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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 07/22/2017 | 552 Views | 1 | Articles

Keine Interaktion! Bild-Text-Bezüge von Beischriften. Eine Standortbestimmung in fünf Punkten

Francisca Feraudi-Gruénais (Alte Geschichte, Universität Heidelberg) zum a.r.t.e.s. forum 2016

Das a.r.t.e.s. forum ist die interdisziplinäre Jahrestagung der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland einlädt, aus ihrer jeweiligen disziplinären Perspektive zum Tagungsthema Bezug zu nehmen. Das a.r.t.e.s. forum 2016 versammelte Beiträge zum Thema "text – language – media". Im Folgenden ist das Résumé von Dr. Francisca Feraudi-Gruénais zu ihrem Vortrag beim a.r.t.e.s. forum am 15. Juli 2016 zu finden.

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I.

(Antiken) Beischriften werden langläufig auf gezielte Rezeptionen ausgerichtete und damit monofinale Funktionen zugewiesen. Als Elemente bildlicher Darstellungen sollen sie demzufolge der Sicherung des beabsichtigten Verständnisses beim Rezipienten dienen. In der Tat sind Beischriften auf Bildwerken der klassischen Antike ein sehr häufig auftretendes Phänomen. Sie sind andererseits aber auch nicht omnipräsent, und so bleiben die Deutungen bildlicher Darstellungen aufgrund des ‚Fehlens‘ von Beischriften für den (modernen) Betrachter nicht selten im Unklaren. Doch genau darin, nämlich in ihrem häufigen Auftreten, wo dies oftmals aufgrund ikonographischer Eindeutigkeit ‚verzichtbar‘ wäre, und ihrem Ausbleiben, wo man sie zum gesicherten Bildverständnis vermisst, manifestiert sich bereits ein Wesensmerkmal von Beischriften, das ahnen lässt, dass man mit monokausalen, rein funktionsorientierten Erklärungen des Phänomens Beischriften nicht weiterkommen wird.

II.

Die Beurteilung der Frage nach einer möglichen Interaktion von Bild und Beischrift erfordert in erster Linie ein Verständnis vom Funktionieren von Beischriften in ihrer unmittelbaren Symbiose mit dem Bild, und zwar dies unter Wahrung der prinzipiellen Eigenständigkeit der Aktanten Bild und Schrift. Denn wenn der Diskurs über Beischriften bislang in einem primär finalistischen Verständnis um deren Funktionen kreiste, so berührt dieser bestenfalls nur Teilaspekte von Beischriften, bei denen der eine (Schrift) dezidiert subordiniert in der Funktion des anderen (Bild) steht. Dahinter verbirgt sich jedoch bereits ein Vorurteil, das es, wie ich meine, hermeneutisch gerade zu vermeiden gilt, und weshalb es methodisch geraten erscheint, eine Perspektive des (möglichst) prämissefreien Beobachtens und Hinterfragens des Zusammenwirkens von Bild und Schrift einzunehmen. Die zentrale Frage dabei ist vorliegend: gründet dieses Zusammenwirken, das intrinsiche Funktionieren, tatsächlich auf Interaktion?

Es ist dies eine Frage, die, einmal mehr, der Klärung einer Reihe vorgelagerter Fragen bedarf. Die wichtigste: ‚Was sind eigentlich Beischriften?‘ Sind Beischriften letztlich (eine Form von) Inschriften? Oder gerade nicht? Dass Bei-schriften womöglich nicht zu In-schriften zu zählen wären, liegt jedenfalls nicht unbedingt auf der Hand, durchaus auch in der Community der Epigraphiker.

Das ‚Gefährliche‘ an dieser harmlosen wie notwendigen Grundfrage ist nämlich, dass sie quasi durch die Hintertür die Beantwortung eine weiteren, fast schon ketzerisch anmutenden Frage einfordert, konkret jener, was denn In-schriften eigentlich genau seien?! – Tatsächlich besteht in der Forschung zur antiken Epigraphik hierüber keineswegs ein Konsens. Der 2012 erschienene Aufsatz „What is an inscription?“ von Silvio Panciera (ZPE 183, 2012, 1–10) bringt dies auf den Punkt. Obwohl der Autor die Beischriften-Frage allerdings nicht nur nicht klärt, sondern noch nicht einmal tangiert (was per se bezeichnend ist), liefert er doch im Rahmen seiner Definition von Inschriften hilfreiche Orientierungspunkte, die sich für Ableitungen im Sinne einer Definition von Beischriften gut eignen.

