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Georgios Chatzoudis | 23.04.2015 | 3918 Aufrufe | 1 | Interviews

"200.000 amerikanische Bomberangriffe haben Pol Pot erst möglich gemacht"

Interview mit Bernd Stöver über die Geschichte Kambodschas

Vor 40 Jahren haben die Roten Khmer unter der Führung von Pol Pot Phnom Penh eingenommen, die Hauptstadt Kambodschas, und dort ein Terrorregime installiert. Dem war die Ausdehnung des Vietnamkrieges auf kambodschanisches Territoriums durch die USA vorausgegangen. Allein 1973 warfen US-amerikanische Bomber zweimal so viele Bomben über Kambodscha ab wie während des gesamten Zweiten Weltkrieges über Japan. Die Folgen dieser Massenbombardements sowie die Erinnerung an die Terrorherrschaft der Roten Khmer sind bis heute eine schwere Last für ein Land, das auf eine weit zurückreichende Geschichte zurückblicken kann - jenseits von Kaltem Krieg, B-52-Bombern, Roten Khmern und verbliebenen Minenfeldern. Der Historiker Prof. Dr. Bernd Stöver von der Universität Potsdam bereist das Land schon seit Jahren und hat jüngst eine Geschichte Kambodschas vorgelegt. Wir haben ihn zu seinem neuen Buch befragt.

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"An Kambodscha kann man Mechanismen des Kalten Kriegs beobachten"

L.I.S.A.: Herr Professor Stöver, Sie haben zuletzt ein neues Buch veröffentlicht - die "Geschichte Kambodschas. Von Angkor bis zur Gegenwart". Wie kamen Sie zu diesem Thema? Warum Kambodscha?

Prof. Stöver: Ich bin vor etwa 14 Jahren auf das Thema Kambodscha gestoßen, und zwar zuerst nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, über das Thema des Kalten Krieges. Mich interessierte etwas anderes. Kambodscha gehört zu den großen untergegangenen Imperien, die nach ihrer über Jahrhunderte andauernden Hoch-Zeit scheinbar völlig unvermittelt verschwanden, aber unglaublich eindrucksvolle Architektur hinterließen. Die Europäer, die seit dem 16. Jahrhundert und dann vor allem im Zuge der Einrichtung des französischen Kolonialgebiets „Cambodge“ in Südostasien die Tempelanlagen systematischer erforschten, zunächst kaum vorstellen, dass es die verarmten-rückständigen Khmer gewesen sein sollten, die die Bauherren gewesen war. Als die ersten christlichen Missionare im 16. Jahrhundert die Anlagen sahen, vermuteten sie sogar antike griechische Bauten, war doch schon Alexander der Große bis nach Indien vorgestoßen. Parallel dazu entstand seit 1860er Jahren im Westen ein umfassendes Interesse an dieser scheinbar „vergessenen Welt“, die auch in der Literatur einen deutlichen Niederschlag fand. Vergleichbar war das vielleicht mit der heutigen Begeisterung für Spielfilme über „vergessene Welten“, wie sie Hollywoodfilme á la „Indiana Jones“ auslöste. Insofern bin auch ich eher über mein Interesse für Architektur und den Mythos Angkor auf das Thema gestoßen. Ich habe danach weit über ein Dutzend Reisen in das Land und seine Nachbarstaaten unternommen, um das Land zu verstehen und mir vor allem die Khmer-Tempel anzuschauen, die weit über das jetzige Staatsgebiet Kambodschas sich auch im heutigen Laos und Thailand finden.

Kambodscha – oder offiziell „Kampuchea“ – gehört aber aus wissenschaftlicher Sicht auch zu den interessantesten Ländern, wenn es um die realen Auswirkungen des Kalten Krieges geht. An ihm kann man in vielfacher Weise die Mechanismen des Konflikts beobachten, bis hin zur Verkehrung der Fronten, wie man sie in den 1980er Jahren beobachten konnte, als unter anderem die USA die in die Wälder geflüchteten Radikalkommunisten der Roten Khmer unter Pol Pot unterstützten, weil sie gegen Vietnam, gegen das die USA gerade den Vietnamkrieg verloren hatten, aber mit China kämpften, mit dem Washington 1972 einen gegen die Sowjetunion gerichteten Vertrag abgeschlossen hatten, der Peking faktisch als Ordnungsmacht nach dem Abzug der US-Truppen eingesetzt hatte. Der amerikanische Vietnamkrieg und seine Vorgeschichte in den 1950ern, waren es zuvor, die Kambodscha, das nach dem Ende des Ersten Indochinakriegs 1954 noch zu den großen demokratischen Hoffungen Südostasien gehörte, in die Katastrophe des „Demokratischen Kampuchea“ der Roten Khmer katapultierte. Es gibt kaum jemanden, der heute noch bestreitet, dass es die über 200.000 amerikanischen Bomberangriffe waren, die Pol Pot erst möglich machten. Die dadurch zu Waisen gewordenen Kinder und Jugendlichen, die zu Pol Pot kamen, gehörten zu den unbarmherzigsten Vollstreckern des Völkermords in Kambodscha, der mindestens rund 1,7, vielleicht aber auch über drei Millionen Kambodschanern das Leben kostete. 

