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Dr. Birte Ruhardt | 07/16/2013 | 3664 Views | Interviews

Katalonien und Baskenland - nationale Unabhängigkeit im Kontext der Globalisierung

Interview mit Patrick Eser über Unabhängigkeitsbestrebungen in Spanien

Im Zeitalter der Globalisierung verlieren nationale Grenzen und Nationen zunehmend an Bedeutung. In manchen Regionen aber steht die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit immer noch an erster Stelle: so auch in Katalonien und im Baskenland. Dr. Patrick Eser, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanistik der Universität Kassel, untersucht in seiner Dissertation "Fragmentierte Nation - globalisierte Region? Der baskische und katalanische Nationalismus im Kontext von Globalisierung und europäischer Integration" die baskischen und katalanischen Nationalbewegungen. Seine Arbeit wurde mit dem Werner-Krauss-Preis des Deutschen Hispanistenverbandes ausgezeichnet. Wir haben mit ihm über seine Forschung gesprochen.

"Forderung nach nationaler Unabhängigkeit"

L.I.S.A.: Herr Dr. Eser, Sie haben sich in Ihrer Doktorarbeit mit dem Spannungsfeld Nationalismus-Globalisierung beschäftigt. Ihr Hauptaugenmerk richten Sie dabei auf den baskischen und katalanischen Nationalismus. Was war dabei die Ausgangs- bzw. Leitfrage Ihrer Untersuchung?


Dr. Eser: Am Anfang meiner Untersuchung stand die Verwunderung darüber, dass in einem Zeitalter, in dem die nationalen Grenzen und Nationen zunehmend an Bedeutung verlieren, in manchen Regionen, so im Baskenland und in Katalonien, die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit von großen Bevölkerungsteilen befürwortet wird. Diese Forderung und ihre breite Unterstützung in den beiden Regionen muten auf den ersten Blick anachronistisch an. Ausgehend von diesen erklärungsbedürftigen Phänomenen zielt das Erkenntnisinteresse darauf ab, zu klären, wie sich die auf nationale Selbstbehauptung abzielenden politischen Bestrebungen im Kontext der Globalisierung und des Anstiegs der globalen ökonomischen und politischen Interdependenzen verändern. Entsprechend habe ich die Aufmerksamkeit darauf gelegt, zu untersuchen, welche politische Ziele formuliert werden, wie diese begründet und wie sie erreicht werden sollen.

L.I.S.A.: Welcher Nations- und Nationalismusbegriff liegt Ihrer Arbeit zugrunde? Kann man sich bei der Vielfalt an wissenschaftlichen Konzepten überhaupt noch auf eine klare Definition verständigen?

Dr. Eser:
Es ist tatsächlich sehr schwierig, nicht zuletzt angesichts der in den letzten Dekaden prosperierenden nationalismustheoretischen Debatten, einen weithin geteilten Nationalismusbegriff zu finden. Nationalismus wurde seit den 1980er Jahren in unterschiedlichen Perspektiven zum Forschungsgegenstand gemacht, die mitunter sehr produktive Erkenntnisse hervorgebracht haben. Diese methodische Vielfalt muss keine Schwäche sein – im Gegenteil! Die Herausforderung besteht darin, einen für das eigene Forschungsdesign adäquaten Nationalismusbegriff zu heraus zu arbeiten und diesen der Analyse in kritischer Zuspitzung zugrunde zu legen. Die konkrete Beschäftigung mit dem katalanischen und baskischen Nationalismus zeigt, dass es schwierig ist, von „dem“ katalanischen respektive baskischen Nationalismus zu sprechen, da diese sehr verschiedene Strömungen umfassen, deren Programmatik, Ideologien und politische Praxis stark voneinander abweichen. Ich habe meiner Untersuchung den von dem tschechischen Nationalismusforscher Miroslav Hroch geprägten Begriff der „Nationalbewegung“ zugrunde gelegt. Der Begriff ist ein historisch-dynamischer Begriff, der die verschiedenen Stadien der Entwicklung der Nationalbewegungen beleuchtet wie auch die soziale Trägerschaft und somit die sozialstrukturelle Dimension untersucht. Nationalbewegungen sind niemals homogene politische Erscheinungen und stets durch eine innere ideologische Heterogentität gekennzeichnet. Bedeutend für meine Untersuchung war es den Aspekt ideologischen Heterogenität zu betonen und die ideologische Fragmentierung der Nationalbewegungen in verschiedenen Spielarten oder auch „Diskursgemeinschaften“ zu beleuchten.

Dr. Patrick Eser, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanistik der Universität Kassel

"Nationalismus und Globalisierung"

L.I.S.A.: Sie verknüpfen in Ihrer Untersuchung den Nationalismus mit der Globalisierung und sprechen in dem Zusammenhang von fragmentierten Nationen und globalisierten Regionen. Dabei begreifen Sie Globalisierung vor allem als ökonomische Größe. Inwiefern fragmentiert der Neoliberalismus politische Identitäten bzw. politisch verfasste Gemeinschaften?