In diesem Sinne gilt es zu verstehen, (1) in welchem Verhältnis Bei-schriften zu In-schriften stehen, (2) wie Beischriften beschrieben werden können, (3) welche epigraphische Kategorie sie bilden und (4) wie sie sich gattungstypologisch darstellen und differenzieren lassen. Dass meines Erachtens Bei-schriften nicht einfach In-schriften sind, sei an dieser Stelle orientierungshalber bereits vorweg genommen.

Erst auf einer so geschaffenen Grundlage erscheint es mir überhaupt möglich, das hier im Zentrum stehende Aktions-Potential von Beischriften adäquat zu beschreiben, und zwar – auch dies sei hier vorweggenommen – mit dem letztendlich sich einstellenden Ergebnis, dass sich dieses Aktions-Potential dezidiert nicht (allein) in den Dynamiken von Inter-Aktion erschöpft.

Angesichts der Vielseitigkeit und ästhetischen Faszination von Beischriften, die bereits für die Antike durchaus als ein transkulturelles Phänomen betrachtet werden dürfen, geht es um die Klärung von Grundsatzfragen, die vorranging über das Finden einer Definition und einschlägiger Kategorien erfolgen muss. Beischriften als Gesamtphänomen zu erfassen, nicht die Diskussion einzelner Bildmonumente, ist daher Gegenstand der folgenden Überlegungen.

III.

Was versteht man gemeinhin unter ‚Beischriften‘? Der Begriff ‚Beischrift‘ ist in seiner langläufigen Verwendung genauso vage und polyvalent, wie er auch sprachlich, und zumal wissenschaftssprachlich, jeglicher Einheitlichkeit und Konsistenz entbehrt. So treten neben den deutschen weitgehend deskriptiven Terminus ‚Beischrift‘ der englische ‚label‘ bzw. ‚labelling inscription‘, der französische ‚légende‘ und der italienische ‚didascalie‘ bzw. ‚iscrizione didascalica‘, welche letzteren unterschiedlich stark Aspekte des Auszeichnens, Erklärens oder gar belehrenden Erläuterns betonen. In allen genannten Fällen geht es um Buchstabensequenzen, die in offensichtlichem Zusammenhang mit bildlichen Darstellungen stehen, wobei Länge und Art der Texte genauso unterschiedlich ausfallen wie auch das Verhältnis von Schrift und Bild sowie die Art deren wechselseitiger Bezugnahmen sich sehr verschieden ausnehmen können.


Nicht minder unübersichtlich ist die monument- und gattungstypologische Ausgangslage mit ihrer Vielfalt an Trägern von Beischriften. Denn wenn wir uns darauf einigen, dass Beischriften Texte bzw. Buchstabensequenzen sind, die bildlichen Darstellungen beigeschrieben und inhaltlich auf diese bezogen sind, so begegnen sie uns als ausgesprochen facettenreiche, zudem epochen- und kulturübergreifende Erscheinung, die, um nur einige markante Etappen zu nennen, von den frühesten schriftproduzierenden Kulturen Ägyptens, über jene der semitischen Sprach- und Kulturräume des Vorderen Orients bis hin zur griechisch-römischen Antike reicht. Mit dem Ende der Antike war dieses Phänomen keineswegs erschöpft, sondern wirkt mit einer beeindruckenden Präsenz in den späteren Epochen – übrigens nicht nur der west-europäischen Kunstgeschichte – bis in unsere Zeit hinein weiter.

Beschränken wir uns hier auf die griechisch-römische Antike: Prinzipiell gibt es hier kaum einen bildtragenden Monumenttyp, der potentiell nicht auch Träger von einzelnen Worten oder längeren Texten sein konnte, die Bezüge zu bildlichen Darstellungen aufweisen. Einer der prominentesten Denkmaltypen mit bildkünstlerisch prägenden Symbiosen von Bild und Schrift ist sicher jener der attischen Vasen. Kaum weniger stark vertreten sind Zeugnisse der griechischen Reliefkunst, der klassisch griechischen wie besonders auch römischen Wandmalerei und, besonders umfangreich, der römischen Mosaikkunst.