"Der Film 'Killing Fields' zeigt das Chaos beim Einmarsch der Roten Khmer"

L.I.S.A.: Denkt man an Kambodscha denkt man nicht zuerst an Angkor, sondern bis heute vor allem an den Vietnam-Krieg und die anschließende Terrorherrschaft der Roten Khmer. Wie gegenwärtig ist diese jüngere Geschichte heute in Kambodscha? Welches historische Erbe wiegt schwerer?

Prof. Stöver: Schwerer wiegt natürlich das Erbe der etwa dreieinhalb Jahre dauernden Herrschaft der Roten Khmer, allein schon wegen der Toten und der anderen Hypotheken, die – wie etwa die Millionen Landminen – Kambodscha bis heute belasten. Für die Khmer ist aber das historische Erbe Kambujas, des über ein halbes Jahrtausend reichende Großreichs, das erst 1431 unterging, der eigentliche Erinnerungsort. „Angkor“ ist heute alles, was wichtig erscheint, bis hin zur wichtigsten Biermarke des Landes.  

L.I.S.A.: Im kollektiven Gedächtnis des Westens ist Kambodscha mit zwei Filmen verbunden: „Apocalypse Now“ und „Killing Fields“. Wie sehr prägen diese Narrative unser Bild des Landes und seiner Geschichte?

Prof. Stöver: „Apocalypse Now“ hat wie „Killing Fields” weltweit das negative Bild auf Kambodscha unterstrichen, das meines Erachtens bis heute fortwirkt. Man denke nur an den Satz aus Apocalypse Now, mit dem der von Martin Sheen verkörperte Filmheld, „Captain Willard“, der den außer Kontrolle geratenen Colonel Kurtz im Auftrag der US-Armee töten soll, im Film begrüßt wird, als er die Grenze Kambodschas überschreitet:„Hier sind Sie am Arsch der Welt, Captain“. Das war für das westliche Publikum ebenso fremd wie die Szenarien, die das fast achtzig Jahre alte literarische Vorbild des Films, Josephs Conrads berühmte Kongo-Novelle Heart of Darkness. „Killing Fields“ ausgebreitet hatte.

„Killing Fields” zeigte ebensolchen Horror. Der Film zeigte das Chaos, das beim Einmarsch der Roten Khmer in seinem Ausmaß durchaus mit dem vergleichbar war, was in Saigon stattfand, aber dort durch die anwesenden Journalisten viel bekannter wurde. In Phnom Penh dokumentierten es für die Weltöffentlichkeit als erste die in der Hauptstadt noch verbliebenen Ausländer, so die für die „Washington Post“ tätige Elizabeth Becker, Jon Swain von der „Sunday Times“, der Archäologe Francois Bizot, der damals als Mitglied eines französischen Wissenschaftlerteams in Angkor arbeitete. Am berühmtesten wurde aber der Bericht des „New-York-Times“-Korrespondent, Sydney Schanberg. Auf ihm beruhte der 1984 uraufgeführte britische Film „The Killing Fields“.

Darüber hinaus ließ der Bericht und auch der Film die Irrationalität und Brutalität sichtbar werden, wahrscheinlich mehr als ein Dokumentarfilm. Die verbliebenen Westler sahen sich dem Treiben der Truppen Pol Pots ausgeliefert. Jon Swain erinnerten die einmarschierenden „Bauernjungen, die den Tod aus dem Effeff beherrschten“, an „verzogene Gören“, die ihre Launen an der Bevölkerung ausließen. Die Bilder der Flucht Schanbergs nach Thailand zeigten zumindest einen Teil de Grauens: Leichen liegen unbeerdigt in der Gegend. Selbst langjährige Kenner des Landes, wie der Anthropologe François Bizot, glaubten angesichts dieser Katastrophe sogar, dass es eine besonders ausgeprägte Brutalität der Khmer gebe.

