, die - das ist gewiss - einen neuen, absolut sehenswerten Publikumsmagneten darstellen wird!

Das sollte uns aber nicht davon abhalten, die beiden Sammlungen in ihrer derzeit präsentierten Vielfalt und Breite noch mehrmals oder besser vielmals zu besuchen, um auch dem Charme etwa einer kleinen, leicht zu übersehenden geldrischen Tafel mit putzenden Engelchen aus den 1430er Jahren zu erliegen oder aber um alle fünf Poussins im Vergleich zu studieren.

Nochmals, vielen Dank ans Redaktionsteam und auch an Prof. Parzinger für die Bereitschaft zum Interview.

Kommentar

von JCH | 29.06.2012 | 15:54 Uhr
Die heute auf Seite 1 des Feuilletons veröffentlichte Sichtweise Niklas Maaks (FAZ) sei den Interessierten nicht vorenthalten:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/berliner-kulturpolitik-rettet-die-gemaeldegalerie-11803058.html

Kommentar

von JCH | 01.07.2012 | 21:48 Uhr
Prof. Jeffrey Hamburger, Harvard University, hat eine Petition eingerichtet, in der er den Präsidenten Prof. Dr. Hermann Parzinger dazu aufruft, den Umzug erst dann zu realisieren, wenn tatsächlich die Möglichkeiten zu einer vollumfänglichen Sammlungspräsentation geschaffen sind:

http://chn.ge/NjXhr4

(Please sign!)

Kommentar

von JCH | 03.07.2012 | 14:16 Uhr
Nun auch eine eindeutige Stellungnahme vom Verein Deutscher Kunsthistoriker:
http://www.kunsthistoriker.org/offener_brief_gemaeldegalerie.html

Bitte zahlreich unterzeichnen!

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