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Dr. Felicitas Ehrhardt | 11.06.2015 | 1717 Aufrufe | 1 | Artikel

Julius Meier-Graefe (1867-1935) – Grenzgänger der Künste

Internationale Tagung, 12. bis 14. März 2015, Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus Berlin

„Julius Meier-Graefe wurde durch seine außerordentliche Aktivität auf vielen Gebieten der Kunst zu einer zentralen Gestalt des kulturellen Geschehens von der Jahrhundertwende bis zu Beginn der 1920er Jahre“, titelte das Tagungsprogramm Julius Meier-Graefe (1867-1935) – Grenzgänger der Künste. Sein 80. Todesjahr bot nun Anlass, den bedeutenden Kunstkritiker, Kunstvermittler, Kunsthändler und Kosmopoliten mit einer internationalen Tagung zu ehren, bei der nicht nur die vielschichtigen Aspekte seines Wirkens beleuchtet wurden, sondern auch eine seltene Persönlichkeit zum Vorschein kam, die, damals wie heute, immer noch polarisiert. Dass dieser, sich einem bemerkenswerten Zeitpatriotismus verschriebene ›frühe‹ Julius Meier-Graefe mit seinen Schriften, die eine „neue Schule des Sehens“ etablierten, in der heutigen kunst- und kulturwissenschaftlichen Debatte immer noch lebhaft und kontrovers diskutiert wird und der Kunstkritiker zurecht als Grenzgänger, sowohl über die Disziplinen als auch über die Nationen hinaus bezeichnet werden darf, bewies die Berliner Tagung eindrucksvoll. So kamen die geladenen Referenten aus den verschiedensten Bereichen der Kunst und des Kunstbetriebs (Forschung/Universität, Museum, Journalismus), was der Tagung einen interdisziplinären und zugleich „grenzüberschreitenden“ Rahmen gab. Das sorgfältig ausgearbeitete und facettenreiche Programm war das Ergebnis einer zweijährigen Vorbereitung der beiden Organisatorinnen, Ingeborg Becker (Berlin) und Stephanie Marchal (Bochum), die für ihr engagiertes Projekt wichtige Partner gewinnen konnten, wie die Gerda Henkel Stiftung, die Stiftung Brandenburger Tor, die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Leuphana Universität Lüneburg. Die internationale Tagung stand unter der Schirmherrschaft der Französischen Botschaft, was ihrer erweiterten Losung, Grenzen zu überschreiten und Brücken bauen zu wollen, einen besonders ehrwürdigen Rahmen verlieh.

Deckblatt Tagungsprogramm "Julius Meier-Graefe (1867-1935) – Grenzgänger der Künste".
Internationale Tagung, 12. bis 14. März 2015, Stiftung Brandenburger Tor im Max Liebermann Haus Berlin

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Kunstkritik über die Grenzen hinaus

Der Untersuchungszeitraum der Tagung konzentrierte sich auf die Zeit der Jahrhundertwende, sowie die zwei nachfolgenden Dekaden des 19. Jahrhunderts und wurde anhand von fünf Themengebieten verhandelt. Die Vorträge der ersten Sektion befassten sich mit Meier-Graefes Kunstkritik in der Geschichte der Kunstkritik, wobei ein weiter Bogen von dem beginnenden 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart gespannt wurde. So setzte sich Françoise Forster-Hahn (Riverside, USA) in ihrem Vortrag mit Meier-Graefes dreibändiger »Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst« (1904) und der deutschen Jahrhundertausstellung in der Berliner Nationalgalerie von 1906 auseinander, bei der Meier-Graefes Anstrengung um eine historische Einbettung der modernen Kunst zum ersten Mal einen performativen Charakter eingenommen habe. Auch Karlheinz Lüdeking (Berlin) blieb zunächst eng an der zweiten Auflage der »Entwicklungsgeschichte« und erörterte in seinem Beitrag Meier-Graefes Kunstkritik am Beispiel der englischen Malerei, wobei dem Werk William Turners besondere Aufmerksamkeit galt. In beiden Vorträgen wurde auch Meier-Graefes Rezeptionsgeschichte kritisch hinterfragt, wobei sich Forster-Hahn für dessen Rezeption in England stark machte und die frühe Übersetzung seiner Schriften ins Englische betonte, während Lüdeking die Tradition der Rezeptionsgeschichte auf Clement Greenberg und die US-amerikanische Kunstkritik erweiterte.