"Kambodscha gehört zu den am schwersten bombardierten Ländern des 20. Jahrhunderts"

L.I.S.A.: Inwiefern ist Kambodscha ein Beispiel von vielen für den Dekolonisationsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg? Was entspricht globalen Mustern und was war genuin „kambodschanisch“?

Prof. Stöver: „Genuin kambodschanisch“im Dekolonisationsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg ist eigentlich kaum etwas. Die Dekolonisierungshoffnungen stützten sich seit der Oktoberrevolution 1917 vor allem auf die Versprechungen, die die spätere Sowjetunion veröffentlichte, sowie auf nationale Traditionen, die in Kambodscha die Erinnerung an Angkor bzw. das alte Kambuja mit seiner großen Reichsgeschichte als Imperium beinhalteten. Insofern war spezifisch kambodschanisch eigentlich nur die spezifische Erinnerungskultur und die offizielle Vergangenheitspolitik bezogen auf „Angkor“.

Dies – die Berufung auf das Vorbild Sowjetunion und nationale Traditionen – ist allgemein und auch „global“ gesehen tatsächlich der Normalfall im Dekolonisierungsprozess.

L.I.S.A.: Das Land hatte nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen den Ruf einer Musterdemokratie. Was machte es dazu und woran ist sie dann gescheitert? Welche Rolle spielte dabei der Kalte Krieg?

Prof. Stöver: Musterdemokratie wäre wohl übertrieben. Zumindest gab es nach dem Ende des Ersten Indochinakriegs 1954 aber die Hoffnung im Westen, hier könne eine Demokratie nach westlicher Vorstellung entstehen. Das stellte aber bereits die Politik Sihanouks ab 1955 mehr und mehr in Frage, die die Opposition massiv behinderte und schließlich weitgehend ausschaltete. Aus der Sicht des Westens wurde Sihanouk zunehmend auch außenpolitisch zum Unsicherheitsfaktor, weil er sich den Fronten des Kalten Krieges entzog und versuchte, „zwischen den Fronten“ zu bleiben, was allerdings misslang. Er gehörte zu der Gründergeneration der Blockfreien Staaten und plante zunächst einen Verbund buddhistischer Länder, für die er neben Kambodscha auch Thailand, Burma, Laos und Ceylon vorsah. Dies kam aber nicht zustande. Sihanouk spielte wie viele andere der Blockfreien zwischen den Fronten, indem er im Bewusstsein, dass beide Supermächte keinesfalls ein Einflussgebiet ohne Not aufgeben würden, von beiden Seiten Hilfen annahm. Phnom Penhs Architektur ist ein Beispiel, wie erfolgreich diese Strategie zumindest in den 1950er und 1960er Jahren war. Der entscheidende Schritt in die Fronten des Kalten Krieges war aber wohl die noch vor dem Beginn des amerikanischen Einsatzes von Bodentruppen vollzogene Abwendung von den USA und die gleichzeitige Öffnung des Landes für den chinesischen und sowjetischen Nachschub durch Kambodscha, mit denen diese die Viet Minh bzw. die Viet Cong mit versorgten.

Die zentrale Rolle für den Absturz des Landes ins Chaos, dessen Höhepunkt die „steinzeitkommunistische“ Diktatur der Roten Khmer zwischen 1975 und 1979 war, spielte somit tatsächlich der Kalte Krieg. Beide Hauptbeteiligte, USA wie UdSSR, verstanden das ehemalige Französisch-Indochina, zu dem Kambodscha gehört hatte, nach wie vor als wichtiges Einflussgebiet, dessen Aufgabe als markante Niederlage im Systemkonflikt gesehen wurde. Die verdeckten Operationen gegen „die andere Seite“ verstärkten sich deswegen seit 1954 deutlich. Für die amerikanische Seite hat dies Graham Greens Roman „The Quiet American“ eine facettenreiche Illustration gegeben. Mit dem Amtsantritt Kennedys 1961 verstärkten sich die Bemühungen der USA. Kennedy verstärkte signifikant die Gruppe der militärischen „Berater“ in Südvietnam. Ihre Zahl stieg nun bis zum Beginn des direkten militärischen Eingriffs immer steiler an: von rund 500 im letzten Jahr der Regierung Eisenhower 1960 auf etwa 16.500 im Jahr 1962. 1964 waren unter Kennedys Nachfolger Johnson sogar 23.300 Berater dort tätig. Das war der Beginn des Zweiten, des amerikanischen Indochina-Kriegs, der bereits drei Jahre vor seinem offiziellen Beginn 1965 unter anderem mit Entlaubungsmaßnahmen an der kambodschanischen Grenze begann. Seit 1965 bis 1975 gehörte Kambodscha zu den am schwersten bombardierten Ländern des 20. Jahrhunderts, in dem am Ende sogar die einfachsten Regeln des Völkerrechts außer Kraft gesetzt waren.

