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PD Dr. Oliver Hülden | 07.03.2012 | 3020 Aufrufe | 8 | Artikel

Kann man auf Facebook ein archäologisches Forschungsprojekt begleiten?

Ein Experiment von Oliver Hülden

Im Internet wird wissenschaftliche Forschung oftmals von Personen öffentlich gemacht oder kommentiert, die zwar selbst über eine wissenschaftliche oder zumindest journalistische oder medienrelevante Ausbildung verfügen, diese Forschung aber nicht selbst betreiben. Das gilt auch für die Archäologie. Warum aber soll man Anderen das Feld überlassen und als Forscher nicht selbst tätig werden? Das Kibyratis-Projekt ist ein archäologisches Feldforschungsprojekt in der Türkei und seit Januar auf Facebook anhand von regelmäßig erscheinenden Beiträgen begleitbar.

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Vor einiger Zeit habe ich bei L.I.S.A. einen kurzen Film über ein archäologisch-historisches Feldforschungsprojekt in der antiken Kibyratis (Südwest-Türkei) eingestellt (Video bei L.I.S.A.), das seit 2008 durch die Gerda Henkel Stiftung unterstützt wird und das ich als Klassischer Archäologe gemeinsam mit dem Althistoriker Prof. Dr. Thomas Corsten (Universität Wien) leite.  Die Initiative zu diesem Film ging von einem unserer Mitarbeiter, Dipl.-Ing. Andreas Rieger (Hochschule Karlsruhe), aus, der mit diesem Medium bereits im Rahmen seiner vermessungstechnischen Tätigkeit für andere archäologische Projekte weitreichende Erfahrungen gesammelt hat. Dennoch handelte es sich um eine eher spontane Aktion, die darauf abzielte, einige Aspekte unserer wissenschaftlichen Forschungen auch in bewegten Bildern festzuhalten. Nach erstem Zögern haben wir uns dann dazu entschlossen, den Film bei L.I.S.A. einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen.

Zumindest für mich sehr überraschend und unerwartet hoch fiel daraufhin die Resonanz  auf unseren Film aus. Das hat mich dazu animiert, die aktuell geführte Diskussion um das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit vor dem Hintergrund des digitalen Wandels stärker in mein Blickfeld zu rücken und Überlegungen zur öffentlichen Darstellung des eigenen Forschungsprojekts anzustellen, die über gelegentliche Vorträge und Beiträge in populärwissenschaftlichen Zeitschriften hinausgehen. Als Folge habe ich Anfang Januar im Sinne eines Experiments eine eigene Seite für das Kibyratis-Projekt auf Facebook gestartet. Facebook wurde deshalb ausgewählt, weil eine eigene Homepage nicht zuletzt wegen des geringen Bekanntheitsgrades der Region selbst unter Fachkollegen sicherlich nicht dieselben Möglichkeiten der schnellen und vor allem messbaren Verbreitung geboten hätte und überdies die Handhabung von Facebook verhältnismäßig einfach ist.

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Das Kibyratis Projekt bei Facebook

Das Ziel der Seite ist es jetzt, mittels regelmäßig eingestellter Beiträge über unsere Forschungen zu berichten und damit unser Projekt und seine Ergebnisse für einen interessierten Personenkreis zeitnah und allgemein verständlich begleitbar zu machen. Die auf 15 bis 25 Zeilen begrenzten und stets bebilderten Artikel sind gewöhnlich nur einem einzigen Aspekt gewidmet und insofern inhaltlich abgeschlossen. Darüber hinaus stehen sie aber naturgemäß in einem Zusammenhang und sollen am Ende sogar ein Gesamtbild unserer Forschungen vermitteln. Da die Facebook-Seite dem Beginn des aktuellen Projekts gewissermaßen hinterherhinkt, sind die bisherigen Beiträge noch mit unserer eigenen „Forschungsvergangenheit“ beschäftigt: Vor einigen Jahren hatten wir zunächst  eine der vier Städte der Kibyratis, das antike Bubon, intensiv untersucht, und so waren und sind die derzeitigen Beiträge den dort erzielten Ergebnissen und mancher vielleicht überraschenden Anekdote zu diesem Ort gewidmet. Der Rückstand zu den laufenden Forschungen soll dann spätestens bis zum Sommer aufgeholt sein, um aktuell von unserer Kampagne berichten zu können, die wir im übrigen auch wieder – und diesmal auf nicht mehr ganz so spontane Weise – filmisch begleiten werden.  Wessen Interesse nun geweckt ist und wer einen archäologisch-historischen Survey von seinem Entstehen bis zu seinem Abschluss begleiten möchte, der ist herzlich dazu eingeladen.