Dr. Eser:
Das Verhältnis von Nationalismus und Globalisierung ist ein komplexes, das nicht durch eine eindeutige Determinations- bzw. Verursachungszusammenhang beschrieben werden kann. Zwei Varianten lassen sich jedoch identifizieren: Zum Einen zieht die neoliberale Globalisierung tief greifende sozioökonomische Polarisierungstendenzen nach sich und schafft dadurch eine gesellschaftliche und politische Konstellation, in der die Attraktivität der nationalen Ideologie als Faktor der sozialen Kohäsion deutlich erhöht wird. Zum Anderen wandeln sich Nationalismus und nationale Ideologie im Kontext der Globalisierung und der Hegemonie des Neoliberalismus.
Was den ersten Aspekt betrifft lässt sich beobachten, wie die ökonomische Unzufriedenheit ein starkes Motiv der Nationalbewegungen ist. Die Differenzen zwischen den beiden Untersuchungsregionen und Rest-Spanien in der ökonomischen Entwicklung und den entsprechenden statistischen Kennziffern (Wirtschaftsleistung, Arbeitslosigkeit etc.) verleihen der nationalistischen Rhetorik eine Plausibilität. Die sozialstrukturelle Polarisierung im Zuge der neoliberalen Vergesellschaftung lässt eine Programmatik attraktiv erscheinen, die „zu Hause“ soziale Kohäsion und nationale Identität verspricht und zugleich das Übel im „Außen“ und „Anderen“ (spanischer Staat, Europa etc.) verortet. Das Motiv der Besitzstandswahrung und die Strategie der Verteidigung des relativen Vorsprungs können bestimmte Spielarten des Nationalismus beflügeln.

Im Hinblick auf den zweiten Aspekt lässt sich beobachten, wie der Verweis auf die „Globalisierung“ zu einem bedeutenden argumentativen Stützpfeiler der nationalen Ideologie wird. Der vermeintliche Schutz, den die nationale Identität bietet, spielt hier ebenso eine bedeutende Rolle wie auch politische Projekte, die mit dem Bezug auf die nationale Ideologie den Einsatzwillen in der Bevölkerung für den globalen Wettbewerbskampf erhöhen wollen. Die nationale Ideologie wird so standortpolitisch funktionalisiert und die Nation zur ökonomischen Standortgemeinschaft, die sich zugleich für den ökonomischen Standortvorteil wie für die Reproduktion der nationalen Identität, Kultur etc. einsetzen soll. Die neoliberale Logik des internationalen Standortwettbewerbs ist sehr gut mit der Ideologie der Pluralistismus der nationalen Identitäten (bzw. noch besser mit der Vermarktung der nationalen Identitäten im Standortmarketing) vereinbar.

"Zwei verschiedene Definitionen von Nation"

L.I.S.A.: Von einer baskischen oder katalanischen Nation zu sprechen, ist für den spanischen Zentralstaat eine Herausforderung. Ist es im Falle der Basken und Katalanen gerechtfertigt von Nationen statt von Regionen zu sprechen?

Dr. Eser:
Diese Frage steht im Zentrum der politischen Auseinandersetzung, ihre eindeutige Beantwortung ist nur schwer möglich, ohne sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Vereinfachend dargestellt erkennt der konsequente spanische Nationalismus nur das Konstrukt der einheitlichen spanischen Nation an, während die minoritären Nationalismen in der baskischen, katalanischen und auch galicischen Peripherie behaupten, dass im spanischen Staat mehrere Nationen existieren, denen ihre politischen Rechte zuzugestehen sind. Im Jahr 2006 beschloss das katalanische Parlament mit großer Mehrheit ein neues Autonomiestatut, in dessen Präambel Katalonien als Nation definiert wurde. Eine Bestimmung, die das spanische Verfassungsgericht 2010 als verfassungswidrig einschätzte, da sie ein  Überschreiten der Kompetenzen des katalanischen Regionalparlaments darstelle. Das regionale Parlament Kataloniens könne nicht solche weitreichenden, die Verfassung des spanischen Staates betreffenden Bestimmungen treffen. Grundlegende Aussagen zur spanischen Verfassung könne nur die spanische Nation, das einzige nationale Rechtssubjekt der demokratischen Verfassung, und dessen parlamentarische Vertretung treffen. Sie sehen: zwei verschiedene Weisen, Ihre Frage, die eine große politischen Sprengkraft besitzt, zu beantworten. Zwei verschiedene Definitionen von Nation, die sich offensichtlich widersprechen und unvereinbar erscheinen. Der Protest gegen das „Nein“ des spanischen Verfassungsgerichts lockte im Juli 2010 über eine Millionen Katalanen in Barcelona auf die Straße.