Kündigte sich bereits in der Einführung der Tagung (Beate Söntgen, Lüneburg) jene diffizile Problematik an, sich dem „Phänomen“ Julius Meier-Graefe zu nähern, ja es greifbar und erfassbar zu machen, so wurde schon nach den ersten Vorträgen deutlich, was für ein komplexes Gebilde der Meier-Graefe‘sche Kosmos zu werden versprach und die üblichen Methoden der Kunstgeschichte und Kunstkritik an diesem Sonderfall ihrer Wirkungskraft enthoben würden. Ein interessanter Aspekt der Tagung war daher, dass Meier-Graefes Schaffen stets aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wurde. So erwies es sich als besonders fruchtbar auch eine Stimme aus der Praxis heutiger Kunstkritik zu hören. Mit Julia Voss (Frankfurt) kam die leitende Redakteurin des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Wort, die sich in ihrem Vortrag den Aufgaben heutiger Kunstkritik widmete und anhand verschiedener Beispiele zeigte (u.a. dem Skandal um die Estella Collection), wie sich diese von der Kunstwelt eines Julius Meier-Graefe unterscheide.  

Die zweite Sektion beschäftigte sich mit Meier-Graefes Verhältnis zu Frankreich und deckte auch hier eine nicht ganz spannungsfreie Seite des Protagonisten dieser Tagung auf. Während Alexandre Kostka (Strasbourg) Meier-Graefes, keine zehn Tage nach der blutigen Schlacht bei Tannenberg, im Berliner Tagblatt veröffentlichten Artikel »Drei Gewinne für die deutsche Gesellschaft« (1914) vorstellte, in der er als patriotischer Vertreter der deutschen Kultur agiert, griff auch Victor Claass (Paris) den Artikel von 1914 in seinem Vortrag auf und sprach unter anderem über die „gnadenlose Verleumdungskampagne“ (Claass), die der Zeitungsartikel in Frankreich nach sich zog und schließlich in dem Vorwurf, der frankophile Deutsche stünde im Dienste eines gefährlichen Pangermanismus, gipfelte.

Einen versöhnlichen Ausklang nahm die heiße Debatte beim abendlichen Festvortrag in der Französischen Botschaft am Pariser Platz, wobei die Organisatorinnen, der Französische Botschafter und der Festredner Florian Illies (Berlin) betonten, dass es wohl keinen würdigeren Ort als diesen gäbe, um Meier-Graefe zu ehren, der sich wie kein anderer für die Erneuerung der Kunst durch die französische Kunst des 19. Jahrhunderts stark gemacht habe. So hob Illies, nachdem seiner Meinung nach „der Held dieser Tagung“ den Nachmittag nur „schwer verwundet“ überlebt habe, zu einer Hymne über die Sprachgewandtheit des Kunstschriftstellers an und führte seine aus Seherfahrungen gewonnenen Einsichten auf die poetische Formel zurück: „Meier-Graefe atmet Kunst ein, um sie als Sprache wieder auszuatmen.“

Der nächste Tag führte die Tagungsteilnehmer durch zwei weitere wichtige Stationen des Meier-Graefe‘schen Kunstuniversums: der Vormittag beschäftigte sich mit dem Umgang mit dem Objekt, während der Nachmittag Meier-Graefes Künstlerbeziehungen und Netzwerke ins Blickfeld nahm. Doch zunächst knüpfte Andreas Degner (Leipzig) an die Sektion des Vorabends an, thematisierte die Verklärung der Kunstmetropole Paris und führte die Rolle von Großstadtklischees und Künstlerstilisierung in Meier-Graefes Schriften zum Impressionismus aus. Dabei sprach er erneut eine Grundproblematik an, die nicht nur Meier-Graefes Kollegenkreis, wie beispielsweise Harry Graf Kessler mit seinen Schriften hatte, sondern auch nachfolgende Kunsthistorikergenerationen und die einen gewissen Tenor dieser Tagung bildete: das Fehlen eines wissenschaftlichen Kunstbegriffs, oder wie Degner in Anspielung auf Illies formulierte: „Meier-Graefe verbreitet einen Duft, aber hat keine klaren Konzepte“.                                                                                                                               
Einen weiteren interessanten Akzent setzte Jenny Anger (Grinnell, USA). Sie thematisierte die amerikanische Lesart der Meier-Graefe’schen Schriften, die, nach Kenworth Moffett in »Meier-Graefe as Art Critic« (1973), das theoretische Erbe für den amerikanischen Kunstkritiker Clement Greenberg bilden. In ihrem Vortrag löste Anger den deutschen Kunstkritiker jedoch aus der Denktradition eines Greenberg heraus, und sah bei Meier-Graefe hingegen eine betonte Hinwendung zur Bedeutung der „Materialität“ in Kunstwerken, was sie an den Beispielen von Böcklin und Cézanne überzeugend veranschaulichte. Auch Tobias Möllmer (Mainz) blieb anschließend nah am „Objekt“ und widmete sich in seinem Vortrag der bislang kaum untersuchten Position des Kunstkritikers zur zeitgenössischen Baukunst. Möllmer zeigte nicht nur, mit welchen bedeutenden Vertretern der architektonischen Avantgarde sich Meier-Graefe umgab, wobei den Architektur-Autoren wie Peter Wallé und Hermann Muthesius in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit galt, sondern auch wie ambivalent sein Urteil über die Architektur der Weltausstellung in Paris (1900) ausfiel.

