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Georgios Chatzoudis | 03.03.2020 | 514 Aufrufe | Interviews

"Junge Frauen nehmen Ungerechtigkeiten nicht mehr hin"

Interview mit Barbara Potthast über Gewalt gegen Frauen und deren Proteste in Lateinamerika

Die anhaltenden Proteste in Lateinamerika sind aus der aktuellen Berichterstattung so gut wie verschwunden. Auch als noch im vergangenen November häufiger berichtet wurde, ist eine Gruppe Protestierender dabei kaum berücksichtigt worden: Frauen. Tatsächlich sind es aber vor allem Frauen, die sich an Demonstrationen und Aktionen gegen die bestehenden Verhältnisse in Chile, Argentinien oder Peru beteiligen. Das hat Tradition in Lateinamerika, wo sich Frauen als besonders stark politisierte Gruppe schon seit Jahren gegen soziale Missstände, ungesühnte Verbrechen der Diktaturen und nicht zuletzt gegen Misogynie und Feminizide öffentlich engagieren. Wir haben dazu der Lateinamerika-Historkerin Prof. Dr. Barbara Potthast von der Universität Köln unsere Fragen gestellt.

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"Eine tief sitzende Unzufriedenheit mit den Regierenden"

L.I.S.A.: Frau Professor Potthast, in mehreren lateinamerikanischen Gesellschaften kommt es seit mehreren Wochen zu anhaltenden Protesten. Die politische Lage ist in einigen Staaten instabil und nicht immer klar überschaubar. So unterschiedlich und spezifisch die jeweilige Situation ist, gibt es trotzdem so etwas wie einen gemeinsamen Nenner der relativ zeitnah aufkommenden Unruhen in Lateinamerika?

Prof. Potthast: Die Proteste haben zwar in jedem der Länder einen anderen spezifischen Kontext und Auslöser, sie spiegeln jedoch insgesamt eine tief sitzende Unzufriedenheit mit den Regierenden, die aus der Sicht breiter Kreise der Bevölkerung nicht willens oder fähig sind, grundlegende Probleme anzugehen. Diese betreffen vor allem die soziale Ungleichheit und Armut, aber auch Korruption und intransparente Regierungspraktiken. Die Proteste zeigen ferner, dass demokratische Werte und ein Bewusstsein von den staatsbürgerlichen Rechten aller Bevölkerungsschichten in Lateinamerika inzwischen gut verankert sind. Solche Rechte werden nun aufgrund neuer Kommunikationsmöglichkeiten durch die Sozialen Medien schneller öffentlich artikuliert und koordiniert, und sie mobilisieren auch Personen jenseits der traditionellen Organisationen wie Parteien oder Gewerkschaften.

"Junge Frauen sind sich inzwischen ihrer Rechte bewusst"

L.I.S.A.: In einem Interview mit der Kulturhistorikerin Dr. Fabiola Arellano Cruz wurde ein Aspekt angesprochen, den wir gerne vertiefen möchten: die Rolle und Bedeutung von Frauen in den gegenwärtigen Protestbewegungen. Gibt es konkrete Ursachen, warum zurzeit auffallend viele Frauen an den Protesten beteiligt sind?

Prof. Potthast: Die Proteste richten sich zum Teil gegen sehr konkrete Probleme im Alltag, wie mangelnde Bildung und schlechte Gesundheitssysteme, bei denen sich Frauen besonders angesprochen fühlen. Hinzu kommen überall Unzufriedenheit wegen Korruption und der immer weniger akzeptierten Vernachlässigung sozialer Probleme. Gerade ein Land wie Chile, in dem die Proteste ja seit einiger Zeit immer wieder aufflammen, gehört zu denjenigen Staaten Lateinamerikas mit der höchsten Ungleichheit im Hinblick auf die Einkommen und einem sehr ungleich verteilten Zugang zu Bildung und Gesundheit aufgrund von Privatisierungen. Andererseits sind sich vor allem die jungen Frauen inzwischen ihrer Rechte bewusst und nehmen Ungerechtigkeiten, auch im Hinblick auf die Geschlechterverhältnisse, nicht mehr klaglos hin. Diese sind unter anderem problematisch, weil in manchen Staaten Drogenhandel und das Erbe jahrzehntelanger Bürgerkriege ein gewalttätiges Klima geschaffen hat, dass sich auch auf die Geschlechterbeziehungen auswirkt.

"Heute protestieren Frauen gegen ein allgemeines Klima der Gewalt"

L.I.S.A.: Dass sich Frauen in sozialen Bewegungen zusammenschließen, ist in Lateinamerika kein Novum. Im Gegenteil. In Lateinamerika engagieren sich bereits seit Jahrzehnten Frauen öffentlich für ihre Rechte. Wie erklärt sich dieses langjährige Engagement? Was sind die konkreten Anliegen und Forderungen von Frauen in Lateinamerika, das als Bastion der kulturellen Männerdominanz bzw. des Machismus gilt?