L.I.S.A.: Welche Rolle spielen im Spannungsfeld von Nationalismus und Globalisierung die beiden Metropolen Barcelona und Bilbao?


Dr. Eser: Metropolen sind stets Aushängeschilder, für das „Land“, die Region oder die Nation. Die mentalen Repräsentationen der Städte und die Stadtbilder sind von großer Bedeutung für die verschiedenen kollektiven (urbanen, regionalen, nationalen etc.) Selbstentwürfe. Die Diskurse über die Metropolen, deren Veränderung und Entwicklungsperspektiven haben einen großen Einfluss auf die identitäre Selbstkonzeption, wie am Beispiel Barcelonas und Bilbaos nachgezeichnet wird. Beide Städte unterlagen seit den 1980er Jahren großen Veränderungen und Umstrukturierungen, die seitens der Akteure der Nationalbewegungen sowohl kritisch begutachtet als auch zu beeinflussen versucht wurden. Die Metropolenpolitik war zugleich Anlass zur wie auch Mittel der Aktualisierung der nationalen Ideologie. Im Baskenland hat der bürgerliche Mehrheitsflügel der Nationalbewegung, der Partido Nacionalista Vasco (PNV), die Vision einer baskischen Global City entworfen und die globale Integration der Stadt und des Baskenlandes unter der gleichzeitigen Modernisierung ihres nationalen Profils befürwortet. Durch die Förderung einer spezifischen Entwicklung der lokalen Wirtschaft sollte eine kulturelle Eigendynamik in Gang gesetzt werden, die der Stadt einen besonderen kulturellen Eigenwert verleihen sollte. Den Metropolen oder großen, bedeutenden Städten kommt in der Selbstfindung der Nationen im globalen Kontext eine besondere Rolle zu; sie sollen, so die weithin geteilte Annahme, markante, sichtbare Punkte auf der internationalen Landkarte darstellen, die über einen distinkten kulturellen Charakter verfügen und durch eine kulturelle Eigendynamik gekennzeichnet sind. Fragen der internationalen Aufmerksamkeit und Strategien der Sichtbarmachung verschränken sich mit Auseinandersetzungen über die kulturelle Identität und nicht zuletzt mit dem Kalkül der ökonomischen Selbstvermarktung der Stadt – z.B. als attraktive Tourismusdestination oder als innovativer Hochtechnologiestandort. Dieser Komplex macht deutlich, dass die Globalisierung sehr verkürzt behandelt wird, wenn sie auf die ökonomische Dimension reduziert wird.

"Ein Europa der Regionen?"

L.I.S.A.: Ein Blick in die Zukunft: Wachsen wir eher zusammen oder streben wir eher auseinander? Anders gefragt: was ist wahrscheinlicher - ein einheitliches Europa oder ein Europa der Regionen?

Dr. Eser: Ein Europa der Regionen muss ja nicht unbedingt ein uneinheitliches sein. Viele Konzeptionen des Europa der Regionen verstanden und verstehen sich als eine europäische Gestaltungsidee, die ein geeintes Europa mit einer Reform der Binnengliederung unter föderalistischen Zeichen anstrebt, in dem den Regionen verstärkt Kompetenzen zugestanden und die regionale kulturelle Besonderheit besondere Berücksichtigung erfährt. Ähnlich verhält es sich mit dem Europa der Nationen, das vor allem die bürgerlichen Flügel der baskischen und katalanischen Nationalbewegung propagieren. Breite Strömungen in der baskischen und katalanischen Nationalbewegung haben die Projekte der politischen Emanzipation ihrer Nation im gesamteuropäischen Rahmen konzipiert und entsprechend große Hoffnungen auf den Prozess der europäischen Integration gesetzt. Für sie war und ist die nationale Emanzipation nur auf europäischer Ebene denkbar und eng mit der Vertiefung der europäischen Integration verbunden. In dem recht starken linken Flügel der baskischen Nationalbewegung existiert eine große Skepsis gegenüber der EU, Europa wird dort allerdings nicht als Projekt an sich in Frage gestellt, vielmehr das Demokratiedefizit sowie die neoliberale Ausrichtung der europäischen Integration kritisiert. Wenn das Projekt der europäischen Integration ernsthaft in Frage gestellt wird, dann weniger von regionalistischen oder minoritär-nationalistischen Bestrebungen, die lediglich eine territoriale Umverteilung der politischen Kompetenzen anstreben (diese wären prinzipiell in das Projekt der europäischen Integration zu integrieren sein), als eher durch die starke ökonomische Ausdifferenzierung und sozialstrukturelle Fragmentierung der europäischen Nationalökonomien und Gesellschaften. Diese sind in der jüngsten Krise verstärkt zum Vorschein getreten und könnten ernsthafte Ausprägungen des Euroskeptizismus beflügeln.

Dr. Eser hat die Fragen der L.I.S.A.-Redaktion schriftlich beantwortet.

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