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Georgios Chatzoudis | 18.08.2014 | 4064 Aufrufe | 1 1 Kommentar | Interviews

Journalismus und Wahrheit

Interview mit Prof. Dr. Susanne Fengler

Wie glaubwürdig ist der Journalismus heute noch? Die Medien - vor allem die traditionellen aus Presse, Funk und Fernsehen - haben in den vergangenen Wochen und Monaten viel Kritik für ihre Berichterstattung anlässlich aktueller Konflikte beispielsweise in Syrien, der Ukraine oder in Israel und Palästina erhalten. Die Hauptvorwürfe: Einseitigkeit, Parteilichkeit, Kampagnenjournalismus. Auch Journalistinnen und Journalisten haben zuletzt Zweifel an der Glaubwürdigkeit der sogenannten Mainstreammedien geäußert. Aufsehen erregte dabei insbesondere ein Interview mit der Journalistin Grabriele Krone-Schmalz. Bei L.I.S.A. hatten wir die Journalisten Charlotte Wiedemann und Stefan Korinth um ihre Einschätzung gebeten. Nun möchten wir wissen, wie in der Wissenschaft über den aktuellen Journalismus gedacht wird. Wir haben in Dortmund die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Susanne Fengler, Leiterin des Erich-Brost-Instituts für internationalen Journalismus, besucht.

Prof. Dr. Susanne Fengler und Georgios Chatzoudis im Erich-Brost-Institut in Dortmund

00:25 Was ist die originäre Aufgabe des Journalismus?
03:47 Wann hat sich der Journalismus emanzipiert?
06:12 Ist Wahrheit ein journalistisches Kriterium?
09:34 Hat der Journalismus zu viel Nähe zur Macht?
12:18 Welche Rolle spielt die Erwartungshaltung des Publikums?
17:10 Welchem Milieu gehören heutige Journalisten an?
21:40 Schenken Journalisten sozial benachteiligten Gruppen genug Aufmerksamkeit?
24:34 Welchen politischen Hintergrund haben Journalisten?
26:40 Wie groß ist der Einfluss der PR auf Journalisten?
29:29 Wie sieht das Wechselspiel aus Journalismus und Demokratie aus?
33:54 Welche Einfluss haben Leserinnen und Leser auf die Berichterstattung?
39:30 Welche Rolle spielt der Faktor "Zeit"?
41:51 Wie verändert der digitale Welt den Journalismus?

Videoreihe "L.I.S.A.unterwegs"
Google Maps

Kommentar

von Jascha Jaworski | 03.09.2014 | 18:05 Uhr
Ich will nur ein/zwei Aspekte des Interviews aufgreifen. Was die Geschichte des Journalismus betrifft, so scheint mir diese zu verengt dargestellt zu werden. Klassischerweise gab es nicht nur Zeitungen, die als Sprechrohr des Parteiapparats dienten. In Grobritannien gab es noch im 19. Jahrhundert eine vielfältige Presselandschaft, die lokal von Arbeitergruppen herausgegeben wurde und gegenüber Regierungs- oder Unternehmensinteressen unabhängig war. Es wurde auch versucht, diese durch gesonderte Steuern und Gesetze zu unterbinden, doch waren es schließlich die Marktkräfte ("industrialization of the press"), die durch Kostendegression und die dafür erforderliche Kapitalintensität den zahlreichen kleinen unabhängigen Zeitungen ein Ende bereitet haben.
Hierzu empfiehlt sich die kurze Darstellung in Herman und Chomsky (1988) "The Propaganda Model". Dort wird übrigens auch in kritischer Weise darauf eingegangen, wie es um die Unabhängigkeit einer Medienlandschaft bestellt ist, deren eigentliche Kunden nicht die Leser, sondern die Werbekunden (Unternehmen) sind. Hier kann man nur dann keine Gefahren für die Einschränkung der Pluralität sehen, wenn man Pluralität in einem vorab eingeschränkten Rahmen analysiert. Natürlich werden bestimmte Sichtweisen eingeschränkt, wenn die Hauptkunden nun einmal Akteure aus der Privatwirtschaft sind. Hierzu führen Herman und Chomsky wiederum Beispiele auf, in denen bei besonders unternehmenskritischer Berichterstattung in den USA die Werbekunden etwa Aufträge abgezogen hatten. Insgesamt will ich jedoch das Propaganda Model empfehlen, da es das Zusammenwirken von fünf Faktoren beschreibt, die die Varianz der medial transportierten Sichtweisen einschränken und in Wesentlichkeiten einen unhinterfragten "Konsens fabrizieren" und reproduzieren.
Es gäbe zahlreiche weitere Punkte, die kritisch aufgegriffen werden könnten (z.B. "Bildungsbegriff" in min. 33, "schneller Journalismus" als Ziel...), doch lasse ich's hierbei bewenden.

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