Künstlerbande

Zu Meier-Graefes wohl bekanntesten Künstlerfreundschaften zählt die Verbindung zu Henry van de Velde. Der Kunstkritiker gehörte nicht nur zu seinen ersten Auftraggebern, er wurde auch ein bedeutender Vermittler des belgischen Architekten und Designers auf dem Gebiet der dekorativen Künste. Auf die Pariser Jahre Bezug nehmend, stellte Priska Schmückle von Minckwitz (Paris) den Künstler und den Kunstvermittler als vorübergehende Weggefährten »Im Kampf um eine neue dekorative Kunst« vor und beleuchtete in ihrem Vortrag ebenso das kulturelle wie gesellschaftspolitische Geflecht im Paris der Jahrhundertwende. Der Verbindung zwischen Meier-Graefe und dem Architekten Hermann Muthesius widmete sich Yuoko Ikeda (Kyoto), Kuratorin am National Museum of Modern Art in Kyoto, die in ihrem Beitrag Muthesius‘ Rolle bei der Gründung der »Dekorativen Kunst« anhand des Briefwechsels während der Entstehungszeit der Zeitschrift kritisch analysierte. In der zweiten Nachmittagshälfte richtete sich der Blick schließlich »Nach Norden!«. Die avantgardistische Kunst der „Nordländer“, allen voran eines Edvard Munch, wurde von Ingeborg Becker (Berlin) herausgearbeitet, die in ihrem Vortrag auch auf die bemerkenswerte Entwicklung des oberschlesischen Industriellensohns vom schreibenden Bohemien bis zum gefragten Kunstvermittler einging und ein facettenreiches Bild der Berliner Künstlergeselligkeit im ausgehenden 19. Jahrhundert zeichnete, das zum Verständnis der Persönlichkeit des Kunstkritikers, Kunstschriftstellers und Kunstvermittlers wesentlich beitrug. Ein gleichsam diskrepantes wie wechselseitig produktives Verhältnis stellte Oliver Kase (München) zwischen Max Beckmann und dem Expressionismus-Gegner Meier-Graefe her. Beckmann wurde für Meier-Graefe, so Kase, „Prüfstein und Nukleus einer neuen deutschen Malerei nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs.“ Umgekehrt gehörte der Kritiker zu den wichtigsten Förderern des Künstlers, was der Leiter des Referats ‚Klassische Moderne‘ an der Pinakothek der Moderne in München an verschiedenen Stationen des langjährigen persönlichen Austauschs zwischen Künstler und Kritiker stichhaltig veranschaulichte.  
    
Wenn man über Meier-Graefes „Künstler“ und sein „Bildverständnis“ spricht, darf freilich ein Name nicht fehlen: Die Rede ist von Hans von Marées, dem Meier-Graefe posthum seine wirkungsmächtige Stimme verlieh, von 1906 bis 1910 das große Projekt der Rehabilitierung des zu Lebzeiten verkannten Künstlers vorantrieb und eine dreibändige Werkmonographie verfasste. Was aber bewog Meier-Graefe dazu, ausgerechnet Hans von Marées „zu einem ‚Helden‘ der gesamten neuzeitlichen Kunst seit Rembrandt zu stilisieren?“ Dieser komplexen Frage widmete sich Stephanie Marchal (Bochum) in ihrem abschließenden Vortrag und schritt diese vielschichtige Thematik in einem „entwicklungsgeschichtlichen“ Parcours (Marchal) anschaulich ab. Dabei prüfte Marchal die Frage nach jener besonderen Hochachtung anhand der von Meier-Graefe entwickelten gestalterischen Kriterien und diskutierte an Beispielen wie Monet, Manet, Courbet, Böcklin und Cezanne den neuen formal- und gehaltsästhetischen Wert, den Meier-Graefe in Marées‘ Malerei so schätzte.