PS: Um die Beiträge zu lesen oder die Fotos anzuschauen, bedarf es keiner Anmeldung bei Facebook. Wer allerdings interaktiv tätig werden möchte (was ich sehr begrüße), muss sich anmelden.

Kommentar

von Marcus Cyron | 07.03.2012 | 08:52 Uhr
Lieber Herr Hülden, wenn sie sich jetzt noch dem thematisch dazu gehörigen beziehungsweise den dazu gehörigen Artikeln annehmen würden, wäre das eine Klasse Sache. Ich finde es immer wieder großartig, wenn Archäologen verstehen, daß Öffentlichkeitsarbeit dazu gehört.

Kommentar

von Marcus Cyron | 07.03.2012 | 08:55 Uhr
Da habe ich oben vor "Artikeln" doch den wichtigsten Teil vergessen. "Wikipedia-Artikeln" natürlich.

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von Michael Müller | 07.03.2012 | 11:01 Uhr
Ich wünsche dieser wegweisenden Initiative viel Erfolg! Auf der Facebook-Seite des Projekts gibt es schon die ersten wissenschaftlichen Diskussionen mit KollegInnen über die Kommentare. Für mich als Halblaie (NF Klassische Archäologie) macht es Spaß, Ihnen auf diese Weise über die Schulter zu schauen. Gut gefallen hat mir auch, dass sie allgemeine Nachrichten aus Ihrem Fach kommunizieren und sich nicht auf projektinterne Mitteilungen beschränken. Bin schon sehr gespannt, wie sich die Seite weiter entwickelt.

Kommentar

von PD Dr. Oliver Hülden | 07.03.2012 | 14:35 Uhr
Lieber Herr Cyron, sich der Wikipedia-Artikel zu Kibyra und den anderen Städten der Tetrapolis anzunehmen bzw. einen neuen Eintrag zur Kibyratis zu erstellen, ist sicherlich folgerichtig. Vielen Dank daher für Ihre Anregung! Allerdings ist anzumerken, dass solche Artikel, selbst wenn man mit der Materie gut vertraut ist, auch so ihre Zeit in Anspruch nehmen, die man an anderer Stelle abzweigen muss und die man im Grunde als Wissenschaftler kaum hat. Insofern wird es wohl noch ein wenig dauern, bis ich dazu komme ...

Kommentar

von Marcus Cyron | 08.03.2012 | 16:50 Uhr
Sollten sie dann Unterstützung benötigen, stehe ich gerne zur Verfügung, über die Gerda-Henkel-Stiftung bin ich leicht zu erreichen.

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von Guido Nockemann M.A. | 12.03.2012 | 11:20 Uhr
Ein tolle Experiment und ich kann nur aus eigener Erfahrung, dem virtuellen Archäologen 2.0 bei Facebook

(https://www.facebook.com/askanarchaeologist

sagen, dass es durchaus funktioniert und auch viel Spaß macht. Was nützt schon die schönste Wissenschaft wenn es keiner mitbekommt :-)

Kommentar

von PD Dr. Oliver Hülden | 12.03.2012 | 14:43 Uhr
Lieber Herr Müller, vielen Dank für Ihr ermunterndes Feedback! Über Kommentare, Anregungen, aber auch konstruktive Kritik freue ich mich, da all das wichtig ist, um die Seite weiterzuentwickeln und auf lange Sicht interessant zu halten.

Kommentar

von PD Dr. Oliver Hülden | 12.03.2012 | 14:51 Uhr
Lieber Herr Nockermann, auch Ihnen besten Dank für Ihren Kommentar und den damit verbundenen Hinweis auf Ihre eigene Facebook-Seite, die ich mir bei Gelegenheit genauer ansehen werde. Den Nutzen von Wissenschaft sehe ich allerdings auch, wenn sie nur im "Verborgenen" wirkt, d.h. in den Fachzirkeln, wo die Forschung betrieben wird. Aber darin sind wir uns wahrscheinlich auch einig.

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