Ohne sich hier in Einzelbeobachtungen zu verlieren gilt es daher, aus diesem so heterogenen Befund an Monumenttypen und Beischriftenvarianten für eine valide Ermittlung des jeweiligen Verhältnisses zwischen bildlichen Darstellungen und beigeschriebenen Buchstabensequenzen eine verbindliche und ordnende Gattungstypologie heraus zu präparieren. Die im folgenden vorgeschlagene Typologie ist dabei dezidiert unabhängig von jedweden Vorstellungen zur Funktion und Rolle von Beischriften konzipiert; sie ergibt sich allein aus den unmittelbar wahrnehmbaren Merkmalen, mithin dem schlichten Phänomenon von Beischriften.

Sie besteht aus sechs Kategorien, die mittels ihrer jeweils in sich geschlossenen, per se aussagekräftigen, von den jeweils anderen Kategorien klar unterschiedenen gattungstypologischen Merkmale so voneinander abgegrenzt sind, dass sie sowohl für die Frage nach dem Aktions-Potential (vorliegend konkret nach den etwaigen Interaktionen) taugen, als auch für weiterführende Untersuchungen von Beischriften hermeneutisch funktionabel sein dürften:

  1. Benennung von einzelnen Lebewesen / mythologischen Gestalten / Gegenständlichem
    a) Benennung von (mythologischen) Bildthemen,            
    b) Benennung von (realen) Handlungsszenen,
  2. Dialoge (‚Sprechblasen‘),
  3. ekphrastische Paraphrasierungen dargestellter Szenen,
  4. inschriftenartige ‚Beischriften‘,
  5. Künstlersignaturen / Stifternamen.

Wie nicht anders zu erwarten, sind diese Kategorien im tatsächlichen Befund nicht immer in dieser Reinform anzutreffen. So ergeben sich etwa typischerweise vielfach Kombinationen aus der Verbindung der Bezeichnung von Gegenständlichem [1)] mit der Benennung von Bildszenen [2)] oder mit ‚Dialogen‘ [3)].

Ausgehend von der so geschaffenen gattungstypologischen Ordnung rückt nun endlich auch eine Definition von Beischriften in greifbare Nähe, wobei die hierfür herausgearbeiteten Voraussetzungen folgendermaßen zusammengefasst werden können:

  1. Anders als In-schriften – beispielsweise eine Grabinschrift im Inschriftenfeld eines Reliefsarkophags – nehmen Bei-schriften deutlich eine Zwitterposition ein, nämlich als konstitutive Elemente (d. h. nicht lediglich bildbezogene bzw. textgebundene Zugaben auf Text- bzw. Bildfeldern!) zugleich be-schrifteter und be-bilderter Artefakte.
  2. Charakteristisch ist dabei, und dies dezidiert anders als bei Inschriften, die starke Symbiose zwischen den Beischriften und den bildlichen Darstellungen, zu denen sie in (flächen-) räumliche und auch inhaltliche Beziehung gesetzt sind.
  3. Mehr als nur Texte zu sein, eignet ihnen auf diese Weise zugleich auch der Status von Ikono-Texten.
  4. Dennoch geht die genannte Symbiose nicht so weit, dass die wesentlichen textuellen Eigenschaften dieser Beischriften in einer Weise transformiert wären, die zur Auflösung ihrer textgebundenen Eigenwertigkeit geführt hätte. Die ‚Grund-DNA‘ dieser Textzeugnisse ist und bleibt die (in-)schriftliche und ist jedenfalls keine bildliche.
  5. Insofern ist eine Annäherung an die Beischriften, der Versuch einer Definition, von Seiten der Inschriften (und nicht etwa von Seiten der Bilder) genauso geboten, wie sie eigentlich ohnehin evident ist.
  6. Da die Wesensmerkmale von Beischriften somit nicht völlig mit jenen der Inschriften in Deckung zu bringen sind, ist das Phänomen Beischriften folglich einer eigenen wissenschaftstheoretischen Kategorie – den Parainschriften – zuzuordnen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich eine Definition von Beischriften als Parainschriften an folgenden Punkten festmachen:

  1. a) Beischriften befinden sich sowohl auf (Schrift-)trägern des alltäglichen wie auch des nicht-alltäglichen Gebrauchs; diese Voraussetzung verbindet sie zum Teil – nämlich für den Aspekt des nicht-alltäglichen Gebrauchs – durchaus mit den Inschriften (nach der Definition Panciera).
    b) Die Schriftträger von Beischriften sind genuin Bild-träger (bemalte Gefäße, Wände mit Fresken, Relieftafeln, dekorierte Mosaikpavimente, usw.), nicht Schrift-träger (Altäre, Statuenbasen, Architekturelemente, usw. mit eigenen Inschriftenfeldern), eine Voraussetzung, die sie dezidiert nicht mit den Inschriften (nach der Definition Panciera) teilen.
  2. Es besteht eine offensichtliche (inhaltliche und topologische) Verbindung zur bildlichen Darstellung [hier bereits vorweggenommen: im Sinne von auf den bildlichen Gegenpart hin ausgerichteter – identitätswahrender – Syn-Aktion]; dieses Merkmal teilen Beischriften als Parainschriften nur ausnahmsweise mit Inschriften; die genannte Verbindung zählt jedoch definitiv nicht zum Wesen von Inschriften [, wo in Fällen von Text-Bild-Bezügen vielmehr Inter-Aktionen vorliegen], sie charakterisiert aber gerade die Beischriften.
  3. Beischriften lassen sich unterschiedlichen, klar voneinander abgegrenzten gattungstypologischen Kategorien zuweisen. Sie nehmen dabei nie eine Doppelrolle etwa im Sinne von ‚teils Inschrift und zugleich teils Beischrift‘ ein.

IV.

Eine (Zwischen-) Bilanz in vier Sätzen: (1) Antike Beischriften stellen ein sich ausgesprochen vielfältig und heterogen ausnehmendes Schriftphänomen dar. – (2) Sie stehen topologisch und inhaltlich in einem engen Relationsgefüge zu bildlichen Darstellungen. – (3) Trotz und wegen ihrer starken Affinitäten zu Inschriften bilden sie als Parainschriften eine eigene Kategorie von Schriftzeugnissen mit entsprechend eigenen Gesetzmäßigkeiten. – (4) Die wichtigste Konsequenz dieses Befundes ist, dass für die entsprechenden Aktions-Modi der Schrift-Bildgefüge im Falle der Beischriften der Begriff der Inter-Aktion nicht greift.

V.

Ausblick: Aber was dann? – Eine positive Alternative zum negierten Konzept von Inter-Aktion: Wie oben ausgeführt, impliziert die Suche nach dem Aktions-Modus des Zusammenwirkens von Beischrift und Bild das Ergründen von deren intrinsischem Funktionieren. Nicht die (nach außen, auf Rezeption ausgerichtete) Funktion, sondern die (inneren) Funktionsmechanismen der Syn-Aktion von Bild und Beischrift stehen im Fokus. Hierfür bietet sich eine Annäherung in zwei Schritten an:

Erstens über die gleichsam äußere Schicht, die unmittelbare Evidenz, das bei genauerem Hinsehen ohne größere Mühe Wahrnehmbare im Hinblick auf das Funktionieren von Beischriften. Die Fragen lauten: ‚Was?‘ für ein Funktionieren liegt vor? Was passiert mit dem Bild durch die Beischrift? ‚Was wäre, wenn eine bestimmte Darstellung keine Beischrift hätte?‘, mag hierfür eine hilfreiche Leitfrage sein. Grundsätzlich fällt dabei zweierlei auf:

Zum einen, dass die Darstellungen in zwei Hauptgruppen zerfallen, namentlich beschriftete Bilder, die rein ikonographisch nicht selbsterklärend, anders ausgedrückt ‚beischriftenbedürftig‘ erscheinen, sowie solche, die rein ikonographisch prinzipiell selbsterklärend sind.

Zum anderen zeigt sich eine beachtliche Vielfalt und Differenziertheit dieses Funktionierens: sei es

  • als ikonographische Substitute oder Surrogate,
  • als Distinktionsmittel angesichts von Massierungen gleichartiger Motive,
  • in der Individualisierung topisch komponierter Handlungsszenen,
  • im Verleihen von Eindeutigkeit bei ansonsten mehrdeutigen bzw. nicht eindeutig deutbaren Handlungssituationen,

und dies zudem

  • in Verbindung mit andererseits darüber hinausgehenden, scheinbar ‚zweckentkoppelten‘ Eigendynamiken (beispielsweise in Gestalt einer Beischrift „res“ zur Bezeichnung eines, an sich spezifischen, Gegenstandes)

oder

  • als wahlweise affirmierende, modifizierende oder schlicht identifizierende Bildbestandteile.