"Das Land war niemals für einen Massenansturm von Millionen Touristen gerüstet"

L.I.S.A.: Heute sucht Kambodscha vor allem seine Zukunft im Tourismus. Welche Möglichkeiten bieten sich aus Ihrer Sicht? Vor welchen Aufgaben steht das Land dabei?

Prof. Stöver: Seit etwa zehn Jahren buchen jährlich mehrere Millionen Menschen Kambodscha als ihr Urlaubsziel. 2013 entschieden sich rund 4,2 Millionen Besucher, vornehmlich aus Vietnam, Japan und Korea für Kambodscha. Das ist zwar weniger als etwa das Nachbarland Thailand verbucht. Aber Kambodscha ist auf dem besten Weg, wieder als das wahrgenommen zu werden, was es vorher bereits war: Eines der interessantesten und schönsten Länder Südostasiens. Angkor Wat und Angkor Thom, die berühmsteten Tempel des alten Kambuja stehen im Mittelpunkt, wie jeder sehen wird, der dort ist. Aber „Angkor“ umfasst mindestens 400 Quadratkilometer, in seiner vollen Ausdehnung ein Territorium von bis zu 1.200 Quadratkilometern; das entspricht etwa der Fläche des heutigen New York City. Es finden sich Hunderte, teils weit in den Wäldern versteckte Anlagen. Eigentlich ist das auch gut so: Das Land und seine Kultur waren niemals für einen Massenansturm von Millionen Touristen gerüstet.

Die Aufgaben, vor denen das Land somit steht, betreffen vor allem den Schutz seines kulturellen Erbes, das zudem mittlerweile seit fast 150 Jahren systematisch geplündert wird. Daran sind die Khmer allerdings vielfach mitbeteiligt gewesen. Eigentlich ist es deswegen ein Segen, dass viele der Tempel weit abgelegen sind. Man kann nur darauf hoffen, dass auch die Besucher ein Einsehen haben. Das Land ist zudem nach wie vor, wenn auch mittlerweile durch die von vielen Ländern unterstützte Suche und Entfernung von Landminen und Blindgängernin geringerem Umfang von diesen sog. UXOs belastet. Offiziell schätzte man 2002, dass rund 4.500 Quadratkilometer des Landes mit noch nicht geräumten Altlasten der Kriege, die das Land seit 1940 heimsuchen, kontaminiert sind. Dazu gehören auch heute noch Bereiche um weltberühmte Tempel. In kaum einem anderen Land der Welt finden sich so viele Amputierte wie in Kambodscha, da niemand weiß, wo die Sprengsätze liegen. Identifiziert sind heute nur rund 11.500 in rund 15.000 Dörfern. Daher gefährden sie bis heute nicht nur rund 45 Prozent der Einheimischen, sondern auch unvorsichtige Touristen, die vielleicht nur einmal kurz von ausgeschilderten Wegen abweichen.

Weitere Probleme finden sich natürlich in der massiven Unterentwicklung und weitverbreiteten Korruption, die auch westliche Besucher irritiert oder sogar abschreckt. Auch wenn sich viel seit 1999, seitdem die Reste der Roten Khmer endgültig aufgaben, verändert und zum Besseren gewandelt hat, das Land gehört nach wie vor zu dem ärmsten der Welt. Der zukünftige ökonomische Erfolg der Landes, auf das die Regierung in Phnom Penh so dringend hofft, wird aber zweifellos nicht in einem Wettlauf um die geringsten Löhne für die Produktion westlicher Marken liegen, sondern in einem Ausbau seiner touristischen Möglichkeiten.

Kommentar

von Diplom Politologe | 30.04.2015 | 08:56 Uhr
Die Aussage: "200.000 amerikanische Bomberangriffe haben Pol Pot erst möglich gemacht" ist missverständlich und kann zu falschen Schlussfolgerungen führen. Mit Pol Pot werden grausame Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Verbindung gesetzt. Die Überschrift suggeriert, dass die Amerikaner letztendlich für die Verbrechen der Khmer Rouge verantwortlich sind. Eine gängige Meinung übrigens unter Kambodschanern, die nicht verstehen können/wollen, wie Kambodschaner/innen, Kambodschaner/innen umbringen konnten.

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