Prof. Potthast: Die politischen Aktivitäten von Frauen haben in Lateinamerika, entgegen der landläufigen Meinung, eine lange Tradition. Insbesondere ist die Protestkultur der Frauen aber eine Folge der Militärdiktaturen. Die Zusammenschlüsse gegen die massiven Menschenrechtsverletzungen seitens der Regierungen, aber auch der neoliberalen Wirtschaftsreformen, die besonders die ärmeren Bevölkerungsschichten stark getroffen haben, führten zur Mobilisierung vieler Frauen. In ihrer Rolle als Mütter waren sie sowohl von dem Verschwindenlassen und der Ermordung von zumeist jungen Menschen besonders betroffen, als auch von den Versorgungsproblemen, die durch den Rückzug des Staates aus vielen sozialen Bereichen entstanden waren. Diese Proteste, von denen diejenigen der argentinischen Mütter der Plaza de Mayo in Europa die bekanntesten sind, haben dafür gesorgt, dass Frauen auch in dem Demokratisierungsprozess eine wichtige Funktion zu kam. So setzen sich bis heute insbesondere Frauen in verschiedenen Organisationen für die Strafverfolgung und Aufarbeitung von sowie eine angemessene Erinnerung an die Menschenrechtsverbrechen ein. Diese Aktivitäten haben gleichzeitig die Akzeptanz politischer Betätigung von Frauen in der Öffentlichkeit gefördert.

Heute protestieren die Frauen gegen ein allgemeines Klima der Gewalt und der Straflosigkeit, das sich besonders an der weit verbreiteten Gewalt gegen Frauen zeigt. Diese Delikte werden, wie damals die Menschenrechtsverbrechen, oft von staatlicher Seite aus bagatellisiert und /oder nicht verfolgt. 

"Soziale Ursachen als auch archaische Vorstellungen von männlicher Dominanz"

L.I.S.A.: Im Zusammenhang mit Frauenbewegungen in Lateinamerika kommt es immer wieder zu Morden an Frauen – sogenannte Feminizide. Allein in Argentinien sind in den vergangenen fünf Jahren mehr als eintausend Frauen ermordet worden. Zuletzt wurden in Chile bei den aktuellen Protesten Frauen misshandelt und umgebracht. Begibt man sich als Frau in lateinamerikanischen Gesellschaften in Lebensgefahr, wenn man an öffentlichen Protesten teilnimmt? Und was verbirgt sich hinter dieser gegenüber Frauen eskalierenden Gewalt, die mit schweren Misshandlungen verbunden ist und bis zum Mord reicht?

Prof. Potthast: Die Gewalt gegen Frauen richtet sich nicht so sehr gegen protestierende Frauen, sondern gegen Frauen, die dem gängigen patriarchalischen Ideal widersprechen. Die meisten Feminizide geschehen im häuslichen Kontext, oder, wie in Mexiko in den 1990er Jahren, als das Phänomen erstmals öffentliche Aufmerksamkeit erregte, in Grenzregionen, in denen viele junge Migrantinnen in den Fabriken der Fertigungsindustrie arbeiteten. Fehlende staatliche Durchdringung der Gesellschaft, ein hohes Gewaltpotential sowie die Vorstellung, alleinstehende arbeitende Frauen seien „Freiwild“, führen zu solchen Gewalttaten. Diesen liegen somit sowohl soziale Ursachen zugrunde, als auch archaische Vorstellungen von männlicher Dominanz und männlicher und weiblicher Ehre. 

"Gesellschaftliche Toleranz von physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen"

L.I.S.A.: Auf der anderen Seite haben es in lateinamerikanischen Staaten Frauen bis an die Spitze des Staates geschafft. In Chile war es 2006 Michelle Bachelet, die als erste Frau in das Amt der Staatspräsidentin gewählt wurde, ohne dass sie entweder als Interimspräsidentinnen installiert worden wäre oder ihre Karriere ihrem Ehemann zu verdanken hätten, so es wie beispielsweise bei Isabel Perón in Argentinien der Fall war. Auf Michelle Bachelet folgte 2007 mit Cristina Kirchner in Argentinien die zweite Frau, die aus eigener Kraft zur Präsidentin gewählt wurde und in Bolivien hat nach dem Sturz von Evo Morales nun Jeanine Áñez das Präsidentenamt inne. Auffallend ist, dass diese Frauen Angehörige der Oberschicht ihrer Länder sind. Ist die Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika auch ein Ausdruck eines Klassenkonflikts?

Prof. Potthast: Nein, Gewalt gegen Frauen findet in allen Gesellschaftsschichten statt, bekanntermaßen werden sie in der Oberschicht nur leichter vertuscht. Verzweiflung über die wirtschaftliche Situation, die Unmöglichkeit, als Mann der traditionellen Rolle als Ernährer der Familie nachzukommen und der damit verbundene subjektiv empfundene Machtverlust mögen zwar einen Teil der Gewalt gegen Frauen der Unterschichten erklären, die Ursachen liegen aber auch in jahrhundertelangen kulturellen Mustern und der gesellschaftlichen Toleranz von physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen.

Prof. Dr. Barbara Potthast hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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