Besonders signifikant ist in diesen Fällen, dass ausgesprochen häufig gerade auch solche Motive oder Szenen, die (uns) als ikonographisch potentiell selbsterklärend und damit ‚unproblematisch‘ erscheinen, mit Beischriften versehen sind. Genau diese ohne weiteres von außen ablesbaren Mechanismen des Funktionierens von Bild und Beischrift legen jedenfalls schon sehr deutlich nahe, dass die Funktion von Beischriften maßgeblich über den reinen Zweck des Identifizierens des bildlichen Ausdrucks hinausgehen bzw. auf einer anderen Ebene anzusiedeln sein muss. Der Sinn von Beischriften erfüllt sich somit nicht im ‚Didaskalischen‘ / Lehrhaften, wie es etwa der italienische Terminus von Beischriften (iscrizione didascalica) suggeriert, und auch nicht im per Bildunterschrift Beschreibenden, wie dies im Französischen (légende) zum Ausdruck kommt.     

Zweitens über die gleichsam innere Schicht, d. h. die intrinsischen Funktionsmechanismen, das ‚Wie?‘ der Synaktion von Beischrift und Bild. Wie erfolgt dieses Funktionieren genau, und wie ist es zu beschreiben?

Ein taugliches Messkriterium für das Erfassen der Existenz und, nachgelagert, der Effizienz von synaktivem Potential ist die bei genauerer Analyse nachvollziehbare Intensitätsstärke im intrinsischen Spannungsfeld zwischen Bild und Beischrift. Messbar ist sie anhand des qualitativen und des quantitativen Synaktionsgrades. So ist etwa das synaktive Potential qualitativ am stärksten bei Vorliegen einer kompositorisch engen Verzahnung – und zwar dies zunächst ganz unabhängig davon, ob eine Beischrift für das inhaltliche Verständnis des Bildes (aus unserer Perspektive) ‚relevant‘ ist oder nicht (was besonders auch für die sog. nonsense-Beischriften bedeutsam ist); demnach synagieren umgekehrt etwa Beischriften auf Bildrändern weitaus weniger stark mit den zugehörigen Bildern, auch wenn der Text inhaltlich insofern höchst ‚relevant‘ erscheint, als er die dargestellten Protagonisten benennt. Andererseits wiederum kann qualitative Schwäche, eben aufgrund wenig ausgeprägter kompositorischer Verzahnung, kompensiert sein durch eine quantitativ und optisch starke Präsenz.

Was sich bei systematischer Anwendung dieser Messmethode zeigt, ist jedenfalls ein mit fortschreitender Zeit deutliches Nachlassen an Intensität. Da dieser Rückgang jedoch keineswegs zu einem Aufhören des Phänomens Beischriften als solchem führte, kann dies nur bedeuten, dass nicht nur der reinen Existenz von Beischriften, sondern mutmaßlich auch deren Funktionen Motivatoren zugrunde lagen, die dann allerdings außerhalb der Kategorien von Syn-Aktion im Besonderen, geschweige denn von Inter-Aktion im Allgemeinen zu suchen wären.

Anders ausgedrückt: Es findet sehr wohl und auf mehreren Ebenen – der inhaltlichen und kompositorischen – Synaktion statt; aber diese scheint (weitgehend) nur die innerexistentielle bzw. intrinsische Conditio sine qua non zu sein, nicht jedoch der Urgrund für das Phänomen der Existenz von Beischriften als solcher sowie insbesondere ihrer langen (nachantiken) Persistenz. Beischriften der Antike erweisen sich somit (auch) als Faktoren eines ‚Habit‘, der sich offenbar nicht ausschließlich in synaktiven Dynamiken erschöpfte. Dass diesem ‚Habit‘ hierbei ein funktionaler Charakter eignete, die – vorliegend zunächst bewusst ausgeklammerte – Funktion von Beischriften sich also nicht unwesentlich in der Visualisierung eines eigentlich intendierten, offenbar epochenübergreifenden ‚labelling habit‘ erfüllte, ist eine nunmehr denkbare, wenn auch in ihrer Gültigkeit noch eigens zu verifizierende Hypothese.

Zoom
Programmflyer a.r.t.e.s. forum 2016 (860.64 KB)

Comment

by Stefan Junginger | 11.09.2019 | 08:27
Jede Kommentierung in irgwendeiner Form, sei sie nachträglich, ex post zutreffend, hat doch genau so eine eigene Vorgeschichte, und die erklärt nicht warum jemand sich derlei viel Arbeit macht ohne zu verstehen das er Teil eben dieser gewesen sein muss. Da könnte ja jeder kommen. Wen, denkt man, spricht das an?

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