Kunstkritik und Kunstwissenschaft um 1900

Nachdem Achatz von Müller den abschließenden Tagungsvormittag zur »Kunstkritik und Kunstgeschichte um 1900« mit einem kulturhistorischen Vergleich zwischen Julius Meier-Graefe und Jacob Burckhardt eingeleitet hatte, thematisierte Melanie Sachs (Marburg) als erste Referentin der Sektion das »Agieren dazwischen« und beschrieb damit den Zwischenraum, den die polare Konstellation von Kunstgeschichte und Kunstkritik generiert habe, und die – mit Bruno Latour (»Wir sind nie modern gewesen«, 2008) gesprochen – Hybride oder Mischwesen produziere. Vielmehr aber als diesen Zwischenraum als Randstellenbereich zu stigmatisieren, eröffnete Sachs die Perspektive, Meier-Graefe als Akteur jenes Zwischenraumes zu betrachten und arbeitete schlüssig das Genre der Entwicklungsgeschichte der Kunst für die Zeit um 1900 als ein „paradigmatisches Agieren im Dazwischen“ (Sachs) heraus. Zu einem philologisch-hermeneutischen Perspektivwechsel auf die Kunstkritik der Jahrhundertwende holte anschließend Gottfried Schnödl (Lüneburg) aus: Sein Beitrag setzte an dem durch zahlreiche zeitgenössische Aussagen belegten Befund an, die Kunstkritik um 1900 sei unkritisch, „da sie nicht auf Urteile, Trennungen und Unterschiede“ abhebe (Schnödl). Dass eine solche Verschiebung von Relationen der Unterscheidung zu solchen des Übergangs aber nicht nur in der Kunstgeschichte, sondern auch in den zeitgenössischen Naturwissenschaften zu konstatieren sei, machte der Referent anhand der monistischen Biologie eines Ernst Haeckel oder Raoul Francé und in der Kunstkritik, wie etwa bei Hermann Bahr, eindrücklich deutlich. Und mit einem Mal wurde der Meier-Graefe‘sche Kosmos wieder riesengroß, dessen weite Galaxien schon am ersten Tagungstag zu erahnen waren. So stand denn auch der letzte Vortrag dieser Tagung von Andreas Zeising (Siegen) unter dem Zeichen eines grenzüberschreitenden Weiterdenkens. Mit seinem Beitrag zur Radiokunstgeschichte ab 1924 thematisierte Zeising eine bislang wenig untersuchte Form der Popularisierung der Kunstgeschichte und setzte sie gleichzeitig in Bezug zu den reformerischen Ambitionen eines Julius Meier-Graefe.

Heben wir uns das Bild des Radios für den Schlussgedanken auf. Auf der Suche nach der richtigen Frequenz, der „Meier-Graefe-Welle“, wurden innerhalb der vielschichtigen und reichhaltigen Beiträge auch immer wieder Zwischentöne und Nebengeräusche laut. Vielleicht darf aber gerade hierin der besondere Erfolg der Tagung verstanden werden: Es war das Zusammenspiel von klaren Tönen und Dissonanzen, den Zwischentönen, um das Bild der Zwischenräume von Melanie Sachs noch einmal aufzugreifen, das zu einer Annäherung an das Verständnis der Person Julius Meier-Graefes, seiner Zeit, seines Denkens und seiner verschiedenen Wirkungsfelder geführt hat. Sicherlich hätte man diese „Symphonie“ noch um wichtige Namen wie beispielsweise Conrad Fiedler und Heinrich Wölfflin erweitern können, dennoch war das Ergebnis rund und der Tagungsband darf mit Spannung erwartet werden.

Anmerkung der L.I.S.A.Redaktion

Die Vorträge aus der Tagung werden in Kürze bei L.I.S.A. in einer Serie veröffentlicht.

Kommentar

von Federico Berti | 11.06.2015 | 15:00 Uhr
Klar formuliert und sehr informativ, danke

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